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    Kinderfotos auf Instagram, ©Vasyl Dolmatov/iStock

„Wir fordern Eltern auf, keine Kinderfotos zu posten“

2021-12-19T15:20:47+01:0018. Dezember 2021|

Kin­der und Social Media. Ein rie­si­ges The­ma. Kann man Kin­der­fo­tos auf Insta­gram pos­ten? Und: Wie schützt man Kin­der vor den Gefah­ren der Sozia­len Netz­wer­ke? Dar­über haben wir mit Joa­chim Türk vom Kin­der­schutz­bund gesprochen.

Von Flo­ria­na Hofmann

Einige Influencer:innen zeigen ihre – meist minderjährigen – Kinder online. Welche Gefahren lauern hier? 

Die­se Bil­der kön­nen kopiert wer­den und dann in Pädo­phi­len-Netz­wer­ken auf­tau­chen. Das sind nicht nur Bil­der von Kin­dern in der Bade­wan­ne oder am Strand. Son­dern auch All­tags­bil­der: Kin­der, die nett lächeln, kom­plett ange­zo­gen sind, oder Sport machen. Auf Pädo­phi­len-Netz­wer­ken wer­den die­se Bil­der dann sexu­ell auf­ge­la­den. In Kom­men­tar­spal­ten wird beschrie­ben, was man mit den Kin­dern machen wür­de, wenn man sie zu fas­sen bekä­me. Wahr­schein­lich wer­den die Eltern die­se Bil­der nie sehen, weil sie sich nicht in die­sen Netz­wer­ken bewe­gen. Aber allein der Gedan­ke, dass das pas­siert, ist schreck­lich. Das ist schon mil­lio­nen­fach pas­siert. 

Und in der offline-Welt? 

Wenn Eltern Hin­wei­se geben, wo das Kind wohnt, kön­nen Pädo­phi­le die Adres­se her­aus­fin­den und Kon­takt auf­neh­men. Vor allem, wenn man online ent­deckt, wie das Kind lebt oder was es mag. Davon berich­tet inzwi­schen auch die Poli­zei. Wir leh­nen es daher grund­sätz­lich ab, Bil­der von Kin­dern zu pos­ten. Auch wenn sie ver­pi­xelt sind. 

Ist es denn überhaupt erlaubt, die Kinder online zu zeigen? 

Wenn Erwach­se­ne Kin­der­bil­der pos­ten, dann ist das aus recht­li­cher Sicht nicht anzu­grei­fen. Denn Müt­ter und Väter kön­nen selbst ent­schei­den, wie sie ihre Kin­der zei­gen. Aber auch klei­ne Kin­der haben ein Recht am eige­nen Bild.  

Fordern Sie eine rechtliche Grundlage? 

Wir for­dern Eltern auf, dar­auf zu ver­zich­ten, Kin­der­bil­der zu ver­öf­fent­li­chen. Recht­lich ist das schwie­rig. Aber spä­tes­tens ab 14 Jah­ren wür­de ein Gericht wohl einem Kind Recht geben, wenn es sich gegen eine Ver­öf­fent­li­chung wehrt. Aber wür­de ein Kind vor Gericht zie­hen? Wer soll ein zwei­jäh­ri­ges Mäd­chen ver­tre­ten, wenn nicht Mut­ter oder Vater? Eltern müs­sen über­le­gen, was für ihre Kin­der am Bes­ten ist. „Ins­ta-Moms“ hin­ge­gen insze­nie­ren die Kin­der. So gera­ten die Kin­der in eine Kunst­welt hin­ein, ohne dass sie gefragt wer­den. 

Können Sie ein Beispiel nennen? 

In den USA gibt es einen zehn­jäh­ri­gen Jun­gen, Ryan Kaji, der seit Jah­ren fast täg­lich für sei­ne You­Tube- und ande­re Kanä­le Spiel­zeu­ge aus­packt. Damit ver­dient er 22 Mil­lio­nen US-Dol­lar im Jahr für sei­ne Eltern. Er wird in die gewerb­li­chen Model­le ein­ge­bun­den. Das ist trotz aller Schön­fär­be­rei schlicht Kin­der­ar­beit.  

Hat diese Inszenierung auch Auswirkungen auf die Follower? 

“Ins­ta-Moms” sind natür­lich auch Vor­bil­der. Ihnen fol­gen in der Regel wer­den­de oder jun­ge Müt­ter. Die bekom­men das Gefühl ver­mit­telt, dass die gezeig­te „hei­le Welt“ real ist – in Wirk­lich­keit ist es natür­lich anders, Kin­der­er­zie­hung ist häu­fig har­te Arbeit. Die­se unrea­lis­ti­schen Bil­der und das Nach­ei­fern von fal­schen Idea­len wir­ken sich auf die Psy­che der Müt­ter aus, die an ihren eige­nen Fähig­kei­ten und Mut­ter­qua­li­tä­ten zwei­feln. Man kommt da auch nur schwer wie­der raus. Denn das Inter­net bil­det Bla­sen: Je häu­fi­ger man sich auf sol­chen Pro­fi­len bewegt, des­to mehr wer­den einem ähn­li­che Inhal­te ange­zeigt. Ein ande­res Bei­spiel: Ange­nom­men, ein Mäd­chen inter­es­siert sich nicht für Kin­der­er­zie­hung, son­dern für Make-up. Dann wer­den ihr sehr bald vie­le Bil­der und Vide­os von schö­nen Men­schen mit per­fek­ten Kör­pern ange­zeigt – und die dazu pas­sen­den Pro­duk­te und Shops. Das geschieht über­all im Inter­net.  

Solche Blasen haben auch Risiken 

So wer­den künst­lich Idea­le, Wün­sche und Kauf­in­ter­es­se geweckt. Das ist gefähr­lich, weil Wunsch und Wirk­lich­keit sel­ten deckungs­gleich sind. Aber es gibt auch ande­re Gefah­ren: „Influ­en­cer“, die nicht offen­kun­dig Pro­duk­te anbie­ten und Geld ver­die­nen, son­dern zum Bei­spiel Fehl­in­for­ma­ti­on ver­brei­ten. Neh­men wir als pro­mi­nen­tes Bei­spiel Atti­la Hild­mann. Er ist bei­lei­be kein erfolg­rei­cher Kos­me­tik-Influ­en­cer, son­dern beein­flusst sei­ne Gefolg­schaft durch wir­re Vor­stel­lun­gen und Ideo­lo­gien. Wir müs­sen Kin­dern und Jugend­li­chen früh bei­brin­gen, sol­che Falsch­in­for­ma­tio­nen und Fake News als sol­che zu erken­nen.  

Wie kann man die Mediennutzungskompetenz verbessern, gerade bei Kindern?  

Lehrer:innen und Eltern müs­sen geschult wer­den. In den Bereich Bil­dung und Erzie­hung muss viel mehr inves­tiert wer­den. Man muss den Kin­dern ihre digi­ta­le All­tags­welt, in der sie fünf bis sechs Stun­den täg­lich unter­wegs sind, erklä­ren – so, wie man das auch in der Off­line-Welt macht. Man muss ihnen die Gesetz­mä­ßig­kei­ten des Net­zes bei­brin­gen: War­um man eine bestimm­te Wer­bung sieht. Wie Influencer:innen Geld ver­die­nen. Dass die Algo­rith­men auf Dopa­min­aus­schüt­tung, auf Sucht pro­gram­miert sind, und man des­halb immer wei­ter scrollt. Wer die­se Mecha­nis­men kennt, ist siche­rer und ent­spann­ter. Außer­dem könn­te man zum Bei­spiel das Ein­stiegs­al­ter für Face­book und Insta­gram auf 17 Jah­re hoch­set­zen. Das Inter­net ist nicht für Kin­der und Jugend­li­che kon­zi­piert. Es ist eine Welt der Erwach­se­nen. 

Zur Per­son:
Joa­chim Türk ist seit Mai 2019 im Bun­des­vor­stand des Kin­der­schutz­bun­des. 

Einen kom­plet­ten Arti­kel zum The­ma Influencer:innen fin­det ihr in der neu­en Aus­ga­be von Cou­ra­ge Maga­zin 01/2022. Ein Inter­view mit Influ­en­ce­rin Lui­se Rit­ter könnt ihr hier lesen. 

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Noch mehr Infos für dich

Vom Ehrenamt in die Festanstellung

Ria Kor­t­um ist stu­dier­te Heil­päd­ago­gin und seit 2017 bei der Deut­schen Kin­der­krebs­stif­tung für „Pro­jekt­ma­nage­ment und psy­cho­so­zia­le The­men“ zustän­dig. Zuvor enga­gier­te sich die Mut­ter von Zwil­lin­gen, die selbst sehr jung an Krebs erkrank­te, ehren­amt­lich für die Stif­tung. “Ein Ehren­amt kann dabei hel­fen, aus­zu­lo­ten, wo die eige­ne beruf­li­che Rei­se hin­ge­hen soll”, ermu­tigt Rita Kor­t­um. Ein bewe­gen­des Plä­doy­er für Mut und Beharrlichkeit. 

Neun Buchhandlungen, die einen Besuch wert sind

Man­che Buch­lä­den sind schö­ner als ande­re. Dabei sind die spek­ta­ku­lärs­ten Schatz­häu­ser fast so ver­schie­den wie die Inhal­te der Bücher, die sie anbie­ten. Ange­sichts die­ser Buch­hand­lun­gen möch­te man nie wie­der im Inter­net bestel­len. Ein Plä­doy­er in neun Beispielen.

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