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    Margarete Steiff, ©Steiff Handout/picture-alliance/dpa

Margarete Steiff: Die Mutter der Teddys

2021-12-02T11:24:14+01:003. Dezember 2021|

Mar­ga­re­te Steiff begann die Erfolgs­sto­ry des Tra­di­ti­ons­kon­zerns als Kleinst­un­ter­neh­me­rin mit der Her­stel­lung von Nadel­kis­sen in Ele­fan­ten­form. Heu­te sind die Plüschtiere aus dem Hau­se Steiff nicht nur bei Kin­dern beliebt – sie sind auch Kult- und Samm­ler­ob­jek­te. 

Von Chris­ti­na Auer

Marga­re­te Steiff wur­de als drit­tes von vier Kin­dern 1847 in Gien­gen an der Brenz gebo­ren. Im Alter von 18 Mona­ten erkrank­te sie an Kinderlähmung, den­noch war sie ein fröhliches Kind. Sie hat­te gute Schul­no­ten und erkämpfte sich ihren Platz: Ihre Geschwis­ter und Nach­bars­kin­der hal­fen mit, brach­ten sie im Lei­ter­wa­gen zur Schu­le. Das selbst­be­wuss­te Kind fiel früh durch gutes Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent auf. Mar­ga­re­te Steiff setz­te sich gegen ihre Eltern durch und besuch­te eine Nähschule. Trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigung — ihre rech­te Hand war gelähmt, und sie war auf einen Roll­stuhl ange­wie­sen — wur­de sie eine gute Schnei­de­rin.  

Bald war sie mit vie­len klei­nen Aufträgen so erfolg­reich, dass sie eini­ge Nähmaschinen kau­fen konn­te. Aus der klei­nen Schnei­de­rei wur­de ein Unter­neh­men mit Ladengeschäft und meh­re­ren fest ange­stell­ten Näherinnen. Mutig wag­te sie den Schritt in die Selbstständigkeit.  

In der Mode­zeit­schrift „Mode­welt“, in der sich Mar­ga­re­te Steiff über die neu­en Trends und den Zeit­ge­schmack der Mode infor­mier­te, ent­deck­te sie 1879 das Schnitt­mus­ter eines klei­nen Ele­fan­ten. Sie und ihre Näherinnen pro­du­zier­ten zwei Säcke der Rüsseltiere aus Filz, die eigent­lich als Nadel­kis­sen gedacht waren, für den wöchentlichen Markt in Hei­den­heim. Das „Elefäntle“ war ein vol­ler Erfolg, alle Exem­pla­re wur­den ver­kauft. Bis zu die­sem Zeit­punkt bestand Kin­der­spiel­zeug aus robus­ten Mate­ria­li­en wie Holz oder Metall. Pup­pen hat­ten Köpfe aus Por­zel­lan. Der klei­ne Ele­fant war für die Kin­der ein neu­es, wei­ches und anschmieg­sa­mes Spiel­zeug.  

Um 1890 muss­te neu­es Pro­duk­ti­ons­ma­te­ri­al ein­ge­kauft wer­den, und Steiff erwarb für 5070 Mark Filz­stof­fe, um wei­te­re Tie­re wie Hun­de, Kat­zen und Bären zu pro­du­zie­ren, die oft­mals ein fahr­ba­res Unter­ge­stell mit vier Rädern hat­ten. Zwei Jah­re später wur­de ein ers­ter Kata­log gedruckt, in dem Mar­ga­re­te Steiffs Mot­to zu lesen war: „Für Kin­der ist nur das Bes­te gut genug“.  

Hohe Qualität der Materialien 

Von Anfang an setz­te sie daher auf eine hohe Qualität der Mate­ria­li­en, denn die Robust­heit der Spiel­zeug­tie­re war ihr wich­tig. Schließ­lich soll­ten die Kuschel­tie­re ein lan­ges Leben haben. Dies ent­pupp­te sich als Erfolgs­ga­rant: Der Umsatz stieg ste­tig, und bald wur­de ein ers­tes Fabrikgebäude mit einer behin­der­ten­ge­rech­ten Woh­nung für Steiff gebaut. Sie blieb zwar kin­der­los, lieb­te ihre fünf Nef­fen aber wie ihre eige­nen Kin­der. Stets durf­ten die­se die neu kre­ierten Stoff­tie­re als Ers­te aus­pro­bie­ren.  

Eine beson­de­re Bezie­hung hat­te Steiff zu ihrem Nef­fen Richard. Sie schätzte sei­ne Fan­ta­sie und künstlerische Sei­te. Richard Steiff besuch­te die Kunst­ge­wer­be­schu­le in Stutt­gart und stu­dier­te in Eng­land. Er soll­te zum krea­ti­ven Vor­den­ker des Fami­li­en­be­triebs wer­den.  

1902 ent­wi­ckel­te Richard Steiff dann den Ver­kaufs­schla­ger des Unter­neh­mens: Es war der Teddybär mit der Bezeich­nung „55 PB“. Die Zahl 55 beschrieb die Größe von 55 Zen­ti­me­tern. P stand für das Mate­ri­al Plüschmohair und B für „beweg­li­che Körperteile“ — eine völlige Neu­heit, denn bis dahin waren ein­zel­ne Körperteile wie Kopf, Arme und Bei­ne bei Stoff­tie­ren unbe­weg­lich. Richard Steiff stell­te das Modell im sel­ben Jahr auf der Leip­zi­ger Spiel­wa­ren­mes­se vor. Zu Beginn der Mes­se hielt sich das Inter­es­se der Besu­cher an den beweg­li­chen Plüschbären noch in Gren­zen. Am Ende jedoch waren 3000 Exem­pla­re an einen ame­ri­ka­ni­schen Geschäftsmann ver­kauft.  

Die­ser Geschäftsmann war Her­mann Berg, ein Bru­der des Kom­po­nis­ten Alban Berg. Er war ein­fluss­rei­cher Chefeinkäufer von Geo. Borg­feldt & Co., einem Spiel­wa­ren­un­ter­neh­men mit Sitz in New York und Nie­der­las­sun­gen in San Fran­cis­co und Chi­ca­go. Bereits ein Jahr später ver­kauf­te Steiff 12 000 Exem­pla­re des Bären. Dank des dama­li­gen ame­ri­ka­ni­schen Präsidenten Theo­do­re „Ted­dy“ Roo­se­velt erhielt der zunächst namen­lo­se Bär sei­nen bis heu­te bekann­ten Namen Ted­dy. Roo­se­velt wei­ger­te sich bei einem Jagd­aus­flug, einen ange­bun­de­nen Bären zu erschie­ßen und wur­de auf­grund die­ses Vor­falls von dem Kari­ka­tu­ris­ten Clif­ford K. Ber­ry­man in der Zei­tung „Washing­ton Post“ immer mit einem Bären dar­ge­stellt. Das war für den Teddybären die bes­te Wer­bung — der Ted­dy-Boom begann, und die Mar­ke Steiff erreich­te welt­wei­te Bekannt­heit.  

Markenzeichen „Knopf im Ohr“  

Trotz loka­ler Mit­be­wer­ber und der verhältnismäßig hohen Prei­se für die plüschigen Bärchen ent­wi­ckel­te sich dar­aus ein Ver­kaufs­er­folg. „Geo. Borg­feldt & Co.“ ver­kauf­te in den Fol­ge­jah­ren meh­re­re Hun­dert­tau­send Exem­pla­re und ging immer enge­re Geschäftsbeziehungen mit Steiff ein. Von 1913 bis in die 1930er-Jah­re hat­te Geo. Borg­feldt & Co. allei­ni­ge Rech­te zum Import von Steiff-Pro­duk­ten in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten. 1904 ent­stand das Mar­ken­zei­chen „Steiff — Knopf im Ohr“, um die hoch­wer­ti­gen Pro­duk­te unver­wech­sel­bar zu machen und bil­li­ge Kopien der Kon­kur­renz vom Ori­gi­nal zu unter­schei­den. Ab die­sem Zeit­punkt wur­de jedes Tier mit einem Metall­knopf im Ohr ver­se­hen. Die­ses Zei­chen wird bis heu­te in modi­fi­zier­ter Form ver­wen­det. Die Teddybären wur­den auf Welt­aus­stel­lun­gen wie der 1904 in St. Lou­is gezeigt und gewan­nen etli­che Prei­se.  

Mit der Gründung der Mar­ga­re­te Steiff GmbH 1906 ging die Geschäftsführung auf Richard Steiff über. Ein Jahr später pro­du­zier­ten die 400 meist weib­li­chen Mit­ar­bei­te­rin­nen an den Nähmaschinen und 1800 Heim­ar­bei­te­rin­nen eine Mil­li­on Teddybären und wei­te­re 1,7 Mil­lio­nen Spiel­zeug­ar­ti­kel. Den gro­ßen Erfolg des Unter­neh­mens erleb­te Mar­ga­re­te Steiff nicht mehr. Sie starb am 9. Mai 1909 im Alter von 61 Jah­ren an den Fol­gen einer Lungenentzündung. Die Lei­tung des Unter­neh­mens übernahmen ihre Nef­fen.  

Während des Ers­ten Welt­kriegs war es schwie­rig, die Roh­stof­fe Filz und Plüschmohair zu bekom­men. In der Zeit des Zwei­ten Welt­kriegs kam die Pro­duk­ti­on gänzlich zum Erlie­gen. 1947 star­te­te die Spiel­wa­ren­fa­brik neu und hat­te schon ein Jahr später wie­der 1000 Mit­ar­bei­ter. Um 1952 waren es bereits dop­pelt so vie­le. Erfolg­reich war unter ande­rem die Igel­fi­gur „Mecki“ — das Mas­kott­chen der Fern­seh­zeit­schrift „Hörzu“. Bis heu­te ist die Steiff GmbH ein Fami­li­en­un­ter­neh­men. Das Erbe der Firmengründerin ver­an­schau­li­chen zahl­rei­che Muse­en. So kann man das Geburts­haus Mar­ga­re­te Steiffs besu­chen oder das Erleb­nis­muse­um, das 2005 eröffnet und 2010 durch einen „Zoo“ mit lebens­gro­ßen Tie­ren erwei­tert wur­de. Hier wird auch gezeigt, wie die Stoff­tie­re gefer­tigt wer­den. 

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