• Natalya Nepomnyashcha hat "Netzwerk Chancen" gegründet und will benachteiligten jungen Menschen zum Aufstieg verhelfen Foto: Inka Junge

“Eine gesunde Wut hat mir geholfen”

2021-05-10T14:20:25+02:0018. Februar 2020|

Nata­lya Nep­omnyash­cha wur­de in der Ukrai­ne gebo­ren und wuchs in Bay­ern auf. Obwohl sie gute Noten hat­te, durf­te sie nicht aufs Gym­na­si­um. Ohne Abitur und über Umwe­ge stu­dier­te sie in Groß­bri­tan­ni­en. Weil ihre Her­kunft ihr auch im Berufs­le­ben im Weg war, grün­de­te sie 2016 „Netz­werk Chan­cen“, eine Initia­ti­ve, die Men­schen aus finanz­schwa­chen oder bil­dungs­fer­nen Fami­li­en beim beruf­li­chen Auf­stieg hel­fen soll. 2019 wur­de Nata­lya Nep­omnyash­cha von der Busi­ness­platt­form Lin­kedIn als eine von „25 Top-Voices“ im deutsch­spra­chi­gen Raum aus­ge­zeich­net, weil sie mit ihren Bei­trä­gen wich­ti­ge gesell­schaft­li­che Debat­ten anstößt.

Von Astrid Zehbe

2016 hast du das „Netz­werk Chan­cen“ gegrün­det, um Kin­dern aus finanz­schwa­chen oder bil­dungs­fer­nen Fami­li­en zum Auf­stieg zu ver­hel­fen. Warum?

Nata­lya Nep­omnyash­cha: Ich kom­me selbst aus einer Hartz-IV-Fami­lie und habe einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Ich habe sehr lan­ge gebraucht, um einen Job zu fin­den: Als Hartz-IV-Kind hat­te ich kei­ne Kon­tak­te, kei­ne tol­len Prak­ti­ka im Lebens­lauf und konn­te mich auch nicht son­der­lich gut ver­kau­fen. Dies waren nur eini­ge Stei­ne auf mei­nem Bil­dungs­weg. Mit Netz­werk Chan­cen woll­te ich also dafür kämp­fen, dass die sozia­le Her­kunft kei­nen Ein­fluss auf die Chan­cen jedes Ein­zel­nen hat.

Wie sieht die Unter­stüt­zung von „Netz­werk Chan­cen“ kon­kret aus?

Wir ver­fol­gen mit „Netz­werk Chan­cen“ zwei Ansät­ze: Zum einen brin­gen wir zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen und Poli­ti­ker zusam­men, um gemein­sam nach­hal­ti­ge Lösun­gen für glei­che Bil­dungs­chan­cen zu erar­bei­ten. Zum ande­ren bie­ten wir jun­gen Men­schen aus finanz­schwa­chen oder bil­dungs­fer­nen Fami­li­en kon­kre­te Hil­fe wie Work­shops zu The­men wie Rhe­to­rik, Net­wor­king oder Kar­rie­re­pla­nung. Zudem ermög­li­chen wir den Aus­tausch mit ande­ren Auf­stei­gern und ver­mit­teln Arbeitgeber-Kontakte.

„Die soziale Herkunft wird noch nicht als Diversity-Faktor anerkannt“

Vie­le Unter­neh­men sind bemüht, ihre Teams viel­sei­tig auf­zu­stel­len, was Alter, Her­kunft oder Geschlecht angeht. Wird der sozia­le Auf­stieg dadurch künf­tig leich­ter?

Unter­neh­men erken­nen die sozia­le Her­kunft lei­der noch nicht als Diver­si­ty-Fak­tor an. Sozia­le Auf­stei­ger wer­den nicht als wert­vol­le Mit­ar­bei­ter betrach­tet, obwohl sie hart gear­bei­tet haben, um ihre Start­nach­tei­le aus­zu­glei­chen und dem­entspre­chend durch­set­zungs­stark und lösungs­ori­en­tiert sind.

Was sind die größ­ten Hür­den, die es für sozi­al benach­tei­lig­te Men­schen zu über­win­den gilt?

Im Grun­de feh­len sozia­len Auf­stei­gern drei Sachen: Kon­tak­te, Infor­ma­tio­nen, Selbst­be­wusst­sein. Wer in pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen auf­wächst, hat nicht das Netz­werk, wel­ches in sehr vie­len Bran­chen unab­ding­bar ist, um Kar­rie­re zu machen. Denn vie­le Jobs wer­den über Vit­amin B ver­ge­ben. Auch weiß man nicht, wohin man sich am bes­ten wen­det, wenn man ein gutes Prak­ti­kum sucht. Man hat sicher gehört, dass Prak­ti­ka wich­tig sind, doch wel­ches sieht auf dem Lebens­lauf wirk­lich gut aus und bringt einen wei­ter? Da sie häu­fig unsi­cher sind, wohin sie gehen kön­nen oder was sie sagen sol­len, haben jun­ge Men­schen aus benach­tei­lig­ten Ver­hält­nis­sen sel­ten ein siche­res Auf­tre­ten. Dabei ist genau das essen­zi­ell, wenn man beruf­lich vor­an­kom­men möchte.

Wie kön­nen Men­schen, die nur wenig finan­zi­el­le Mit­tel haben, ihre Kar­rie­re­chan­cen verbessern?

Ganz kon­kret sei­ne Kar­rie­re­chan­cen kann man ver­bes­sern, indem man sein Netz­werk erwei­tert. Zum einen wer­den vie­le Jobs ohne Aus­schrei­bun­gen ver­ge­ben, zum ande­ren hat man bes­se­re Chan­cen auf eine Stel­le, wenn man emp­foh­len wird. Das Netz­werk erwei­tern kann man sehr gut ent­we­der über ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment in dem Bereich, der einen inter­es­siert, oder über Events. In jeder grö­ße­ren Stadt gibt es Abend­ver­an­stal­tun­gen zu allen mög­li­chen The­men, die von Berufs­ver­bän­den, Unter­neh­men oder ein­fach inter­es­sier­ten Grup­pen orga­ni­siert wer­den. Sie sind oft kos­ten­los und bie­ten zum Abschluss stets einen unge­zwun­ge­nen Teil, in des­sen Rah­men man sich bei einem Getränk mit ande­ren Teil­neh­mern unter­hal­ten kann.

„Denen wollte ich’s zeigen!“

Wie sieht es mit kos­ten­lo­sen oder güns­ti­gen Bil­dungs­mög­lich­kei­ten aus?

Wenn es um kon­kre­tes Wis­sen geht, fin­det man online kos­ten­lo­se Kur­se zu so gut wie allen The­men. Eben­so kann man sich sehr güns­tig an der Volks­hoch­schu­le fort­bil­den. Für pres­ti­ge­träch­ti­ge Aus­bil­dun­gen wie den MBA gibt es Sti­pen­di­en, um die man sich bewer­ben kann.

Wie koor­di­nierst du Netz­werk Chan­cen und dei­nen Hauptjob?
Prio­ri­sie­ren ist hier das A und O. Anfal­len­de Auf­ga­ben erle­di­ge ich ent­we­der abends oder am Wochen­en­de. Bevor ich aller­dings zusa­ge, etwas zu erle­di­gen, über­le­ge ich, ob sich mei­ne Zeit auch in einem Out­put nie­der­schla­gen wird. Es wich­tig, auch nein sagen zu kön­nen und sich auf die wirk­lich wich­ti­gen Auf­ga­ben zu kon­zen­trie­ren. Alles ande­re soll­te man weg­de­li­gie­ren oder absa­gen. Denn: Je erfolg­rei­cher man wird, des­to mehr Leu­te wol­len auch was von einem. Das muss­te ich auch erst­mal lernen.

Was bedeu­tet es dir, eine von 25 Lin­kedIn-Voices 2019 gewor­den zu sein?
Als ich die Nach­richt erhal­ten habe, war ich über­wäl­tigt. Für ein Mäd­chen aus einem Hartz IV-Haus­halt und eine Sozi­al­un­ter­neh­me­rin ist es eine gro­ße Ehre. Ich dach­te immer, man müss­te Chef eines Kon­zerns sein oder ein Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler, der busi­ness­re­le­van­te Ent­wick­lun­gen vor­aus­sagt, um auf die­se Lis­te zu kom­men. Mich selbst habe ich nie für wich­tig genug gehal­ten. Zumal ich in mei­nen Bei­trä­gen vor allem über Chan­cen­gleich­heit von Men­schen aus pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen schrei­be und dar­über, war­um sozia­le Her­kunft ein Diver­si­ty-Fak­tor ist. Ich dach­te nie, dass es The­men sein wür­den, die so vie­le Lin­kedIn-Nut­zer bewe­gen.

Was hat dich selbst moti­viert, dich nicht unter­krie­gen zu las­sen und statt­des­sen alter­na­ti­ve Bil­dungs­we­ge zu finden?

Eine gesun­de Wut hat mir gehol­fen. Schon als Kind war ich wütend, dass ich nicht aufs Gym­na­si­um durf­te. Ich hat­te doch gute Noten! Nach der 9. Klas­se hat­te ich einen Noten­schnitt von 1,3 und habe auf eige­ne Faust ver­sucht, auf ein Gym­na­si­um zu wech­seln, wur­de jedoch abge­lehnt. Denen woll­te ich’s zei­gen! Das hat dazu geführt, dass ich hart gear­bei­tet habe und so den Glau­ben an mich selbst gewann. In die­ser Zeit hat mich das Buch „Mar­tin Eden“ von Jack Lon­don inspiriert.

Wor­um geht es in dem Buch?

Es han­delt von einem jun­gen Mann aus armen Ver­hält­nis­sen, der Tag und Nacht arbei­tet, um sich fort­zu­bil­den und sich sei­ne Träu­me zu erfül­len. Bei der Job­su­che habe ich dann auch mehr­mals gehört, dass ich nicht gut genug sei. Das kann einen bre­chen. Doch ich woll­te nicht auf­ge­ben und dafür kämp­fen, dass die­se Leu­te noch von mir hören.

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