• Sind ETFs gefährlich?
    ETFs, ©Deagreez/iStock

Sind ETFs gefährlich? Teil 1: Das System 

2022-04-14T10:00:10+02:0026. Oktober 2021|

Es ruckelt ordent­lich an den Bör­sen welt­weit. Lie­fer­eng­päs­se, Ener­gie­kri­se, Infla­ti­on, Zins­de­bat­te, Pan­de­mie – die Lis­te der Risi­ken wird län­ger. Vor allem, wenn es an den Bör­sen mas­siv abwärts geht, sol­len die ETFs einen Crash ver­schlim­mern kön­nen. Ist da was dran? 

Von Ant­je Erhard

Ich sehe euch die Stirn run­zeln, lie­be Leser:innen: Da schreibt sie Woche für Woche, wie wich­tig die Geld­an­la­ge an der Bör­se ist und wie sinn­voll ETFs dafür sein kön­nen, und dann sol­len sie gefähr­lich sein? Kei­ne Sor­ge, ich ste­he zu dem, was ich geschrie­ben habe. Ich bin selbst ETF-Anle­ge­rin, und auch im Lang­frist-Depot mei­nes Soh­nes sind ETFs, zum Bei­spiel auf den glo­ba­len Akti­en­markt. So viel zu der gebro­che­nen Lan­ze für mei­ne Pro-ETF-Argu­men­ta­tio­nen. Wagen wir uns jetzt mal in die unbe­lieb­ten aber not­wen­di­gen Tie­fen der Theo­rie. Star­ker Tobak, zuge­ge­ben, aber wir wol­len ja ler­nen und ver­ste­hen… 

Befeuern ETFs einen Crash? 

Also, wie jede Geld­an­la­ge an den Bör­sen ber­gen auch Index­fonds Risi­ken. Das ist nicht weg­zu­dis­ku­tie­ren. Betrach­ten wir zunächst die sys­te­mi­schen Fak­to­ren. ETF-Kritiker:innen argu­men­tie­ren: Wenn Bör­sen abstür­zen – so wie beim Coro­na-Crash 2020 – ver­stär­ken ETFs das Risi­ko, weil vie­le Anleger:innen gleich­zei­tig ver­kau­fen und vie­le Akti­en oder eben ande­re Assets auf ein­mal auf den Markt kämen und damit die Kur­se ein­brä­chen.  

Index­fonds kau­fen aber immer dann Akti­en oder ande­re Assets, wenn ihnen von den Anleger:innen neu­es Geld zufließt. Also wenn wir die­sen oder jenen Index im Depot haben wol­len. Und sie ver­kau­fen, wenn wir Anleger:innen Antei­le abge­ben. Die Stif­tung Waren­test schreibt dazu: „Der Wert der ETF-Antei­le steigt oder sinkt mit dem Preis der gehal­te­nen Akti­en.“ 

Der Coro­na-Crash hat ein­mal mehr gezeigt, dass alle Asset-Klas­sen Ver­lus­te erzie­len kön­nen. Aber Index­fonds haben das Gan­ze nicht schlim­mer gemacht: Eine Stu­die der BIS – der Bank für Inter­na­tio­na­len Zah­lungs­aus­gleich -, zu Unter­neh­mens-Anlei­hen-ETFs im Crash vom Früh­jahr 2020 zeigt am Bei­spiel von Cor­po­ra­te Bond ETFs, dass ETFs den Crash nicht ver­stärkt haben.  

Sophia Wurm, Vice Pre­si­dent bei SPDR ETFs Deutsch­land, und Ken­ne­rin des ETF-Mark­tes, sagt dazu: „Ganz im Gegen­teil kön­nen ETFs eine zusätz­li­che Quel­le für Liqui­di­tät sein. Im Bei­spiel der Unter­neh­mens-Anlei­he-ETFs hat­ten Index­fonds wäh­rend des Kurs­ver­falls den Vor­teil, dass die­se immer han­del­bar waren und die Anleger:innen damit hand­lungs­fä­hig waren. Die Kur­se sind stark geschwankt, aber es war immer mög­lich, die­se ETFs zu kau­fen oder zu ver­kau­fen. Dies galt nicht für Anleger:innen, die direkt in Unter­neh­mens­an­lei­hen inves­tiert waren. Index­fonds haben unter ande­rem den Vor­teil, dass so genann­te Mar­ket Maker an der Bör­se immer dafür sor­gen, dass die­se gehan­delt wer­den kön­nen.“ 

Klei­ner Exkurs: Mar­ket Maker sind Händler:innrn, die gro­ße Men­gen einer Aktie, eines Fonds kau­fen oder ver­kau­fen. Also auch die Wer­te, die in einem ETF drin sind. Des­halb bie­ten sie den ETF zum best­mög­li­chen Preis.  

Bundesbank: Risiko Flash Crash 

Wie sich Risi­ken durch ETFs bei so genann­ten Flash Crashs gestal­ten, das hat die Bun­des­bank vor drei Jah­ren unter­sucht und fest­ge­stellt, „dass Poten­zia­le zur kurz­fris­ti­gen Ver­stär­kung von Pha­sen aus­ge­präg­ter Anspan­nun­gen an den Finanz­märk­ten bestehen“. Nicht zuletzt „die kom­ple­xe Struk­tur von ETFs ein­schließ­lich des Pri­mär-/Se­kun­där­markt-Mecha­nis­mus“ kön­ne „Liqui­di­täts­ri­si­ken“ mit sich brin­gen. Zu deutsch, die Pro­duk­te wären im schlimms­ten Fall nicht han­del­bar, (Anmer­kung der Autorin: Wir spre­chen von Pri­mär­markt, wenn ein Unter­neh­men direkt Akti­en an Anleger:innen ver­kauft, zum Bei­spiel bei einem Bör­sen­gang. Sekun­där­markt bedeu­tet Han­del von Akti­en über eine Bör­se ohne direk­tes Zutun des Unter­neh­mens) (Quel­le) 

Im Bericht schreibt die Bun­des­bank wei­ter, dass aber ins­ge­samt „die von ETFs aus­ge­hen­den spe­zi­fi­schen Risi­ken für das gesam­te Finanz­sys­tem der­zeit begrenzt“ sei­en. In Sachen Risi­ko­po­ten­zi­al von ETFs sahen die Expert:innen aber vor allem die Akti­va, also das, was in dem Fall im ETF drin ist, als aus­schlag­ge­bend an: „So kön­nen Inves­ti­tio­nen in ETFs mit erheb­li­chen Risi­ken ein­her­ge­hen, etwa wenn der gewähl­te Refe­renz­in­dex eine sehr risi­ko­rei­che Anla­ge­klas­se abbil­det. Zudem gibt es ETFs mit beson­de­ren Merk­ma­len wie bei­spiels­wei­se einer Hebe­lung oder einer Kon­struk­ti­on mit zum Refe­renz­in­dex gegen­läu­fi­ger Per­for­mance.“ 

Und damit sind wir bei der Fra­ge, ob ETFs denn auch Ein­fluss auf die Preis­fin­dung haben. Schließ­lich wer­den sie ja auch in gro­ßen Men­gen gehan­delt, von Finanz­in­sti­tu­ten zum Bei­spiel. 

Alles nur noch passiv? Wo ist der Reiz? Und hat das Einfluss auf die Preisfindung? 

Ja, sagt Markt­ex­per­tin Sophia Wurm: „ETFs kön­nen die Preis­bil­dung beein­flus­sen, beson­ders bei weni­ger liqui­den Anla­ge­klas­sen oder Indi­zes. Ein Anle­ger soll­te sich also dezi­diert infor­mie­ren, wel­che Akti­en, Anlei­hen etc. der ETF abbil­det.“ 

Man­che Anleger:innen fürch­ten, dass es kei­ne „rich­ti­gen“ das heißt aus­sa­ge­kräf­ti­gen Kur­se gibt, wenn alle nur noch pas­siv inves­tie­ren und kei­ner mehr aktiv han­deln will. „Rich­tig ist: Wür­den irgend­wann alle nur noch ETF kau­fen, könn­te der Markt nicht mehr rich­tig funk­tio­nie­ren.  Die Preis­fin­dung wäre gestört. Exper­ten glau­ben aber nicht, dass das pas­siert. Es wird immer Men­schen geben, die den Ehr­geiz haben, den Markt zu schla­gen“, urteilt Stif­tung Waren­test. Den Markt schla­gen, das kön­nen Inde­fonx durch ihre Kon­struk­ti­on nicht. Ihr Fazit: „Das bedeu­tends­te Risi­ko von ETF stel­len die an der Bör­se übli­chen Kurs­schwan­kun­gen dar.“ 

Risiko Flash Crash und Risiko Zocker 

Die Bun­des­bank warnt, dass durch ETFs gera­de bei Flash Crashs „wich­ti­ge Preis­si­gna­le unter­drückt wer­den. In den Augen der Bundesbanker:innen könn­ten Investor:innenn ihre Antei­le nicht mehr ohne Wei­te­res ver­kau­fen, weil sie ja einer vor­ge­ge­be­nen Gewich­tung fol­gen müs­sen. „Dies könn­te die Infor­ma­ti­ons­funk­ti­on von Prei­sen ein­schrän­ken.“ Das heißt, die Prei­se wären ver­zerrt. Aber wie groß der Markt sein müss­te, um sol­chen Ein­fluss zu haben, das konn­te die Bun­des­bank nicht beur­tei­len.  

Durch ihre gerin­gen Kos­ten wür­de aber auch spe­ku­liert und das sei laut Bun­des­bank ein Risi­ko: „Inves­to­ren kön­nen Rich­tungs­wet­ten auf Kur­se über kur­ze Zeit­ho­ri­zon­te abschlie­ßen. Hier­aus kön­nen nicht­fun­da­men­ta­le Preis­schocks her­vor­ge­hen, die sich dann über den Pri­mär-/ Sekun­där-Markt­me­cha­nis­mus auf die in einem Index ent­hal­te­nen Ein­zel­ti­tel über­tra­gen.“ Zu deutsch: Wenn es selbst schein­bar grund­los an den Bör­sen abwärts geht, kön­nen sie mit hin­un­ter­ge­zo­gen wer­den. 

Fazit: Die sys­te­mi­schen Risi­ken auf das Finanz­sys­tem sind der­zeit begrenzt, nicht zuletzt, weil der Anteil von ETFs am welt­wei­ten Akti­en-Ver­mö­gen begrenzt ist. Das könn­te sich ändern, wenn der Markt­an­teil signi­fi­kant (!) steigt. Flash Cras­hes kön­nen durch­aus hef­ti­gen Ein­fluss auch auf Index­fonds neh­men, aber das ist bei Invest­ments in Ein­zel­ak­ti­en eben­so. Wich­tig ist, lang­fris­tig ein gut aus­ba­lan­cier­tes Depot auf­zu­bau­en.  

So weit zu den sys­te­mi­schen Risi­ken. Im zwei­ten Teil, der am Frei­tag erscheint, gehen wir der Fra­ge nach, ob phy­sisch oder syn­the­tisch repli­zie­ren­de ETFs bes­ser sind und wo die Vor- bzw. Nach­tei­le lie­gen, ob es bereits eine Bla­se auf dem ETF-Markt gibt und ob es sich lohnt, bestehen­de ETFs auch in rup­pi­gen Zei­ten zu behal­ten. 


Courage-Tipp: Wie man bzw. frau u.a. in ETFs investieren kann, gibt es hier zum Nachlesen:  

Akti­en­fonds und Akti­en-ETFs für Spar­plä­ne: Hohe Ren­di­te für Lang­frist­an­le­ge­rin­nen mit Nerven

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