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“Politisches Engagement ist eine große Freiheit und ein Geschenk.”

2020-10-31T21:39:31+01:0030. Oktober 2020|

Ami­na­ta Touré, als Tochter von Geflüchteten aus Mali in Deutsch­land geboren, wuchs in den ersten Jahren ihres Lebens in einem Flüchtling­sheim in Neumün­ster auf. Heute ist sie die erste afrodeutsche Vizepräsi­dentin eines deutschen Land­tags – und auch die jüng­ste, die es je gab. Im Courage-Inter­view spricht die Poli­tik­erin über ihren poli­tis­chen Werde­gang und Erfahrun­gen, ihre jet­zi­gen poli­tis­chen Auf­gaben und Ver­ant­wor­tung. 

Von Astrid Zehbe

Wie haben Sie Ihre ersten Lebensjahre im Hinblick auf Ihre politische Karriere geprägt?

Ami­na­ta Touré: Diese Jahre haben mich poli­tisiert – so wie mich im Grunde mein ganzes Leben poli­tisiert hat. Auf­grund der Tat­sache, hier als Kind von Geflüchteten in ein­er weißen Mehrheits­ge­sellschaft groß gewor­den zu sein, kenne ich das Gefühl, anders zu sein, andere Startbe­din­gun­gen zu haben und natür­lich auch Ras­sis­muser­fahrun­gen machen zu müssen. Das sind Aspek­te, die einen ganz natür­lich poli­tisieren lassen.

Was hat Sie ermutigt, Ihre Stimme zu erheben, um die Dinge zu ändern?

Ein­er­seits eine sehr starke Mut­ter, die auch immer ihre Stimme erhoben hat und ein großes Vor­bild für mich ist.

Ander­er­seits die Schwarze Frauen­be­we­gung – vor allem im Hin­blick auf die par­la­men­tarische Arbeit. Es waren sehr erhel­lende Momente für mich, Werke von Fem­i­nistin­nen wie May Ayim oder Peg­gy Piesche zu lesen. Dadurch wurde mir klar, dass gesellschaftliche Verän­derung nur dann passiert, wenn man seine Mei­n­ung sagt und sich auch in diese Räume hinein­be­g­ibt. 

Wann war klar, dass Sie Politik machen wollen?

Ich hat­te immer den Anspruch, poli­tis­che Arbeit zu machen – in welch­er Form auch immer. Ich habe Poli­tik und Franzö­sisch studiert, weil ich eigentlich gerne in ein­er NGO arbeit­en wollte, und fand es sehr span­nend, in diese Bere­iche reinzuschauen.

Zu Beginn meines Studi­ums bin ich den Grü­nen beige­treten. Durch die Arbeit dort ist mir aufge­fall­en, wie span­nend par­la­men­tarische Arbeit ist. Die Entschei­dung, für den schleswig-hol­steinis­chen Land­tag zu kan­di­dieren, habe ich im let­zten Semes­ter meines Studi­ums getrof­fen. Damals habe ich als wis­senschaftliche Mitar­bei­t­erin und per­sön­liche Ref­er­entin im Deutschen Bun­destag gear­beit­et und wichtige Ein­blicke in die poli­tis­che Arbeit bekom­men.

Was waren die wertvollsten Erkenntnisse für Sie?

Ich habe fest­gestellt, dass das Bild, das ich von Poli­tik habe und das vielle­icht ja auch die meis­ten von Poli­tik haben, ein anderes wird, wenn man es selb­st erlebt. Ich war nie ein poli­tikver­drossen­er Men­sch und hat­te auch nie ein neg­a­tives Bild von Poli­tik. Aber ich habe mich schon ab und an gefragt, was die da den lieben lan­gen Tag machen.

Wenn man in diesem ganzen Betrieb dann erst­mal drin ist, stellt man fest, dass die Tage sehr lang und sehr inten­siv sind, dass es sehr viele Ver­hand­lun­gen und Gespräche gibt, und vieles oft schnell entsch­ieden wer­den muss. Das fand ich schon sehr, sehr heftig. 

Hatten Sie Zweifel, ob der Politikbetrieb tatsächlich das Richtige für Sie ist?

Nein, im Gegen­teil. Es hat mich ein­er­seits ermutigt, das selb­st auch zu machen, weil Poli­tik etwas ist, was jed­er und jede nach unserem Grundge­setz machen kann. Auf der anderen Seite habe ich noch mehr Respekt vor dieser Auf­gabe bekom­men. Es ist schon sehr inten­siv, mit welchem Tem­po man dort Auseinan­der­set­zung führt.

War es eine gute Schule, die große Bühne der Bundespolitik erlebt zu haben, um zurück in Schleswig-Holstein Landespolitik zu machen?

Ja, es hat geholfen, aber es gab ja Unter­schiede. Wir haben hier in Schleswig-Hol­stein Regierungsver­ant­wor­tung, auf Bun­de­sebene waren wir ja in der Oppo­si­tion. Man hat eine ganz andere Ver­ant­wor­tung.

Sie sind mit 24 Jahren in den Landtag von Schleswig-Holstein gewählt worden. Hatten Sie Schwierigkeiten, aufgrund Ihres Alters ernst genommen zu werden?

Ich kan­nte es glück­licher­weise schon aus meinem ganzen Leben, immer die Jüng­ste zu sein. Ich wurde früh eingeschult, war eine der Jüng­sten im Studi­um und in der Arbeit. Das war nicht immer schön, aber es härtet ab.

Was mir immer geholfen hat, war inhaltliche Vor­bere­itung: Ich war noch nie in ein­er Sitzung, in der ich nicht wusste, wovon ich rede. Wenn dort Leute sitzen, die qua ihrer Aus­bil­dung oder qua ihres Alters denken, dass sie recht haben, man aber inhaltlich dage­gen­hal­ten kann, hil­ft das enorm. 

Waren Sie nie unsicher?

Natür­lich habe auch ich zweifel­nde Momente und es braucht ein gewiss­es Selb­stver­trauen, sich vor Augen zu führen, dass man ein Anrecht darauf hat, dort zu sein und diese Auf­gabe zu übernehmen. Ich habe nie gedacht, ich sollte hier nicht sein oder alle anderen sind viel älter und klüger als ich. 

Haben Sie manchmal das Gefühl, mehr geben zu müssen als andere – weil Sie so jung sind, weil Sie eine Frau sind, weil Sie Afrodeutsche sind?

Das ist das Schick­sal, das man hat, wenn man jung ist, wenn man eine Frau ist, wenn man eine schwarze Frau ist.  Dann muss man immer ein Stück mehr geben. Das höre ich immer wieder auch von anderen Men­schen, die in irgen­dein­er Form zu Min­der­heit­en gehören. Das fängt schon in der Schule an, zieht sich durch die Aus­bil­dung bis ins Beruf­sleben – und lei­der auch durch die Poli­tik.

Das klingt sehr frustrierend.

Ja, es ist auch frus­tri­erend, aber gle­ichzeit­ig treibt es mich per­sön­lich an. Und es ist der Grund, weshalb ich in die Poli­tik gegan­gen bin: Um meine The­men, also Migra­tion und Gle­ich­stel­lung, Anti­ras­sis­mus, Frauen‑, Kinder- und Jugend- sowie Queer­poli­tik voranzubrin­gen.

Kann man auch ohne Überzeugungen und Themen, für die man kämpft, eine gute Politikerin sein?

Ich sage mal so: Man muss wis­sen, wofür man Poli­tik macht. Das klingt vielle­icht nach ein­er hohlen Phrase, aber wenn man weiß, weshalb man poli­tisch stre­it­et, dann entwick­eln sich andere Dinge automa­tisch. Überzeu­gun­gen zu haben hin­sichtlich gesellschaft­spoli­tis­ch­er, wirtschaft­spoli­tis­ch­er und klimapoli­tis­ch­er Fra­gen, ist darum aus mein­er Sicht sehr wichtig.

Ich glaube, es gibt auch viele Men­schen, die eine Auf­gabe in der Poli­tik ein­fach nur attrak­tiv find­en, weil sie beispiel­sweise Aufmerk­samkeit mit sich bringt. Das wäre für mich keine Antrieb­s­fed­er. Ich glaube auch, es gibt nichts Schlim­meres als Poli­tik­er und Poli­tik­erin­nen, die nicht wis­sen, warum sie tun, was sie tun.

Selb­st wenn ich inhaltlich nicht teile, was jemand sagt, ich aber sehe, die Per­son hat eine innere Überzeu­gung und stre­it­et hier ger­ade für etwas, dann kann ich das nachvol­lziehen, ohne es zu teilen – ausgenom­men natür­lich men­schen­ver­ach­t­ende und ras­sis­tis­che Dinge.

Wie bilden Sie sich eine Meinung zu Themen, die jetzt nicht Ihre Kernthemen sind und worüber Sie vielleicht nur wenig wissen, über die Sie aber dennoch entscheiden müssen?

Dafür gibt es Struk­turen, zum Beispiel Arbeit­skreise und Frak­tion­ssitzun­gen. Dort sind ja alle fach­poli­tis­chen Sprech­er und Sprecherin­nen und disku­tieren ihre The­men. Man kommt also nicht daran vor­bei, sich auch mit all den anderen Fra­gen auseinan­derzuset­zen, die einen zwar als Fach­poli­tik­erin nicht betr­e­f­fen, aber eben als Abge­ord­nete.

Die fach­poli­tis­chen Zuständigkeit­en wer­den intern verteilt, aber am Ende des Tages tre­f­fen wir als Abge­ord­nete die Entschei­dun­gen für alles. Und da muss man sich wieder vor Augen führen, dass Poli­tik ganzheitlich ist. Auch The­men, die schein­bar gar nicht ins eigene Auf­gaben­feld fall­en, kön­nen rel­e­vant für die eigene Arbeit sein. 

Zum Beispiel die Woh­nungspoli­tik. Ich bin zwar nicht woh­nungspoli­tis­che Sprecherin, aber das The­ma hat auch viel mit den Poli­tik­feldern zu tun, die ich bear­beite. 

Wie gehen Sie mit Verantwortung und auch dem Einfluss um, den Sie haben?

Mit der Frage habe ich mich schon häu­figer inten­siv auseinan­derge­set­zt. Ich glaube, es ist immer ganz gut, sich bildlich vorzustellen, für wen man da entschei­det und Poli­tik macht.

Im ver­gan­genen Jahr bin ich über die Kiel­er Woche gelaufen und da habe ich darüber nachgedacht: Für all diese Men­schen triff­st du Entschei­dun­gen. Und das muss man sich auch im Größeren dann klar­ma­chen.

Zum Beispiel bei den Coro­na-Maß­nah­men: Da wurde über sehr viel Geld entsch­ieden, und da wird einem bewusst: Okay, das sind jet­zt die Entschei­dun­gen, die wir für 2,9 Mil­lio­nen Schleswig-Hol­stein­er und Schleswig-Hol­steiner­in­nen getrof­fen haben. Das ist viel Ver­ant­wor­tung, aber man trifft sie Entschei­dun­gen ja gemein­schaftlich. Ich glaub, wenn man sich das bewusst macht, dann bekommt man keine Panik.

Und die Tatsache, dass es manchmal in der Politik nicht so schnell geht – zum Beispiel in der Klimapolitik, nervt Sie das?

Klar wün­scht man sich, dass die Dinge manch­mal schneller gehen. Ger­ade, wenn man sich die Klimapoli­tik anschaut, geht alles viel, viel zu langsam.  Aber so ist par­la­men­tarische Demokratie nun mal.

Nichts­destotrotz bin ich auch der Mei­n­ung, dass es ger­ade beim The­ma Klimapoli­tik noch viel mehr Men­schen geben müsste, die in die Räume reinge­hen müssen. Ich habe den Ein­druck, dass die Dringlichkeit eini­gen Men­schen im poli­tis­chen Spek­trum nicht bewusst ist. Es braucht darum Druck der Zivilge­sellschaft, damit man noch ein­mal eine ganz andere Schlagkraft entwick­eln kann.

So wie bei den „Fridays for Future“-Protesten? Oder ist die deutsche Jugend wirklich so unpolitisch wie oft behauptet wird?

Ich glaube, dass es ein klas­sis­ch­er Vor­wurf ist, den Ältere immer den Jün­geren machen. Bei den „Fri­days for Future“-Protesten kon­nte man die Big­ot­terie ja ganz gut sehen: Da engagieren sich junge Men­schen und machen auf ein Prob­lem aufmerk­sam, aber disku­tiert wird, warum sie nicht zur Schule gehen – ganz nach dem Mot­to: Seid poli­tisch, aber nicht so poli­tisch, das haben wir uns anders vorgestellt. Ich hab viel Aus­tausch mit jun­gen Men­schen und ich spüre nichts von der unpoli­tis­chen Jugend. 

Suchen die jungen Menschen vielleicht einfach andere Ausdrucksformen, die sie in klassischen Parteien mit ihren recht starren Organisationsformen nicht finden?

Poli­tisch sein, heißt ja nicht zwin­gend in ein­er Partei zu sein, son­dern man kann eben auch anders poli­tisch aktiv wer­den und das ist auch gut so. Ich bin den­noch davon überzeugt, dass wir in ein­er par­la­men­tarischen Demokratie auch Men­schen in poli­tis­chen Insti­tu­tio­nen und Gremien brauchen, weil dort eben ein­fach maßge­bliche Entschei­dun­gen getrof­fen wer­den. Dabei wäre es gut, wenn sich vor allem Men­schen in diese Struk­turen begeben, die dort vielle­icht noch gar nicht vertreten sind.

Wir haben sehr homo­gene Par­la­mente, deren Vertreter und Vertreterin­nen nur aus bes­timmten Schicht­en kom­men und mehr oder weniger die gle­ichen Leben­sre­al­itäten teilen. Nur rund ein Drit­tel von ihnen sind beispiel­sweise Frauen. Ich glaube, dass Diver­sität – nicht nur das Geschlecht, auch Alter, soziale Herkun­ft oder Reli­gion – wichtig im Par­la­men­taris­mus sind, um die vielfälti­gen Posi­tio­nen in den Par­la­menten zu vertreten. 

Was können Parteien tun, um mehr Mitglieder zu gewinnen?

Wir sind als Parteien in der Ver­ant­wor­tung, unsere Ange­bote so attrak­tiv zu machen, dass Leute Lust haben vor­beizukom­men. Sind wir mal ehrlich: Wenn Sitzun­gen träge sind, nicht enden wollen und am späten Abend stat­tfind­en, ist das für viele nicht ger­ade ein­ladend. Das muss sich ändern.

Aber ein Stück weit sind auch junge Men­schen, die noch nicht in den Struk­turen sind, ver­ant­wortlich, dort hineinzuge­hen und diese Dinge zu verän­dern. Wer da von außen kommt hat sog­ar eine gewisse Macht­po­si­tion.

Inwiefern?

Der Blick, wenn man neu von außen reinkommt, ist für die Parteien Gold wert: Auch Parteien müssen selb­stkri­tisch sein, ihre jahrzehn­teal­ten Struk­turen hin­ter­fra­gen und sich ein Stück weit immer neu erfind­en.

Auch wir als Grüne müssen beispiel­sweise durch­läs­siger wer­den. Deshalb haben wir die Arbeits­ge­mein­schaft Vielfalt gegrün­det. Wie das gelingt – diese Frage stellen wir uns sehr oft, weil auch wir sehr homogen sind in unser­er Mit­glieder­schaft.

Parteiar­beit bedeutet Verän­derungsar­beit. Das ist müh­selig und anstren­gend, aber was man nicht vergessen darf: Wir leben in einem Staat, in dem man das machen kann, ohne Repres­salien zu fürcht­en. Poli­tis­ches Engage­ment ist daher eine große Frei­heit und ein Geschenk.

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