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Panik an den Börsen: Sorgen um Inflation und neue Schulden-Krise

2022-06-15T12:35:50+02:0015. Juni 2022|

Mehr als 15 Pro­zent hat der DAX seit Jah­res­be­ginn ver­lo­ren, in New York pur­zeln die Kur­se noch stär­ker – vor allem bei Tech­wer­ten. Ein Boden ist noch nicht in Sicht. Hier sind Grün­de und Aus­we­ge. 

Von Ant­je Erhard

Panik an den Bör­sen. Die rekord­ho­he Infla­ti­on war eine böse Über­ra­schung für vie­le Investor:innen Jetzt steigt auch noch die Angst, dass die Noten­ban­ken die Zin­sen noch schnel­ler erhö­hen müs­sen als zunächst gedacht. Und das kommt so: 

Lan­ge haben die Noten­ban­ken die stei­gen­de Infla­ti­on unter­schätzt. Die Euro­päi­sche Zen­tral­bank betrach­te­te sie als kurz­zei­ti­ges Phä­no­men. Ohne­hin hät­ten die euro­päi­schen Wäh­rungs­hü­ter wenig Mög­lich­kei­ten gehabt: Wir erin­nern uns alle noch schmerz­lich an die Schul­den­kri­sen von Ita­li­en, Grie­chen­land und Co. Das soll­te kein zwei­tes Mal pas­sie­ren. Die­se Län­der muss­ten sich erst ent­schul­den. Stei­gen­de Zin­sen für ihre Kre­di­te hät­ten sie wie­der zurück­ge­wor­fen. Die EZB woll­te kei­ne wei­te­re Euro-Kri­se ris­kie­ren. Gin­ge es nach der Wirt­schaft in Finn­land, den Nie­der­lan­den oder Deutsch­land hät­ten wir wohl im Euro­raum längst höhe­re Zin­sen gehabt. 

Die locke­re Geld­po­li­tik mit elf Jah­ren nied­ri­gen Zin­sen ohne eine ein­zi­ge Erhö­hung in Euro­pa ist aber Grund des Pro­blems: Viel Geld konn­te bil­lig erwor­ben wer­den, um Ver­mö­gens­wer­te zu kau­fen und zu finan­zie­ren, die immer teu­rer wur­den: Akti­en, Immo­bi­li­en, Kryp­tos… Jetzt plat­zen vie­le Bla­sen. 

US-Notenbank nutzt ihre Möglichkeiten nicht

Die FED in den USA hat­te hin­ge­gen genug Spiel­raum, der Infla­ti­on Herr zu wer­den. Nach der Coro­na-Pan­de­mie war die US-Wirt­schaft ver­gleichs­wei­se gut erholt und der Arbeits­markt sta­bil. Doch sie hat ihre Mög­lich­kei­ten nicht genutzt: „Obwohl sie den Spiel­raum hat­te, beweg­te sich die FED 2021 erst mal gar nicht und dann nur im Schne­cken­tem­po“, kri­ti­siert Patrick Fran­ke von der Hela­ba. Aber genau das räche sich nun: Jetzt muss sie die Zin­sen schnel­ler und stär­ker erhö­hen, um die Infla­ti­on in den Griff zu krie­gen. Und muss dafür erheb­li­che wirt­schaft­li­che Risi­ken hin­neh­men: Die schnel­le­re, stär­ke­re Straf­fung ber­ge erheb­li­che Rezes­si­ons­ri­si­ken für 2023 und 2024, warnt Patrick Fran­ke. „Zins­er­hö­hun­gen um 50 Basis­punk­te pro FOMC-Sit­zung sind die neue Nor­ma­li­tät“, fasst Patrick Fran­ke zusam­men. Das gel­te auch für die kom­men­de Sit­zung.  

Wie stark steigen die Zinsen?

Vie­le Volks­wir­te schlie­ßen bereits Zins­schrit­te von 75 Basis­punk­ten an Zins­stei­ge­run­gen nicht aus. Die Infla­ti­on ist ein­fach zu hoch, die welt­wei­te Kon­junk­tur zu vie­len Risi­ken aus­ge­setzt. Aber auch das kann der Wirt­schaft scha­den, erklärt Jochen Stanzl von CMC Mar­kets die Zusam­men­hän­ge: „Ange­sichts der Gefahr, dass die Infla­ti­on in den USA außer Kon­trol­le gerät und die FED sich dem Vor­wurf stel­len muss, zu spät gehan­delt zu haben, könn­te sie nun über­steu­ern, was wie­der­um eine Rezes­si­on aus­lö­sen könn­te. Die Inves­to­ren haben erkannt, dass die FED nicht mehr den Luxus hat, sich Zeit neh­men zu kön­nen, und das ist der Grund für den Abver­kauf seit Frei­tag.“  

Und so sind ers­te Bör­sen in den Bären­markt zurück­ge­stürzt. Bären­markt bedeu­tet an der Bör­se, es geht abwärts. Und zwar um 20 Pro­zent oder gar mehr im Ver­gleich zum letz­ten Hoch. Und das sehen wir nun zum Bei­spiel im S&P 500 in New York. 

Perspektiven? Wenig erhellend

„Um aus der Bären­markt-Ral­ly eine nach­hal­ti­ge Auf­wärts­be­we­gung zu machen, müss­ten die welt­wei­ten Kon­junk­tur­da­ten wie­der ver­stärkt über­ra­schen, um dem aktu­ell fun­da­men­ta­len Gegen­wind ent­ge­gen­zu­wir­ken“, urteilt Robert Hal­ver von der Baa­der Bank. Aller­dings hät­ten Welt­bank (2,9 statt 4,1 Pro­zent) und OECD (3,0 statt 4,5 Pro­zent) zuletzt ihre Pro­gno­se für das glo­ba­le Wirt­schafts­wachs­tum 2022 deut­lich gekappt. 

„Fun­da­men­tal sind die Per­spek­ti­ven weni­ger erhel­lend“, fasst Hal­ver die Aus­sich­ten zusam­men. Das brei­te Spek­trum an unter­ein­an­der ver­bun­de­nen Risi­ken – Ukrai­ne-Krieg, Zins­angst, chi­ne­si­sche Null-Covid-Poli­tik, Lie­fer­ket­ten­pro­ble­me – mache den Bör­sen wei­ter­hin zu schaf­fen.  

Kommt eine neue Schuldenkrise?

Und jetzt steigt auch noch die Angst vor einer wei­te­ren Schul­den­kri­se: Die Zin­sen vor allem hoch­ver­schul­de­ter euro­päi­scher Län­der stei­gen und stei­gen, haben sich zu deut­schen 10-Jah­res-Staats­an­lei­hen inner­halb von sechs Mona­ten nahe­zu ver­dop­pelt. Wür­de sich die­se Ent­wick­lung fort­set­zen, ris­kier­te man im Extrem­fall die nächs­te Schul­den­kri­se“, warnt Robert Hal­ver. Und meint, dass die EZB dann lie­ber mehr Infla­ti­on hin­neh­men wird. 

Zurück in die Zukunft: Ist schon wieder 2000?

Doch nun regiert die Panik. Vie­le Ver­mö­gens­wer­te fal­len: Akti­en, Anlei­hen, Gold, Kryp­tos, alles wird aus den Depots gewor­fen. Vor allem Tech­no­lo­gie-Wer­te lei­den, seit die FED die ers­te Zins­er­hö­hung ange­kün­digt hat. Das hat meh­re­re Grün­de: Vie­le Tech­no­lo­gie-Unter­neh­men haben Ver­bind­lich­kei­ten, die wer­den nun teu­rer. Die Sor­ge wächst, dass nicht alle die­se bedie­nen kön­nen.  

Vie­le Anleger:innen füh­len dar­über hin­aus sich an den Beginn des Jahr­tau­sends erin­nert, als Tech-Akti­en rei­hen­wei­se an Wert ver­lo­ren, denn die Unter­neh­mens­be­wer­tun­gen sin­ken. Und Punkt drei: Auch im Jahr 2000 hat­ten vie­le Unter­neh­men erst Mitarbeiter:innen ent­las­sen und den­noch waren vie­le Plei­te gegan­gen. Die Investor:innen fürch­ten eine Wie­der­ho­lung. Schon jetzt sehen wir, dass gera­de Tech-Unter­neh­men Per­so­nal abbau­en. Vor allem Tech-Unter­neh­men, die noch kei­ne Gewin­ne und kaum Umsatz machen sind hier betrof­fen. Und bei die­sen Unter­neh­men kann die Sor­ge berech­tigt sein. 

Doch Unter­neh­men wie Apple sind hoch­pro­fi­ta­bel, stei­gern ihre Gewin­ne stär­ker als die meis­ten ande­ren Bran­chen und vor allem nach­hal­tig. Doch in Panik wird hier nicht unter­schie­den. 

Doch was tun als Anleger:in?

In den nächs­ten Wochen soll­te eine Abwärts­be­we­gung an den Märk­ten vor­herr­schen und es besteht das Risi­ko, dass die Tiefs von die­sem Jahr noch­mals erreicht oder sogar kurz­zei­tig unter­schrit­ten wer­den“, fürch­tet Alex­an­der Krä­mer von der Com­merz­bank. Eine defen­si­ve­re Aus­rich­tung des Depots sei das gerecht­fer­tigt: „Gesund­heit gehört wei­ter zu den bevor­zug­ten Bran­chen, wäh­rend der zykli­sche Kon­sum auf ‚unter­ge­wich­ten‘ her­ab­ge­stuft wur­de.“ 

Aber auch ein Inne­hal­ten sei eine Mög­lich­keit, kom­men­tiert Alex­an­der Krä­mer: Aller­dings habe der Ver­zicht auf Akti­en und ihre Schwan­kungs­an­fäl­lig­keit auch den Haken, dass Umschich­tun­gen in Anlei­hen nicht mehr rat­sam wären, weil „Anlei­hen mit hoher Rest­lauf­zeit deut­lich anfäl­li­ger für sich ändern­de Zins­er­war­tun­gen sind und hier schmerz­haf­te Kurs­ver­lus­te dro­hen kön­nen“.  

Der­zeit steht der Fear and Greed Index, mit dem CNN die Anleger:innen-Stimmung ermit­telt, auf „extre­mer Angst“: Das drückt der Wert 18 von 25 mög­li­chen aus. Doch an der Bör­se ist Panik meist ein guter Kon­tra-Indi­ka­tor. Und das ist ja nicht die schlech­tes­te Nach­richt. 

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Wann du (noch) nicht an der Börse investieren solltest

Die Kur­se stei­gen und du willst schnell auf den fah­ren­den Zug auf­sprin­gen? Oder sie fal­len und du willst den Moment zum Ein­stieg nut­zen? Super, wenn du inves­tie­ren willst. Aber ein paar Vor­aus­set­zun­gen braucht es, damit es auch funk­tio­niert. Hilft ja nichts, wenn du nach eupho­ri­schem Start auf­ge­ben musst, weil die Vor­aus­set­zun­gen ein­fach (noch) nicht passen. 

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