• Anke Precht
    Anke Precht, ©Markus Dietze

„Zwei halbe Stellen ergeben mehr als 100 Prozent“

2022-04-14T10:00:35+02:004. März 2022|

Teil­zeit gilt oft noch als siche­rer Weg in die Kar­rie­re­sack­gas­se. Zu Unrecht. Wie sie gelingt, ver­rät Psy­cho­lo­gin Anke Precht.

Courage: Frau Precht, der Begriff Teilzeit ist häufig negativ belegt. Warum?

Anke Precht: Lan­ge war Teil­zeit das Modell, das vor allem Frau­en wähl­ten, wenn sie für die Fami­lie da sein woll­ten, gleich­zei­tig aber nicht ganz aus dem Arbeits­le­ben aus­schei­den moch­ten. Sie ver­dien­te ­etwas hin­zu, wäh­rend er Haupt­verdiener blieb. Des­halb ­waren Teil­zeit­jobs über­wie­gend sol­che, die ­eine gerin­ge­re Qua­li­fi­ka­ti­on ­vor­aus­setz­ten. Sie gin­gen ein biss­chen „neben­bei“, selbst wenn man mit dem Kopf eigent­lich woan­ders war, und haben des­halb noch den faden Bei­geschmack eines Jobs ohne gro­ßen Ein­satz oder Enga­ge­ment. Das ist natür­lich schon lan­ge nicht mehr so. Aber wir wis­sen: Vor­ur­tei­le hal­ten sich meist län­ger als die Umstän­de, auf die sie sich beziehen.

Was läuft falsch in deutschen Unternehmen? Oder in den Köpfen des Managements?

Vie­le Men­schen im Manage­ment haben noch nicht ver­stan­den, dass Teil­zeit auch für Auf­ga­ben, die ­eine hohe Qua­li­fi­ka­ti­on erfor­dern, ein tol­les Modell ist. Einer­seits, weil wir ­inzwi­schen wis­sen, dass Mit­ar­bei­ten­de bei­spiels­wei­se in vier Stun­den nicht nur halb so viel arbei­ten wie in acht – son­dern mehr. Das heißt, zwei hal­be Stel­len erge­ben unterm Strich über 100 Pro­zent. Ande­rer­seits brin­gen zwei Men­schen auf einer Stel­le – oder drei Men­schen auf zwei – eben auch viel mehr Krea­ti­vi­tät ein, mehr Ideen und mehr Lösungs­stra­te­gien. Zudem sind meh­re­re Men­schen mit bestimm­ten Vor­gän­gen ver­traut und kön­nen sich gegen­sei­tig ver­tre­ten. Dazu ist es aber auch not­wen­dig, dass Struk­tu­ren und Pro­zes­se klar defi­niert sind. Ein Unter­neh­men pro­fi­tiert so maxi­mal von Teilzeit-Angestellten.

Wo gelingt Teilzeit besonders gut?

Sie ist für jeden Lebens­ab­schnitt geeig­net. Egal, wie alt man ist. Wir erle­ben heu­te, dass sogar Aus­bil­dung in Teil­zeit gelin­gen kann. Häu­fig wird ­die­ses ­Modell von Frau­en genutzt, die früh Mut­ter wur­den und eben trotz­dem ­eine ­Berufs­aus­bil­dung abschlie­ßen möch­ten. Teil­zeit klappt im Stu­di­um, in den unter­schied­lichs­ten Jobs und auf allen ­Hier­ar­chie­stu­fen. Ent­schei­dend für das ­Gelin­gen ist eher das Mind­set der Be­teiligten und die Unternehmenskultur.

Wo liegen die Fallen im Privaten?

Die wich­tigs­ten betref­fen die frei­en ­Zei­ten. Wenn ich in Teil­zeit gehe, muss klar sein, dass ich an den Tagen, an ­denen ich nicht arbei­te, auch in der Regel nicht ange­ru­fen wer­de. Ich muss ­eine ange­mes­se­ne Men­ge an Auf­ga­ben mein Eigen nen­nen. Es muss klar sein, wofür ich in der Ver­ant­wor­tung ste­he und wofür nicht. Das sind The­men, die auch Voll­zeit­stel­len betref­fen, aber noch dring­li­cher geklärt wer­den müs­sen, wenn man nicht zu den übli­chen Arbeits­zei­ten am Platz ist. Im Pri­va­ten, zum Bei­spiel in der Part­ner­schaft, soll­te auch klar sein: Nur weil ich weni­ger Stun­den arbei­te, erle­di­ge ich nicht den kom­plet­ten Haus­halt allein. Auch hier sind kla­re Abspra­chen im Vor­aus ­bes­ser als Kon­flik­te und ent­täusch­te Erwar­tungen im Nachhinein.

Wie stehe ich auch in Teilzeit gut da?

Wer Sor­ge hat, in Teil­zeit aufs Abstell­gleis zu gera­ten, soll­te das klar kom­mu­ni­zie­ren – gemein­sam mit den beruf­li­chen Zie­len. Wel­che Auf­ga­ben möch­te ich erle­di­gen? Wie sind mei­ne beruf­li­chen Zie­le? Dabei reicht es nicht, nur zu sagen, was man möch­te, son­dern auch klar­zu­ma­chen, wie man das errei­chen wird. ­War­um es zum Bei­spiel gut mach­bar ist, die Teil­zeit­stel­le mit Per­so­nal­füh­rung oder einer beson­de­ren Auf­ga­be zu kom­bi­nie­ren. Dann gilt es, wei­ter­hin Ein­satz zu brin­gen, mit guten Ideen zu punk­ten und auf dem Lau­fen­den zu bleiben.

Gibt es eine goldene Regel?

Gera­de, wenn Sie mit der Teil­zeit­ar­beit begin­nen, soll­ten Sie mit Vor­ge­setz­ten und Kolleg:innen inten­siv im Aus­tausch blei­ben. Wie sind die Erwar­tun­gen? Was davon kann erfüllt wer­den und was nicht? Wie kann die Zusam­men­ar­beit ver­bes­sert, wie müs­sen Auf­ga­ben viel­leicht noch ein­mal anders ver­teilt wer­den? Kom­mu­ni­zie­ren Sie viel und klar! Bit­ten Sie selbst um Feed­back und fra­gen Sie, ob Sie eben­falls Feed­back geben kön­nen. Und wenn Sie den Ein­druck haben, man traut Ihnen nicht genug zu, spre­chen Sie das an! Es lässt sich ändern.

Anke Prechts Work­book „Wie strick ich mir ein dickes Fell“ hilft, sich ein gutes Mind­set für schwie­ri­ge Situa­tio­nen zuzu­le­gen. Wie bleibt ihr robust und schlag­fer­tig, auch wenn es Gegen­wind gibt? Wenn ihr euch schlecht behan­delt fühlt oder wenn ihr gera­de bis zur Hals­krau­se in Arbeit steckt? Ein Rat­ge­ber, der Frau­en dar­in bestärkt, ihre eige­nen Wege zu gehen, unab­hän­gig davon, ob sie in Teil­zeit arbei­ten oder nicht.

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