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  • Milena Rottensteiner und Selina Haupt
    Milena Rottensteiner, Leiterin des Sparkassen Innovation Hubs, und Selina Haupt, Projektleiterin, ©Star Finanz

Wie Frauenbedürfnisse im Finanzsektor verkannt werden

2022-06-14T07:35:59+02:0010. Juni 2022|

Der Gen­der-Pay-Gap ist bekannt. Auch der Invest­ment-Gap wird andis­ku­tiert. Wer aller­dings genau hin­sieht, wird auch eine unschö­ne Lücke im Ser­vice­kon­zept vie­ler Finanz­häu­ser fin­den. Mile­na Rot­ten­stei­ner, Lei­te­rin des Spar­kas­sen Inno­va­ti­on Hubs, und Seli­na Haupt, Pro­jekt­lei­te­rin, zei­gen in ihrer 2021er Stu­die ein­drucks­voll, wo es man­gelt und wie Ser­vice ein­fach bes­ser wer­den könn­te. 

Von Michae­la Stemper

Liebe Frau Haupt, wie sind Sie beim Female Finance Screening 2021 vorgegangen?

Seli­na Haupt: Um ein gutes Bild vom Sta­tus quo zu bekom­men, ent­wi­ckel­ten wir einen mehr­stu­fi­gen Pro­zess. Zunächst wur­de eine offe­ne Umfra­ge unter über 100 Teil­neh­me­rin­nen gestar­tet, was sie beim The­ma Geld und Finan­zen bewegt. Es folg­te eine tie­fe­re Ana­ly­se anhand bestehen­der Stu­di­en und Sta­tis­ti­ken. Was bie­ten eta­blier­te Finanz­dienst­leis­ter? Und was neue? Ergänzt um die Erfah­run­gen aus dem eige­nen Haus –Trai­nees, Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te, Kun­den­be­ra­te­rin­nen und Fili­al­lei­te­rin­nen kamen zu Wort. Das Bild kom­plet­tier­te eine deutsch­land­wei­te Markt­for­schung mit qua­li­ta­ti­ven Tie­fen­in­ter­views. 

Liebe Frau Rottensteiner, welches Bild ergab sich letztendlich?

Mile­na Rot­ten­stei­ner: Finanz­pro­duk­te wur­den in der Ver­gan­gen­heit oft von Män­nern für Män­ner ent­wi­ckelt. Vie­le Frau­en spü­ren ein gewis­ses Unwohl­sein, da ihre Bedar­fe in der klas­si­schen Finanz­kom­mu­ni­ka­ti­on kaum berück­sich­tigt wer­den. Hier ist ein ande­rer Grad von Abho­len und Infor­mie­ren gefragt. Das bedeu­tet einer­seits, zurück­hal­tend und behut­sam zu kom­mu­ni­zie­ren. Gleich­zei­tig aber auch impuls­ge­bend zu sein, wenn es um die Ent­schei­dung geht.  

Wem hätten Sie diese Erkenntnisse gerne als erstes gezeigt?

Rot­ten­stei­ner: Ehr­li­cher­wei­se, den Ent­schei­den­den in der Spar­kas­sen-Finanz­grup­pe. Das haben wir auch getan. Und das Schö­ne ist, wir sind durch­aus offe­ne Türen ein­ge­rannt.  

Mit welchen Kernaussagen?

Haupt: Dass Frau­en kurz­fris­tig einen sehr guten Über­blick über ihre Finan­zen haben. Lang­fris­tig aber vie­les hin­ten her­un­ter­fällt. Hier soll­ten wir einen bes­se­ren Über­gang ermög­li­chen. In vier Berei­chen sehen wir kon­kre­ten Hand­lungs­be­darf: es braucht eine empha­ti­sche­re Bera­tung, prak­ti­sche Tools, die Sicher­heit ver­mit­teln, sinn­haf­tes Inves­tie­ren und fle­xi­ble­re Kre­dit­mo­del­le. Dann fühlt sich ein Groß­teil der Frau­en bes­ser betreut. 

Viele Frauen wünschen sich offenbar eine empathische, auf Lebensphasen bezogene Beratung. Welche Abschnitte sind besonders wichtig?

Haupt: Beson­ders inten­siv wird über Finan­zi­el­les in den Umbruch­pha­sen nach­ge­dacht: von der Aus­bil­dungs­zeit über den Berufs­ein­stieg, von der Eltern­zeit bis hin zum Wie­der­ein­stieg und spä­ter zum Ruhe­stand. Aber auch Wei­ter­bil­dungs- oder Grün­dungs­the­men spie­len eine Rol­le. Eine Bezie­hung ein­ge­hen oder lösen. Der Haus­kauf. Kin­der bekom­men oder Kin­der ins Leben ent­las­sen. Nicht zuletzt Krank­heit, Pfle­ge oder der Ver­lust von Partner:in. Natür­lich durch­läuft nicht jede Frau jede die­ser Pha­sen. 

Rot­ten­stei­ner: Und natür­lich erle­ben Män­ner die­se Situa­tio­nen glei­cher­ma­ßen. Aber bei Frau­en sind die Pha­sen deut­lich vola­ti­ler, also stär­ker aus­ge­prägt. Ein Bei­spiel: der anfäng­li­che Pay-Gap führt zu weni­ger Geld in der Eltern­zeit und spä­ter zu einer schlech­ter ver­gü­te­ten Teil­zeit. Das führt wie­der­um zu gerin­ge­ren Vor­sor­ge­bei­trä­gen und zu weni­ger Ren­te. Die Gaps mul­ti­pli­zie­ren sich also auf eine unan­ge­neh­me Art.  

Und wie ist der Begriff empathisch zu verstehen?

Rot­ten­stei­ner: Es bedeu­tet, vor allem auf die Bedürf­nis­se der Frau­en ein­zu­ge­hen. Einer­seits, durch kon­kre­te in der Bera­tung, etwa was eine Eltern­zeit finan­zi­ell bedeu­tet. Ande­rer­seits, der Kun­din Frei­räu­me für ihr Finanz­ent­schei­dun­gen ein­zu­räu­men. Frau­en brau­chen ein­fach mehr Zeit, um sich einer Sache sicher zu sein. 

Andersherum, was stößt Frauen ab?

Haupt: Die Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Augen­hö­he ist enorm wich­tig. Man mag sich das heut­zu­ta­ge kaum vor­stel­len, aber in der Bera­tungs­si­tua­ti­on wird doch der männ­li­che Part bevor­zugt ange­spro­chen. Ein abso­lu­tes No-Go. Im Ein­zel­fall kam es noch schlim­mer: eine Kun­din for­der­te mehr­fach Unter­la­gen an, was mit den Wor­ten kom­men­tiert wur­de: „Die habe ich doch schon Ihrem Mann geschickt“.  

Wie wichtig sind Communities und Netzwerke?

Haupt: Sich umfas­send zu infor­mie­ren und zu schau­en, was ande­re machen, funk­tio­niert in Finanz­com­mu­nities sehr gut. Mit dem dort erwor­be­nen Wohl­ge­fühl und dem Rücken­wind von „Finanz­freun­din­nen“ lässt sich so man­che Invest­ment­ent­schei­dung leich­ter tref­fen. Wir haben übri­gens bei unse­ren Recher­chen fest­ge­stellt, dass es schon tol­le regio­na­le Netz­wer­ke mit inspi­rie­ren­den Ver­an­stal­tun­gen gibt. Das muss nicht immer eine Mil­lio­nen-Com­mu­ni­ty sein.  

Welche Tools wünschen sich Frauen? Zugespitzt: Muss eine Frauen-Finanz-App tatsächlich rosarot sein?

Rot­ten­stei­ner: Nein, muss sie nicht. Auf Augen­hö­he und empha­tisch heißt auch, die Frau­en dort abzu­ho­len, wo sie ste­hen. Nicht weni­ge sind sehr gut infor­miert und wür­den mit kli­schee­haf­ten Ange­bo­ten ver­prellt.  

Haupt: Optisch anspre­chend darf es den­noch sein. Wir alle nut­zen doch gern schön gestal­te­te Pro­duk­te. Kon­kret? Frau­en mögen viel­leicht eher einen zusätz­li­chen Erklär­text. Sie wol­len die Zah­len im Kon­text ver­ste­hen. Bei den Tools? Hier hilft der digi­ta­le Finanz­über­blick in der Ban­king App, der mit Hin­wei­sen ver­knüpft ist, wie ich die lang­fris­ti­ge Finanz­pla­nung ange­hen kann. Das kön­nen klei­ne Wis­sens­ele­men­te sein, Tipps oder der Ver­gleich zu einer Frau in einer ähn­li­chen Lebens­si­tua­ti­on. 

Geht es um Investments fragen Frauen häufiger nach der Sinnhaftigkeit, oder dem Warum. Ist Ihnen dieses ‚Why‘ auch begegnet?

Haupt: Ja, auch wir stell­ten fest, dass Frau­en nach Pro­duk­ten suchen, die einen nach­hal­ti­gen, sozia­len Impact haben. Und die Hälf­te die­ser Frau­en, die inves­tie­ren, wol­len zukünf­tig aus­schließ­lich nach­hal­tig anle­gen. Zunächst ver­fol­gen Frau­en per­sön­li­che Zie­le, haben aber auch die Vor­sor­ge für Kin­der und Enkel­kin­der im Blick. Der Gedan­ke, dass es ande­ren gut­geht, ist eine Wert­vor­stel­lung, die sich auch in den Invest­ments wider­spie­geln soll.  

Wenig besprochen ist die Unterversorgung bei Krediten. Erhalten Frauen tatsächlich seltener den gewünschten Kreditrahmen?

Haupt: Ein sen­si­bles The­ma. Der Kre­dit­rah­men ist tat­säch­lich in der Regel enger und die Ver­zin­sung höher, was vor allem an den durch­schnitt­lich nied­ri­ge­ren Gehäl­tern liegt. Der Gen­der-Gap schlägt auch bei der Kre­dit­ver­ga­be zu. Dabei sind Frau­en zumeist zuver­läs­si­ger und schnel­ler in der Rück­zah­lung, wie Stu­di­en bele­gen. Denn vie­le füh­len sich unwohl mit Schul­den und möch­ten die­se schnellst­mög­lich abtra­gen. Hilf­reich wären zukünf­tig fle­xi­ble­re Kre­dit­an­ge­bo­te, etwa Raten­pau­sen in der Eltern­zeit. 

Fintechs erobern den deutschen Markt: Was gelingt dort besser? Und wo haben etablierte Institute die Nase vorn?

Haupt: Wer heu­te ein Fin­tech grün­det, star­tet natür­lich mit all die­sen Lear­nings und sucht sich gezielt ein­zel­ne Ziel­grup­pen. So auf­ge­stellt, kann man von vorn­her­ein fle­xi­bler auf Kun­den­be­dürf­nis­se ein­ge­hen. Des­halb sehen wir hier eine viel­fach locke­re­re Anspra­che, Com­mu­ni­ty-Ansät­ze und ziel­grup­pen­ge­rech­te Pro­duk­te. Die ent­spann­te Auf­ma­chung, nah­bar und mit Humor, spricht mich an.  

Rot­ten­stei­ner: Auf der ande­ren Sei­te haben gera­de eta­blier­te Play­er wie die Spar­kas­sen-Finanz­grup­pe einen unglaub­lich star­ken Kun­den­zu­gang. Wir errei­chen Frau­en auf nahe­zu jedem Wis­sens­le­vel. Tre­ten jedoch natür­lich mit bereits eta­blier­ten Pro­zes­sen an und es gilt, die­se im Hier und Jetzt zu ver­bes­sern. 

Wenn Sie privat investieren, worauf legen Sie besonderen Wert?

Rot­ten­stei­ner: Beim Inves­tie­ren habe ich den kri­ti­schen Punkt über­wun­den. Das heißt, auch wenn noch Fra­gen offen­blei­ben, ent­schei­de ich mich jetzt. Mein Mix reicht von klas­si­schen Anla­ge­for­men bis hin zu Neu­em, zum Bei­spiel Kryp­tos. 

Haupt: Ich habe mich viel­fach in der Stu­die wie­der­ge­fun­den: Beim Zögern, Über­le­gen oder Ver­glei­chen. Mein Schwer­punkt liegt auf Akti­en-ETFs und toke­ni­sier­ten Assets (Anm. der Red.: Digi­ta­li­sie­rung von Finanz­wer­ten). Aus­pro­bie­ren ist wich­tig. Seit der Stu­die spre­che ich viel offe­ner im Freun­des­kreis über das The­ma.  

Drei Punkte, wie du guten Finanzservice erkennst

  1. Wer­den mei­ne Bedürf­nis­se erkannt? 
  2. Mer­ke ich, die­se Bedürf­nis­se spie­len im Pro­dukt eine Rol­le?  
  3. Kann ich mich aus­pro­bie­ren? Dann ent­we­der ver­tie­fen oder las­sen! 
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