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Insurance Gender Gap: Eine Versicherungslücke kann sich rächen

2021-05-27T12:06:39+02:0027. Mai 2021|

Mehr als 2000 Euro gibt jeder Mensch hier­zu­lan­de im Jahr für pri­va­te Ver­si­che­run­gen aus – aller­dings im Durch­schnitt. Denn zwi­schen Män­nern und Frau­en besteht eine Ver­si­che­rungs­lü­cke, die es zu mini­mie­ren gilt.

Von Simo­ne Gröneweg

Jetzt mal ehr­lich: Wie oft spricht man mit den Freun­din­nen über Ver­si­che­run­gen? Ver­mut­lich eher sel­ten. Der Bran­che haf­tet etwas Alt­mo­di­sches an, obwohl sich eini­ges getan hat. Poli­cen las­sen sich online abschlie­ßen und ver­wal­ten. Kürz­lich star­te­te der Gesamt­ver­band der Deut­schen Ver­si­che­rungs­wirt­schaft sogar eine Nach­wuch­s­in­itia­ti­ve. Man möch­te das Image auf­po­lie­ren und jun­ge Leu­te anlocken.

Ganz klar: Wer sei­ne Finan­zen im Griff haben möch­te, darf die Absi­che­rung nicht aus­blen­den. Es ist also an der Zeit, sich dem The­ma Ver­si­che­run­gen zu wid­men. Wo besteht Bedarf bei Frau­en, und wel­che Risi­ken haben sie gut abge­deckt? Lei­der ist die Daten­la­ge dazu mau. „Die Ver­si­che­rer lie­fern kei­ne Sta­tis­ti­ken dar­über, wel­che Poli­cen Män­ner und Frau­en abge­schlos­sen haben“, sagt Kath­rin Jaros­ch vom Gesamt­ver­band der Deut­schen Ver­si­che­rungs­wirt­schaft. Als Grund nennt sie die Ver­ein­heit­li­chung der Tari­fe für Frau­en und Män­ner seit 2012. Ein Jahr zuvor hat­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof ent­schie­den, dass die Anbie­ter das Geschlecht nicht län­ger als „Risi­ko­fak­tor“ betrach­ten dür­fen. Danach wur­den soge­nann­te Uni­sex-Tari­fe ein­ge­führt. Das bedeu­tet: Bei der Tarif­be­rech­nung macht man kei­nen Unter­schied mehr zwi­schen Frau­en und Männern.

Das digi­ta­le Ver­si­che­rungs-Start-up Get­safe bie­tet eine App an, bei der man sich per Klick ver­si­chern kann. Die Fir­ma hat kürz­lich den eige­nen Kund:innenstamm unter­sucht. Ergeb­nis der Aus­wer­tung: 37 Pro­zent der über 100 000 Kun­den sind Frau­en, 63 Pro­zent Män­ner. „Frau­en sind dop­pelt so häu­fig die mit­ver­si­cher­te Per­son, zum Bei­spiel bei den Haft­pflicht- oder Haus­rat­ver­si­che­run­gen“, sagt Maxi­ne von Grumb­kow, die bei Get­safe für die Pres­se­ar­beit zustän­dig ist. „Frau­en gel­ten als weni­ger risi­ko­be­reit. Aber war­um haben sie dann weni­ger Ver­si­che­run­gen? Eigent­lich bräuch­ten sie dann doch mehr Ver­si­che­run­gen“, gibt sie zu beden­ken. „Wenn Frau­en finan­zi­ell frei und selbst­be­stimmt han­deln wol­len, soll­ten sie sich mit dem eige­nen Ver­si­che­rungs­schutz beschäf­ti­gen“, for­dert von Grumbkow. 

Frauen sichern gern Schönes ab

Immer­hin ergab die Aus­wer­tung des digi­ta­len Anbie­ters, dass Frau­en an bestimm­ten Poli­cen sogar mehr Inter­es­se zei­gen als Män­ner. Das gilt zum Bei­spiel bei der Siche­rung des hei­mi­schen Inven­tars. So offen­bar­te der Daten­satz von Get­safe, dass bei der Haus­rat­ver­si­che­rung nicht nur vie­le Frau­en mit­ver­si­chert sind.

Frau­en stel­len in die­ser Spar­te auch die Mehr­heit als Hauptversicherungsnehmer:innen. Ines Frei­bo­th, Inha­be­rin zwei­er Alli­anz-Ver­si­che­rungs­agen­tu­ren, über­rascht die­se Erkennt­nis nicht. „Frau­en wol­len oft das Schö­ne ver­si­chern. Sie inter­es­sie­ren sich für Poli­cen, die den Haus­rat, Kunst­ge­gen­stän­de oder die Zäh­ne schüt­zen“, weiß die Ver­si­che­rungs­ex­per­tin aus Erfah­rung. Dabei wäre es wich­ti­ger, grund­le­gen­de Risi­ken ver­si­che­rungs­tech­nisch abzu­de­cken. Die­sem The­ma wid­met sich Frei­bo­th mit viel Enga­ge­ment und Lei­den­schaft. Sie orga­ni­siert seit eini­gen Jah­ren „Woman-Pro-Age-Par­tys“, auf denen sie ver­sucht, den Teil­neh­me­rin­nen The­men wie Pfle­ge­re­form, Unter­halt und Absi­che­rung näher­zu­brin­gen – inklu­si­ve eines Gläs­chens Prosecco. 

Das klingt zunächst recht locker, aber spä­tes­tens wenn Ines Frei­bo­th aus ihrem eige­nen Leben erzählt, begrei­fen ver­mut­li­che vie­le der Besu­che­rin­nen ihre Bot­schaft. Als ver­hei­ra­te­te Mut­ter zwei­er klei­ner Kin­der erleb­te sie mit 31 Jah­ren einen Schick­sals­schlag, der alles ver­än­der­te. Ihr Ehe­mann stirbt bei einem Auto­un­fall. Sie über­lebt schwer ver­letzt und weiß danach: „Frau­en dür­fen sich nicht auf ihre Män­ner ver­las­sen, son­dern müs­sen ihr Schick­sal selbst in die Hand neh­men.“ Frei­bo­th hat­te Glück im Unglück. Ihr Mann – eben­falls aus der Ver­si­che­rungs­bran­che – hat­te finan­zi­ell vor­ge­sorgt, sodass sie ihr Leben in Ruhe sor­tie­ren und lang­sam wie­der­auf­bau­en konn­te. „Dafür bin ich sehr dank­bar“, sagt sie.

Das eige­ne Schick­sal treibt sie an. Vie­le hät­ten Schwie­rig­kei­ten, sich mit dem Tod, der eige­nen Pfle­ge­dürf­tig­keit oder einer mög­li­chen Schei­dung aus­ein­an­der­zu­set­zen. „Dabei ist das wich­tig“, sagt sie. „Wenn ich von mei­ner eige­nen Erfah­rung berich­te, öff­net das eini­gen die Augen.“ Gera­de in jun­gen Jah­ren las­sen sich vie­le Risi­ken güns­tig absi­chern, die exis­ten­zi­ell sind. „Dazu gehört die Berufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung“, betont die Exper­tin Frei­bo­th. Zwar exis­tiert eine staat­li­che Erwerbs­min­de­rungs­ren­te, doch die beträgt unter Umstän­den nur ein Drit­tel des letz­ten Brut­to­ge­halts und wird nur voll aus­ge­zahlt, wenn nicht mehr als drei Stun­den Arbeit am Tag mög­lich sind.

Die Familienfalle

Auch die Ren­ten­lü­cke wird für vie­le Frau­en zum rea­len Pro­blem. Die AXA ver­weist auf eine aktu­el­le Stu­die der OECD, der Orga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung. Das Ergeb­nis: Nir­gend­wo in den 37 Mit­glieds­staa­ten sei die Lücke so groß wie in Deutsch­land. Frau­en erhal­ten hier­zu­lan­de im Durch­schnitt 46 Pro­zent weni­ger Ren­te als Män­ner. Alar­mie­ren­de Zah­len. Aller­dings zei­gen ande­re Unter­su­chun­gen, dass jün­ge­re Frau­en bei den Ren­ten­an­sprü­chen auf­ho­len und nicht mehr ganz so stark abge­hängt sind. Das ändert nichts dar­an, dass Frau­en fürs Alter vor­sor­gen müs­sen, um der Alters­ar­mut zu entkommen.

Ines Frei­bo­th hat fest­ge­stellt, dass Frau­en oft­mals nach einer Hoch­zeit und wäh­rend der Fami­li­en­pha­se bei der per­sön­li­chen finan­zi­el­len Absi­che­rung zurück­ste­cken. „Kom­men Män­ner zur Bera­tung, haben die in der Regel eine kla­re Vor­stel­lung, was sie wol­len. Die Frau­en sagen meist, dass sie noch ein­mal mit ihrem Mann reden“, erzählt sie aus der Pra­xis. Sie warnt davor, bestehen­de Ver­trä­ge zu kün­di­gen oder die eige­ne Absi­che­rung auf die leich­te Schul­ter zu neh­men. „Hat jemand eine Fami­lie, bie­tet sich mei­ner Mei­nung durch­aus eine Ries­ter-Ren­te für die Frau an. Die Kin­der-Zula­gen machen das Gan­ze inter­es­sant“, sagt sie. Frau­en blen­den zudem oft aus, dass sie im Schnitt eini­ge Jah­re län­ger als Män­ner leben. Die sta­tis­ti­sche Lebens­er­war­tung liegt für neu­ge­bo­re­ne Mäd­chen bei 83,3 Jah­ren, die Jun­gen kom­men auf 78,5 Jah­re. „Die Wahr­schein­lich­keit, pfle­ge­be­dürf­tig zu wer­den, steigt mit dem Alter“, meint Frei­bo­th. Dar­um ver­weist sie auf die Bedeu­tung einer pri­va­ten Pfle­ge­ver­si­che­rung. Die soll­te man am bes­ten in jun­gen Jah­ren abschlie­ßen, lau­tet ihr Rat.

Nicht ohne Haftpflicht

Exis­tenz­be­dro­hen­de Risi­ken soll­ten Frau­en zuerst absi­chern und dann je nach Bud­get und per­sön­li­chem Sicher­heits­be­dürf­nis über die ande­ren Offer­ten der Asse­ku­ran­zen nach­den­ken. Eine der wich­tigs­ten Poli­cen, die es gibt, ist die pri­va­te Haft­pflicht. Das gilt für Män­ner wie Frau­en. Sie schützt vor Schä­den, die in die Mil­lio­nen gehen kön­nen. Wer ande­ren durch Unvor­sich­tig­keit oder Leicht­sinn Schä­den zufügt, haf­tet näm­lich. Egal, ob es sich um eine kaput­te Bril­le oder ein zer­stör­tes Gebäu­de han­delt. Die Poli­ce schei­nen Män­ner und Frau­en glei­cher­ma­ßen wich­tig zu neh­men, las­sen die Daten von Get­safe ver­mu­ten. Die Geschlech­ter­ver­tei­lung ist hier aus­ge­gli­chen. Von Grumb­kow kann in dem Zusam­men­hang mit einem wei­te­ren ‑inter­es­san­ten Detail auf­war­ten: „Frau­en wei­sen eine gerin­ge­re Wahr­schein­lich­keit als Män­ner auf, Schä­den zu ver­ur­sa­chen“, sagt die Expertin.

Inter­es­san­ter­wei­se haben die männ­li­chen Get­safe-Kun­den mit einer dop­pelt so hohen Wahr­schein­lich­keit eine Rechts­schutz­ver­si­che­rung wie die weib­li­chen. Die Bedeu­tung die­ser Poli­ce stu­fen Exper­ten unter­schied­lich ein. Vie­le Lebens­be­rei­che wie Bau­vor­ha­ben, Schei­dung oder Erb­streit sind oft­mals aus­ge­klam­mert. Vor dem Abschluss einer sol­chen Poli­ce soll­ten Ver­brau­cher die Bedin­gun­gen genau über­prü­fen, sagen Fachleute.

Schutz regelmäßig checken

Ines Frei­bo­th rät gene­rell dazu, regel­mä­ßig den eige­nen Ver­si­che­rungs­schutz zu che­cken. Unter Umstän­den sto­ße man bei­spiels­wei­se auf dop­pel­te Absi­che­run­gen. „So bie­ten man­che Kre­dit­kar­ten eine Aus­lands­rei­se-Kran­ken­ver­si­che­rung inklu­si­ve an“, erklärt Frei­bo­th. Selbst der Blick in die Haus­rat­ver­si­che­rung kann sich loh­nen: Ver­klei­nert sich der Haus­stand, kann der Schutz redu­ziert wer­den. Das gespar­te Geld könn­te man bes­ser in die Alters­vor­sor­ge investieren.

Übri­gens: Wäh­rend die Frau­en anschei­nend den Drang ver­spü­ren, Schö­nes zu ver­si­chern, offen­bart das männ­li­che Geschlecht auch durch­aus eini­ge Marot­ten. So hat von Grumb­kow her­aus­ge­fun­den, dass Poli­cen für den Frei­zeit­be­reich der Ren­ner bei Män­nern sind. Sie sichern beson­ders gern Fahr­rä­der und Droh­nen ab.

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