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  • Business Coach Kristin Woltmann, ©Lukas P. Schmidt

Weshalb berufliches Scheitern auch an der Psyche liegen kann – und wie man das ändert

2023-01-17T10:18:19+01:001. Januar 2023|

Ist Ihr Start-up ein Flop? Oder will der ersehn­te Kar­rie­re­sprung ein­fach nicht klap­pen? Wenn Sie im Beruf schei­tern, liegt das womög­lich nicht an man­geln­der Qua­li­fi­ka­ti­on oder am Geschäfts­mo­dell – son­dern an der eige­nen Psy­che. Frau­en sind beson­ders betroffen.

Von Gast­au­torin Kris­tin Woltmann

Erfolg macht stolz, Erfolg macht glück­lich. Ob beruf­lich oder pri­vat, wir wün­schen uns Aner­ken­nung und Erfolg bei allem, was wir tun. Kein Wun­der. Von Kin­des­bei­nen an ler­nen wir: Gute Noten, gewon­ne­ne Wett­be­wer­be, Applaus bei der Schul­auf­füh­rung zau­bern den Eltern ein Lächeln ins Gesicht – und des­halb auch uns selbst. Die­ses groß­ar­ti­ge Gefühl neh­men wir mit ins Erwach­se­nen­le­ben, wir wol­len es nicht mehr mis­sen. Aber was macht uns stolz, wenn die Zeit der Beno­tun­gen vor­bei ist? 

Für die eine ist es der nächs­te Schritt auf der Kar­rie­re­lei­ter, für die Nächs­te die gelun­ge­ne Ein­füh­rung ihres Online­shops. Die Drit­te fühlt sich erfolg­reich und glück­lich, wenn sie es schafft, Beruf und Fami­lie in Ein­klang zu brin­gen. Erfolg hat vie­le Facet­ten. Aber immer geht es um das Errei­chen der Zie­le, die wir uns ste­cken. Wir neh­men uns etwas vor, und Erfolg ist das, was dar­aus im posi­ti­ven Sin­ne erfolgt. Es geht um nichts weni­ger als um unse­re Träu­me und Lebens­vi­sio­nen, um Selbst­wirk­sam­keit und ‑ver­wirk­li­chung. 

Misserfolge brennen sich ein

Schei­tern ist dage­gen kei­ne ange­neh­me Erfah­rung. Miss­erfol­ge bren­nen sich ins Gedächt­nis ein. Wir wol­len die Beför­de­rung unbe­dingt und müs­sen zuschau­en, wie jemand anders auf­steigt. Wir machen uns selbst­stän­dig und sind nach einem hal­ben Jahr ent­täuscht, weil der Umsatz nicht stimmt. Wir star­ten top vor­be­rei­tet in unse­ren ers­ten Mara­thon und sind bei Kilo­me­ter 32 men­tal und ener­ge­tisch so am Ende, dass wir abbre­chen müs­sen. Sol­che Erleb­nis­se ver­un­si­chern. Gera­de Frau­en sind dafür beson­ders anfäl­lig. Sie neh­men sich Miss­erfol­ge oft mehr zu Her­zen als Män­ner, die Nie­der­la­gen mit einer „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“-Einstellung wegstecken.

Erfolg beginnt im Kopf

Was aber ent­schei­det über Erfolg oder Miss­erfolg? Unse­re Vor­be­rei­tung? Die rich­ti­ge Stra­tegie? Ja, aber nicht nur. Selbst bei opti­ma­len äuße­ren Vor­aus­set­zun­gen errei­chen wir unse­re Zie­le nicht immer. Denn Erfolg beginnt im Kopf. Und der kann zum Feind werden.

Neh­men wir das Bei­spiel Mara­thon­lauf: Selbst wenn wir ide­al trai­niert haben und gut vor­be­rei­tet ins Ren­nen gehen, spü­ren wir ab einem gewis­sen Punkt die Ermü­dung. Wir haben kei­ne Lust mehr. Unser Kopf mel­det sich: „War­um tust du dir das an? Es wäre doch viel beque­mer, jetzt ein­fach nach Hau­se zu gehen.“ Das hoch­span­nen­de Selbst­ge­spräch mit unse­rem inne­ren Schwei­ne­hund beginnt. Jetzt gibt es nur zwei Mög­lich­kei­ten: Wir geben der Stim­me nach oder wir lau­fen wei­ter. Die­se Ent­schei­dung bestimmt über Erfolg oder Misserfolg.

Die Kraft der Bilder

Genau­so erle­be ich es im Busi­ness­kon­text. Wir schei­tern, wenn wir unse­ren Gedan­ken erlau­ben, das Errei­chen unse­rer Zie­le zu tor­pe­die­ren. Dann nutzt die bes­te stra­te­gi­sche Vor­be­rei­tung nichts. Nur eines von zehn Start-ups wird sehr erfolg­reich, sagen Exper­ten. Mehr als 80 Pro­zent schei­tern inner­halb von drei Jah­ren, man­che Schät­zun­gen gehen sogar von 90 Pro­zent oder mehr aus. War­um? Der Daten­dienst CB Insights nennt als Grün­de feh­len­de Nach­fra­ge, Pro­ble­me im Team, wenig Cash. Das mag alles stim­men. 

Ich aber den­ke auf­grund mei­ner Erfah­rung als Busi­ness­coach: Am Erfolg hin­dern uns zuerst nega­ti­ve Gedan­ken. „Ich schaf­fe das nicht, ich wer­de nie­mals Erfolg haben …“ Eine klas­si­sche selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung – und brand­ge­fähr­lich. Nega­ti­ve Gedan­ken, wie ich sie oft höre, sind schäd­lich – für unse­re Kar­rie­re, für unser Geschäft und für uns selbst. 

Viel bes­ser ist es, die Tech­nik des Visua­li­sie­rens ein­zu­set­zen, wie es Sport­le­rin­nen und Sport­ler tun. Sie berei­ten sich auf Wett­kämp­fe geis­tig vor, in dem sie sich den Erfolg bild­lich vor­stel­len. Die Ski­renn­läu­fe­rin rauscht in ihrem Kopf schon vor­ab in Best­zeit durch die Slalom­stangen, fei­ert den Ziel­ein­lauf oder steht auf dem Sie­ger­trepp­chen. Durch die Kraft ihrer ­Vor­stel­lung wird sie zur Gewin­ne­rin. 

Selbstsabotage im Unterbewusstsein

Die­se Kraft lässt sich auch im Beruf nut­zen: Wir visua­li­sie­ren das Bild von uns als erfolg­rei­che, glück­li­che Unter­neh­me­rin mit einem beacht­li­chen Kun­den­stamm. Wir sehen uns im neu­en Büro in der erträum­ten Posi­ti­on. Wir ste­hen im Kopf als Spea­ke­rin auf der Büh­ne, wäh­rend ein gro­ßes Publi­kum an unse­ren Lip­pen hängt. Wenn Ihnen das schwer­fällt, ver­su­chen Sie es mit men­ta­lem Trai­ning. Es hilft, Erfol­ge geis­tig vor­weg­zu­neh­men und sie so in die Tat umzu­set­zen. 

Aber es reicht womög­lich nicht aus. Denn die Selbst­sa­bo­ta­ge hat neben nega­ti­ven Gedan­ken einen wei­te­ren wich­ti­gen Kol­la­bo­ra­teur: das Unter­be­wusst­sein. In mei­ner Arbeit stel­le ich immer wie­der fest, dass die­ser Kol­la­bo­ra­teur eine bedeu­ten­de Rol­le spielt. Wir kön­nen noch so gut vor­be­rei­tet sein und uns erfolg­reich den­ken – wenn im Unter­be­wusst­sein ein Pro­gramm gespei­chert ist, das den Erfolg hemmt, dann wird er sich kaum ein­stel­len. Dann ver­hin­dern wir den Erfolg mit wir­kungs­vol­len Strategien.

Aufschieben und abwarten

Eine die­ser Stra­te­gien der Erfolgs­ver­hin­de­rung ist die Pro­kras­ti­na­ti­on oder auch die Auf­schie­be­ri­tis. Weil wir Angst haben, mit unse­rem Busi­ness­pro­jekt zu schei­tern, schie­ben wir die nöti­gen Auf­ga­ben dafür so lan­ge auf, bis es wirk­lich nicht mehr gelin­gen kann. 

Eine ande­re „erfolg­rei­che“ Stra­te­gie: der Per­fek­tio­nis­mus. Bevor wir nicht per­fekt vor­be­rei­tet, aus­ge­bil­det und inner­lich gewach­sen sind, legen wir erst gar nicht los. Wir bewer­ben uns nicht auf die Füh­rungs­po­si­ti­on. Wir machen lie­ber die sound­so­viel­te Fort­bil­dung, weil wir glau­ben, nicht gut genug zu sein. Wir las­sen Chan­cen ver­strei­chen, weil der Zeit­punkt nicht per­fekt ist. So kön­nen wir nicht schei­tern. Aber eben auch nicht erfolg­reich wer­den. Beson­ders bei Frau­en ist die­se Stra­te­gie verbreitet.

Die drei Teufelinnen

Der drit­te Erfolgs­blo­cker, den vie­le Frau­en ken­nen, ist das stän­di­ge Ver­glei­chen. Wenn wir stän­dig rechts und links schau­en, was unse­re Wett­be­wer­ber und Wett­be­wer­be­rin­nen machen, gera­ten wir schnell in eine Abwärts­spi­ra­le. Wir füh­len uns schlech­ter als die ande­ren und ent­mu­ti­gen uns dadurch selbst. Vie­le ­Online­un­ter­neh­me­rin­nen, die ich beglei­tet habe, waren so stark in die­ser ver­gleichenden Spi­ra­le gefan­gen, dass sie gedank­lich mehr bei „den ande­ren“ als bei ihrem eige­nen Busi­ness und ihren Zie­len waren.

War­um aber haben die drei Teu­fe­lin­nen „Pro­kras­ti­na­ti­on, Per­fek­tio­nis­mus und Ver­glei­che“ so viel Macht über uns? Die Ant­wort ist ein­fach: wegen unse­rer Angst – vor dem Schei­tern. Tief im Unter­be­wusst­sein ist bei vie­len Men­schen das Ver­sa­gen als abso­lu­tes Hor­ror­sze­na­rio gespei­chert. Wie hat es eine mei­ner Kun­din­nen aus­ge­drückt: „Ich habe sol­che Angst, dass ich unter der Brü­cke schla­fen muss und ver­hun­ge­re, wenn ich das Busi­ness nicht zum Lau­fen brin­ge!“ Dabei zit­ter­te sie am gan­zen Kör­per – und sag­te im nächs­ten Augen­blick: „Oh Gott, das ist doch über­haupt nicht wahr­schein­lich. Zur Not suche ich mir eben wie­der einen Job. War­um den­ke ich das bloß?“

Unse­re Ängs­te sit­zen tief. Sie sind im lim­bi­schen Sys­tem ver­an­kert, das unse­re Gefüh­le ver­ar­bei­tet und in Ver­hal­ten ummünzt. Womög­lich ein Über­bleib­sel aus der Stein­zeit. Damals war es lebens­be­droh­lich, erfolg­los von der Jagd nach Hau­se zu kom­men. 

Frisst der Erfolg meine Freizeit auf?

Noch trick­rei­cher als die Angst vor dem Schei­tern ist aller­dings die Angst vor dem Erfolg. Auch so ein The­ma, das vie­le Frau­en unbe­wusst in sich tra­gen. Sie befürch­ten Pro­ble­me im Pri­va­ten, wenn es im Busi­ness rich­tig gut läuft: Las­sen sich Fami­lie und Beruf noch ver­ei­nen? Fin­de ich den rich­ti­gen Part­ner dafür? Män­ner kom­men mit erfolg­rei­chen Frau­en nicht klar, oder? Was, wenn mich frü­he­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen mei­den, weil ich auf­ge­stie­gen bin? Und wird der Erfolg mei­ne gesam­te Frei­zeit auf­fres­sen? Dann lie­ber nicht. Die Work-Life-Balan­ce ist mir wich­tig. Ich will schließ­lich nicht als ein­sa­me, über­ar­bei­te­te, aus­ge­brann­te Frau enden. Unter­be­wuss­te Gedan­ken wie die­se schwä­chen uns men­tal erheb­lich und wir­ken sich genau wie die Angst vor dem Schei­tern erfolgs­hem­mend aus.

Die Angst als Freund

Bleibt die Fra­ge, wie wir die­se Ängs­te los­wer­den. Eine sehr wir­kungs­vol­le Übung ist das Reframing. Wir kön­nen die Angst damit in einen neu­en Kon­text set­zen. Zum Bei­spiel so: Wie wäre es, wenn ich die Angst ein­mal nicht als mei­nen Feind sähe, son­dern als Freund und wert­vol­len Bera­ter, der mir eine wich­ti­ge Bot­schaft mit­tei­len möch­te? Was wür­de die Angst dann sagen?

Durch so einen Gedan­ken-Twist ent­steht eine neue Per­spek­ti­ve. So könn­te die Angst bei­spiels­wei­se sagen: Bevor du dei­nen Job kün­digst, prü­fe dei­ne Rück­lagen und bean­tra­ge Grün­dungs­zu­schuss! Oder sie ermahnt uns klar, aber herz­lich, dass wir im neu­en Traum­job die Fami­lie nicht zuguns­ten der Kar­rie­re opfern, weil uns bei­des wich­tig ist. 

Solch ein Rat kann ent­schei­dend sein. Denn unse­re Ängs­te haben durch­aus eine Funk­ti­on. Sie bewah­ren uns womög­lich davor, wirk­lich in eine Erfolgs­fal­le zu tap­pen. Daher gilt in dop­pel­ter Hin­sicht: Erfolg beginnt im Kopf. Zum einen durch den kon­struk­ti­ven Umgang mit nega­ti­ven Gedan­ken und Ängs­ten. Und zum ande­ren mit der kla­ren Aus­rich­tung auf das, was wir wirk­lich wollen.

Zum Schluss die wirk­lich gute Nach­richt: Gro­ßer Erfolg und ein erfüll­tes Leben las­sen sich sehr wohl ver­ei­nen. Auch mit Fami­lie und genü­gend Frei­zeit. Was wir uns wün­schen, ist mög­lich – wenn wir das rich­ti­ge Mind­set haben. 

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