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  • Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Foto: Jacobia Dahm/Bloomberg via Getty Images

Verhandlungsstark und top vernetzt: Die talentierte Madame Lagarde

2023-01-20T12:07:12+01:0020. Januar 2023|

Ver­hand­lungs­stark, top ver­netzt und mit einem Hang zum Luxus aus­ge­stat­tet: EZB-Che­fin Chris­ti­ne Lagar­de ist eine beson­de­re Erschei­nung auf dem poli­ti­schen Par­kett und Vor­rei­te­rin für eine Welt, in der auch Frau­en die höchsten Ämter besetzen.

Von Michae­la Stemper

Ele­gant bis luxu­ri­ös: So zeigt sich Chris­ti­ne Lagar­de auf der öffentlichen Bühne. Wei­ßes Haar, kühler Blick und der Teint stets gebräunt. Meist mit einem Lächeln, mal strah­lend, mal zähnefletschend. Die 66-Jährige ist eine beein­dru­cken­de Erschei­nung in der Finanz­welt. Die hoch­ge­wach­se­ne EZB-Präsidentin scheut sich nicht, aus einem Heer grau geklei­de­ter Männer mit far­ben­fro­hen Acces­soires her­vor­zu­ste­chen. Sie liebt fun­keln­den Schmuck, trägt häufig sei­de­ne Hermès Carrés. Ihre Schals haben Punk­te, das Revers ziert eine roséfarbene Blüte. Von Cha­nel über Armand Ven­ti­lo bis hin zu Aus­tin Reed reicht ihre Garderobe.

Die Pres­se liebt sie dafür. Aller­dings hat Chris­ti­ne Lagar­de für ihre geho­be­ne Aus­stat­tung auch viel Kri­tik ein­ste­cken müssen. Vor allem als sie noch Che­fin des Inter­na­tio­na­le Währungsfonds (IWF) war. Nach­hal­tig ist ihr Klei­dungs­stil trotz­dem: Sie setzt auf gute, lang­le­bi­ge Basics. Und dar­in sieht man sie mehr als nur einmal.

Mit ihrer Vor­lie­be für teu­re Klei­dung und edlen Schmuck wirkt Lagar­de, als wäre sie im großbürgerlichen Haus­halt von Mon­sieur Clau­de auf­ge­wach­sen. Aber das täuscht. Sie stammt aus einem wenig glamourösen, katho­li­schen Eltern­haus und wuchs mit drei Brüdern in der Nor­man­die auf. Die Bil­dung, die sie durch ihre Eltern – einen Lite­ra­tur­pro­fes­sor und eine Latein­leh­re­rin – erhielt, leg­te den Grund­stein für ihre Karriere.

Leicht waren die Jugend­jah­re trotz­dem nicht: Der bewun­der­te Vater starb nach lan­ger Krank­heit viel zu früh. Die Mut­ter wur­de zum Vor­bild. Mit 16 übernahm Chris­ti­ne viel Ver­ant­wor­tung, auch für die jüngeren Brüder. Aber dis­zi­pli­niert, wie man die Französin heu­te kennt, gelang ihr der Spa­gat zwi­schen häuslicher Pflicht, Aus­bil­dung und Neben­jobs als Jeans-Verkäuferin und auf dem Fisch­markt. Nicht zu ver­ges­sen: Lagar­de ver­lang­te sich zusätzlich noch als Syn­chron­schwim­me­rin eini­ges ab. In ihrer Jugend hol­te sie Bron­ze bei den französischen Meis­ter­schaf­ten. Auch im Natio­nal­team gewann die schlan­ke Schwim­me­rin Medail­len in der Sport­art des ewi­gen Lächelns.

Signal der Kampfbereitschaft

Wenn sich Talent, Dis­zi­plin und ein Quäntchen Glück ver­ei­nen, trifft man auf Förderer. So auch die jun­ge, ehr­gei­zi­ge Chris­ti­ne. Ein Sti­pen­di­um ermöglicht ihr ein Aus­lands­jahr an einer pri­va­ten Eli­te­schu­le in den USA. Nach ihrem Jura­stu­di­um wur­de die 25-Jährige mit den exzel­len­ten Eng­lisch­kennt­nis­sen in der Wirt­schafts­kanz­lei Baker McKen­zie gefördert. Eine Vor­ge­setz­te erkann­te früh die Verhandlungsstärke der jun­gen Frau, die die­se bis heu­te bei jeder Gele­gen­heit demons­triert. Unver­ges­sen das Bild, als sie in einer IWF-Sit­zung ener­gisch ihr Hermès‑Halstuch locker­te und über die Schul­tern glei­ten ließ, um Kampf­be­reit­sch­apf zu signa­li­sie­ren – so wie Männer die Ärmel hoch­krem­peln würden.

Lagar­de wird in den 18 Jah­ren bei Baker McKen­zie zu einer Top-Anwältin für Arbeits- und Wett­be­werbs­recht. Schließ­lich sitzt sie 1999 als ers­te Frau auf dem Chef­ses­sel in der Fir­men­zen­tra­le in Chi­ca­go. Eine Pio­nie­rin im „Ally McBeal“-Zeitalter. Unter der mächtigen Vor­stands­vor­sit­zen­den ist die Wirt­schafts­rechts­kanz­lei mit einer Mil­li­ar­de US-Dol­lar Umsatz die zweitgrößte welt­weit. Rund 3400 Juris­tin­nen und Juris­ten hörten auf das Kom­man­do von Chris­ti­ne Lagarde.

Bis zum Jahr 2005. Denn da ruft Frank­reich. Die Anwältin tauscht die Robe gegen das Politikerinnen-Kostüm. Sie wird zunächst Staatssekretärin für den Außen­han­del – ein Grüß‑Gott-Job –, dann Minis­te­rin für Land­wirt­schaft und Fische­rei, bevor der gro­ße Tri­umph folgt: 2007 wird sie Wirt­schafts- und Finanzministerin.

Die ers­te Frau eines G‑8-Staats in die­sem Amt. Und das, obwohl sie lan­ge in den USA leb­te und nicht wie so vie­le französische Top-Poli­ti­ker an der Gran­de École ENA Ver­wal­tung stu­diert hat­te. Allein das hätte schon gereicht, um sie heu­te als Role Model zu bezeich­nen. Selbst­be­wusst auch hier ihr persönliches Design-State­ment: 50 Qua­drat­me­ter Zebratep­pich­bo­den wur­den damals im Minis­te­ri­um ver­legt. Angeb­lich, damit ihre Mit­ar­bei­ter nicht auf ihre Schuh­spit­zen schau­ten, son­dern direkt in ihr Gesicht.

Vorteil in der Finanzkrise

Die anglo­pho­ben Fran­zo­sen betrach­te­ten ihre Lands­frau indes mit Arg­wohn. Mit ihrer offe­nen Kri­tik an Frank­reichs Arbeits­po­li­tik mit 35-Stun­den-Woche und ständigen Streiks mach­te sie sich wenig Freun­de. „Madame La Gaf­fe“ – Frau Fett­napf – wird sie genannt. Es heißt sogar, der dama­li­ge Staatspräsident Nico­las Sar­ko­zy wäre die eigen­sin­ni­ge Juris­tin im Finanz­mi­nis­te­ri­um gern los­ge­wor­den. Aller­dings: In der Finanz­kri­se konn­te sie zei­gen, dass ihre inter­na­tio­na­le Aus­bil­dung, ihre zähe Hal­tung und ihr Netz­werk ent­schei­den­de Vor­tei­le für Frank­reich waren. Und dafür zoll­ten ihr auch Kri­ti­ker Respekt.

Ob sie hin und weg befördert wur­de? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall löste die damals 55-Jährige 2011 Domi­ni­que Strauss-Kahn beim Inter­na­tio­na­len Währungsfonds ab. Damit war sie erneut die ers­te Frau: dies­mal an der Spit­ze des wich­tigs­ten inter­na­tio­na­len Kre­dit­ge­bers für in Not gera­te­ne Länder. Bei der Beset­zung stach sie die männliche Kon­kur­renz aus und wur­de nach fünf Jah­ren wiedergewählt. 

Sie schnürte mil­li­ar­den­schwe­re Rettungs­pakete für Grie­chen­land, Irland und Por­tu­gal. Dabei leg­te sie sich auch mit Ange­la Mer­kel an. Eine Kon­tro­ver­se auf Augenhöhe: Die laut „For­bes Maga­zi­ne“ zweitmächtigste Frau der Welt bot der mächtigsten die Stirn.

IWF-Chefin vor Gericht

Nur als der Tapie-­Skan­dal hoch­koch­te, sah es kurz­zei­tig so aus, als ste­he die Kar­rie­re der Gran­de Dame auf der Kip­pe. In ihrer Funk­ti­on als Finanz­mi­nis­te­rin hat­te sie 2008 den vor­schnellen Ver­gleich eines Schieds­ge­richts in einem Streit zwi­schen dem Staat und dem da­maligen Adi­da­s­-Besit­zer Ber­nard Tapie durch­ge­wun­ken, ohne Ein­spruch ein­zu­le­gen. Tapie war dabei eine Entschädigungszahlung zuge­sprochen wor­den, ins­ge­samt hat­te er rund 400 Mil­lio­nen Euro kas­siert. Lagar­de muss­te vor Gericht. Der Vor­wurf: fahrlässiger Umgang mit öffentlichen Gel­dern. 2016 wur­de sie schul­dig gespro­chen, ging jedoch straf­frei aus – und kam so mit einem blau­en Auge davon.

Ihren Arbeits­ei­fer hat die­ser Fehl­tritt nicht gehemmt. Die Flug­ki­lo­me­ter, die die­se Frau zurückgelegt hat, sind kaum zählbar. Vertrag­lich wur­den der IWF­-Che­fin First­-Class­-Flüge zuge­bil­ligt. Das hat ihr einer­seits Kri­tik einge­bracht. Ande­rer­seits demons­trie­ren Männer in ähnlicher Posi­ti­on ihre Macht eben­falls mit sol­chen Statussymbolen.

Lagar­de geht eben ihren eige­nen Weg. Deut­lich zeigt sich das auch bei ihrem Amts­an­tritt als EZB­-Präsidentin 2019. Als sie das Ruder von Mario Draghi übernahm, stand erst­mals eine Nicht-­Ökonomin auf der Kommandobrü­cke der Zen­tral­bank. Und oben­drein eine Frau. Damals wur­de sie gefragt, ob sie eher zu den Fal­ken oder zu den Tau­ben gehöre. Ers­te­re ste­hen für eine straf­fe Geld­po­li­tik, die die Infla­tion im Zaum hal­ten soll. Letz­te­re gel­ten als Anhänger einer locke­ren Geld­po­li­tik, die eher die Kon­junk­tur sti­mu­lie­ren soll. Sie selbst be­zeichnete sich damals als Eule und ließ sich eine gewis­se Weis­heit zuschreiben.

Inzwi­schen trägt Lagar­de trotz­dem den Spitz­na­men „Madame Infla­ti­on“. Aus der Eule wur­de eine Tau­be, die mit ihrer locke­ren Geld­po­li­tik die Finanzmärkte flu­tet. Das hat ihr Vor­gänger auch gemacht. Bei all den Anfor­de­run­gen ver­gisst sie eines jedoch nicht: Frau­en zu fördern. Schon vor zehn Jah­ren auf dem Welt­wirt­schafts­gip­fel in Davos plädierte sie für mehr Gleich­be­rech­ti­gung mit den Wor­ten: „Bringt Frau­en an den Tisch und fei­ert sie!“ Gelernt hat sie das mit 25 Jah­ren von ihrer dama­li­gen Vor­ge­setz­ten in der Kanz­lei, die Frau­en förderte, als Diver­si­ty noch nicht auf der Agen­da stand. Berühmt ist Lagar­de auch für ihre Tref­fen mit Frau­en, die sie auf Rei­sen orga­ni­siert und bei denen Männer unerwünscht sind.

Es heißt sogar, sie habe immer eine Lis­te mit den Namen fähiger Frau­en in pet­to, die sie bei Gele­gen­heit ins Spiel brin­gen kann. „Ich habe lan­ge geglaubt, dass Arbeit und Kom­pe­tenz genügen, damit sich Frau­en durch­set­zen“, sagt sie. Aber das rei­che wohl nicht. 

Und das Pri­vat­le­ben? Hat sie das überhaupt? Zumin­dest hat sie in ihren Drei­ßi­gern zwei Söhne mit dem Finanz­ana­lys­ten Wil­fried Lagar­de bekom­men. Als frisch­ge­ba­cke­ne Part­ne­rin bei Baker McKen­zie brach­te sie Pierre-Hen­ri und Tho­mas zur Welt. Wobei sie angeb­lich bis zum letz­ten Tag der Schwan­ger­schaft gear­bei­tet hat und nach weni­gen Mona­ten Mut­ter­schafts­ur­laub zurückgekehrt ist. Das in Frank­reich gut funk­tio­nie­ren­de Sys­tem der Crèche, also der frühen Betreu­ung in der Kin­der­krip­pe, mach­te es möglich. Poten­zi­el­le Schuldgefühle und Überarbeitung inklusive.

„Will man Fami­li­en­le­ben und Kar­rie­re zusam­men­brin­gen, muss man Feh­ler akzep­tie­ren“, so Lagar­de. Ihre Ehe wur­de geschie­den. Wil­fried kümmerte sich in Paris um die Kin­der, als Chris­ti­ne nach Chi­ca­go ging. Heu­te bewegt sie sich mit ihrem Jugend­freud, dem Unter­neh­mer Xavier Gio­can­ti, auf der welt­wei­ten Bühne.

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