Startseite/Überraschend starke Zinserhöhung: Die Folgen für Aktien, Anleihen, Kryptos und Gold
  • Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt, ©Tobias - stock.adobe.com

Überraschend starke Zinserhöhung: Die Folgen für Aktien, Anleihen, Kryptos und Gold

2022-07-21T15:36:22+02:0021. Juli 2022|

Geld wird deut­lich teu­rer. Auch in Euro­pa. Nach lan­ger Dis­kus­si­on. Denn um die Infla­ti­on zu bekämp­fen, grei­fen die Noten­ban­ken zu einem pro­ba­ten Mit­tel: Zins­er­hö­hun­gen. Die FED hat es vor­ge­macht, die Bank of Eng­land und sogar die Schwei­ze­ri­sche Natio­nal­bank folg­ten. Und nun erhöht die EZB um 0,5 Pro­zent­punk­te. Doch wel­che Fol­gen hat das für die Geldanlagen?

Von Ant­je Erhard

Im Juni wag­te die US-Noten­bank FED die größ­te Zins­er­hö­hung seit 1994. Ziel war und ist, der rekord­ho­hen Infla­ti­on bei­zu­kom­men. Infla­ti­ons­sor­gen hat­ten bereits im Mai die Bör­sen auf Tal­fahrt geschickt und die Men­schen welt­weit auf­ge­schreckt. Inzwi­schen steht die Infla­ti­on in den USA bei 9,1 Pro­zent, in Deutsch­land bei 7,6 Pro­zent. Eine Tank­fül­lung genügt, um zu sehen, dass die Teue­rung längst bei uns Verbraucher:innen ange­kom­men ist. 

Doch jetzt ist die Gefahr, dass stei­gen­de Zin­sen das Wirt­schafts­wachs­tum abwür­gen. Rezes­si­on ist das neue Angst-Wort. Es schick­te US-Stan­dard-Akti­en in den Bären­markt, was bedeu­tet, dass sie zum Hoch min­des­tens 20 Pro­zent ver­lo­ren haben. Noch här­ter hat­te es ein­zel­ne Sek­to­ren getrof­fen: So hat­ten sich Tech-Akti­en zum Teil im Wert hal­biert, Anlei­hen­kur­se stürz­ten ab, selbst Gold als Kri­sen-Wäh­rung kam unter die Räder. 

Seit Wochen kur­siert an den Kapi­tal­märk­ten die Fra­ge, ob die Euro­päi­sche Zen­tral­bank die Leit­zin­sen um 0,25 oder ange­sichts der Rekord-Infla­ti­on um 0,5 Pro­zent­punk­te erhöht. Die Kri­tik war ohne­hin groß: Zu zöger­lich und lang­sam gehe die EZB vor, um der Infla­ti­on Herr zu wer­den, war­fen ihr Öko­no­men vor. Bis­her hat­te die EZB-Che­fin Chris­ti­ne Lagar­de einen klei­nen Zins­schritt in Aus­sicht gestellt. Die Steue­rung der Infla­ti­on spielt in der Geld­po­li­tik die ent­schei­den­de Rol­le. Doch die EZB ist in einer schwie­ri­gen Lage. Einer­seits muss sie end­lich gegen die Infla­ti­on vor­ge­hen, ande­rer­seits muss sie dar­auf ach­ten, dass die hoch­ver­schul­de­ten Mit­glieds­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on nicht über­las­tet wer­den mit stei­gen­den Kreditzinsen.

Zuletzt hat­te Jean-Clau­de Tri­chet als EZB-Chef die Zin­sen im Som­mer 2011 ange­ho­ben. Mario Draghi als sein Nach­fol­ger hat­te die Zin­sen nie erhöht, auch Chris­ti­ne Lagar­de als fol­gen­de EZB-Prä­si­dent bis dato nicht.

Helaba: Weitere Zinserhöhungen werden folgen

„Die EZB lei­tet die Zins­wen­de in einer sehr schwie­ri­gen Zeit ein“, kom­men­tiert Ulrich Wort­berg von der Hela­ba. Einer­seits set­ze die Infla­ti­on die Wäh­rungs­hü­ter unter Hand­lungs­druck, ande­rer­seits sei­en aber die Kon­junk­tur­ri­si­ken gestie­gen. „Es gibt hohe Roh­stoff­prei­se und Ver­sor­gungs­ängs­te, Lie­fer­eng­päs­se sowie geo­po­li­ti­sche Ver­un­si­che­rung. Letzt­lich scheint sie sich aber eher der Preis­ni­veau­sta­bi­li­tät ver­pflich­tet zu füh­len und daher sind wei­te­re Zins­er­hö­hung zu erwarten.“

Deutsche Bank: Wohl lange keine negativen Zinsen mehr in Europa

„Wir kön­nen nicht genug beto­nen, wie unge­wöhn­lich die letz­ten 8 Jah­re his­to­risch betrach­tet waren“, kom­men­tiert Jim Reid von der Deut­schen Bank (Anmer­kung der Redak­ti­on: Acht Jah­re waren der Zeit­raum nega­ti­ver Zin­sen, elf Jah­re der Zeit­raum ohne Zins­er­hö­hung). Wenn man beden­ke, dass die Infla­ti­ons­kräf­te schon vor Covid gedreht haben und nun wei­ter in die­se Rich­tung gehen, sei es mög­lich, dass wir in Euro­pa kei­ne nega­ti­ven Zins­sät­ze mehr sehen wer­den, so weit das Auge rei­che. „Ange­sichts der Ener­gie­kri­se, einer wahr­schein­li­chen Rezes­si­on im nächs­ten Jahr und der hohen Wahr­schein­lich­keit von Wah­len in Ita­li­en im Sep­tem­ber ist das eine gewag­te The­se, aber die Welt der 2020er Jah­re unter­schei­det sich in makro­öko­no­mi­scher Hin­sicht sehr von der Welt der 2010er Jahre.“

Den­noch: Das Ende von elf Jah­ren Sorg­lo­sig­keit ist gekom­men: Ein his­to­ri­scher Tag. Die Zei­ten nied­ri­ger Zin­sen und bil­li­gen Gel­des, die enor­me Kurs­stei­ge­run­gen bei Akti­en oder Immo­bi­li­en aus­ge­löst hat­ten, sind vor­bei. Nach der FED und ande­ren Noten­ban­ken rund um den Glo­bus erhöht nun auch die Euro­päi­sche Zen­tral­bank die Leit­zin­sen in der Euro­zo­ne. Das sind die Zin­sen, zu denen sich Ban­ken bei der Noten­bank Geld lei­hen kön­nen, um es dann an ihre Kund:innen als Kre­di­te wei­ter­rei­chen zu kön­nen. 

Spareinlagen: Tages- und Festgeld werfen weiterhin kaum etwas ab

Die EZB schafft also Nega­tiv­zin­sen ab. Damit dürf­ten die Ban­ken Ver­wah­rent­gel­te für ihre Kun­den eben­falls abschaf­fen. Doch Spar­ein­la­gen wie Tages- oder Fest­geld wer­fen nach wie vor wenig ab. Schon im Vor­feld der ers­ten Zins­er­hö­hung hat­ten eini­ge Ban­ken Zin­sen für Tages- und Fest­geld zwar etwas erhöht. Doch die Infla­ti­on frisst even­tu­el­le Zin­sen nach wie vor auf.

Realzinsen bleiben niedrig

Die Real­zin­sen blei­ben aber auch mit stei­gen­den Zin­sen in der Euro­zo­ne auf abseh­ba­re Zeit im Minus. Das sind die Zin­sen abzüg­lich der Infla­ti­on. Die­se liegt in Deutsch­land der­zeit bei 7,6 Pro­zent. Die EZB erwar­tet in die­sem Jahr trotz Zins­er­hö­hun­gen 6,8 Pro­zent Geld­ent­wer­tung. Bis­lang war sie von sechs Pro­zent aus­ge­gan­gen.  

Immobilien-Darlehen: Bauzinsen steigen und steigen

Was auf dem Spar­kon­to eher schlep­pend ankom­men wird, ist bei Kre­dit­zin­sen Rea­li­tät: Kre­dit­zin­sen stei­gen. Vor allem bei Immo­bi­li­en-Kre­di­ten machen Immobilien-Käufer:innen der­zeit die­se Erfah­rung. Effek­tiv sind die Zin­sen für Stan­dard-Immo­bi­li­en-Finan­zie­run­gen mit zehn Jah­ren Zins­bin­dung auf effek­tiv 3,3 Pro­zent gestie­gen. So hohe Zin­sen gab es zehn Jah­re lang nicht. Im Okto­ber kos­te­ten sie noch 0,7 Pro­zent. Ende März wies der Immo­bi­li­en-Finan­zie­rer Inter­hyp noch 2,0 Pro­zent aus. Das Ende der Fah­nen­stan­ge sehen Immobilien-Expert:innen vor­läu­fig bei vier Pro­zent. 

Gold hat Konkurrenz

Ver­än­de­run­gen gibt es auch beim Gold: In den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren ist das Edel­me­tall um fast 25 Pro­zent gestie­gen. Doch in die­sem Jahr geht es deut­lich rup­pi­ger zu. Seit Jah­res­be­ginn fällt Gold um fast acht Pro­zent. Die Rezes­si­ons­angst hin­ter­lässt Spu­ren. Der eigent­li­che Infla­ti­ons­schutz Gold wird vor allem durch den Anstieg der Kapi­tal­markt­zin­sen, ins­be­son­de­re in den USA, aber auch in Euro­pa, belas­tet. Je höher die Real­zin­sen sind, des­to attrak­ti­ver wer­den Staats­an­lei­hen. Die wer­den wie Gold als siche­re Häfen betrach­tet – allen vor­an US-Staats­an­lei­hen. Und da Gold kei­ne Zin­sen abwirft, wird es bei Zins­er­hö­hun­gen unat­trak­ti­ver. Zehn­jäh­ri­ge US-Tre­a­su­ries ren­tie­ren hin­ge­gen mit mehr als drei Pro­zent der­zeit. 

Anleihen: Renditen innerhalb von drei Monaten verdoppelt

Erhö­hen die Noten­ban­ken die Leit­zin­sen, stei­gen die Zins­ku­pons neu­er Anlei­hen von Staa­ten oder Unter­neh­men. Damit sind die neu­en Anlei­hen attrak­ti­ver, die Kur­se älte­rer Titel sin­ken, weil ihre Nach­fra­ge zurück­geht. So haben sich die Zin­sen von zehn­jäh­ri­gen US-Staats­an­lei­hen seit März zeit­wei­se mehr als ver­dop­pelt. Bis zu 3,61 Pro­zent Ver­zin­sung bekam im Juni, wer den USA Geld lieh. Aktu­ell sind es noch 3,05 Pro­zent. Für zehn­jäh­ri­ge Bun­des­an­lei­hen gibt es immer­hin 1,2 Pro­zent. 

Doch höhe­re Zin­sen brin­gen vor allem hoch­ver­schul­de­te Staa­ten in Euro­pa unter Druck: In Ita­li­en stie­gen die Ren­di­ten zeit­wei­se über vier Pro­zent. Die hohe Staats­ver­schul­dung schürt Ängs­te vor einer neu­en euro­päi­schen Schul­den-Kri­se. Und die kann Euro­pa in der der­zei­ti­gen Gemenge­la­ge aus Rezes­si­ons­angst, Infla­ti­on, Ener­gie-Knapp­heit, Krieg etc über­haupt nicht brau­chen. Der Euro geht bereits auf Tal­fahrt: War er bis dato immer mehr wert als der US-Dol­lar, so ist er jetzt nahe­zu gleich teu­er. Pari­tät heißt das an der Bör­se. 

Aktien: DAX noch weit vom Corona-Tief entfernt

Für Akti­en sind Zins­er­hö­hun­gen in ers­ter Linie nega­tiv, denn: Kre­di­te wer­den teu­rer, Fir­men kön­nen also schwe­rer inves­tie­ren und schaf­fen womög­lich weni­ger Arbeits­plät­ze bzw. müs­sen mehr Geld für Inves­ti­ti­ons­kre­di­te zah­len. Wir Verbraucher:innen geben weni­ger aus. Die Fir­men ver­die­nen weni­ger. Das kann ihre Akti­en­kur­se belas­ten. Zugleich sinkt die Geld­men­ge. Das heißt, es ist weni­ger Geld im Umlauf, das – anders als in den ver­gan­ge­nen Jah­ren – in Akti­en fließt.  

Der DAX hat seit Jah­res­be­ginn bereits 17 Pro­zent ver­lo­ren. Die Ner­vo­si­tät ist auch an der Vola­ti­li­tät, der Schwan­kungs­brei­te abzu­le­sen. Sie pen­delt der­zeit um einen Wert von 30. Die­sen hat­ten wir in die­sem Jahr bereits mehr­fach erreicht. Er illus­triert die Ner­vo­si­tät am Märkt. Mit Kriegs­be­ginn in der Ukrai­ne war er auf fast 50 gestie­gen. 

Kryptos: Kommt der nächste Krypto-Winter?

Die Sor­gen machen auch vor den Kryp­tos nicht halt. Was als Infla­ti­ons­schutz bewor­ben wor­den war, sinkt seit Wochen deut­lich im Wert: Seit Jah­res­be­ginn hat die ältes­te Kryp­to-Wäh­rung Bit­coin mehr als die Hälf­te ihres Wer­tes ein­ge­büßt. Ethe­re­um, die zweit­größ­te Kryp­to-Devi­se, bricht zeit­wei­se sogar um mehr als zwei Drit­tel ein. Die Infla­ti­ons- und Rezes­si­ons­sor­gen füh­ren zu einer Ket­ten­re­ak­ti­on: Kryp­to-Hedge­fonds gehen plei­te. Kryp­to-Anbie­ter wie Cel­si­us Net­work in den USA set­zen die Rück­zah­lun­gen an die Kund:innen aus. In Deutsch­land haben Kund:innen der Neo­bank Nuri, vor­mals Bit­wa­la, seit Mit­te Juni kei­nen Zugriff mehr auf ihre Bit­coins. Auch ver­schie­de­ne Kryp­to-Bör­sen haben Bit­coin-Aus­zah­lun­gen gestoppt. Vie­le Anleger:innen haben panisch ver­kauft. Expert:innen schlie­ßen einen Kryp­to-Win­ter nicht aus: Das ist eine Pha­se, in der die Kur­se hef­tig sin­ken und sich län­ge­re Zeit nicht nen­nens­wert erho­len. 

Sinkende Preise in Supermarkt und Tankstelle?

Verbraucher:innen hof­fen natür­lich auf sin­ken­de Prei­se, wenn die Noten­bank die Zin­sen erhöht. Doch die Hoff­nung soll­te nicht all­zu groß sein. Im Moment dämp­fen zwar das 9‑Eu­ro-Ticket und die Tan­kra­bat­te die Infla­ti­on etwas. Aber die­se Maß­nah­men sind auf drei Mona­te befris­tet. Das bedeu­tet, dass danach die Preis­ent­wick­lung wie­der anzie­hen kann. Zumal vor allem die hohen Ener­gie­prei­se die Brief­ta­schen leeren.

Unser gra­tis Newsletter

Noch mehr Infos für dich

Dir hat der Artikel gefallen? Jetzt teilen...

Nach oben