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  • Cornelia Lutz, Bereichsleiterin B2C-Messen und Leitung „Zukunft Handwerk“, ©Gesellschaft für Handwerksmessen mbH

Frauen im Handwerk: „Es braucht ein allgemeines Umdenken“

2023-01-20T11:29:01+01:009. Januar 2023|

Bis heu­te ist das Hand­werk – vor allem in den gewerb­lich-tech­ni­schen Beru­fen – noch sehr männ­lich geprägt. Das soll sich ändern. Wie die Situa­ti­on aktu­ell aus­sieht, wel­che Poten­zia­le noch aus­ge­schöpft wer­den kön­nen und wie Frau­en im Hand­werk mehr Sicht­bar­keit bekom­men kön­nen, haben wir Cor­ne­lia Lutz, Bereichs­lei­te­rin B2C-Mes­sen und Lei­tung Zukunft Hand­werk gefragt. 

Von Isa­bell Angele

courage-online.de: Denkt man an eine Baustelle oder Werkstatt, denkt man überwiegend an Männer. Weshalb sind Frauen im Handwerk in unseren Köpfen so unterrepräsentiert?  

Cor­ne­lia Lutz: Das Hand­werk ist mit sei­nen 130 unter­schied­li­chen Gewer­ken sehr viel­sei­tig. Frau­en wäh­len dabei häu­fig die krea­ti­ven Hand­werks­be­ru­fe. In vie­len Berei­chen wird das Hand­werk zwar deut­lich weib­li­cher, aber wenn wir an die klas­si­sche Bau­stel­le und somit an die­se Gewer­ke den­ken, dann sind sie sicher­lich noch männ­lich domi­niert. Aber auch hier hat sich in den letz­ten Jah­ren vie­les getan.  

Wie sehen denn die tatsächlichen Zahlen von Frauen im Handwerk aus? 

Ins­ge­samt liegt der Frau­en­an­teil bei neu­ge­schlos­se­nen Aus­bil­dungs­ver­trä­gen im Hand­werk mit 19,7 Pro­zent bei nur fast einem Fünf­tel. Vor allem in den gewerb­lich-tech­ni­schen Beru­fen blei­ben Frau­en viel­fach noch unter­re­prä­sen­tiert. Frau­en wäh­len häu­fig krea­ti­ve Hand­werks­be­ru­fe. Weit oben auf der Beliebt­heits­ska­la ran­gie­ren der Beruf Maß­schnei­de­rin (Frau­en­an­teil 2019: 84,5 Pro­zent), Gold­schmie­din (78,9 Pro­zent), Kon­di­to­rin (80,5 Pro­zent) oder Augen­op­ti­ke­rin (67,2 Pro­zent). Aber auch ein­zel­ne tech­ni­sche Beru­fe, etwa Zahn­tech­ni­ke­rin­nen (54,5 Pro­zent) oder Ortho­pä­die­schuh­ma­che­rin (43,2 Pro­zent), sind bei Frau­en durch­aus beliebt. Deut­lich gestie­gen ist der Anteil jun­ger Frau­en, die Bäcke­rin, Male­rin und Lackie­re­rin oder Tisch­le­rin wer­den. Auch wenn der Fri­seur­be­ruf noch unan­ge­foch­ten auf Platz Eins der Top-Beru­fe für Frau­en steht: In vie­len Berei­chen wird das Hand­werk deut­lich weib­li­cher. 

Wie kommt es, dass die Verteilung gerade so aussieht? 

In der Ver­gan­gen­heit hat­te das Hand­werk lei­der tat­säch­lich in der Gesell­schaft haupt­säch­lich das Bild von män­ner­do­mi­nier­ten Bau­stel­len und Werk­stät­ten. Vor allem der ver­stärk­te Druck durch die Gesell­schaft, der das Abitur und ein nach­fol­gen­des Stu­di­um zu Top-Zie­len erklärt hat, ist Ursa­che dafür. Die­ser Blick­win­kel hat bei uns zu einem Aka­de­mi­sie­rungs­wahn geführt. Lei­der oft unab­hän­gig davon, ob ein Stu­di­um und der nach­fol­gen­de Job wirk­lich erfüllt, glück­lich macht oder das Ein­kom­men bzw. die Work-Life-Balan­ce der Akteur:innen selbst oder auch ihrer Fami­li­en sichert. Als selb­stän­di­ge Male­rin zum Bei­spiel bin ich sehr frei in mei­ner Zeit­ein­tei­lung und kann durch eine ordent­li­che Posi­tio­nie­rung eine gute Markt- und Wett­be­werbs­si­tua­ti­on und damit sehr gute Umsät­ze erzie­len, das wur­de lan­ge über­se­hen bzw. wur­de dem wenig Wert­schät­zung ent­ge­gen­ge­bracht. Hier ist aktu­ell zum Glück ein Umden­ken erkenn­bar. Dazu haben unter ande­rem die seit meh­re­ren Jah­ren sicht­ba­re Image­kam­pa­gne im Hand­werk stark dazu bei­getra­gen. 

Ergeben sich daraus Potenziale, die es auszuschöpfen gilt? Was muss sich dafür ändern? 

Ein all­ge­mei­nes Umden­ken ist aus mei­ner Sicht jetzt beson­ders wich­tig. Und hier aus ganz unter­schied­li­chen Rich­tun­gen. Hier­zu zäh­len nicht nur die jun­gen Men­schen, die vor ihrer eige­nen Berufs­wahl ste­hen, son­dern es muss auch ein Per­spek­tiv­wech­sel bei den Eltern, Leh­rern und in der Gesell­schaft ins­ge­samt statt­fin­den. Das Hand­werk bie­tet heut­zu­ta­ge so viel Chan­cen und steht vor allem für Wer­te wie Nach­hal­tig­keit, sinn­stif­ten­de Tätig­kei­ten und auch Sicher­heit. Die­se Wer­te sind vor allem für die jun­gen Genera­tio­nen wich­tig und hier bie­tet das Hand­werk die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen. Zusätz­lich wan­delt sich das Hand­werk und somit auch die Berufs­fel­der im Hand­werk. Hier spielt auch der digi­ta­le Wan­del eine gro­ße Rol­le, denn die kör­per­li­chen Belas­tun­gen hand­werk­li­cher Beru­fe wer­den deut­lich gerin­ger – und die Jobs noch inter­es­san­ter! 

Stehen Frauen im Handwerk vor besonderen Herausforderungen? 

Aus mei­ner Sicht gibt es für Frau­en im Hand­werk kei­ne ande­ren Her­aus­for­de­run­gen, die es nicht aktu­ell ins­ge­samt gibt. Lei­der begeg­nen wir in unse­rer Gesell­schaft wei­ter­hin vie­len Kli­schees, die unter ande­rem besa­gen, dass es klas­si­sche män­ner- oder frau­en­do­mi­nier­te Jobs gibt. Hier müs­sen wir gemein­sam Umden­ken – die nor­di­schen Län­der zei­gen, wie gut und wirt­schaft­lich kraft­voll das funk­tio­nie­ren kann. Wir haben heut­zu­ta­ge alle die Mög­lich­keit einen Job zu wäh­len, der uns Spaß macht und uns erfüllt. Das muss die Prä­mis­se für die Job­wahl sein und nicht, ob in die­sem Bereich eher Män­ner oder Frau­en arbei­ten. 

Was muss schon bei der Azubi-Anwerbung verändert werden, um Frauen für das Handwerk zu gewinnen? 

Aus mei­ner Sicht müs­sen – egal in wel­chem Gewerk – jun­ge Men­schen in all ihrer Diver­si­tät gezeigt wer­den. Somit ent­ste­hen erst kei­ner­lei Bar­rie­ren und alle kön­nen das Gewerk wäh­len, dass sie anspricht. 

Wie können Frauen im Handwerk mehr Sichtbarkeit bekommen? 

Die Image­kam­pa­gne im Hand­werk hat in den letz­ten Jah­ren auch dem The­ma Frau­en im Hand­werk eine grö­ße­re Sicht­bar­keit berei­tet. In den ein­zel­nen Gewer­ken gibt es groß­ar­ti­ge For­mie­run­gen wie die Dach­de­cker Mädelz, die z.B. auf der Dach+Holz neben star­ken Inhal­ten einen beacht­li­chen, öffent­lich­keits­wirk­sa­men Auf­tritt hin­le­gen! Auch eine Viel­zahl an Influ­en­ce­rin­nen mit hohen Reich­wei­ten im Hand­werk sor­gen aktu­ell dafür, die Viel­falt, Fri­sche und Moder­ni­tät des Hand­werks nach außen zu trans­por­tie­ren. Die „Zukunft Hand­werk“ zum Bei­spiel, die neue Leit­ver­an­stal­tung für das Hand­werk, wird sich mit den The­men Diver­si­ty und Fema­le Empower­ment im Schwer­punkt beschäf­ti­gen, um hier wei­te­re, posi­ti­ve Effek­te zu erzie­len. Hier wer­den dann kon­ti­nu­ier­lich Hand­wer­ke­rin­nen und Influ­en­ce­rin­nen im Hand­werk vor­ge­stellt und erhal­ten somit eine neue, gro­ße Büh­ne und vor allem noch mehr poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Sicht­bar­keit. Das Gan­ze fin­det erst­ma­lig Vor­trä­gen, Work­shops und Dis­kus­sio­nen vom 8. bis zum 10. März 2023 im ICM in Mün­chen statt. 

Die Bemühungen, mehr junge Menschen im Allgemeinen und im Speziellen Frauen für das Handwerk zu begeistern, sind seit einiger Zeit sehr groß. Merken Sie bereits einen Wandel, dass sich mehr für eine Karriere im Handwerk entscheiden? 

Ein Umden­ken hat bereits statt­ge­fun­den. Das gilt es wei­ter vor­an­zu­trei­ben. Jun­ge Frau­en wer­den im Rah­men der schu­li­schen Berufs­ori­en­tie­rung und der Kam­pa­gne des Hand­werks expli­zit ange­spro­chen, die eige­ne Stär­ken und Talen­te jen­seits von Ste­reo­ty­pen wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und neue Wege in der Berufs­wahl zu gehen. Durch die Stär­kung von MINT-Fächern soll das Inter­es­se für gewerb­lich-tech­ni­sche Beru­fe geweckt wer­den. Dass das Wir­kung zeigt, bewei­sen die Zah­len: Mitt­ler­wei­le erfolgt jede vier­te Grün­dung im Hand­werk durch eine Frau. Fast jede fünf­te erfolg­rei­che Meis­ter­prü­fung wur­de 2019 von einer Frau absol­viert (17,1 Pro­zent). Jeder fünf­te Hand­werks­be­trieb (20 Pro­zent) wird von einer Frau geführt. 

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