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    unterschätzt werden, ©Violeta Stoimenova/iStock

Unterschätzt werden: Was dahinter steckt und was du dagegen tun kannst

2021-11-11T12:21:03+01:0011. November 2021|

„Nie wer­de ich die­ses abschät­zi­ge Lachen in den Mee­tings ver­ges­sen“, erin­nert sich die Digi­tal­spe­zia­lis­tin Ste­fa­nia L. Als die jun­ge Frau mit fran­zö­si­schem Akzent eine Pro­jekt­lei­tung über­nahm, kos­te­te sie das gewal­tig Ner­ven. Wie auch die Unter­schätz­ten Gehör fin­den, ver­ra­ten die Psy­cho­lo­gin Ste­fa­nie Stahl und der Kar­rie­re­be­ra­ter Mar­tin Wehrle. 

Von Michae­la Stemper

Die Geschich­te der unter­schätz­ten Digi­tal­spe­zia­lis­tin ist schnell erzählt, brauch­te jedoch einen lan­gen Atem: Eine Frau, jün­ger als der Rest des Teams, erhält mit der Pro­jekt­lei­tung auch eine gan­ze Men­ge Ärger. Ins­be­son­de­re von zwei Män­nern. Der eine, ein wohl­mei­nen­der Patri­arch, der der Klei­nen mit dem nied­li­chen Akzent und der wip­pen­den Afro­fri­sur das Pro­jekt­ma­nage­ment nicht zutraut. Der ande­re, Typ Tech­nik-Nerd, zwei­felt ihre fach­li­che Kom­pe­tenz an. Durch sein respekt­lo­ses Lachen ver­sucht er Mee­ting für Mee­ting, die damals 28-Jäh­ri­ge aus dem Kon­zept zu brin­gen. Bei­de hat­ten sie am Ende gewal­tig unterschätzt.

Unterschätzte Typen

Wer wird unter­schätzt, fra­gen wir zwei Expert:innen, die sich bes­tens mit der Mate­rie aus­ken­nen: die Psy­cho­lo­gin und Best­sel­ler­au­torin Ste­fa­nie Stahl („Das Kind in dir muss Hei­mat fin­den“ / „So bin ich eben! im Job“) sowie den Publi­zis­ten und Kar­rie­re­coach Mar­tin Wehr­le („Der Klü­ge­re denkt nach“ / “Den Net­ten bei­ßen die Hunde“).

Unter­schätzt wer­den laut Wehr­le die­je­ni­gen, die ihre eige­nen Inter­es­sen zu wenig im Blick haben. Die für Kol­le­gen ein­sprin­gen, aber allein daste­hen, wenn sie selbst Unter­stüt­zung brau­chen. Die Pro­jek­te ent­wi­ckeln, aber am Ende des Tages einen ande­ren die Leis­tung prä­sen­tie­ren las­sen. So wer­den eige­ne Bedürf­nis­se ver­nach­läs­sigt und die der ande­ren in den Mit­tel­punkt gestellt.

Net­tig­keit wird gern mit Schwä­che ver­wech­selt. Das „Ja“ unter­lie­ge dem Gesetz der Infla­ti­on und sei eben eines Tages nichts mehr wert, erklärt Mar­tin Wehr­le. Wer immer ein­springt, wird zum „Mäd­chen vom Dienst“ und kaum mehr in der Fach- oder Füh­rungs­rol­le wahr­ge­nom­men. Lächeln wird als Zei­chen der Unsi­cher­heit gedeu­tet. Durch Ste­fa­ni­as sym­pa­thi­sche Art und ihre ver­meint­lich nied­li­che Aus­strah­lung wur­de sie zunächst in ihrer Rol­le als Pro­jekt­lei­te­rin und in Bezug auf ihre Qua­li­fi­ka­ti­on unterschätzt.

Mehr Selbstbewusstsein ist gefragt

Wel­chem Geschlecht wird weni­ger zuge­traut? Ein­deu­tig dem weib­li­chen. Frau­en ver­tre­ten nach Ansicht bei­der Expert:innen ihre Inter­es­sen weni­ger hart­nä­ckig als Män­ner. „In mei­ner Pra­xis sit­zen erfolg­rei­che Mana­ge­rin­nen, die sich unglaub­lich für ande­re ein­set­zen“, erzählt Weh­le, „Eige­ne Inter­es­sen ver­tre­ten sie jedoch eher halb­her­zig. Aus der Kar­rie­re­be­ra­tung ken­ne er Coa­chees, die ger­ne eine Gehalts­er­hö­hung hät­ten, den Chef aber dadurch nicht in Schwie­rig­kei­ten brin­gen möch­ten. Da gehe die Empa­thie zu weit.

Auch die Psy­cho­lo­gin Ste­fa­nie Stahl plä­diert für mehr Selbst­be­wusst­sein. „Frau­en lei­den in der Regel stär­ker unter Selbst­zwei­feln. Und mel­den sich bei­spiels­wei­se erst zu Wort, wenn sie sich einer Sache zu hun­dert Pro­zent sicher sind. Män­ner machen den Mund schon bei 50 Pro­zent auf“, erläu­tert die Psy­cho­lo­gin. Der inne­re Kri­ti­ker sei groß und das liegt nach Stahls Mei­nung auch am Tes­to­ste­ron. Für sie besteht ein Zusam­men­hang zwi­schen Selbst­wert­ge­fühl und männ­li­chem Sexu­al­hor­mon. „Tes­to­ste­ron­be­dingt sind Män­ner weni­ger emp­find­lich und gene­rell kon­flikt­be­rei­ter, wenn sie ein Ziel ver­fol­gen. Frau­en hin­ge­gen leben eher in der Ver­mei­dung oder Defen­si­ve. Der Mann stellt sich hin, hält sich für gut und trägt die­se Selbst­si­cher­heit in den Berufs­all­tag“, erklärt sie.

Zum Teil lie­ge die Ursa­che für ein defen­si­ves Ver­hal­ten, laut Wehr­le, in der Sozia­li­sa­ti­on. Jun­gen kon­kur­rie­ren beim Fuß­ball oder Wett­ren­nen. Mäd­chen hin­ge­gen spie­len koope­ra­ti­ve Spie­le. So ist sozio­lo­gisch mehr Zurück­hal­tung ange­legt. Was nicht heißt, dass nicht auch Män­ner das Pro­blem haben, unsicht­bar zu blei­ben. Mar­tin Wehr­le schätzt deren Anteil aus sei­ner Pra­xis als Kar­rie­re­coach immer­hin auf ein Drittel.

Ein gesellschaftliches Problem?

Zwar arbei­te er mit jeden Coa­chee als Indi­vi­du­um und so kön­ne letzt­lich nur der Mensch selbst etwas an sich ändern. Den­noch läge das Unter­schätzt wer­den nicht nur am eig­nen Ver­hal­ten und auf kei­nen Fall sei jemand selbst schuld, stellt Mar­tin Wehr­le ent­schie­den klar. Es sei gesell­schaft­li­che Rea­li­tät, dass vie­le Män­ner in Füh­rungs­po­si­tio­nen, mit einem männ­li­chen Blick­win­kel und in männ­li­chen Netz­wer­ken leben. Kurz: It’s a man world. „Aber die Struk­tur ist nicht in Stein gemei­ßelt. Ich wün­sche mir, dass sich Frau­en zusam­men­tun und sich gegen­sei­tig unter­stütz­ten. Denn sie kön­nen ihre Power für eine posi­ti­ve Betriebskul­tur nut­zen“, fin­det Wehrle.

Das beginnt zum Bei­spiel beim Aus­tausch über das Gehalt mit ver­trau­ten Frau­en. Sie wis­sen offen­bar sel­te­ner, was ande­re in ver­gleich­ba­ren Posi­tio­nen ver­die­nen. „Frau­en ent­geg­nen mir in der Bera­tung oft, dass sie dies­be­züg­lich im Dun­keln tap­pen“, erzählt Wehr­le, „Aber, wer sich aus­tauscht, kann kla­re For­de­run­gen stel­len. Mei­ne Emp­feh­lung: Legen Sie eine Leis­tungs­map­pe an. Wo habe ich Kos­ten für die Fir­ma gespart oder Pro­jek­te geschul­tert? So kann man in der Ver­hand­lung sach­lich argumentieren.“

„Das Frau­en­bild im Berufs­le­ben wird nicht nur von Män­nern, son­dern auch von Frau­en geprägt“, ergänzt die Autorin Ste­fa­nie Stahl, „Denn Män­ner­do­mi­nanz hin oder her, es gibt auch Frau­en, die ungern mit dem eig­nen Geschlecht zusam­men­ar­bei­ten.“ Tra­di­tio­nell herr­sche unter Män­nern ein stär­ke­rer Zusam­men­halt. Frau­en hin­ge­gen unter­stüt­zen ein­an­der noch zu wenig. Ihr Para­de­bei­spiel: die Per­so­nal­de­bat­te der Grü­nen um Robert Habeck und Anna­le­na Baer­bock. Auch hier habe es Frau­en gege­ben, die die Kan­di­da­tur Baer­bocks nicht mit­ge­tra­gen hät­ten. Den­noch wan­de­le sich das Bild mit jeder Genera­ti­on, fin­det Stahl: Frau­en wür­den unter­ein­an­der kame­rad­schaft­li­cher, Män­ner empa­thi­scher. Gera­de bei den bis 40-Jäh­ri­gen sei das zu beobachten.

Die große Chance der Unterschätzten

Intro­ver­tier­te wie Extro­ver­tier­te sei­en übri­gens bei bei­den Geschlech­tern gleich stark ver­teilt, stellt die Psy­cho­lo­gin fest. Gera­de lei­se, intro­ver­tier­te Mit­ar­bei­ten­de wer­den oft unter­schätzt. Deren Vor­teil ist aber: sie den­ken erst nach und reden dann. Lei­der äußern sich wäh­rend die­ses Denk­pro­zes­ses schon die etwas schnel­le­ren Extro­ver­tier­ten. Jetzt liegt es an der Che­fin oder am Chef, bei den Intro­ver­tier­ten ver­stärkt nach­zu­fra­gen, um das vol­le Poten­zi­al des Teams zu heben. Ste­fa­nie Stahl rät Füh­rungs­kräf­ten: „Öfter Nach­ha­ken, auch in Team­sit­zun­gen. Suchen Sie das Ein­zel­ge­spräch. Oder wech­seln Sie zur schrift­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on, in der die Intros deut­lich stär­ker sind.“ Das Plus der Intro­ver­tier­ten: sie per­for­men auf der Lang­stre­cke, ver­fü­gen oft über mehr Tief­gang und agie­ren beson­ne­ner. Sind weit­rei­chen­de Kon­zep­te gefragt, sind sie der Per­so­nal­jo­ker. Ste­fa­nie Stahl ermu­tigt die Lei­sen, sich aus der Deckung wagen – immer, wenn es um die Sache geht: „Den­ken Sie in Argu­men­ten! Nicht, wie kommt das an? Nicht, was macht das mit der Teambeziehung.“

Drei Tipps für Unterschätzte:

  • Wer­de Dir Dei­ner Stär­ken bewusst!
  • Berei­te Dich auf Team­sit­zun­gen vor! Zum Bei­spiel, indem Du laut sprichst.
  • Übe zu argu­men­tie­ren! Sei mit Pros und Kon­tras bes­tens vertraut.

„Es ist bes­ser, wenn man für sei­ne Leis­tung bekannt ist. Das ist wie ein Lokal, das von außen aus­sieht, als gäbe es kein gutes Essen. Dann wird auch kei­ner rein­kom­men“, ver­deut­licht Mar­tin Wehr­le die Situa­ti­on, „Las­sen Sie sich also nicht unter­schät­zen.“ Mit gro­ßem Gebrüll müs­se trotz­dem nie­mand sei­ne Leis­tun­gen vor sich her­tra­gen. Eine ele­gan­te Alter­na­ti­ve: Bei wich­ti­gen Pro­jek­ten den oder die Chef:in mit in CC set­zen, damit er oder sie mit­be­kommt, was man leis­tet. Loben Auf­trag­ge­ben­de, darf der oder die Vor­ge­setz­te das ruhig hören.

Zieh es durch!

Wer auf sei­nem Stand­punkt beharrt, ist selbst­be­wusst. Bei Frau­en heißt es dann ger­ne: „Die hat Haa­re auf den Zäh­nen“. Man muss also mit Gegen­wind rech­nen, die­sen aus­hal­ten und nach ein paar Wochen sind die neu­en Spiel­re­geln gelernt. In Schlüs­sel­si­tua­tio­nen sei es gut, ein Exem­pel zu sta­tu­ie­ren, rät Wehr­le. Eini­ge Male kon­se­quent zu sein genü­ge bereits.

Auch Ste­fa­nia fand eine gute Lösung und ver­schaff­te sich Aner­ken­nung. Selbst wenn sie nach jeder Team­sit­zung vor Anspan­nung zit­ter­te und Kopf­schmer­zen sie plag­ten. Argu­ment für Argu­ment kam sie vor­an. Nicht emo­tio­nal, son­dern sach­lich bat sie dar­um zu Ende spre­chen zu dür­fen, wenn Tech-Nerd durch sein Geläch­ter stör­te. Sie blieb klar in ihren Aus­sa­gen, hart­nä­ckig in der Sache und über­zeug­te nach zwei Mona­ten auch ihre bei­den ärgs­ten Kritiker.


Ratgeber zum Thema:

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