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    Superheldin Katharina Mikhrin, ©jozefmicic/stock.adobe.com

Superheldinnen: „Ich hatte nur eine Hose“

2022-01-24T09:50:37+01:0022. Januar 2022|

Ende der 1980er, Anfang der 1990er-Jah­re zer­bricht die UdSSR. Katha­ri­na Mikh­rin lebt damals mit ihrer Mut­ter noch in Sankt Peters­burg und erlebt, was Armut bedeu­tet. Wie geht es der 45-Jähri­gen heu­te in Deutsch­land? Der sech­zehn­te Teil der courage-online.de Serie „Super­hel­din­nen“. 

Von Mat­thi­as Lauerer

Damals sei es in den ehe­ma­li­gen Sowjet­re­pu­bli­ken hart zuge­gan­gen. „Mei­ne Mut­ter wuss­te nicht, woher sie das Geld neh­men soll­te und nahm daher in mei­ner Hei­mat­stadt Sankt Peters­burg jede Arbeit an.“ Wei­ter erin­nert sie sich an die­se dunk­le Zeit: „Ich hat­te nur eine Hose.“ Heu­te ent­schul­digt sie sich am Anfang des Gesprächs für ihr Deutsch, denn: „Ich habe drei Wochen kein Deutsch gespro­chen.“ Dabei beherrscht sie die Spra­che sehr gut.

Bleiben oder gehen?

Doch aus dem poli­tisch ver­ur­sach­ten holp­ri­gen Weg in die Zukunft wur­de eine ech­te Erfolgs­ge­schich­te. „Seit 15 Jah­ren bin ich in Deutsch­land woh­ne heu­te in der Nähe von Dort­mund“, sagt die Stu­den­tin. An der Bun­des­re­pu­blik gefal­le ihr alles, beson­ders das Wet­ter sei bes­ser als in Sankt Peters­burg. Ihr Mann, der stu­dier­te Phy­si­ker, fand eine pas­sen­de Arbeit bei einer Fir­ma „und ver­dient gut“. Seit 2007 lebt die Fami­lie mit ihren Kin­dern in einem Eigen­heim in Nord­rhein-West­fa­len. „Am Anfang wuss­ten wir nicht, ob wir hier­blei­ben. Doch jetzt „ist die Sache klar.“

Langer Weg zur passenden Arbeit

Heu­te stu­diert Katha­ri­na Foto­gra­fie an der FH Dort­mund. „Es war ein lan­ger Weg, bis ich mei­ne Bestim­mung fand,“ sagt sie. In Russ­land stu­dier­te sie Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Dann eröff­ne­te sie in Dort­mund ein Kos­me­tik­stu­dio und mach­te die dazu pas­sen­de Ausbildung.

Nun eben der Fokus auf die Foto­gra­fie. Mit jener ver­dient sie bereits gutes Geld. Dabei ist sie erst im fünf­ten Semes­ter ihres Stu­di­ums und möch­te 2023 ihren Bache­lor able­gen. „Ich mache Stock­fo­tos und bin bei einer Agen­tur, die die Bil­der dann ver­kauft“, sagt sie. „Die Foto­gra­fie berei­chert mei­ne Sin­ne.“ Was sie scha­de fin­det: „Ich war nur ein Semes­ter an der FH. Dann kam die Coro­na­pan­de­mie und alle Prä­senz­ver­an­stal­tun­gen ent­fie­len.“ Nun lau­fen alle Ver­an­stal­tun­gen digi­tal im Netz.

Katharina Mikhrin, @katharina mikhrin 2

Katha­ri­na Mikh­rin, @katharina mikh­rin 2

Eines ihrer Foto­pro­jek­te nennt sich „Jugend 2020“. Dazu schreibt sie auf ihrer Web­sei­te: „Sozia­le Kon­tak­te sind beson­ders wich­tig für die Jugend­li­chen. Teen­ager lei­den beson­ders stark unter den Kon­takt­be­schrän­kun­gen. Eini­ge bekom­men mas­si­ve Ängs­te, wer­den trau­rig, füh­len sich einsam.“

Eigener Online-Club

Und selbst wenn sie sich nicht als Femi­nis­tin bezeich­net, so ist ihre eine Sache doch sehr wich­tig. „Ich möch­te, dass Frau­en ihren Weg fin­den.“ Dazu hat sie einen rus­sisch­spra­chi­gen Foto­gra­fie­club gegrün­det, dem bereits mehr als 100 Frau­en ange­hö­ren. Die haben bei Mikh­rin zuvor einen Online­kurs für Frau­en gebucht und wur­den so auto­ma­tisch zu Mit­glie­dern. Bald plant sie, für den Zugang monat­lich eine klei­ne Gebühr zu nehmen.

Körperliches Leid führte zur Geschäftsidee

Wie sie auf die Idee mit den Kur­sen und dem Klub kam? „Ich hat­te einen Band­schei­ben­vor­fall, lag im Kran­ken­haus und durch die Pan­de­mie waren mir zudem alle Auf­trä­ge weg­ge­bro­chen.“ Da kam ihr der Ein­fall. Heu­te ist sie mit jener Ent­schei­dung sehr zufrie­den. Die ver­gan­ge­nen Wochen nutz­te sie für eine beson­de­re Bewer­bung: Sie möch­te für die „Stu­di­en­stif­tung des deut­schen Vol­kes“ ihren Hut in den Ring werfen.

Motivation für andere Frauen

Im Antrag schreibt sie: „Bis ich 39 Jah­re alt war, dach­te ich, dass ich nur eine Haus­frau und Mut­ter sein kann. Ich habe vie­les ange­fan­gen, aber seit der Geburt mei­nes drit­ten Kin­des lei­de ich unter dem Hash­i­mo­to-Syn­drom. Seit­dem hat mein Leben sich geän­dert. Es gäbe kein Glück, wenn das Unglück nicht gehol­fen hät­te.“ Und wei­ter: „Aktu­ell habe ich fast sie­ben tau­send Fol­lower bei Insta­gram. Ich bekom­me Nach­rich­ten von Frau­en, die mir schrei­ben, wie mei­ne per­sön­li­che Geschich­te und mein Auf­tre­ten beim sozia­len Netz­werk sie moti­viert hat. Ich sehe, was für eine wich­ti­ge und umfang­rei­che Arbeit ich ins Leben geru­fen habe und etwas zu ver­än­dern treibt mich immer wei­ter.“  

In der courage-online.de-Serie „Super­hel­din­nen“ stel­len wir regel­mä­ßig Frau­en vor, die ihr augen­schein­lich „ganz nor­ma­les“ Leben wie eine Super­hel­din meis­tern. Wir zei­gen die ganz per­sön­li­chen Lebens­läu­fe, spre­chen über Finanz­bil­dung und wol­len Mut machen: Jede Frau ist eine Superheldin!

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Vom Ehrenamt in die Festanstellung

Ria Kor­t­um ist stu­dier­te Heil­päd­ago­gin und seit 2017 bei der Deut­schen Kin­der­krebs­stif­tung für „Pro­jekt­ma­nage­ment und psy­cho­so­zia­le The­men“ zustän­dig. Zuvor enga­gier­te sich die Mut­ter von Zwil­lin­gen, die selbst sehr jung an Krebs erkrank­te, ehren­amt­lich für die Stif­tung. “Ein Ehren­amt kann dabei hel­fen, aus­zu­lo­ten, wo die eige­ne beruf­li­che Rei­se hin­ge­hen soll”, ermu­tigt Rita Kor­t­um. Ein bewe­gen­des Plä­doy­er für Mut und Beharrlichkeit. 

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