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  • Valerie Schüler, DWS-Portfoliomanagerin, und Sophia Wurm, Vice President von SPDR ETFs, ©DWS, State Street Global Advisors

ETF oder aktiver Fonds: So kommen Anlegerinnen durch turbulente Börsenphasen

2022-10-04T12:16:53+02:004. Oktober 2022|

Der Krieg in der Ukrai­ne ver­un­si­chert, Zins­er­hö­hun­gen belas­ten die Akti­en­märk­te und die stei­gen­de Infla­ti­on trübt die Stim­mung an den Börsen zusätz­lich. Wel­ches Anla­ge­ve­hi­kel macht in die­sen Zei­ten das Ren­nen: ETF oder aktiv gema­nag­ter Fonds? Wir haben bei SPDR ETFs Vice Pre­si­dent Sophia Wurm und DWS-Port­fo­lio­ma­na­ge­rin Vale­rie Schü­ler nach­ge­fragt. 

Von Isa­bell Angele

Können Sie beide kurz erklären, was ETFs und aktiv gemanagte Fonds sind und was die beiden Anlagevehikel ausmacht? 

Sophia Wurm: Grund­sätz­lich ist ein ETF mit einem klas­si­schen akti­ven Fonds ver­gleich­bar. Anleger:innen haben bei­spiels­wei­se mit einem ETF als Son­der­ver­mö­gen die glei­che Sicher­heit wie mit einem Fonds. Das bedeu­tet, dass sie vor einer Insol­venz des Emit­ten­ten geschützt sind und kön­nen auch im Fal­le einer Plei­te des Emit­ten­ten ihre Kapi­tal­an­la­ge nicht ver­lie­ren. Ein gro­ßer Unter­schied zu einem akti­ven Fonds ist, dass ein ETF bör­sen­ge­han­delt ist. Das bedeu­tet, dass man den Preis jeder­zeit sieht und auch ent­spre­chend han­deln kann. Gera­de in vola­ti­len Zei­ten ist das ein enor­mer Vor­teil, da man sehr schnell agie­ren kann. Außer­dem wird bei einem ETF bör­sen­täg­lich bekannt­ge­ge­ben, wel­che Assets er genau ent­hält und ist dadurch sehr trans­pa­rent. Übri­gens besteht ein ETF nicht zwangs­läu­fig aus Akti­en, er kann auch Roh­stof­fe oder bei­spiels­wei­se Anlei­hen umfas­sen. Sind in dem Port­fo­lio ver­schie­de­ne Anla­ge­klas­sen ent­hal­ten, spricht man von Mul­ti Asset Pro­duk­ten. 

Vale­rie Schü­ler: Bei einem aktiv gema­nag­ten Fonds ent­schei­det der Port­fo­lio­ma­na­ger, in wel­che Papie­re – also zum Bei­spiel in wel­che Akti­en – der Fonds inves­tiert. Ich beschäf­ti­ge mich daher sehr detail­liert mit den Unter­neh­men und schaue mir deren Geschäfts­mo­dell und die Zah­len an. Außer­dem ana­ly­sie­re ich genau, wie die Zukunft des Unter­neh­mens aus­se­hen könn­te. Aus die­sen Fak­to­ren erstel­le ich schließ­lich eine Unter­neh­mens­be­wer­tung. Mit­hil­fe die­ser Ein­zel­ana­ly­sen stel­le ich dann das Port­fo­lio zusam­men. Grund­sätz­lich haben wir als Fonds­ma­na­ger bestimm­te Vor­ga­ben, etwa ein bestimm­tes Anla­ge­uni­ver­sum, aus dem wir die ein­zel­nen Wer­te aus­wäh­len. In mei­nem Fall sind das euro­päi­sche Neben­wer­te. Aktiv gema­nag­te Fonds haben häu­fig einen Ver­gleichs­in­dex. Als akti­ve Port­fo­lio­ma­na­ger ver­su­chen wir, eine bes­se­re Per­for­mance als der Index zu erzie­len. Pas­si­ve Pro­duk­te bil­den die­se Indi­zes zum Bei­spiel eins zu eins ab.  

Welche Vorteile sehen Sie jeweils gegenüber dem anderen Produkt? 

Sophia Wurm: Der größ­te Unter­schied liegt bei den Kos­ten für die Anleger:innen. Ein ETF folgt einem Index und soll die­sen so genau wie mög­lich abbil­den. Im Unter­schied zu einem akti­ven Fonds müs­sen hier also kei­ne unter­schied­li­chen Ana­lys­ten befragt wer­den. Das spie­gelt sich natür­lich in den Kos­ten wider. Zusätz­lich gelingt nicht vie­len Fonds­ma­na­gern, die Index­per­for­mance zu schla­gen. Und selbst wenn das gelingt, muss die Per­for­mance ja deut­lich bes­ser sein als bei einem ver­gleich­ba­ren ETF bezie­hungs­wei­se Index, da zunächst die Mehr­kos­ten aus­ge­gli­chen wer­den müs­sen. Das ist auch der Grund, wes­halb ETF-Spar­plä­ne immer popu­lä­rer wer­den. Denn auch hier häu­fen sich über die Jah­re die Kos­ten, wes­halb es natür­lich bes­ser ist, die­se so gering wie mög­lich zu hal­ten. 

Vale­rie Schü­ler: Durch die zusätz­li­chen Ana­ly­sen und die Aus­wahl der Port­fo­lio­ma­na­ger haben Anleger:innen die Mög­lich­keit, eine bes­se­re Per­for­mance als der Index zu erzie­len. Mög­lich ist das bei­spiels­wei­se mit Hil­fe von Wer­ten, die ein uner­war­tet hohes Wachs­tum vor­wei­sen kön­nen.  

Außer­dem kann der Fonds­ma­na­ger in schwie­ri­gen Bör­sen­pha­sen fle­xi­bler agie­ren, indem er bei­spiels­wei­se Wer­te ver­kauft und das Geld in Kas­se hält. So kön­nen tur­bu­len­te Zei­ten leich­ter über­brückt wer­den. Aller­dings ist es gera­de im Bereich der Neben­wer­te eine schwie­ri­ge Stra­te­gie, Bar­mit­tel zu hal­ten. Die Liqui­di­tät ist hier nicht sehr hoch, wes­halb Ver­käu­fe einen nega­ti­ven Effekt auf die Akti­en­prei­se haben. Wenn der Markt wie­der steigt, müss­te man sich wie­der ein­kau­fen. Eine Alter­na­ti­ve, das Port­fo­lio in einer Kri­se sta­bil zu hal­ten, wäre es, die Zusam­men­stel­lung der ein­zel­nen Wer­te defen­si­ver aus­zu­rich­ten. Hier bie­ten sich bei­spiels­wei­se Wer­te aus der Gesund­heits­bran­che an. Auch in schwie­ri­ge­ren Zei­ten wird in Medi­zin inves­tiert, daher hal­ten sich die­se Akti­en übli­cher­wei­se bes­ser als bei­spiels­wei­se Papie­re aus dem Kon­sum­be­reich. Bei­de Stra­te­gien wer­den auf­grund der höhe­ren Liqui­di­tät aber eher im Bereich der Stan­dard­in­di­zes ange­wen­det als bei­spiels­wei­se bei den Neben­wer­ten. Im Grun­de ist es immer eine Abwä­gung zwi­schen Ren­di­te und Risi­ko.  

Frau Schüler, gerade bei den Kosten haben ETFs ja die Nase vorn. Wie schwierig ist es, diese Kosten durch entsprechende Performance auszugleichen? 

Vale­rie Schü­ler: Man sagt: Je inef­fi­zi­en­ter der Markt ist, des­to bes­ser sind die Chan­cen für eine Über­ren­di­te. Das betrifft vor allem klei­ne­re Wer­te, Neben­wer­te und Papie­re aus den Schwel­len­län­dern. Die­se Märk­te wer­den “inef­fi­zi­ent” genannt, weil die Unter­neh­men häu­fig weni­ger trans­pa­rent sind und nicht sehr vie­le Infor­ma­tio­nen frei zugäng­lich sind. Port­fo­lio­ma­na­ger kön­nen mit ihren Ana­ly­sen des­halb einen gro­ßen Mehr­wert lie­fern. Die­se Mög­lich­kei­ten neh­men im Stan­dard­wer­te­be­reich etwas ab. Das liegt dar­an, dass die­se Wer­te von einer grö­ße­ren Ana­lys­ten­ba­sis ver­folgt und ana­ly­siert wer­den. Die ver­füg­ba­ren Infor­ma­tio­nen sind bereits in den Kur­sen ein­ge­preist. Grö­ße­re Unter­neh­men haben zudem bes­se­re Mög­lich­kei­ten, in Kom­mu­ni­ka­ti­on und Inves­tor Rela­ti­ons zu inves­tie­ren. Nichts­des­to­trotz haben wir aber auch im Stan­dard­wer­te­be­reich mit Hil­fe unse­rer Allo­ka­tio­nen – also der Ver­tei­lung des Gel­des auf ver­schie­de­ne Sek­to­ren, Bran­chen oder Län­der – gute Mög­lich­kei­ten von der Bench­mark, also dem Ver­gleichs­in­dex, abzu­wei­chen.  

Wie sieht es in schwierigeren Marktphasen aus: Punktet hier der ETF oder der aktive Fonds? 

Sophia Wurm: Grund­sätz­lich kann ein Fonds­ma­na­ger natür­lich ein­zel­ne Wer­te aus dem Port­fo­lio wer­fen und sogar Bar­mit­tel hal­ten. Aber da besteht immer das Risi­ko, dass der Markt wie­der stei­gen könn­te. In dem Fall müss­te der Fonds­ma­na­ger sozu­sa­gen dem Markt hin­ter­her­ren­nen. Daher wird die­se Mög­lich­keit eher sel­ten genutzt. Aber was natür­lich stimmt, ist, dass Wer­te aus­ge­tauscht wer­den kön­nen. Das ist bei einem ETF nicht mög­lich, da er einen fest­ge­leg­ten Index abbil­det. Man folgt einem ETF also nicht nur nach oben, son­dern im Zwei­fel auch nach unten. Dem kann man aber ent­ge­gen­wir­ken, indem man nicht nur auf einen ein­zel­nen Index setzt, son­dern sich brei­ter auf­stellt. Alter­na­tiv gibt es immer noch die Mög­lich­keit der Umschich­tung. In unru­hi­gen Zei­ten kann man bei­spiels­wei­se Geld von einem ETF, der stark am Akti­en­markt par­ti­zi­piert, abzie­hen und in einen ETF inves­tie­ren, der eine defen­si­ve­re Stra­te­gie ver­folgt. 

Also sind in turbulenten Marktphasen aktive Fonds gar nicht unbedingt die bessere Wahl? 

Vale­rie Schü­ler: Nein, pau­schal kann man das nicht sagen. Das ist sehr vom Fonds­pro­fil abhän­gig. Gera­de defen­si­ve­re Fonds haben in schwie­ri­gen Zei­ten oft eine bes­se­re Ent­wick­lung als ETFs. Im Anla­ge­uni­ver­sum der Neben­wer­te ist es dage­gen deut­lich schwie­ri­ger in unru­hi­gen Markt­pha­sen eine höhe­re Per­for­mance zu erzie­len. Neben­wer­te sind deut­lich risi­ko­rei­cher und ver­lie­ren in schwie­ri­gen Markt­pha­sen schnel­ler als defen­si­ve Wer­te. In bes­se­ren Bör­sen­pha­sen kön­nen Neben­wer­te ihr Ren­dite­po­ten­zi­al dage­gen deut­lich stär­ker aus­spie­len.  

Sophia Wurm: Die Fra­ge ist hier immer, wel­ches Ein­zel­pro­dukt gewählt wird. Gene­rell soll­te man sich mei­nes Erach­tens weni­ger die Fra­ge stel­len, ob in tur­bu­len­ten Markt­pha­sen akti­ve oder pas­si­ve Pro­duk­te die bes­se­re Wahl sind. Viel wich­ti­ger ist die Grund­satz­fra­ge, wie ich mei­ne Anla­ge­stra­te­gie aus­rich­te. Es gibt durch­aus Berei­che, in denen akti­ve Fonds eine gute Wahl sein kön­nen. Aber die Fra­ge, wo und wie man inves­tie­ren möch­te, soll­te man lang­fris­tig tref­fen und nicht bei Tur­bu­len­zen direkt wie­der ver­wer­fen. Und um lang­fris­tig zu inves­tie­ren, sind ETFs ein wun­der­ba­res und kos­ten­güns­ti­ges Tool. Man kann unru­hi­ge Pha­sen aber gut nut­zen, um Invest­ments mit ange­spar­tem Geld wei­ter auf­zu­sto­cken. 

Eine Abschlussfrage an Sie beide:  Wie können Anleger:innen ihr Depot krisenfest aufstellen? 

Sophia Wurm: Grund­sätz­lich ist wie immer eine brei­te Diver­si­fi­ka­ti­on wich­tig. Ist das Depot ent­spre­chend auf­ge­stellt, rich­ten Tur­bu­len­zen lang­fris­tig wenig Scha­den an. Außer­dem hilft ein lan­ger Anla­ge­ho­ri­zont. Fan­ge ich schon in jun­gen Jah­ren an, ETFs zu bespa­ren, macht ein Bör­sen­crash auf lan­ge Sicht nicht viel aus. Außer­dem soll­te man sich über sei­ne Risi­ko­nei­gung Gedan­ken machen. Und dann gilt es glo­bal und breit diver­si­fi­ziert zu inves­tie­ren. Und vor allem: der eige­nen Stra­te­gie treu zu blei­ben. Nur weil es an den Bör­sen mal kracht, muss man nicht gleich das gesam­te Anla­ge­kon­zept in Fra­ge stel­len. 

Vale­rie Schü­ler: Wir soll­ten uns von dem Den­ken ver­ab­schie­den, dass man sein Depot in tur­bu­len­ten Pha­sen kri­sen­fest machen muss. Viel wich­ti­ger sind die Fra­gen nach dem Ziel der Geld­an­la­ge, dem Anla­ge­ho­ri­zont und der Risi­ko­be­reit­schaft. Gera­de bei einem kür­ze­ren Anla­ge­zeit­raum wür­de ich immer von risi­ko­rei­che­ren Invest­ments abra­ten. Der Grund ist ganz ein­fach: Im schlimms­ten Fall benö­tigt man in einer tur­bu­len­ten Pha­se Geld und muss die Akti­en unter Wert ver­kau­fen. Das ist ärger­lich. Auch weil man in der Kon­se­quenz die Erho­lungs­pha­se ver­passt. Des­halb ist es bei einem kür­ze­ren Anla­ge­ho­ri­zont bes­ser, auf defen­si­ve­re Wer­te zu set­zen. Wer aller­dings lang­fris­tig anlegt, kann auch risi­ko­rei­che­re Seg­men­te mit in die Aus­wahl neh­men. Denn Stu­di­en zei­gen, dass es an den Bör­sen auf lan­ge Sicht bis­lang immer auf­wärts ging. Wich­tig ist nur, sich in tur­bu­len­ten Pha­sen nicht aus der Ruhe brin­gen zu las­sen.  

Über Sophia Wurm 

Sophia Wurm ist seit drei Jah­ren Vice Pre­si­dent von SPDR ETFs. Dort ver­ant­wor­tet sie mit Ihren Kol­le­gen den Ver­trieb von ETFs an insti­tu­tio­nel­le Kun­den wie Pri­vat­ban­ken und Asset­ma­na­ger in Deutsch­land und Öster­reich. SPDR ETFs ist die ETF-Mar­ke von Sta­te Street Glo­bal Advi­sors, einem inter­na­tio­na­len Ver­mö­gens­ver­wal­ter. Sta­te Street hat den ers­ten ETF auf den S&P 500 bege­ben. Er ist bis heu­te der ETF mit den meis­ten Assets und glo­bal das liqui­des­te Wertpapier. 

Über Vale­rie Schüler 

Vale­rie Schü­ler ist Port­fo­lio­ma­na­ge­rin bei der DWS. Schü­ler ist im Bereich Akti­en auf euro­päi­sche Neben­wer­te fokus­siert. Die DWS ist ein Ver­mö­gens­ver­wal­ter für pri­va­te und insti­tu­tio­nel­le Kun­den wie Pen­si­ons­fonds oder Pen­si­ons­kas­sen. Kun­den kön­nen dort ihr Geld über Fonds in ver­schie­de­nen Ver­mö­gens­klas­sen anle­gen. Die­se Ver­mö­gens­klas­sen sind bei­spiels­wei­se Immo­bi­li­en, Anlei­hen oder Aktien. 

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