Startseite/Therapie: Was hilft bei Angst, Depression oder Burnout?
  • Burnout
    Burnout, ©olezzo/stock.adobe.com

Therapie: Was hilft bei Angst, Depression oder Burnout?

2022-03-14T11:16:43+01:0012. März 2022|

Das see­li­sche Gleich­ge­wicht gerät aus dem Lot. Seit der Pan­de­mie häu­fi­ger als zuvor. So nahm die Zahl der psy­chi­schen Erkran­kun­gen in Deutsch­land um 17 Pro­zent zu. Vie­le hadern mit dunklen Stun­den, Ängs­ten oder dem Gefühl, aus­ge­brannt zu sein. Brau­che ich Hil­fe, fra­gen sich nicht weni­ge. 

Von Michae­la Stemper

Depres­sio­nen und Ängs­te sind ein wei­tes Feld sind und nicht mit ein biss­chen Blues abge­tan. Die rund fünf Mil­lio­nen Men­schen, die in Deutsch­land an Depres­sio­nen lei­den, erle­ben ver­schie­dens­te Aus­prä­gun­gen, erzählt die Frank­fur­ter Psy­cho­lo­gin Dr. Yvonne Keß­el: Von der depres­si­ven Epi­so­de, von der ver­mu­tet wird, dass sie gene­tisch bedingt ist bis hin zur soge­nann­ten Erschöp­fungs­de­pres­si­on. Aus­ge­löst durch anstren­ge Arbeits- oder Lebens­be­din­gun­gen. In die­sem Zusam­men­hang wird häu­fig von Bur­nout gespro­chen. „Gera­de in den letz­ten zwei Jah­ren hat die­ses ‚ich kann ein­fach nicht mehr‘ zuge­nom­men“, stellt Keß­el fest. 

Angststörungen

Ängs­te kom­men in unse­rer Gesell­schaft häu­fig vor. Das vari­iert von Panik­at­ta­cken bis zu gene­ra­li­sier­ten Angst­stö­run­gen oder Zwän­gen. Panik ist eine iso­lier­te, sehr inten­si­ve Angst. Eine bestimm­te Situa­ti­on, etwa die Nut­zung von Bus und Bahn, löst star­ke Furcht aus. Dabei han­delt es sich meist um eine Umge­bung, in der die Flucht­mög­lich­kei­ten begrenzt sind.  

Bei der gene­ra­li­sier­ten Angst­stö­rung hin­ge­gen ist das Stress­le­vel gerin­ger. Dafür machen sich Betrof­fe­ne über vie­les im Leben kon­ti­nu­ier­lich Sor­gen: Wer­de ich mei­nen Job behal­ten? Kann ich die Fami­lie ver­sor­gen? Fra­gen, die sich sicher­lich jede:r mal stellt. „Aber bei der gene­ra­li­sier­ten Angst­stö­rung bestim­men die­se Gedan­ken den gesam­ten Tag und ver­ur­sa­chen einen hohen Lei­dens­druck. Eine Sor­ge reiht sich an die nächs­te“, erklärt die Exper­tin. Gera­de gene­ra­li­sier­te Angst­stö­run­gen trä­ten häu­fig gepaart mit depres­si­ven Epi­so­den auf. 

Wenn aus traurig, depressiv wird …

Natür­lich hat jede:r mal einen schlech­ten Tag oder weint, weil ein­fach alles schief­geht. Wie erken­ne ich aber, dass es ernst ist? Und man sich psy­cho­lo­gi­sche Hil­fe suchen soll­te? „Wenn die Nie­der­ge­schla­gen­heit und Antriebs­lo­sig­keit in einem Zeit­raum von zwei Wochen jeden Tag auf­tritt. Wech­selt sich der durch­weg nega­ti­ve nicht mehr mit einem posi­ti­ven Gemüts­zu­stand ab, ist es Zeit, sich in pro­fes­sio­nel­le Hän­de zu bege­ben“, rät Keß­el. So kön­ne man einer Depres­si­on auf die Spur kom­men. Wobei die Über­gän­ge flie­ßend sind. Ein guter Tag zwi­schen­durch ist zum Bei­spiel ein Indiz dafür, dass die Per­son noch über Reser­ven ver­fügt. 

Der Burn-out

„Typisch für Men­schen, die in Erschöp­fungs­zu­stän­de hin­ein­ge­ra­ten, ist eine per­fek­tio­nis­ti­sche Hal­tung. Der hohe Leis­tungs­an­spruch steht dann dem Gefühl gegen­über, ein­fach nicht mehr zu könn­ten“, berich­tet Keß­el aus der Pra­xis, „Ein Phä­no­men, des­sen Wur­zel im Eltern­haus lie­gen. Der Gedan­ke, man ist nur etwas wert, wenn man viel leis­tet, beglei­tet eine gan­ze Genera­ti­on. Wenn der Selbst­wert mit der Leis­tung ver­knüpft wird, ist das ein star­ker Antrei­ber.“  

Häu­fig reagier­ten Betrof­fe­ne zunächst so, dass sie sich noch mehr zusam­men­ris­sen oder bes­ser orga­ni­sier­ten. „Der Ver­such, die Erschöp­fung aus­zu­glei­chen, funk­tio­niert aber auf Dau­er nicht“, weiß die Frank­fur­ter Psy­cho­lo­gin. Irgend­wann tritt ein Erschöp­fungs­zu­stand ein, in dem es nicht ein­mal mehr mög­lich ist, auf­zu­ste­hen. Auch auf zusätz­li­che Anzei­chen soll­te man ach­ten: Wer alles ver­nach­läs­sigt, was Freu­de berei­tet, ist gefähr­det. Zum Bei­spiel sozia­le Kon­tak­te oder den gelieb­ten Sport. 

„Der Ethos ‚erst die Arbeit, dann das Ver­gnü­gen‘ ist psy­cho­lo­gi­scher Unsinn. Sich selbst an die ers­te Stel­le zu set­zen und zuzu­se­hen, dass es einem wie­der gut­geht, ist enorm wich­tig in die­ser Situa­ti­on“, rät die Diplom Psy­cho­lo­gin. 

Der erste Schritt

Wer Panik, Angst oder trau­ri­ge Pha­sen ver­spürt, soll­te seine:n Hausarzt:in auf­su­chen. Der Weg dort­hin fällt oft leich­ter, als zum Fach­arzt zu gehen. Er oder sie kann zudem abklä­ren, ob sich hin­ter dem Gemüts­zu­stand eine kör­per­li­che Ursa­che ver­birgt. Bei­spiels­wei­se kann eine Schild­drü­sen­un­ter­funk­ti­on zu Ver­stim­mun­gen füh­ren. 

Wer sich hin­ge­gen sicher ist, psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Hil­fe zu benö­ti­gen, kann selbst aktiv wer­den. Adres­sen fin­det man im Inter­net oder über die Kran­ken­kas­se. „Ich möch­te ger­ne Mut machen, aber es ist der­zeit nicht leicht, einen Platz zu erhal­ten. Fünf bis sechs Mona­te War­te­zeit sind die Regel“, gibt die erfah­re­ne The­ra­peu­tin unum­wun­den zu, „Aber die aller­meis­ten Pra­xen füh­ren War­te­lis­ten. Las­sen Sie sich ruhig bei meh­re­ren auf­neh­men.“  

Eine wei­te­re Alter­na­ti­ve: Ein Erst­ge­spräch ist immer mög­lich. Bei die­sem Akut­ter­min stei­gen Patient:innen zwar noch nicht in eine län­ge The­ra­pie ein. Aber ein ers­ter Aus­tausch mit dem oder der Therapeut:in, der Werk­zeu­ge an die Hand gibt, ist sinn­voll. Im aller­größ­ten Not­fall hilft zudem die psych­ia­tri­sche Ambu­lanz im ört­li­chen Kran­ken­haus. 

Was erwartet mich beim Therapiegespräch?

Soviel vor­weg, die Gesprächs­si­tua­ti­on ist ange­nehm. In der Regel sitzt man bei einer The­ra­pie­sit­zung in einem beque­men Ses­sel, dem Gesprächs­part­ner gegen­über. Kei­ne kal­te, ärzt­li­che Atmo­sphä­re ver­hin­dert, dass man sich öff­net. „Ich kann ver­ste­hen, dass das Betre­ten einer Psy­cho­the­ra­pie­pra­xis für vie­le eine Hür­de dar­stellt. Aber man stellt schnell fest, dass die Sor­ge unbe­grün­det ist. Natür­lich ist die Situa­ti­on befremd­lich, denn man hat sein Gegen­über noch nie gese­hen. Den­noch bekom­me ich intui­tiv ein Gefühl, ob es mensch­lich passt“, sagt Keß­el, die die Pra­xis gemein­sam mit ihrer Kol­le­gin Oli­via vor dem Bro­cke betreibt. Eine trag­fä­hi­ge The­ra­peut-Pati­ent-Bezie­hung sei das A und O – sogar noch wich­ti­ger als die Metho­de. 

Therapie-Methoden

„Häu­fig und mit gutem Erfolg wird die Ver­hal­tens­the­ra­pie ange­wandt – bei Ängs­ten wie Depres­sio­nen“, erklärt die Mit­in­ha­be­rin einer psy­cho­lo­gi­schen Pra­xis­ge­mein­schaft. Bei die­ser The­ra­pie­art sol­len alte Denk- und Ver­hal­tens­mus­ter durch­bro­chen wer­den. Dabei hilft ein gan­zer „Werk­zeug­kof­fer“, der Betrof­fe­nen an die Hand gege­ben wird: Han­delt es sich zum Bei­spiel um Pho­bie oder Panik, hilft es, sich der Situa­ti­on bewusst aus­zu­set­zen, damit ein Gewöh­nungs­ef­fekt ein­tritt. Bei Depres­sio­nen kann eine fes­te Tagestruk­tur sinn­voll sein. Auch eine bewuss­te Atmung lässt Ängs­te schwin­den.  

Ein wich­ti­ger Bestand­teil der Hei­lung ist die soge­nann­te Psy­choe­du­ka­ti­on: Patient:innen erhal­ten dabei Infor­ma­tio­nen zu ihrem Krank­heits­bild. Fra­gen wer­den beant­wor­tet wie: Was ist das für eine Belas­tungs­stö­rung? Wie ent­steht sie? Wie wird sie auf­recht­erhal­ten? „Wer begreift, was hin­ter einer Angst oder Depres­si­on steckt, hat häu­fig ein Aha-Erleb­nis und emp­fin­det die Situa­ti­on als weni­ger dra­ma­tisch“, äußert sich Keß­el. Vie­le hät­ten bei­spiels­wei­se Angst, bei Panik in Ohn­macht zu fal­len. Dabei wird vom Kör­per so viel Adre­na­lin aus­ge­schüt­tet, dass das nicht pas­sie­ren kann. 

Einen Schritt wei­ter geht die Sche­ma­the­ra­pie. Hier geht es dar­um, wel­che Erfah­run­gen man als Kind gemacht hat und wel­che mus­ter­haf­ten Gedan­ken und Ver­hal­tens­wei­sen dar­aus resul­tie­ren. 

Zusätzliche Hilfe

Auch online bie­ten sich sehr gute Hilfs­mög­lich­kei­ten, fin­det die nie­der­ge­las­se­ne Psy­cho­lo­gin. Spe­zi­el­le Apps hel­fen bei kon­kre­ten Stö­rungs­bil­dern. Etwa bei Depres­sio­nen, Ess- oder Schlaf­stö­run­gen. Wer Zeit und Muße hat oder ein Tech-Typ ist, fin­det hier eine ers­te Anlauf­stel­le.  

Eine ande­re Mög­lich­keit: Selbst­hil­fe­grup­pen. Übers Inter­net oder die Kran­ken­kas­se fin­det man unter­schied­lichs­te Ange­bo­te. Auch in unter­schied­li­cher Qua­li­tät, warnt Keß­el. Zu man­chen Tref­fen kom­men nur Patient:innen in loser Orga­ni­sa­ti­on zusam­men. Ande­re wie­der­um wer­den ange­lei­tet durch Psycholog:innen oder sind an Kli­ni­ken ange­schlos­sen.   

Worauf sollte ich achten?

Neben der Qua­li­fi­ka­ti­on sind der Frank­fur­ter Psy­cho­lo­gin drei wich­ti­ge Fra­gen bei der The­ra­peu­ten­su­che wich­tig: Füh­le ich mich wohl? Habe ich Ver­trau­en zu der Per­son? Füh­le ich mich kom­pe­tent bera­ten? „Natür­lich kann eine The­ra­pie auf­wüh­len. Man geht auch nicht immer mit einem guten Gefühl dort raus. Aber ten­den­zi­ell soll­te man den Ein­druck haben, dass es sich zum Posi­ti­ven wen­det.“ 

Zur News­let­ter-Anmel­dung

Noch mehr Infos für dich

Vom Ehrenamt in die Festanstellung

Ria Kor­t­um ist stu­dier­te Heil­päd­ago­gin und seit 2017 bei der Deut­schen Kin­der­krebs­stif­tung für „Pro­jekt­ma­nage­ment und psy­cho­so­zia­le The­men“ zustän­dig. Zuvor enga­gier­te sich die Mut­ter von Zwil­lin­gen, die selbst sehr jung an Krebs erkrank­te, ehren­amt­lich für die Stif­tung. “Ein Ehren­amt kann dabei hel­fen, aus­zu­lo­ten, wo die eige­ne beruf­li­che Rei­se hin­ge­hen soll”, ermu­tigt Rita Kor­t­um. Ein bewe­gen­des Plä­doy­er für Mut und Beharrlichkeit. 

Neun Buchhandlungen, die einen Besuch wert sind

Man­che Buch­lä­den sind schö­ner als ande­re. Dabei sind die spek­ta­ku­lärs­ten Schatz­häu­ser fast so ver­schie­den wie die Inhal­te der Bücher, die sie anbie­ten. Ange­sichts die­ser Buch­hand­lun­gen möch­te man nie wie­der im Inter­net bestel­len. Ein Plä­doy­er in neun Beispielen.

Baseball-Caps als Sammlerobjekte

Base­ball-Caps trägt heu­te jeder. Bei pro­mi­nen­ten Vor­be­sit­zern kön­nen sie rich­tig teu­er wer­den. Doch auch ohne pro­mi­nen­te Vor­be­sit­zer kön­nen Base­ball-Caps mit extra­va­gan­ten und limi­tier­ten Designs begehr­te Samm­ler­ob­jek­te wer­den. Das Muse­um Base­ball Hall of Fame in Coo­pers­town im Bun­des­staat New York zeigt auch Caps in ihren Ausstellungsräumen.

Dir hat der Artikel gefallen? Jetzt teilen...

Nach oben