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    Vlog, ©Tirachard/iStock

Momo und die TikTok-Vlogs

2022-03-25T14:02:18+01:0026. März 2022|

Auf der Social Media-Platt­form Tik­Tok zei­gen Nut­zerinnen und Nut­zer, was sie so machen. In diesen Video Blogs“, kurz Vlogs, kann man Menschen bei ihrem Leben zuschauen. 

Von Mat­thi­as Lauerer

Der Tag hat 24 Stun­den, das Jahr unge­fähr 8.700 davon und das Leben im Schnitt im Schnitt 4.000 Wochen. Soweit, so gut — nur wie fül­len wir die­se Sekun­den und Wochen? Was machen wir mit die­ser Zeit? Eine Ant­wort dar­auf fin­det sich bei der Video­platt­form „Tik­Tok“. Dort zei­gen Teen­ager haar­ge­nau, wie sie ihre Tage ver­brin­gen. Es sind Video-Schnip­sel mit dem pas­sen­den Zeits­tem­pel, der ein­ge­blen­det wird. 4:50 Uhr: Auf­ge­stan­den. Und man sieht, wie sich jemand aus dem Bett schält. 5:00 Uhr Gesicht gewa­schen. Und man sieht, wie sich die Prot­ago­nis­tin das Gesicht wäscht. 5:20 Uhr Sport. Und man sieht, wie sie auf das Lauf­band steigt.  

Ein Mor­gen lässt sich in sech­zig Video­se­kun­den pres­sen. Wobei, so sim­pel ja auch nicht ist, denn das kos­tet viel Zeit. Das dre­hen, schnei­den und ver­to­nen. Ist das nur ein net­ter Zeit­ver­treib, ganz so, als ob man die geschenk­te Lebens­span­ne tot­schla­gen müss­te? Gar ein Geschäfts­mo­dell, um als Influ­en­cer Pro­duk­te anzu­prei­sen? Das Ver­rück­te: Die Vide­os sind sehr beliebt. Hun­dert­tau­sen­de schau­en ande­ren Men­schen begeis­tert dabei zu, was die den lie­ben lan­gen Tag so trei­ben. Ist das Kunst oder plem plem?

Schöne neue Welt

Da gibt es die Nut­ze­rin „vanil­la“, die bereits 795.000 Auf­ru­fe für ihr 2021er Video mit dem Namen: „morning rou­ti­ne tik­tok com­pi­la­ti­on“ bekam. 7:10 Minu­ten dau­ert ihr Trak­tat über ihre Rou­ti­ne. Zu sehen sind sehr vie­le Pro­duk­te und mär­chen­haf­te Ver­hält­nis­se, denn man sieht nicht, wie die Klei­dung eigent­lich in den Schrank kommt, die „vanil­la“ so forsch nutzt. Oder die Bana­nen, die nach 40 Sekun­den im Mixer lan­den, um dar­aus Bana­nen­milch zu zau­bern.  

Wer füllt das alles auf? Gibt es die Hil­fe von der Mama oder doch von der Haus­halts­hil­fe, die alles im Hin­ter­grund erle­digt? Was Zuschau­en­de wohl eher gestresst zurück­lässt: Die jun­ge Frau steht um 5.15 Uhr auf, um mit ihrer Mor­gen­rou­ti­ne zu star­ten. Die dau­ert bis 8:30 Uhr, bevor sie zur Schu­le geht. 

Alles in die­ser digi­ta­len Schein­welt ist und rein und hell und freund­lich. Mit dem ech­ten Leben hat das oft nur wenig zu tun. Oder ist das sogar der Schlüs­sel zum Erfolg jenes Gen­res? Es zeigt idea­le Wel­ten, es sind Träu­me. Und die kom­men ohne Fle­cken auf dem Laken, ohne Run­zeln in den Gesich­tern und ohne Miss­erfol­ge daher.

Tempus fugit

Oder ist die Kul­tur­kri­tik hier fehl am Plat­ze, weil es doch nur ein paar lus­ti­ge Vide­os sind, die harm­los daher­kom­men und doch Freu­de berei­ten? Viel­leicht, doch machen wir ein schnel­les Gedan­ken­spiel: Nur fünf Vide­os, die täg­lich kon­su­miert wer­den. Macht zehn Minu­ten und im Monat dann bereits 300 Minu­ten. Kom­men wir per annum auf 62 Stun­den. Mehr als 2,5 Tage, die man auch für etwas, nun ja, ande­res hät­te nut­zen kön­nen. Und blei­ben wir gleich sehr ehr­lich. Kein Mensch schaut für fünf Minu­ten bei „Tik­Tok“ vor­bei, eher sind es 30 oder 60 Minu­ten. So lag die täg­li­che Ver­weil­dau­er in der Bun­des­re­pu­blik bei 50 Minu­ten, wie angeb­lich gele­ak­te inter­ne „ByteDance“-Firmendaten der „TikTok“-Mutter aus dem Janu­ar 2019 ermit­tel­ten. So ver­schenk­ten Nut­zer damals bereits sat­te zwölf Lebens­ta­ge jähr­lich, um Vide­os zu schauen.

Michael Ende hatte eine Ahnung

Es gab ein­mal einen Roman von Micha­el Ende, der hieß „Momo“. Dar­in tauch­ten sie auf: die grau­en Her­ren der „Zeit-Spar-Kas­se“. Sie rauch­ten Zigar­ren, die aus den Blü­ten der „Stun­den-Blu­men“ der Men­schen stamm­ten. Wenn sie kei­ne Zeit mehr steh­len konn­ten, ver­schwan­den sie.   

Endes bei­ßen­de Gesell­schafts­kri­tik ist längst Rea­li­tät gewor­den. Nur eine genia­le Zeit­fress­ma­schi­ne wie Tik­Tok mit mehr als einer Mil­li­ar­de Nut­zen­den welt­weit, wie Sta­tis­ta ermit­tel­te und die welt­wei­te App-Umsät­ze von 824 Mil­lio­nen US-Dol­lar im vier­ten Quar­tal 2021 gene­rier­te, konn­te er sich 1973 beim bes­ten Wil­len nicht vorstellen. 

 

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Vom Ehrenamt in die Festanstellung

Ria Kor­t­um ist stu­dier­te Heil­päd­ago­gin und seit 2017 bei der Deut­schen Kin­der­krebs­stif­tung für „Pro­jekt­ma­nage­ment und psy­cho­so­zia­le The­men“ zustän­dig. Zuvor enga­gier­te sich die Mut­ter von Zwil­lin­gen, die selbst sehr jung an Krebs erkrank­te, ehren­amt­lich für die Stif­tung. “Ein Ehren­amt kann dabei hel­fen, aus­zu­lo­ten, wo die eige­ne beruf­li­che Rei­se hin­ge­hen soll”, ermu­tigt Rita Kor­t­um. Ein bewe­gen­des Plä­doy­er für Mut und Beharrlichkeit. 

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