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Durchbruch fürs Tandem

2021-07-21T09:22:56+02:0019. Juli 2021|

Jana Tepe und Anna Kai­ser blogg­ten schon über digi­ta­les Arbei­ten, als Deutsch­land noch im Büro-Dorn­rös­chen­schlaf lag. Dann ent­wi­ckel­ten sie eine Platt­form, die Job­sha­ring-Part­ner zusam­men­bringt. Heu­te rei­ßen sich Groß­kon­zer­ne um ihre Software.

Von Michae­la Stemper

Wer den Hin­ter­grund von Jana und Anna kennt, kommt nicht auto­ma­tisch dar­auf, dass die bei­den ein Tech-Start-up gegrün­det haben. „Als Kind aus einem Beam­ten­haus­halt kam mir nie der Gedan­ke, Unter­neh­me­rin zu sein“, sagt Jana Tepe, „heu­te will ich nichts ande­res als grün­den.“ Auch Anna Kai­ser begann abseits vom Start-up-Busi­ness – als Grundschullehrerin.

Doch im Jahr 2013 änder­te sich ihr Leben: Uner­war­tet erhielt Jana als Mit­ar­bei­te­rin einer Per­so­nal­be­ra­tung eine Bewer­bung für eine Füh­rungs­po­si­ti­on im Tan­dem. Das heißt, zwei Per­so­nen bewar­ben sich als Duo auf eine Stel­le. Das fas­zi­nier­te die jun­ge Per­so­na­le­rin. Der Fun­ke sprang noch auf dem Büro­flur auf ihre Kol­le­gin Anna über. Die erin­nert sich: „Wir haben uns gegen­sei­tig hoch­ge­schau­kelt, weil wir es einen coo­len, kon­kre­ten Ansatz fan­den, Arbeit zu flexibilisieren.“

Bei­de recher­chier­ten noch am glei­chen Abend: Job­sha­ring kam in den 60ern in den USA, in den 80ern in Deutsch­land auf, setz­te sich aber nicht durch. Dabei steckt in dem Ansatz die gro­ße Aus­sicht auf mehr Chan­cen­gleich­heit, auf eine Lösung für Frau­en in Füh­rung und Teil­zeit. Die Idee war gebo­ren: Tand­em­part­ner wie Unter­neh­men soll­ten sich auf einem neu­en Markt­platz fin­den. Zwei Tage nach dem Aha-Moment kün­dig­ten beide.

Impro­vi­siert, eng, leicht chao­tisch: So muss man sich das Wohn­zim­mer­bü­ro vor­stel­len, in dem die bei­den los­leg­ten. „Die ers­te Zeit war auf­re­gend. Da wir nur zwei Mona­te über­brü­cken konn­ten, mach­ten wir uns sofort an die Geld­be­schaf­fung“, erin­nert sich die heu­te 34-jäh­ri­ge Jana. Kapi­tal bekam das Tech­duo dann uner­war­tet schnell: durch das Exist-Grün­dersti­pen­di­um des Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums. Ihre Arbeit an der Idee wur­de mit 100 000 Euro geför­dert. Büro­räu­me wur­den von der Uni gestellt. So fan­den die bei­den auch ihren heu­ti­gen Tech­nik­lei­ter. Rico Nuguid hat­te gera­de bei IBM gekün­digt, weil er ins Start-up-Busi­ness ein­stei­gen woll­te – das pass­te perfekt.

Die Mache­rin­nen leis­te­ten viel Auf­klä­rungs­ar­beit und blogg­ten zu einem The­ma, das bald zum fes­ten Begriff wer­den soll­te: New Work. „Pres­se wie Unter­neh­men wur­den auf uns auf­merk­sam, noch bevor wir ein ers­tes Pro­dukt hat­ten“, erzählt Anna. Bis heu­te leis­ten sie Pio­nier­ar­beit und zei­gen Hal­tung, wenn es um moder­ne Arbeits­for­men geht. Sie gel­ten als gute Netz­wer­ke­rin­nen bis in die höchs­ten Unter­neh­mens­ebe­nen und sind in Gre­mi­en wie dem Digi­tal­rat oder dem Ethik­bei­rat HR-Tech engagiert.

„Unse­re B2C-Platt­form, eine Art Tin­der für Job­sha­ring, war nach zehn Mona­ten fer­tig“, beschreibt Anna die Anfän­ge. Als Ers­te auf dem Por­tal prä­sen­tier­ten sich gro­ße Start-ups wie Bab­bel und Idea­lo, aber auch Metro oder die Bar­mer Ersatz­kas­se. Ihr größ­ter Schritt sei 2016 die „Pivo­tie­rung“ des Busi­ness hin zu inter­ner Fir­men­soft­ware, dem „Talent-Mar­ket­place“, gewe­sen. Pivo­tie­rung? In der Grün­der­spra­che zeigt man damit einen Kurs­wech­sel an. Sie hiel­ten nicht starr an der B2C-Aus­rich­tung fest, son­dern pass­ten das Geschäfts­mo­dell an.

„Heu­te wis­sen wir: Fir­men suchen in Aus­schrei­bun­gen genau danach. Tand­em­ploy ist ein abso­lu­ter Pro­duct-Mar­ket-Fit“, erklärt Anna die Vor­zü­ge ihrer Software.

Und die­se Vor­zü­ge über­zeug­ten: DAX-Kon­zer­ne wie Bei­ers­dorf und RWE klopf­ten an. Als schließ­lich der Soft­ware­rie­se SAP Tand­em­ploy SaaS imple­men­tier­te, fühl­te sich das für die Grün­de­rin­nen wie ein Rit­ter­schlag an. Wenn die Ber­li­ne­rin­nen heu­te in Aus­schrei­bun­gen gehen, kon­kur­rie­ren sie mit den Gro­ßen der Soft­ware­bran­che. Inzwi­schen kom­men inter­na­tio­na­le Unter­neh­men mit bis zu 300 000 Mit­ar­bei­tern auf sie zu. Gezahlt wird nach Anzahl der Mitarbeiter:innen; gro­ße Kon­zer­ne ber­gen also viel Poten­zi­al. Das Umsatz­vo­lu­men lie­ge im sie­ben­stel­li­gen Bereich mit einer Wachs­tums­ra­te von 200 Pro­zent, ver­rät Jana.

Was sie aller­dings auch durch­bli­cken lässt: Pio­nie­rin sein ist nicht immer leicht. „Job­sha­ring war ein exo­ti­sches The­ma“, erin­nert sich die Grün­de­rin. Unter­neh­men begeis­ter­ten sich für die Idee, wuss­ten aber nicht, wie sie es ein­ord­nen soll­ten. Lan­ge Ver­kaufs­zy­klen vom Erst­kon­takt bis zum Ein­satz frus­trier­ten das Team. Denn Hür­den – vom hohen Preis über Geneh­mi­gun­gen des Betriebs­rats bis hin zu Daten­schutz und IT-Secu­ri­ty – gibt es viele.

Doch die bei­den Grün­de­rin­nen lie­ßen nicht locker, leis­te­ten viel Über­zeu­gungs­ar­beit. „Wir hel­fen, Silos zu öff­nen und Wis­sen zu ver­net­zen. Wir fra­gen: Was kön­nen Mit­ar­bei­ten­de, was möch­ten sie ler­nen, und was ist der Unter­neh­mens­nut­zen?“, sagt Jana. Ihre Soft­ware­um­ge­bung bie­tet dafür den geeig­ne­ten Raum. „Das Tool ist so auf­ge­baut, dass man maxi­mal viel Lust hat, damit zu arbei­ten. Wir fra­gen: Was inter­es­siert dich? Ein Pro­jekt? Eine neue Loca­ti­on? Das weckt Auf­merk­sam­keit“, so Anna. Es fol­gen Fra­gen nach Fähig­kei­ten und Talen­ten. Per Algo­rith­mus wer­den pas­sen­de Kandidat:innen gematcht.

Und die Unter­neh­men? Bei ihnen stün­den gera­de in Coro­na-Zei­ten Matchings für Pro­jek­te und Kurz­ein­sät­ze im Fokus. „Neu­es und kol­la­bo­ra­ti­ves Arbei­ten erhielt einen Mega-Push“, bestä­tigt Jana. Unter­neh­men suchen Lösun­gen für Home­of­fice-Situa­tio­nen und müs­sen zum Teil ad hoc Pro­jekt­teams auf­set­zen. Ganz aktu­ell sogar beim Auf­bau eige­ner Impfstraßen.

Businessplan auf Postkarten

Neu den­ken, die aus­ge­tre­te­nen Pfa­de ver­las­sen – dafür ste­hen Jana und Anna auch bei der Investor:innensuche. Die begann ziem­lich nor­mal: Zwei Busi­ness Angels hal­fen mit klei­ne­ren Beträ­gen und Know-how. 2015 konn­ten die Tand­em­ploy-Grün­de­rin­nen ihre Idee dann im Micro­soft-Acce­le­ra­tor-Pro­gramm aus­ge­wähl­ten Geld­ge­bern vor­stel­len. Die selbst­be­wuss­te Jana erin­nert sich dabei an Gesprä­che mit unsym­pa­thi­schen Ven­ture-Capi­tal-Finan­ziers. Also dach­ten die bei­den das The­ma Finan­zie­rung neu: Sie recher­chier­ten, wel­che der 500 reichs­ten Deut­schen ähn­li­che Wer­te ver­tre­ten wie sie selbst. Die­se erhiel­ten einen Busi­ness­plan auf zwölf bun­ten Post­kar­ten – beglei­tet von einem hand­ge­schrie­be­nen Brief. Die Akti­on schlug ein: Sie brach­te eine hohe Rück­mel­de­quo­te und die ers­te Mil­li­on. Das Unkon­ven­tio­nel­le behiel­ten sie bei: Als ein Juror eines Start-up-Awards ihnen Finan­zie­rungs­hil­fe anbot, nah­men sie sei­ne „Bewer­bung“ ent­ge­gen, for­der­ten aber mehr Geld – was sie durch ein Inves­to­ren­tan­dem letzt­lich bekamen.

Und ihr aktu­el­ler Coup? Der dreht sich auch ums The­ma Finan­zen und lau­tet: der männ­li­chen Invest­m­ent­welt mit „All fema­le Invest­ment“ ent­ge­gen­tre­ten. „Von Frau­en gegrün­de­te Start-ups bekom­men gera­de mal ein Drit­tel der Inves­to­ren­gel­der, die männ­li­che Grün­der ein­sam­meln. Das muss sich ändern!“, sagen Jana und Anna. Um das The­ma stär­ker in den Blick­punkt zu rücken, ver­kauft ihr Start-up 2021 Antei­le – und zwar ganz bewusst aus­schließ­lich an Frauen.

Eine der Stär­ken des Füh­rungs­du­os ist Zuhö­ren. So frag­ten sie auch ihr Team: Wie wür­det ihr euch wün­schen, nach Coro­na zu arbei­ten? Das Ergeb­nis: Das Gros freut sich aufs Büro, möch­te aber etwas mehr Home­of­fice-Zeit. Jana emp­fin­det eine Fif­ty-fif­ty-Lösung als perfekt.

Wenn die Mitarbeiter:innen dann doch etwas häu­fi­ger ins Büro kom­men, wür­de einen das auch nicht wun­dern. In einer alten Remi­se in Ber­lin haben sich die Grün­de­rin­nen näm­lich eine, wie sie selbst sagen, „extrem schö­ne Umge­bung geschaf­fen“. Wann immer mög­lich, arbei­ten sie drau­ßen. Mee­tings machen sie sogar beim Spa­zier­gang. Im hel­len Büro herrscht Wohn­zim­mer­f­lair: Holz und Natur­ma­te­ria­li­en domi­nie­ren, die Möbel sind selbst gebaut. Und wenn Investor:innen oder Kund:innen das Büro betre­ten, fra­gen sie sogar, ob sie die Schu­he aus­zie­hen sollen.

Das Unternehmen

Im Jahr 2013 grün­de­ten die Per­so­na­le­rin­nen Jana Tepe und Anna Kai­ser in Ber­lin die Fir­ma Tand­em­ploy als Wohn­zim­mer-Start-up. Ihre Soft­ware wur­de für die Suche geeig­ne­ter Job­sha­ring-Part­ner ent­wi­ckelt und kann seit 2017 zum Bei­spiel auch unter­neh­mens-intern für das Matching von Sharing- und Men­to­ring-Tan­dems sowie die Zusam­men­stel­lung von Teams ein­ge­setzt wer­den. Das 30-köp­fi­ge Tand­em­ploy-Team hilft Unter­neh­men damit, kol­la­bo­ra­ti­ver und ver­netz­ter zu arbei­ten. Gegrün­det hat das Duo mit 100 000 Euro durch Sti­pen­di­en des Bun­des. Heu­te brin­gen ihre Finan­zie­rungs­run­den Mil­lio­nen­be­trä­ge von Inves­to­ren ein.

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