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Wissenschaftlich investieren: Wie es funktioniert, was es bringt

2022-07-29T15:24:03+02:0028. Juli 2022|

Nach wis­sen­schaft­li­chen Kri­te­ri­en inves­tie­ren und alle zehn Jah­re das Ver­mö­gen ver­dop­peln? Klingt zu schön, um wahr zu sein? Viel­leicht. Aber es gibt eini­ge Finanz­pro­fis, die mit wis­sen­schaft­li­chen Metho­den an der Bör­se anle­gen und gute Ergeb­nis­se erzie­len. Einer von ihnen ist der Mathe­ma­ti­ker und Port­fo­lio-Mana­ger Andre­as Beck. Uns hat er erklärt, was Wis­sen­schaft an der Bör­se kann und wie sein Ansatz funk­tio­niert. 

Von Ant­je Erhard

Was pas­siert an der Bör­se, wenn die Noten­ban­ken an der Zins­schrau­be dre­hen? Ist es bes­ser, in tur­bu­len­ten Markt­pha­sen in Akti­en ein­zu­stei­gen oder in ruhi­gen? Und gibt es Akti­en, die sich dau­er­haft bes­ser ent­wi­ckeln als der brei­te Markt und wenn ja, wel­che? Mit sol­chen und ähn­li­chen Fra­gen beschäf­tigt sich die Finanz­markt­for­schung. Dabei wer­ten Wis­sen­schaft­ler in der Regel eine gro­ße Men­ge an Bör­sen­da­ten aus und suchen dar­in nach Zusam­men­hän­gen und Mus­tern. Einer, der nach solch wis­sen­schaft­li­chen Metho­den an der Bör­se inves­tiert, ist Andre­as Beck, Port­fo­lio-Mana­ger und Mathe­ma­ti­ker. Unprä­ten­ti­ös und nah­bar erklärt er, wie Bör­se funk­tio­niert und wie sein wis­sen­schaft­li­cher Ansatz aus­sieht. 

„Wis­sen­schaft­lich zu inves­tie­ren bedeu­tet, nach neu­en Erkennt­nis­sen der Kapi­tal­markt­for­schung Geld anzu­le­gen. Das heißt in der Pra­xis: das Ver­mö­gen sehr breit zu streu­en und sich an den Eigen­ka­pi­tal­ren­di­ten der Welt­wirt­schaft zu ori­en­tie­ren, anstatt sich von Kurs­ka­prio­len ver­rückt machen zu las­sen“, erklärt Beck. 20 Jah­re lang hat er als Exper­te für Modell-Risi­ken und Port­fo­lio-Ana­ly­sen ver­schie­de­ne Ban­ken bera­ten. Gemein­sam mit einem Finanz­in­sti­tut hat er schon 2008 einen welt­weit inves­tie­ren­den Port­fo­lio-ETF ent­wi­ckelt. 2019 star­te­te er zudem den Fonds Gobal Port­fo­lio One, eine Basis­an­la­ge für den lang­fris­ti­gen Ver­mö­gens­auf­bau. 

Was die­ses Port­fo­lio den Privatanleger:innen bringt? Nun, für sie sei es zu kom­plex und auf­wän­dig, in ein­zel­ne Unter­neh­men zu inves­tie­ren, meint Beck. Denn für das nöti­ge Rese­arch und die Daten-Ana­ly­se gehe sehr viel Zeit drauf – und am Ende könn­ten die meis­ten gegen die schnel­len, hoch­pro­fes­sio­nel­len Großinvestor:innen ohne­hin nicht bestehen. Statt­des­sen ist nach Ein­schät­zung von Andre­as Beck ein breit auf­ge­stell­tes Akti­en­port­fo­lio sinn­voll. „Es lohnt sich lang­fris­tig, in mög­lichst vie­le, am bes­ten alle Unter­neh­men zu inves­tie­ren. Wir inves­tie­ren in über 8.500 Unter­neh­men welt­weit.“  

Mit der brei­ten Streu­ung las­se sich das Risi­ko sen­ken und der so genann­te Effekt der Ultrasta­bi­li­tät nut­zen. Denn Kri­sen kön­nen zwar ein­zel­ne Unter­neh­men oder auch gan­ze Bran­chen in ihrer Exis­tenz bedro­hen. Für die Welt­wirt­schaft als Gan­zes sind sie aber nur Pha­sen der Restruk­tu­rie­rung. Lang­fris­tig betrach­tet haben in der Ver­gan­gen­heit selbst extre­me Kata­stro­phen die Ertrags­kraft der Welt­wirt­schaft sta­bi­li­siert, so Beck. Der Kapi­ta­lis­mus nei­ge zwar zu extre­men Kri­sen, die­se ver­ur­sa­chen aber eine Art rei­ni­gen­de Effi­zi­enz­stei­ge­rung, anstel­le eines Welt­un­ter­gangs. 

Die ganze Welt wird nicht insolvent

Ganz wich­tig sei es des­halb, das Port­fo­lio so zu struk­tu­rie­ren, dass es die Erträ­ge der Welt­wirt­schaft abbil­det. „Denn die gan­ze Welt kann nicht insol­vent wer­den.“ Mit die­sem wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Ansatz könn­ten Anleger:innen ihre Ren­di­te­chan­cen stark stei­gern, ohne über­bor­den­de Ver­lust­ri­si­ken ein­ge­hen zu müs­sen. 

2019 hat Andre­as Beck zusam­men mit sei­nen Part­nern sei­nen Ansatz in einem Invest­ment­fonds all­ge­mein inves­tier­bar gemacht. Er nut­ze ETFs oder Index­fonds, um welt­weit zu inves­tie­ren. Die Akti­en­quo­te beträgt in nor­ma­len Markt­pha­sen 80 Pro­zent, wird in Kri­sen aber fle­xi­bel auf bis zu 100 Pro­zent erhöht. Dafür wer­den in den ruhi­ge­ren Pha­sen 20 Pro­zent als Inves­ti­ti­ons­re­ser­ve gehal­ten, etwa in Anlei­hen boni­täts­star­ker Volks­wirt­schaf­ten.  

„In Kri­sen stei­gen die Kapi­tal­kos­ten der Welt­wirt­schaft sprung­haft an. Für Unter­neh­men wird es jetzt sehr teu­er, Risi­ko­ka­pi­tal von Inves­to­ren zu bekom­men. Umge­kehrt sind Kri­sen für lang­fris­ti­ge Inves­to­ren damit sehr attrak­tiv. Durch eine anti­zy­kli­sche Stra­te­gie nut­zen wir die­sen Effekt sys­te­ma­tisch“, erklärt Beck. 

Einfache Steuerung

Die Steue­rung erfol­ge nach Anga­ben von Andre­as Beck nach ein­fa­chen Kri­te­ri­en. Bei Akti­en­markt­ver­lus­ten von min­des­tens 20 Pro­zent bezo­gen auf das Drei­jah­res­hoch, bei sprung­haft stei­gen­der Vola­ti­li­tät und bei anzie­hen­den Risi­ko­prä­mi­en für Unter­neh­mens­an­lei­hen steigt die Akti­en­quo­te auf 90 Pro­zent. Bei Kurs­rück­gän­gen an den Akti­en­märk­ten von mehr als 40 Pro­zent steigt die Akti­en­quo­te sogar auf 100 Pro­zent. Vor­teil die­ser Stra­te­gie: Man braucht kei­ne Pro­gno­sen. „Wann Kri­sen kom­men, weiß nie­mand. Ob man in einer Kri­se ist oder nicht, kann man jedoch mes­sen.“   

Thors­ten Hens, Pro­fes­sor für Finanz­markt­öko­no­mie am Swiss Finan­ce Insti­tut der Uni­ver­si­tät Zürich, hat die Stra­te­gie des Glo­bal Port­fo­lio One mit­ent­wi­ckelt. „Wie die Coro­na­kri­se im Früh­jahr 2020 gezeigt hat, ist die­se kon­tra­zy­kli­sche Steue­rung sehr erfolg­reich“, sagt er. 

Krisen für Aktienkäufe nutzen

Was vie­le abschreckt, näm­lich gera­de in Kri­sen die Akti­en­quo­te hoch­zu­fah­ren, ist für Andre­as Beck und sein Team nur logisch: „In Zei­ten höhe­rer Risi­ken müs­sen Unter­neh­men mehr bie­ten in Form von Risi­ko­prä­mi­en, weil es schwie­ri­ger für sie wird, Geld zu bekom­men. So sind in die­sen Pha­sen Akti­en­käu­fe aus Inves­to­ren-Per­spek­ti­ve sehr attrak­tiv.“ 

Für jeden ist die­se Stra­te­gie aller­dings nicht geeig­net, weil sie nur lang­fris­tig funk­tio­nie­re: „Unse­re Stra­te­gie eig­net sich für alle, die Zeit haben.“ Märk­te schwan­ken, das sei nor­mal. „Das Risi­ko sinkt nur über die Zeit.“  

War­um aber funk­tio­niert die Stra­te­gie über­haupt? „In den tau­sen­den bör­sen­no­tier­ten Unter­neh­men der Welt­wirt­schaft schaf­fen hun­dert­tau­sen­de Mit­ar­bei­ter täg­lich Mehr­wert für Mil­li­ar­den Kon­su­men­ten“, sagt Beck. „Die inne­re Ren­ta­bi­li­tät die­ser Unter­neh­men bezo­gen auf den Bör­sen­wert liegt bei sie­ben bis neun Pro­zent pro Jahr. Unter­neh­men, die die­se Ren­ta­bi­li­tät dau­er­haft nicht schaf­fen, wer­den umstruk­tu­riert oder sogar geschlos­sen. Der Kapi­ta­lis­mus ist hier bru­tal.“   

Zinseszins: Verdopplung alle zehn Jahre bei sieben Prozent Rendite

Nimmt man sie­ben Pro­zent Ren­di­te pro Jahr als Basis, dann bewir­ke der Zin­ses­zins­ef­fekt eine Ver­dop­pe­lung alle zehn Jah­re, erklärt Beck wei­ter. Das ist natür­lich ein lang­fris­ti­ger Durch­schnitts­wert. Die Bör­sen­kur­se kön­nen wäh­rend die­ser Zeit hef­tig schwan­ken. „Lang­fris­tig ist es aber die­se Ren­ta­bi­li­tät, die wirk­lich zählt.“  

Seit kur­zem befin­det sich der Glo­bal Port­fo­lio One wie­der in einem Regime­wech­sel. „Die Welt­wirt­schaft scheint immer kri­sen­an­fäl­li­ger zu wer­den. Nach der Coro­na-Kri­se haben wir jetzt schon wie­der einen Wech­sel von 80 auf 90 Pro­zent Akti­en­quo­te.“  

Es kom­me eben vor allem dar­auf an, nicht ner­vös zu wer­den, meint Beck. „Bei einem kur­zen Anla­ge­ho­ri­zont von drei bis fünf Jah­ren hal­te ich die Schwan­kun­gen der Akti­en­märk­te in Kri­sen nicht aus.“ Das Ziel, das Ver­mö­gen inner­halb von zehn Jah­ren zu ver­dop­peln steht mit die­sem Ansatz also nur Anleger:innen offen, die das Geld lang­fris­tig nicht benö­ti­gen. 

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