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  • Annette Goldstein, Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin in Berlin, ©Goldstein Consulting GmbH, Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Frauen in der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung: Warum nicht?

2022-11-14T15:00:35+01:0014. November 2022|

Annet­te Gold­stein ist Steu­er­be­ra­te­rin und Wirt­schafts­prü­fe­rin und führt ihre eige­ne Kanz­lei in Ber­lin. Warum Frau­en in diesen Beru­fen dra­ma­tisch unter­re­prä­sen­tiert sind, ver­steht sie nicht. Wir haben sie gefragt, was das Berufs­feld gera­de für Frau­en inter­es­sant macht, war­um sie über­wie­gend Start-ups als Man­dan­ten betreut und was sie von Onli­ne-Steu­er­op­ti­mie­rungs­se­mi­na­ren hält. 

Von Isa­bell Angele

courage-online.de: Buchhalterinnen und Steuerfachangestellte gibt es viele. Schaut man auf Steuerberaterinnen oder Wirtschaftsprüferinnen wird es schon deutlich weniger. Woran liegt das?   

Annet­te Gold­stein: Mei­nes Erach­tens liegt das an dem hohen Auf­wand für das anspruchs­vol­le Examen, sowie an der finan­zi­el­len Belas­tung durch die Kur­se und die Prü­fun­gen. Da Frau­en bis heu­te in den meis­ten Fami­li­en die Zweit­ver­die­ner sind, schlägt das schon zu Buche. Wie in vie­len Beru­fen kommt also die Fami­li­en­pla­nung dazwi­schen und Frau­en tre­ten von der Kar­rie­re zurück. Aus mei­ner Sicht ist das sehr scha­de und muss auch gar nicht sein, da das Berufs­feld gera­de für Frau­en vie­le Mög­lich­kei­ten bereit­hält. Man muss ledig­lich ger­ne mit Zah­len arbei­ten und bereit sein, lebens­lang zu ler­nen.  

Inwiefern ist das Berufsfeld für Frauen so interessant?  

Die Mög­lich­kei­ten für fle­xi­bles Arbei­ten sind enorm: Sowohl als Steu­er­be­ra­te­rin wie auch als Wirt­schafts­prü­fe­rin kann man in die Selb­stän­dig­keit gehen oder auch im Ange­stell­ten­ver­hält­nis arbei­ten. Außer­dem sind Teil­zeit­mo­del­le oder mobi­les Arbei­ten in den aller­meis­ten Kanz­lei­en kein Pro­blem. Über­dies gibt es der­zeit nahe­zu unzäh­li­ge freie Stel­len für Steu­er­be­ra­te­rin­nen und Wirt­schafts­prü­fe­rin­nen. Der Nach­wuchs kommt nicht in dem Maße nach, wie er gebraucht wird. Die Job­chan­cen ste­hen also sehr gut. Wegen der lau­fen­den gesetz­li­chen Ände­run­gen sind die Beru­fe übri­gens sehr kurz­wei­lig und span­nend – und das bei äußerst attrak­ti­ven Gehalts­aus­sich­ten. Es gibt kei­nen Grund, wes­halb Frau­en die­sen Berufs­weg nicht ein­schla­gen soll­ten.   

Aber ist die Arbeit in dem Bereich nicht sehr theoretisch?  

Nicht unbe­dingt. Natür­lich wird viel mit Zah­len gear­bei­tet – das muss man mögen. Man hat aber auch sehr viel mit Men­schen zu tun – und das liegt Frau­en häu­fig ja sogar bes­ser als ihren männ­li­chen Kol­le­gen. Die Man­dan­ten wer­den in den Kanz­lei­en schließ­lich bei zahl­rei­chen Pro­zes­sen beglei­tet und unter­stützt.  

Sie sagen, der Weg zum abgeschlossenen Wirtschaftsprüfer-Examen ist langwierig und sehr anspruchsvoll. Doch inzwischen kann das Examen sogar in Modulen abgelegt werden und – je nach Studium und Berufserfahrung – die vorangegangene berufliche Tätigkeit verkürzt werden. Hat das die Attraktivität für den Berufsweg erhöht?  

Abso­lut! Es wird des­we­gen zwar nicht unbe­dingt ein­fa­cher, aber zumin­dest lässt sich der Lern­auf­wand etwas auf­tei­len. So wird das Examen defi­ni­tiv mach­ba­rer. Den­noch ist es schon so, dass sich gera­de die Kan­di­da­ten mit Fami­lie – sowohl Frau­en wie auch Män­ner – schwer­tun, sich in der mona­te­lan­gen Vor­be­rei­tung von Partner:in und Kin­dern zurück­zu­zie­hen, um sich voll­stän­dig auf die Lern­in­hal­te zu kon­zen­trie­ren. Mög­lich ist das aber alle­mal. Und die Aus­sich­ten auf eine gute Anstel­lung sind im aktu­el­len Umfeld wirk­lich glän­zend.  

Den Mangel an Fachkräften gibt es aber nicht nur bei den Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern sondern auch in der Buchhaltung und bei den Steuerfachangestellten. Was bedeutet das für Ihre Kanzlei?  

Natür­lich macht der leer­ge­feg­te Arbeits­markt auch vor mei­ner Kanz­lei kei­nen Halt. Gene­rell neh­me ich des­halb nur noch neue Man­da­te an, wenn wir die Kapa­zi­tä­ten auch wirk­lich haben. Ich ver­su­che also, die Arbeit an die ver­füg­ba­ren Res­sour­cen anzu­pas­sen. Gute Kräf­te neh­me ich natür­lich immer! Ansons­ten ist mein obers­tes Ziel, mei­ne Mitarbeiter:innen zu hal­ten. Ich ver­su­che, ein moti­vie­ren­des und wert­schät­zen­des Arbeits­um­feld zu schaf­fen, orga­ni­sie­re Events, Team-Essen und Semi­na­re. Außer­dem will ich immer eine fai­re Che­fin sein – sowohl in der täg­li­chen Arbeit wie auch in der Bezah­lung. Und das spricht sich her­um. Etwa die Hälf­te der neu­en Mitarbeiter:innen kom­men durch Emp­feh­lun­gen zu uns.   

Kommen auch Ihre Mandanten auf Empfehlung?  

Ja, genau. Mein ers­tes Man­dat war ein grö­ße­res Start-up. Die Zusam­men­ar­beit lief sehr gut und so wur­de ich in der Sze­ne wei­ter­emp­foh­len. Dass ich mit mei­ner Kanz­lei heu­te über­wie­gend Start-ups betreue, war also zunächst Zufall. Spä­ter war es dann eine bewuss­te Ent­schei­dung dabei zu blei­ben, da die Arbeit mit den jun­gen Unter­neh­men unfass­bar span­nend ist. Oft ist am Anfang gar nicht sicher, was aus den Grün­dun­gen wird. Aber die Ideen sind meist unglaub­lich visio­när und eini­ge der Start-ups schaf­fen schließ­lich den gro­ßen Durch­bruch. Man­che der Grün­der haben ihre Unter­neh­men schon ver­kauft und waren mit ihren nächs­ten Neu­grün­dun­gen wie­der Man­dan­ten bei uns. Eini­ge der Grün­der sind aber gera­de am Anfang sehr unor­ga­ni­siert und krie­gen dann bei uns die nöti­ge Unter­stüt­zung.  

Beraten Sie also auch in betriebswirtschaftlichen Fragen?  

Bis zu einer gewis­sen Grö­ße machen wir das. Wenn die Unter­neh­men zu groß wer­den, ist es aller­dings sinn­vol­ler, wenn sie dafür gezielt jeman­den ein­stel­len. Bei was wir vor allem die Start-ups mit inter­na­tio­na­len Inves­to­ren unter­stüt­zen, sind Reportings und Aus­wer­tun­gen. Inter­na­tio­na­le Inves­to­ren haben hier meist spe­zi­el­le Anfor­de­run­gen und die­se kön­nen wir bedie­nen. In die­sem Bereich sind wir sehr fit und das spricht sich natür­lich her­um. Des­halb lan­den auch so vie­le Start-ups bei uns und nicht bei der Kon­kur­renz.  

Apropos Konkurrenz: In den letzten Monaten und Jahren kamen immer mehr Unternehmen an den Markt, die Steueroptimierung im Rahmen von beispielsweise Seminaren anbieten, aber keine Steuerberater:innen sind. Inwiefern betrifft Sie diese relativ neue „Konkurrenzsituation“?  

Für mich per­sön­lich das kein gro­ßes The­ma. Die Aller­meis­ten wis­sen, dass sie sinn­vol­ler auf einen Steu­er­be­ra­ter mit lang­jäh­ri­ger Aus­bil­dung set­zen soll­ten, als auf Unter­neh­men, die teils unse­riö­se Steu­er­spar­mo­del­le bewer­ben. Tat­säch­lich gibt es sol­che Steu­er­spar­mo­del­le im eigent­li­chen Sin­ne gar nicht. Selbst wenn man in einem Jahr weni­ger Steu­ern bezahlt, holt es einen in den kom­men­den Jah­ren wie­der ein. Ganz ver­ein­facht aus­ge­drückt bedeu­tet ein Euro ein­ge­spar­te Steu­ern zeit­ver­setzt zwei Euro Liqui­di­täts­ver­lust. Das ist natür­lich stark her­un­ter­ge­bro­chen. Aber irgend­wann muss man das Geld aus­ge­ben und hat damit am Ende unter Umstän­den nichts gespart. Natür­lich zahlt nie­mand ger­ne Steu­ern. Aber um Steu­ern zu spa­ren, sol­che Model­le ein­zu­ge­hen, lohnt sich in den sel­tens­ten Fäl­len. Ich ken­ne Man­dan­ten, die auf sol­che Ange­bo­te her­ein­ge­fal­len sind und sehr viel Geld ver­lo­ren haben. Von der­ar­ti­gen Steu­er­spar­mo­del­len oder gar „Bera­tung“ per You­Tube-Video kann ich nur abra­ten. Es kommt immer auf die indi­vi­du­el­len Umstän­de an und die las­sen sich nur in einer aus­führ­li­chen Bera­tung bedie­nen.   

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