Startseite/„Auf eine lässige Art aussteigen“
  • Klamotten ausmisten
    Klamotten ausmisten, Quelle: Halfpoint/stock.adobe.com

„Auf eine lässige Art aussteigen“

2021-08-30T13:15:18+02:0030. August 2021|

War­um kon­su­mie­ren wir zu viel? Was macht das mit uns? Und hat Fru­ga­lis­mus wirk­lich Zukunft? Der Betriebs­wirt und Trend­ana­lyst Carl Til­les­sen hat Antworten.

Von Ines Baur

Cou­ra­ge: Herr Til­les­sen, Sie haben sich inten­siv mit dem The­ma Fru­ga­lis­mus beschäftigt.

Carl Til­les­sen: Ja. Und ich freue mich, dass das The­ma Fru­ga­lis­mus in der Gesell­schaft ange­kom­men ist. Ich fin­de es wich­tig, dass man über­legt, war­um man kon­su­miert. Kau­fen wir Din­ge, weil sie uns wich­tig sind? Oder kau­fen wir sie, weil es alle machen?

Warum kaufen wir, was wir nicht brauchen? 

Kon­su­mie­ren an sich ist eine Not­wen­dig­keit. Aus der His­to­rie wis­sen wir: Man muss Din­ge kau­fen, die man braucht und nicht selbst her­stel­len kann. In der Ver­gan­gen­heit war es zum Bei­spiel so, dass der Bau­er zum Schmied fuhr, weil er Nägel brauch­te, die er nicht selbst her­stel­len konn­te. Danach fuhr er wie­der nach Hau­se. Unser heu­ti­ger Über­kon­sum ist his­to­risch betrach­tet noch etwas rela­tiv Neu­es. Wir sind an einem Punkt, an dem für uns das eigent­li­che Ein­kau­fen erst da beginnt, wo es für frü­he­re Genera­tio­nen auf­ge­hört hat. Wenn wir sagen, wir gehen shop­pen, mei­nen wir nicht den Staub­sauger­beu­tel oder WC-Rei­ni­ger. Wenn wir shop­pen, kau­fen wir Din­ge, die uns Spaß machen. Die uns Freu­de machen oder zu guter Lau­ne ver­hel­fen. Die wir aber eigent­lich nicht brau­chen. Ein Blick auf Zah­len zeigt uns, dass es um mehr geht als um ein biss­chen mehr Wohl­stand. Die Men­ge an ver­kauf­ter Klei­dung etwa hat sich seit den 1960er-Jah­ren verneunfacht.

Zu viel Konsum ist heute nicht nur ein Problem für das eigene Portemonnaie.

Zu viel Kon­sum ist ein öko­lo­gi­sches Pro­blem, weil er Res­sour­cen ver­braucht. Er ist sozi­al bedenk­lich, da die man­geln­de Fair­ness bei der Her­stel­lung oft bis zur moder­nen Skla­ve­rei geht. Und er ist auf einer drit­ten Ebe­ne bedenk­lich, da wir vie­le Din­ge kau­fen, ohne sie wirk­lich in Gebrauch zu neh­men. Sol­che Käu­fe sind nach­tei­lig für unse­re Psy­che. Gut wäre, sich vor jedem Kauf zu fra­gen: Deckt die­ser Gegen­stand einen kon­kre­ten Bedarf bei mir, oder regu­lie­re ich mit dem Kauf nur mei­ne Stimmung?

Wie kann Konsumieren unglücklich machen?

In mei­nem Buch fol­ge ich der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis, dass es sich bei Kon­sum um eine Ver­hal­tens­sucht han­delt. Eine Sucht, die ich nicht auf eine Ebe­ne stel­le mit schwe­ren Süch­ten wie einer Hero­in­sucht, wohl aber mit als harm­los ein­ge­stuf­ten All­tags­süch­ten wie dem täg­li­chen Kaf­fee. Bio­che­misch kommt es beim Kauf­erleb­nis zu einer Aus­schüt­tung von Dopa­min im Gehirn: Es steigt kurz­fris­tig an und fällt dann ab. Das macht zwar kurz­fris­tig glück­lich, lang­fris­tig aber unglück­lich. Ich ver­glei­che es gern mit dem Rau­chen. Rau­cher sind nach dem Rau­chen einer Ziga­ret­te ent­spann­ter als vor­her. Genau genom­men besei­tigt die Niko­tin­zu­fuhr aber nur den Stress, den der vor­he­ri­ge Abfall des Niko­tin­pe­gels ver­ur­sacht hatte

Carl Tillessen

Quel­le: Mar­tin Mai

Wie kam es zur Ausbreitung dieses suchtartigen Verhaltens?

Wir kau­fen heu­te, weil wir es kön­nen. Seit der Bau­er zum Schmied gefah­ren ist, hat sich eini­ges geän­dert. Blei­ben wir bei der Klei­dung: Die Pro­duk­ti­on der Din­ge, die wir hier kau­fen, wur­de in Bil­lig­lohn­län­der ver­legt. In Ban­gla­desch hat ein Her­stel­ler nur drei Pro­zent der Lohn­kos­ten. Die Prei­se sind abge­sackt, und daher kön­nen wir Ware in die­sen Men­gen erwerben.

Was fasziniert am Trend des frugalen Lebensstils? 

Er ist Gegen­be­we­gung und Trend. Alles, was anders ist, fin­den wir fas­zi­nie­rend. Je mehr wir bei­spiels­wei­se am Schreib­tisch sit­zen, des­to mehr packen uns Leis­tun­gen von Pro­fi­sport­lern. Und je mehr wir in der Kon­sum­müh­le gefan­gen sind und je mehr wir haben, des­to mehr bewun­dern vie­le die Leu­te, die es schaf­fen, sich davon freizumachen.

Haben Corona und die Lockdowns der Frugalismus-Bewegung einen Schub gegeben?

Der Lock­down brach­te uns allen zwei kol­lek­ti­ve Erleb­nis­se. In der Zeit, in der wir in unse­ren eige­nen vier Wän­den gefan­gen waren, bemerk­ten wir: Vie­le Din­ge, die wir vor­her zu brau­chen mein­ten, benö­tig­ten wir plötz­lich nicht mehr. Wir hat­ten sie, um zu gefallen.

Und die andere kollektive Erfahrung?

Wir wur­den mit unse­rem Über­be­sitz kon­fron­tiert. Vie­le began­nen aus­zu­mis­ten. Und das macht ja nicht nur die Schrän­ke lee­rer, son­dern es setzt Gedan­ken frei. Die Kri­se als Chan­ce zu begrei­fen und zu sagen: Wir wol­len das beibehalten.

Werden diese Erfahrungen nicht vergessen sein, sobald die Krise vorbei ist? 
Dann kehrt das erlernte Konsumverhalten vielleicht schnell zurück.

Der Vor­satz, weni­ger zu kon­su­mie­ren, ist da. Bezie­hungs­wei­se weni­ger und bes­ser zu kon­su­mie­ren. Er ist viel­leicht noch nicht im Main­stream ange­kom­men, aber ich bin über­zeugt, das wird kom­men. Ein Fast-Fashion-Anbie­ter wie der H & M‑Konzern hat sicher gute Grün­de, ein For­mat wie Arket her­aus­zu­brin­gen. Die­ses „Wenig-aber-bes­ser-kau­fen-Wol­len“ wird defi­ni­tiv zu einem wich­ti­gen Faktor.

Dann hat der Frugalismus eine Zukunft?

Ja, davon bin ich über­zeugt. Es gibt ja ein­drucks­vol­le Stu­di­en dar­über, dass sich die nach­fol­gen­de Genera­ti­on eine ande­re Work-Life-Balan­ce wünscht als etwa mei­ne Genera­ti­on. Auch das wird die Bewe­gung befeu­ern. Immer mehr Geld zu ver­die­nen, um noch bes­se­re Sachen kau­fen und dadurch mit­hal­ten zu kön­nen, war die Müh­le mei­ner Genera­ti­on. Das ist nicht das Ziel der nach­fol­gen­den Genera­ti­on. Ihr wird es leich­ter fal­len, Fru­ga­li­tät zu leben. Sie wird auf eine ganz läs­si­ge Art aussteigen.

Die bes­ten Sto­ries für dich!

Noch mehr Infos für dich

Was sind eigentlich Fonds?

Kalbs­fonds, Hüh­ner­fonds, Fisch­fonds – gute Grund­la­gen für eine lecke­re Sup­pe oder Soße. Ähn­lich ver­hält es sich mit den Namens­vet­tern: den Fonds zur Geld­an­la­ge. Wie bei Fonds zum Kochen ent­schei­den auch bei Fonds zur Kapi­tal­an­la­ge, den soge­nann­ten Invest­ment­fonds, die Zuta­ten über die jewei­li­ge Aus­rich­tung: Kund:innen kön­nen den pas­sen­den Fonds ganz nach eige­nem „Geschmack“ wählen.

Wie du Gehaltsverhandlungen erfolgreich meisterst

Bei Gehalts- und Hono­rar­ver­hand­lun­gen sind Frau­en oft unsi­cher und ver­kau­fen sich unter Wert. Was kön­nen sie tun, um selbst­be­wuss­ter zu wer­den und ihre Erfolgs­chan­cen zu stei­gern? Wir geben Tipps für Fest­an­ge­stell­te und Selbstständige.

7 Tipps zur Selbstführung im Homeoffice

Mil­lio­nen von Deut­schen arbei­ten aktu­ell im Home­of­fice – für vie­le sehr unge­wohnt: Es feh­len gere­gel­te Tages­ab­läu­fe, Kol­le­gen, Vor­ge­setz­te und oft auch ein­fach die Dis­zi­plin, zu Hau­se genau­so pro­duk­tiv zu arbei­ten wie im Büro. Eine gute Orga­ni­sa­ti­on, aber vor allem die Fähig­keit zur Selbst­füh­rung sind dar­um um so wich­ti­ger, hier einen guten Job zu machen.

Hinterlasse einen Kommentar

Nach oben