Kat­ja Urbatsch begann 1999 als Erste ihrer Fam­i­lie zu studieren (Nor­dameri­ka-Stu­di­en, BWL, Pub­lizis­tik- und Kom­mu­nika­tion­swis­senschaft). 2008 grün­dete sie ArbeiterKind.de, um Schülern und Schü­lerin­nen aus Fam­i­lien ohne Hochschuler­fahrung dabei zu helfen, den Schritt ins Studi­um zu wagen. Und es gibt nach wie vor viel zu tun: Während laut Hochschul­bil­dungsre­port durch­schnit­tlich 74 von 100 Akademik­erkindern studieren, sind es bei Nicht-Akademik­erkindern lediglich 21 Prozent. Mehr dazu im https://www.hochschulbildungsreport2020.de/chancen-fuer-nichtakademikerkinder 

Von Sylvia Petersen

Frau Urbatsch, welche Erfahrungen haben Sie dazu bewogen, ArbeiterKind.de ins Leben zu rufen?

Kat­ja Urbatsch: Viele Mitschüler und Mitschü­lerin­nen von mir woll­ten, genau wie ich, studieren. Doch nach dem Abitur war das plöt­zlich vom Tisch. Stattdessen fin­gen sie eine Ban­klehre an.

Darunter war auch eine Fre­undin, die eigentlich Sozi­olo­gie studieren wollte. Ich habe die Welt nicht mehr ver­standen und sie gefragt: „Warum machst du das?“ Sie antwortete mir: „Ich habe nochmal mit meinen Eltern gesprochen und daraufhin haben ‚wir’ beschlossen, dass es so bess­er wäre.“ Auch mein bester Fre­und, der ein Super­abitur hin­gelegt hat­te, fing statt eines Studi­ums eine Ban­klehre an. Am Ende haben aus mein­er Klasse fast nur die Akademik­erkinder ange­fan­gen zu studieren. Das hat mich enorm irri­tiert.

Wie erging es Ihnen als Arbeiterkind während des Studiums?

Ich hat­te fast nur Akademik­erkinder um mich herum und spürte, dass sie einen ganz anderen Back­ground haben als ich: Ihre Eltern hat­ten selb­st studiert und kon­nten ihnen bei Refer­at­en helfen. Sie waren bess­er vor­bere­it­et als ich, hat­ten andere Büch­er gele­sen und im Vor­feld bere­its hochkarätige Prak­ti­ka gemacht. Ich habe mich ger­ade in den ersten Semes­tern sehr klein gefühlt. Aus diesem Gefühl her­aus ist die Idee ent­standen, dass man Arbeit­erkindern etwas an die Hand geben muss, um ihnen den Ein­tritt ins Studi­um zu erle­ichtern.

Welche Formen der Unterstützung bietet ArbeiterKind.de an?

Wir haben bun­desweit 80 Grup­pen aus ehre­namtlichen Helfern, die größ­ten­teils selb­st als Erste ihrer Fam­i­lie studiert haben. Sie gehen in Schulen, bericht­en von ihrer eige­nen Bil­dungs­geschichte und beant­worten Fra­gen zum Studi­um: Wie bewerbe ich mich? Wie kann ich es finanzieren? Wichtig ist mir, den Arbeit­erkindern Mut zu machen, sodass sie – hof­fentlich – zu dem Schluss kom­men: „Die ist ja so wie ich. Wenn die das geschafft hat, schaffe ich es auch.“

Ins­ge­samt erre­ichen wir so pro Jahr rund 30.000 Schüler und Studierende. ArbeiterKind.de unter­stützt neben Schülern, Studieren­den und Dok­toran­den auch ange­hende Lehrer und Lehrerin­nen. In unseren Sen­si­bil­isierungswork­shops ler­nen sie die Her­aus­forderun­gen und Stärken von Arbeit­erkindern bess­er ken­nen.

Welche Stärken bringt ein Arbeiterkind mit?

Oft wird ja nur auf die Defizite geschaut – was ein Arbeit­erkind im Ver­gle­ich zum Akademik­erkind nicht mit­bringt, wie beispiel­sweise die sprach­liche Aus­druck­sweise und den Habi­tus. Ich bin der Mei­n­ung, dass Arbeit­erkinder häu­fig starke Per­sön­lichkeit­en sind. Sie müssen sich alles selb­st erar­beit­en, sind sehr selb­st­ständig, wiss­be­gierig und ehrgeizig. Sie kopieren nicht ein­fach den Weg ihrer Eltern, son­dern gehen ihren eige­nen.

ArbeiterKind.de ist heute Deutschlands größte gemeinnützige Organisation zur Unterstützung von Studierenden der ersten Generation. Sie haben 2018 für Ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Der Bun­de­spräsi­dent hat damit die Schwierigkeit­en von Arbeit­erkindern offiziell anerkan­nt. Das hat mir und meinen Mitar­beit­ern und allen Unter­stützern sehr viel Rück­en­wind gegeben – dass unser Anliegen, uns für sie einzuset­zen, berechtigt ist. Anfangs waren wir ja doch der Under­dog. Viele haben uns belächelt oder auch wegen des Namens kri­tisiert.

Welcher Kritik sahen beziehungsweise sehen Sie sich ausgesetzt?

Viele störten sich anfangs an dem Begriff „Arbeit­erkind“. Viele woll­ten und wollen noch heute nicht wahrhaben, dass wir in Deutsch­land eine Klas­sen­ge­sellschaft haben. Dabei sind die Bil­dungschan­cen nach wie vor nicht gle­ich, vor allem nicht für Kinder aus finanziell schwachen Fam­i­lien. Zum Glück ist das The­ma „Arbeit­erkinder und ihr Zugang zum Studi­um“ in der Gesellschaft mit­tler­weile aber angekom­men. Dafür haben wir jahre­lang gekämpft.

Wo hängt das Bundesverdienstkreuz?

Bis jet­zt noch gar nicht. Ich tue mich ehrlicher­weise schw­er damit, es irgend­wo ganz promi­nent aufzuhän­gen. Das ist vielle­icht das Arbeit­erkind in mir, das den Hang zur Beschei­den­heit hat.

Hätten Sie sich träumen lassen, dass ArbeiterKind.de eine derartige Dimension erreicht?

Mitunter kann ich heute noch nicht glauben, was ich mit ArbeiterKind.de angeschoben habe. Es gibt so viele Men­schen, die mich unter­stützen und ohne die ich diese Arbeit gar nicht leis­ten kön­nte. Mir ist die ganze Dimen­sion mitunter immer noch unheim­lich.

Sie haben unter anderem Nordamerika-Studien studiert. Hatten Sie für Ihr Leben eigentlich nicht andere Pläne?

Ich wusste nach dem Studi­um zunächst nicht, was ich als Geistes- und Sozial­wis­senschaft­lerin machen soll. Ich habe dann an der Uni Gießen eine Pro­mo­tion­sstelle angenom­men und neben­bei ArbeiterKind.de gegrün­det. Ich habe die Pro­mo­tion immer noch nicht abgeschlossen, aber dieses Jahr bin ich gut dabei.

ArbeiterKind.de ist so schnell so groß gewor­den, dass ich schon bald neben­bei nichts anderes mehr machen kon­nte. Ich habe dann ein Fel­low­ship von Ashoka erhal­ten, die Sozialun­ternehmer und Sozialun­ternehmerin­nen fördern. Ich hat­te ArbeiterKind.de anfangs ehre­namtlich betrieben, dieses Stipendi­um war meine Ret­tung: Ich habe damit drei Jahre lang meine Leben­shal­tungskosten bestre­it­en kön­nen und kon­nte Arbeiterkind.de ganz in Ruhe auf­bauen.

Was raten Sie anderen Frauen, die eine gemeinnützige Organisation gründen wollen?

Auf alle Fälle anfan­gen, wenn auch vielle­icht erst mal im Kleinen, und sich nicht von anderen aufhal­ten lassen. Ich würde drin­gend empfehlen, an Wet­tbe­wer­ben teilzunehmen. Das sichert einem nicht nur einen Teil der Finanzierung, son­dern oft sind Preise und Stipen­di­en auch mit einem Grün­der-Coach­ing verknüpft. Ich würde das Pro­jekt zunächst ein­mal ehre­namtlich starten. Der Sprung ins Haup­tamt ist bei ein­er gemein­nützi­gen Organ­i­sa­tion lei­der nicht sehr ein­fach. Auch ich muss nach wie vor schauen, wie es weit­erge­ht.

Wie finanziert sich ArbeiterKind.de?

Wir haben mit Preis­geldern ange­fan­gen. Ich erin­nere mich noch gut an unseren ersten Preis, den wir gewon­nen haben. Er brachte uns 2000 Euro ein. Das war die Welt für uns, wir haben unsere ersten Fly­er damit gedruckt.

Heute leben wir größ­ten­teils von Pro­jek­t­för­der­mit­teln, das heißt, wir müssen immer wieder Pro­jek­te beantra­gen. Wir bekom­men Gelder vom Bun­des­bil­dungsmin­is­teri­um, von ver­schiede­nen Wis­senschaftsmin­is­te­rien und von Stiftun­gen, hinzu kom­men Unternehmensspenden und pri­vate Spenden. Fundrais­ing ist mit­tler­weile ein großer Bere­ich bei uns gewor­den.

Wie viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben Sie?

Aktuell sind wir 26 Haup­tamtliche. Ein Teil von ihnen sitzt in Berlin und küm­mert sich beispiel­sweise um Social Media, die Home­page und die Finanzver­wal­tung. Ein weit­er­er Teil des Kol­legiums ist über die ver­schiede­nen Bun­deslän­der verteilt und betreut vor Ort die ArbeiterKind.de-Gruppen der Ehre­namtlichen.

Wie hat sich die Corona-Krise auf die Arbeit von ArbeiterKind.de ausgewirkt?

Wir kon­nten unsere Ziel­gruppe, also die jet­zi­gen Abi­turi­en­ten, lei­der nur schw­er erre­ichen, da wir ja nicht wie son­st in die Schulen gehen kon­nten. Finanziell gese­hen ist es unser Ziel, das Bud­get zu hal­ten. Es gibt ja auch Unternehmen, die von der Coro­na-Krise prof­i­tiert haben – bei denen kann man dann auch mal guten Gewis­sens anklopfen und um Spenden bit­ten. Wir beantra­gen nun auch mehr Pro­jek­te zum The­ma „Online“, um uns in dem Bere­ich auch weit­erzuen­twick­eln.

Ist zu fürchten, dass wegen Corona weniger studieren werden?

Ich mache mir dahinge­hend wirk­lich große Sor­gen. Viele Studierende sind zurück zu ihren Eltern gezo­gen, als die Uni­ver­sitäten geschlossen wur­den. Das ver­stärkt natür­lich den Ein­fluss der Fam­i­lie, und je nach­dem, wie diese dem Studi­um gegenüber eingestellt ist, kann das natür­lich bedeuten, dass das Studi­um erneut infrage gestellt wird. Ich fürchte, dass die Zahl der Stu­di­en­ab­brech­er steigen wird und zugle­ich weniger ein Studi­um aufnehmen wer­den. Denn ger­ade in unsicheren Zeit­en tendiert man doch schnell dazu, das ver­meintlich Sichere zu wählen und das ist für viele am Ende dann doch die beru­fliche Aus­bil­dung.