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Preissteigerungen wie zuletzt vor 30 Jahren – Können wir der Inflation entkommen? 

2021-09-27T12:27:16+02:0027. September 2021|

Das ifo-Insti­tut erwar­tet den höchs­ten Infla­ti­ons­an­stieg seit knapp 30 Jah­ren. Wie kam es dazu? Wo schlägt die Infla­ti­on beson­ders zu? Wie kön­nen wir der Infla­ti­on ent­kom­men? Kön­nen wir das über­haupt? Denn Infla­ti­on ist nicht das ein­zi­ge Pro­blem im „vier­blätt­ri­gen Unglücks­klee­blatt“, wie Kapi­tal­markt-Exper­te Robert Hal­ver die Markt­la­ge beschreibt. 

Von Ant­je Erhard.

Drei Pro­zent Infla­ti­on in die­sem Jahr. Das wäre die höchs­te Preis­stei­ge­rung seit 1993. Doch genau die erwar­tet das ifo-Insti­tut. Zuletzt waren die Prei­se 1993 der­art galop­piert: um 4,5 Pro­zent. Die Bun­des­bank ist sogar noch etwas pes­si­mis­ti­scher: Die Prei­se könn­ten im Herbst bis um fünf Pro­zent stei­gen. Im kom­men­den Jahr erwar­ten die ifo-Konjunktur-Expert:innen nur eine gelin­de Bes­se­rung: 2022 dürf­te die Teue­rung immer noch zwi­schen zwei und 2,5 Pro­zent lie­gen. 

Infla­ti­on heißt, dass die Prei­se anzie­hen. Doch was ist denn jetzt beson­ders teu­er? Gefühlt sind in Restau­rants, Super­märk­ten und an der Tank­stel­le die Aus­ga­ben kräf­tig gestie­gen. Und das bele­gen die Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes (Stand: 10. Sep­tem­ber 2021): Die Top 5 der beson­ders teu­er gewor­de­nen Pro­duk­te und Leis­tun­gen betref­fen alle­samt Woh­nen und Mobi­li­tät: Flüs­sig­gas wur­de im August um 49,9 Pro­zent teu­rer im Ver­gleich zum Vor­jah­res­mo­nat, Fahr­zeug­mie­ten um 44,9 Pro­zent, Die­sel um 27,8 Pro­zent, Heiz­öl um 26,7 Pro­zent und Super­ben­zin um 26,4 Pro­zent. 

5,5 Pro­zent güns­ti­ger wur­den hin­ge­gen zahn­ärzt­li­che Dienst­leis­tun­gen im Schnitt, 4,3 Pro­zent Zahn­ersatz-Repa­ra­tu­ren und mit 3,5 Pro­zent weni­ger schlu­gen Ver­si­che­run­gen für die Woh­nung zu Buche. Spiel­wa­ren wur­den rund 3,3 Pro­zent bil­li­ger. 

 Nachfrage treibt Preise treibt Löhne treibt Inflation 

Und wie ent­steht Infla­ti­on, also Preis­stei­ge­run­gen? Wenn Unter­neh­men auf Grund hoher Nach­fra­ge ihre Prei­se anhe­ben oder aber höhe­re Kos­ten an ihre Kund:innen wei­ter­ge­ben. Wenn nun mit mehr Nach­fra­ge und stei­gen­den Prei­sen auch Löh­ne und Gehäl­ter stei­gen, weil die Prei­se gestie­gen sind, for­ciert das eben­falls die Infla­ti­on. Das haben wir nun schwarz auf weiß: 3,9 Pro­zent Geld­ent­wer­tung im August im Jah­res­ver­gleich in Deutsch­land. Und auch die Grün­de. 

Die Kon­junk­tur erholt sich welt­weit suk­zes­si­ve vom Tief aus der Coro­na-Kri­se. Die Nach­fra­ge nach Öl und vie­len ande­ren Roh­stof­fen und so genann­ten Vor-Pro­duk­ten steigt. Dazu kommt in Deutsch­land seit Janu­ar eine CO2-Abga­be, wäh­rend zugleich die gesenk­te Mehr­wert­steu­er, die zwi­schen Juli und Dezem­ber 2020 mit für wenig Infla­ti­on gesorgt hat, wie­der zurück­ge­nom­men wur­de. 

„Vor allem die tem­po­rä­re Mehr­wert­steu­er­sen­kung in der zwei­ten Jah­res­hälf­te 2020 und der Absturz der Ener­gie­prei­se wäh­rend der Coro­na­kri­se haben zu außer­ge­wöhn­lich nied­ri­gen Prei­sen im Jahr 2020 geführt“, sagt Timo Woll­mers­häu­ser, Kon­junk­tur-Exper­te und stell­ver­tre­ten­der Lei­ter des ifo-Insti­tuts.  

Energie und Nahrungsmittel wurden teurer –und bleiben es 

Waren die Prei­se also im vori­gen Jahr eher zu nied­rig als jetzt zu hoch? Nun, die Stu­die zeigt, dass eini­ge Prei­se im Ver­lauf des Jah­res 2021 stär­ker gestie­gen sind: „Wir kön­nen das vor allem bei Ener­gie, Nah­rungs­mit­teln und in eini­gen Dienst­leis­tungs­be­rei­chen seit Janu­ar 2021 beob­ach­ten“, sagt Timo Woll­mers­häu­ser. 

Da die Son­der­fak­to­ren aus der Mehr­wert­steu­er auf­ge­ho­ben sein wer­den und die Ener­gie­prei­se auf Vor­kri­sen-Niveau zurück­keh­ren, dürf­ten die Prei­se 2022 lang­sa­mer stei­gen. Es sei aber noch unsi­cher, ob dann „ande­re Fak­to­ren die Prei­se stär­ker trei­ben als pro­gnos­ti­ziert“. Zum Bei­spiel könn­ten die Konsument:innen mehr Nach­hol­be­darf beim Kon­sum haben. Und stei­gen­de Prei­se für Roh­stof­fe und Vor­pro­duk­te könn­ten sich schließ­lich auch auf die Ver­brau­cher­prei­se nie­der­schla­gen.  

„Ich rech­ne damit, dass die Infla­ti­ons­ra­ten die­ses Jahr auf sehr hohem Niveau ver­har­ren wer­den“, sagt Micha­el Blu­men­roth, Markt‑, Roh­stoff- und Devi­sen-Exper­te der Deut­schen Bank. „Die Ver­brau­cher­prei­se zie­hen an, weil vie­le Coro­na-pan­de­mie­be­ding­te Beschrän­kun­gen auf­ge­ho­ben sind und die Wirt­schaft sich erholt. Eine Rol­le dabei spie­len etwa hohe Fracht­ra­ten für den Trans­port von Gütern und ein zu gerin­ges Ange­bot an vie­len Roh­stof­fen.“ 

„Vierblättriges Unglückskleeblatt“ 

Also bleibt die Infla­ti­on ein Risi­ko? „Die Infla­ti­on gehört zu einem vier­blätt­ri­gen Unglücks­klee­blatt, zu dem auch das Tape­ring der Noten­ban­ken, die Del­ta-Vari­an­te der Coro­na-Pan­de­mie und der Aus­gang der Bun­des­tags­wahl gehö­ren“, sagt Robert Hal­ver, Lei­ter der Kapi­tal­markt-Stra­te­gie der Baa­der Bank. Damit bleibt sie ein Risi­ko für die Anleger:innen. „Weni­ger aber für die EZB, die wird kei­ne Zins­wen­de ris­kie­ren.“ 

Wie wird die Infla­ti­on denn aber berech­net? Basis ist ein Waren­korb namens Ver­brau­cher­preis­in­dex. Den hat das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt sozu­sa­gen „gepackt“ mit allen Waren und Dienst­lei­tun­gen, die wir Verbraucher:innen kau­fen: Lebens­mit­tel, Klei­dung, Fahr­zeug-Kos­ten, Mie­te, Repa­ra­tu­ren etc. Das sind 650 Waren und Ser­vices von der Kin­der­jeans bis zur Taxi­fahrt. Wie viel davon in 94 Regio­nen bun­des­weit am häu­figs­ten gekauft wird, wird von Statistiker:innen vor Ort ermit­telt: Mehr als 300.000 Ein­zel­prei­se aus Han­del und Dienst­lei­tun­gen wer­den hier­für erfasst. Ände­run­gen bei der Ver­pa­ckungs­grö­ße, der Qua­li­tät (etwa wenn Gerä­te leis­tungs­fä­hi­ger wer­den) wer­den eben­falls berück­sich­tigt. Und alles ist ent­spre­chend der häu­fi­gen Nut­zung gewich­tet. Güter, die häu­fi­ger gekauft und gebraucht wer­den, haben ein höhe­res Gewicht im Korb. 

Immobilien-Kauf? Schön wär’s 

Das Leben wird also teu­rer. Nach Jah­ren sta­bi­ler Prei­se, zum Teil sogar nega­ti­ver Infla­ti­on. Doch wir sind unter­schied­lich davon betrof­fen: Wer zur Mie­te wohnt, spürt die Infla­ti­on monat­lich unter Umstän­den mit bis zu meh­re­ren hun­dert Euro. Der Erwerb einer eige­nen Immo­bi­lie ist für vie­le aber auch nicht mehr erschwing­lich: Die Immo­bi­li­en­prei­se stei­gen seit Jah­ren. Die güns­ti­gen Zin­sen durch die locke­re Geld­po­li­tik der Euro­päi­schen Zen­tral­bank hin­ter­las­sen hier ihre Spu­ren.  

Für jun­ge Men­schen aber auch für Fami­li­en wird es immer schwie­ri­ger, Immo­bi­li­en zu erwer­ben oder auch Ver­mö­gen an den Kapi­tal­märk­ten zu bil­den. Denn das güns­ti­ge Geld ist viel­fach in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch so stark in den Akti­en­markt geflos­sen, dass die Bewer­tun­gen inzwi­schen recht hoch sind. 

Günstiger einkaufen? Löst das Problem nicht 

Müs­sen wir jetzt güns­ti­ger shop­pen? Dis­coun­ter statt Super­markt? Was ist, wenn wir nun ver­su­chen, der Infla­ti­on zu ent­kom­men und güns­ti­ge­re Waren kau­fen statt der gewohn­ten? Güns­ti­ge­re Lebens­mit­tel, E95-Ben­zin statt Super etc.? In dem Fall steigt das Gewicht der bil­li­ge­ren Waren im Korb und das Gewicht derer mit höhe­ren Prei­sen sinkt. Und das wie­der­um ver­zerrt die Sta­tis­tik. 

Mehr Geld hät­ten Verbraucher:innen damit aber auch nicht zur Ver­fü­gung: Wir wür­den nur den bil­li­ge­ren Weg gehen und güns­ti­ge­re Waren kau­fen. Für das Eigen­ka­pi­tal einer Immo­bi­lie reicht das den­noch nicht. Denn wir spa­ren ja nichts ein, wir ver­su­chen nur, weni­ger aus­zu­ge­ben. 

In Wahrheit fünf Prozent Inflation? 

Doch halt – der sta­tis­ti­sche Waren­korb zeigt war ein­deu­tig höhe­re Prei­se, aber gefühlt betrifft das nicht nur Tank­stel­le und Super­markt: „Die Infla­ti­on ist das Pro­blem des so genann­ten klei­nen Man­nes; er trägt die Kos­ten“, sagt Robert Hal­ver. Und zwar mehr als die Zah­len zei­gen: Nach Ansicht von Robert Hal­ver müss­te sich der Waren­korb zur Berech­nung der Infla­ti­on „bes­ser an der Kauf­häu­fig­keit ori­en­tie­ren“. Doch was wäre die Fol­ge? „Wir hät­ten dann wohl eine deut­lich höhe­re Infla­ti­on. Und dann müss­te auch die EZB reagie­ren und was an den Zin­sen tun.“ 

Höhere Zinsen? Will die EZB nicht 

Und war­um erhöht die EZB nicht die Zin­sen, wenn sich die Wirt­schaft doch erholt, und begrenzt damit die Infla­ti­on auf das Niveau von zwei Pro­zent, das sie doch eigent­lich anstrebt? Je stär­ker die Infla­ti­on ist, des­to schwie­ri­ger wird eine locke­re Geld­po­li­tik. Mit die­ser Poli­tik will die EZB aber für güns­ti­ge Finan­zie­rungs­be­din­gun­gen der Unter­neh­men sor­gen. Denn wenn deren Kre­di­te teu­rer wer­den, stei­gen die Risi­ken: Unter­neh­men müs­sen ihre Aus­ga­ben sen­ken. Und wer das nicht kann, gerät in Schwie­rig­kei­ten.  

Mit stei­gen­den Zin­sen wären die Gewin­ne der Unter­neh­men zugleich weni­ger Wert. Und wäre die Fra­ge, ob die Bewer­tun­gen vie­ler Unter­neh­men an den Akti­en­märk­ten noch gerecht­fer­tigt wären: Die meis­ten Akti­en sind seit dem Pan­de­mie-Crash stark gestie­gen, und der Real­wirt­schaft ent­eilt. Ver­mut­lich wür­de eine Ände­rung der Zins­po­li­tik gra­vie­ren­de Kurs­rut­sche zur Fol­ge haben. Vor allem Unter­neh­men, die noch kei­ne Gewin­ne machen, sind dann an der Bör­se womög­lich zu hoch gepreist.  

Hoch bewertete Aktien trotz Inflation kaufen? 

Und doch: „Anleger:innen soll­ten trotz gestie­ge­ner Bewer­tun­gen Akti­en und Sach­wer­te wie Immo­bi­li­en in Erwä­gung zie­hen“, sagt Robert Hal­ver. „Vie­le Fir­men kön­nen gestie­ge­ne Ein­kaufs­kos­ten an die Kon­su­men­ten wei­ter­ge­ben, etwa die Auto­in­dus­trie.“ 

Sta­tis­ti­ken zei­gen: Akti­en­märk­te reagie­ren auf mode­rat stei­gen­de Infla­ti­ons­zah­len ver­gleichs­wei­se gelas­sen, ein sprung­haf­ter Anstieg bzw. Wer­te von über drei Pro­zent über län­ge­re Zeit wäre pro­ble­ma­tisch. Mit einer Infla­ti­on unter einem Pro­zent ent­wi­ckeln sich Akti­en posi­tiv, bele­gen Lang­zeit-Stu­di­en.  

Bran­chen aus dem täg­li­chen Bedarf, Roh­stoff-Her­stel­ler bzw. –För­de­rer und Luxus­gü­ter-Her­stel­ler gehö­ren meist zu den Gewin­nern. Schwer haben es Bran­chen, wo Gewin­ne erst irgend­wann in Zukunft zu erwar­ten sind. Das betrifft gera­de jun­ge Unter­neh­men aus Tech­no­lo­gie oder alter­na­ti­ve Ener­gien. Auch hoch ver­schul­de­te Unter­neh­men haben es schwe­rer, weil schon die Sor­ge vor stei­gen­den Zin­sen die Inves­to­ren ver­schreckt und die Finan­zie­rung der Zin­sen schwie­ri­ger wird.  

Micha­el Blu­men­roth sagt: „Gold und Sil­ber gel­ten zwar als Infla­ti­ons­schutz. Bei­de Edel­me­tal­le wür­den aber ver­mut­lich unter einem Anstieg des Kapi­tal­markt­zins­ni­veaus lei­den, der mit stei­gen­der Infla­ti­on ein­her­geht.“ 

Ergo ist die Infla­ti­on in unser aller Brief­ta­sche wie auch an den Kapi­tal­märk­ten ange­kom­men. Ende offen. 

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