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    Heide Straub, ©ComTeam AG

„Eine Veränderung muss nicht immer beruflich sein“

2021-11-04T12:04:14+01:004. November 2021|

Gleich­be­rech­tigt arbei­ten und die Kin­der betreu­en, die­ses Modell haben Hei­de Straub und ihr Mann schon in einer Zeit gelebt, als die Rol­len­bil­der von Mann und Frau noch ganz ande­re waren. Zusam­men haben sie das Coa­ching- und Bera­tungs­un­ter­neh­men Com­Team 1974 gegrün­det und damit ihre Visi­on von einem idea­len Arbeits­um­feld geschaf­fen. War­um ein gewis­ses Alter auch bei weib­li­chen Coa­ches mitt­ler­wei­le gefragt ist, wo Füh­rungs­kräf­te noch an sich arbei­ten kön­nen und wie man Umbrü­che im Leben angeht, erzählt Straub im Interview. 

Von Clau­dia Vallentin

Warum ist Alter in der Coaching Branche von Vorteil?

Ich mer­ke immer mehr, dass Men­schen mit Lebens­er­fah­rung gefragt sind. Denn das sorgt für Ver­trau­en, so dass sich Coa­chees auch sicher füh­len kön­nen, was sehr wich­tig ist, um auch über alles reden zu kön­nen. Aber das mit dem Alter galt für Frau­en nicht immer. Als ich 50 gewor­den bin, also vor 22 Jah­ren, da waren die älte­ren Män­ner sehr wohl ange­se­hen, wir Frau­en aber eher nicht. Das hat sich wirk­lich zum Posi­ti­ven ver­än­dert und das Alter spielt auch bei weib­li­chen Coa­ches eine Rolle.

Das ist doch dann aber zum Nachteil von jungen Coaches, wenn vor allem die älteren angefragt werden.

Nein, kei­nes­falls. Denn ich hat­te zum Bei­spiel mal einen jun­gen Stu­den­ten im Coa­ching und merk­te, wie weit ich von sei­ner Welt ent­fernt bin. Ich habe ihm dann einen jün­ge­ren Kol­le­gen emp­foh­len und das hat gut geklappt. Es ist gut, wenn wir Älte­ren auch unse­re Gren­zen ken­nen und zurück­tre­ten kön­nen. Inso­fern gibt es für unter­schied­li­che Ziel­grup­pen auch jeweils pas­sen­de Coa­ches. Es kann aber auch sehr posi­tiv sein, wenn Alt und Jung zusammenkommen.

Du hast ja viel Erfahrung im Bereich Unternehmens- und Führungskräftecoaching – wie hat sich denn in den Unternehmen das Verhältnis von Alt und Jung verändert?

Das kommt ganz auf die Bezie­hung zwi­schen Jün­ge­ren und Älte­ren an. Natür­lich hat sich viel ver­än­dert, es gibt sehr viel mehr jun­ge Füh­rungs­kräf­te, die dann auch Men­schen in ihrem Team haben zu denen der Alters­un­ter­schied sehr groß ist. Das gelingt dann posi­tiv, wenn sich bei­de Sei­ten Respekt und Wert­schät­zung ent­ge­gen­brin­gen und dann kann es wirk­lich eine Berei­che­rung sein. Wenn aber die Älte­ren mei­nen, sie hät­ten auf­grund ihres Alters oder ihrer lan­gen Unter­neh­mens­zu­ge­hö­rig­keit Son­der­rech­te und Pri­vi­le­gi­en, dann funk­tio­niert es genau­so wenig, wie wenn die Jün­ge­ren respekt­los mit den älte­ren Kol­le­gen umge­hen und die­se sich abge­wer­tet fühlen.

Was können denn, Deiner Meinung nach, Führungskräfte besser machen?

Das kann man pau­schal natür­lich nicht sagen, aber vie­le Füh­rungs­kräf­te machen den Feh­ler, dass sie zu viel zu ihren Mit­ar­bei­tern hin­re­den, anstatt mal nach­zu­fra­gen. Gera­de eben wenn es Schwie­rig­kei­ten gibt, macht es Sinn, die Mit­ar­bei­ter nach Ideen und Lösungs­vor­schlä­gen zu fra­gen und sich als Füh­rungs­kraft auch selbst zu hinterfragen.

Sind Dir beim Coaching Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Führungskräften aufgefallen oder ist dieses Vorurteil total überholt?

Nun ja, wenn man es ganz schwarz-weiß betrach­ten möch­te, wür­de ich ganz vor­sich­tig sagen, dass sich männ­li­che Füh­rungs­kräf­te eher schwer tun, von der Sach­ebe­ne auf die Bezie­hungs­ebe­ne zu gehen. Es gibt da die Nei­gung sich hin­ter der Sache zu ver­ste­cken. Und es gibt natür­lich vie­le Aus­nah­men. Bei Frau­en ist es eher anders her­um und ich sehe eher die Ten­denz, dass sie den Fokus auf die Bezie­hung zu den Mit­ar­bei­tern legen und die The­men in den Hin­ter­grund gera­ten. Und klar, Anteil­nah­me und Empa­thie sind super für eine Füh­rungs­kraft! Ich glau­be, hier kön­nen Män­ner und Frau­en sich zusam­men­tun und von­ein­an­der lernen.

Du hast mit Deinem Mann zusammen die Firma ComTeam gegründet. Und zwar in einer Zeit, in der Frauen noch ihre Arbeitsverträge von ihrem Ehemann unterzeichnen lassen mussten. Wie war es, als Frau in dieser Zeit zu gründen?

Zu der Grün­dung kam es ja, weil wir bei­de einen Ent­wurf vom Leben und Arbei­ten schaf­fen woll­ten, der zu uns und unse­rer Lebens­si­tua­ti­on gepasst hat. Mein Mann war Bera­ter und unter der Woche immer unter­wegs. Ich hat­te gera­de mei­ne Aus­bil­dung zur Ergo­the­ra­pie, die ich mir sehr erkämpft habe, abge­schlos­sen. Ich woll­te also auch in dem Beruf arbei­ten und nicht zuhau­se blei­ben, wenn wir Kin­der bekom­men. Das heißt wir haben die Fir­ma gegrün­det, damit wir gleich­be­rech­tigt arbei­ten, aber auch die Kin­der betreu­en kön­nen. Und zum ande­ren hat­ten wir eine Visi­on, wie wir mit­ein­an­der und mit ande­ren zusam­men­ar­bei­ten woll­ten. Wir woll­ten eine Atmo­sphä­re schaf­fen, in der man gut arbei­ten kann, zusam­men Ent­schei­dun­gen trifft, gute Lösun­gen fin­det und in Räu­men arbei­tet, in denen man sich wohl­fühlt. Wir haben des­halb auch ein Haus am Tegern­see bezo­gen und dort ein Tagungs­ho­tel ein­ge­rich­tet. Wir woll­ten ein­fach sel­ber die Arbeits­be­din­gun­gen bestim­men und gleich­zei­tig Arbeit und Fami­lie unter einen Hut bringen.

Hat das immer funktioniert?

Es war nicht immer ganz kon­flikt­frei und es gab auch Situa­tio­nen in denen ich viel gear­bei­tet habe und noch einen wei­te­ren Auf­trag hät­te anneh­men kön­nen. Aber ich habe mich dann auch gefragt, wie ich auf die­se Zeit zurück­bli­cken wür­de, wenn die Kin­der älter sind und ob die Ent­schei­dun­gen im Nach­hin­ein rich­tig sein wür­den. Und ich habe mich dann häu­fi­ger auch für die Kin­der ent­schie­den, weil die nicht mit dem Grö­ß­er­wer­den war­ten bis Mama zu Hau­se ist. Irgend­wann ist das dann vor­bei und man kann es nicht nachholen.

Diesen Konflikt haben wohl alle arbeitenden Mütter. Kann man Kind und Karriere vereinen?

Ich den­ke schon, dass das geht. Aber man braucht ein Netz­werk, das einen unter­stützt. Zwar ist die Kin­der­be­treu­ung seit den sieb­zi­ger Jah­ren erheb­lich bes­ser gewor­den, aber ohne Mit­hil­fe von Groß­el­tern oder Freun­din­nen wird es schwie­rig. Und man kann sei­nen Arbeits­all­tag schon so orga­ni­sie­ren, dass man recht­zei­tig nach Hau­se kommt, Mee­tings am Abend müs­sen nicht die Regel sein. Aber dafür muss ein Umden­ken in der Unter­neh­mens­kul­tur statt­fin­den und viel­mehr noch ein Wer­te­wan­del in der Gesellschaft.

Hast du dahingehend auch Diskriminierung erlebt?

Ja, aber eher im Pri­va­ten. Es hab durch­aus Freun­din­nen, die ver­mut­lich nei­disch waren, dass ich Mama und berufs­tä­tig bin, dass mein Mann und ich uns die Kin­der­be­treu­ung auf­tei­len. Viel­leicht weil sie es nicht konn­ten oder wollten.

Und du wurdest als schlechte Mutter hingestellt?

Genau, weil wenn man arbei­tet und sich selbst ver­wirk­licht wäre das ja auf Kos­ten der Kin­der. Das waren schon har­te Bro­cken, die ich damals hin­ge­wor­fen bekom­men habe. Mir wur­de mal gesagt, mei­ne Kin­der wären des­halb so oft krank, weil ich berufs­tä­tig bin. Aber es gab auch viel Unter­stüt­zung von ande­ren aus dem Freun­des- oder Kollegenkreis.

Wie wurdest Du als Mitgründerin wahrgenommen?

Am Anfang wur­de ich kaum wahr­ge­nom­men. Wenn wir zum Bei­spiel Vor­stän­de mode­riert haben, dach­ten die Kun­den ich wäre die Assis­ten­tin mei­nes Man­nes. Wir hat­ten dann aus­ge­macht, dass vor allem ich in der ers­ten hal­ben Stun­de rede und mein Mann sich zurück­hält. Beim Mit­tag­essen war dann aber wie­der eine neue Situa­ti­on. Ein­mal saß ich neben einem Vor­stands­vor­sit­zen­den, mein Mann ihm schräg gegen­über. Mit mir rede­te er über die Kin­der, mit mei­nem Mann über Zah­len, Daten und Fak­ten. Bis mein Mann zu ihm sag­te, dass man mit ihm auch über die Kin­der reden könn­te. Und sol­che Situa­tio­nen gab es zuhauf.

Ist das nicht frustrierend?

Ja auf Dau­er schon, es war vor allem anstren­gend. Des­halb bin ich dann Anfang der neun­zi­ger Jah­re auch ins Coa­ching gegan­gen. Da hat­te ich Akzep­tanz, muss­te nicht immer kämp­fen und das war eine sehr gute Ent­schei­dung, es hat mein Leben leich­ter gemacht.

Würdest Du Deinen Beruf als Berufung bezeichnen?

Abso­lut. Als ich damals mit dem Coa­ching anfing, da wuss­te ich: das ist es! Und solan­ge ich sehen und hören kann, kann ich das auch gut machen. Und ich mache es jetzt auch immer noch, zum Bei­spiel für die Frau­en­aka­de­mie Mün­chen. Dort bera­te ich Frau­en, die sich gera­de in einer Umbruch­si­tua­ti­on befin­den und die nach einer Ver­än­de­rung suchen.

Geht das denn so einfach? Eine Veränderung?

Mir war im Coa­ching auf jeden Fall immer wich­tig rea­lis­tisch zu blei­ben.  Es hat ja kei­nen Sinn, wenn jemand davon träumt, jetzt eine Welt­um­se­ge­lung zu machen, aber finan­zi­ell geht es über­haupt nicht. Oder mit Mit­te Drei­ßig ein Medi­zin­stu­di­um zu begin­nen. Und trotz­dem kann man, wenn man unzu­frie­den ist, sein Leben auf den Prüf­stand stel­len und her­aus­fin­den, wor­an man eigent­lich Freu­de hat, was einen berei­chert und Ener­gie bringt. Eine Ver­än­de­rung muss nicht immer beruf­lich sein und der Beruf muss auch nicht Beru­fung sein. Es ist wich­tig, her­aus­zu­fin­den, für was man lei­den­schaft­lich ist. Man­che fin­den das im Beruf und ande­re in der Freizeit.

Was würdest Du denn Frauen raten, die selber gründen wollen?

Dass sie prü­fen, ob die Idee Sinn ergibt und sie mit ihren Wer­ten ein­her­geht. Dass sie ihre Netz­wer­ke nut­zen, die sozia­len, sowie die fach­li­chen – das ist unab­ding­bar. Und man soll­te einen guten Steu­er­be­ra­ter oder eine gute Buch­hal­te­rin fin­den, damit die Finan­zen in guten Hän­den sind.

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