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    Michele Romanow, Co-Gründerin und CEO von Clearco, ©Clearco

Startup-Gelder: Clearco-CEO Romanow startet millionenschwere Finanzierungsrunde in Deutschland

2022-06-03T12:50:43+02:003. Juni 2022|

Nur ein klei­ner Bruch­teil der von Frau­en gegrün­de­ten Star­tups erhal­ten Gel­der von Ven­ture Capi­tal Fir­men (VCs). Bei dem kana­di­schen Kre­dit­un­ter­neh­men Clear­co ist das anders: Etwa 50 Pro­zent des Port­fo­li­os sind Grün­de­rin­nen. Wir haben mit Clear­co-Che­fin und Co-Grün­de­rin Miche­le Roma­now dar­über gespro­chen, was sie anders macht und was uns bei der 500 Mil­lio­nen Euro schwe­ren Finan­zie­rungs­run­de in Deutsch­land erwar­tet. 

Von Isa­bell Walter

courage-online.de: Frau Romanow, was fasziniert Sie an der Gründerszene so?

Miche­le Roma­now: Ich war sozu­sa­gen schon immer Unter­neh­me­rin und habe auch selbst mehr­mals gegrün­det. Nur zwei Bei­spie­le: Ich mach­te mei­nen Abschluss in Bau­in­ge­nieur­we­sen und rea­li­sier­te zu der Zeit, dass die welt­wei­te Ver­sor­gung von Kavi­ar knapp war. Also zog ich kur­zer­hand an die Ost­küs­te Kana­das und bau­te eine Fische­rei auf. Das war eine sehr ver­rück­te Zeit, das Geschäft hat aber lang­fris­tig nicht funk­tio­niert. Mit mei­nen dama­li­gen Geschäfts­part­nern habe ich als nächs­tes die E‑Com­mer­ce-Platt­form Buy­to­pia gegrün­det. Mit Unter­neh­mens­grün­dun­gen habe ich also Erfah­rung.  

Später haben Sie als Investorin bei “Dragons’ Den”, der kanadischen Vorlage zu “Höhle der Löwen”, jungen Unternehmer:innen unter die Arme gegriffen.

Genau, ich kam vor etwa acht Jah­ren zur Show und ich dach­te nur: “Moment, die Grün­der geben zehn Pro­zent von ihrem Unter­neh­men ab für die ers­ten 100.000 Dol­lar? Das macht über­haupt kei­nen Sinn.” Ich schlug vor, ihnen die 100.000 Dol­lar zu geben. Aber statt, dass ich dafür zehn Pro­zent Unter­neh­mens­an­tei­le bekom­me, woll­te ich so lan­ge mit zehn Pro­zent am Umsatz betei­ligt wer­den, bis das Kapi­tal zurück­ge­zahlt ist – plus wei­te­re sechs Pro­zent Ren­di­te. So beka­men die Grün­der das Invest­ment, das sie brauch­ten, muss­ten aber kei­ne Unter­neh­mens­an­tei­le abge­ben. Das ist heu­te etwa fünf Jah­re her und war der ers­te Clear­co-Deal. Bis jetzt haben wir mehr als 3,2 Mil­li­ar­den Euro in rund 9.000 ver­schie­de­ne Unter­neh­men inves­tiert.  

Ist das dann nicht einfach ein Kredit?

Ja, das haben die Grün­der auch gesagt. Der Unter­schied zu einem Kre­dit ist, dass die Jung­un­ter­neh­mer kei­ne Garan­tien oder Eigen­ka­pi­tal mit­brin­gen müs­sen. Was ich statt­des­sen bekom­me, ist Ein­blick in alle Tools, Daten und Kon­ten des Unter­neh­mens wie etwa Umsät­ze oder den Face­book Ads-Account.   

Nur 5,2 Prozent der von Frauen geführten Startups erhalten Investitionen von Venture Capital Firmen (VCs). Viele Gründerinnen geben stattdessen ihr Eigenkapital aus. Woran liegt das?

Ich den­ke nicht, dass Frau­en nicht ver­su­chen wür­den, Geld von VCs zu bekom­men. Es gibt in die­sem Bereich aber sehr vie­le Vor­ur­tei­le und Hür­den, denen sich die Frau­en stel­len müs­sen. Das ist sehr scha­de, da es unheim­lich vie­le Frau­en gibt, die tol­le Unter­neh­men auf­bau­en. Genau hier wol­len wir anset­zen. Was wir aber nicht wol­len, sind spe­zi­el­le Gel­der für Frau­en. Das wür­de Frau­en nur das Gefühl ver­mit­teln, es anders nicht zu schaf­fen.   

Und was macht Clearco hier anders?

Bei Clear­co arbei­ten wir mit einer Künst­li­chen Intel­li­genz (KI), die die Unter­neh­mens­da­ten sich­tet, die Höhe mög­li­cher Invest­ments berech­net und inner­halb kür­zes­ter Zeit ver­gibt. Das Kapi­tal geht also kom­plett daten­ba­siert und ohne jeden Pitch oder Vor­ur­tei­le an die Gründer:innen. Uns ist schnell auf­ge­fal­len, dass wir 25-mal mehr Frau­en unter­stüt­zen als klas­si­sche VCs. Heu­te machen von Frau­en gegrün­de­te Star­tups mehr als die Hälf­te unse­res Port­fo­li­os aus. Inter­es­sant ist vor allem, dass wir mit unse­rem Ange­bot gar nicht gezielt Frau­en anspre­chen. Son­dern die KI ver­gibt die Invest­ments schlicht an die über­zeu­gends­ten Unter­neh­men. Und so soll­te es auch sein: Es darf für ein Invest­ment nicht wich­tig sein, wie man aus­sieht, wo man her­kommt, oder wo man zur Schu­le gegan­gen ist.   

Ist es das, was Ihr Unternehmen von Venture Capital Firmen unterscheidet?

Genau, zum einen ist das die kom­plett vor­ur­teils­freie Ver­ga­be von Kapi­tal. Doch es gibt noch mehr Punk­te: Bei uns müs­sen die Grün­der kei­ne auf­wän­di­gen Pit­ches und zahl­lo­se Mee­tings durch­lau­fen oder mona­te­lang auf ihr Geld war­ten. Vor allem aber bleibt das Unter­neh­men voll­stän­dig im Besitz der Gründer:innen. Clear­co bekommt ledig­lich einen Pro­zent­an­teil vom Umsatz, bis das Invest­ment zurück­ge­zahlt ist plus sechs Pro­zent Ren­di­te. Ange­nom­men, wir ver­ge­ben Kapi­tal in Höhe von 100.000 Dol­lar: Die Gründer:innen zah­len uns dann täg­lich einen gewis­sen Pro­zent­satz ihrer Umsät­ze zurück, bis die 100.000 Dol­lar erreicht sind. Plus sechs Pro­zent sind das dann 106.000 Dol­lar.   

Bei Clearco vergibt die KI das Geld komplett automatisiert und datenbasiert innerhalb weniger Stunden. Fehlt da nicht die persönliche Komponente?

Ich habe schon vie­le sol­cher Deals aus­ge­han­delt und habe gemerkt, dass es ein­fach ein ganz ande­rer Denk­an­satz ist. Wenn man einen Grün­der per­sön­lich sieht, kann er einem die Geschäfts­idee und die Visi­on erzäh­len und man fasst even­tu­ell Ver­trau­en. Aber in den Unter­neh­mens­da­ten kann man eben­falls sehen, ob in der Visi­on Wachs­tums­po­ten­zi­al steckt. Und vor allem: Daten lügen nicht. Wer­den die gan­zen Kon­ten und so wei­ter ver­bun­den, sieht man schnell, wor­an man ist.   

Zusätzlich bringen Sie – falls benötigt — mit ClearMatch Gründer:innen mit passenden Partnern wie Agenturen, Technologieunternehmen, Softwareplattformen oder VCs zusammen. Welchen Nutzen zieht Clearco daraus?

Da wir die die Daten sowie­so vor­lie­gen haben, ist es sehr leicht zu erken­nen, wel­che Part­ner­schaf­ten für die wach­sen­den Unter­neh­men hilf­reich wären. Die­se kön­nen wir dann ver­mit­teln. Wir haben so vie­le Unter­neh­men finan­ziert, dass wir wis­sen, wie man Gründer:innen hilft, ihr Geschäft aus­zu­bau­en. Das kann bedeu­ten, einen Agen­tur­part­ner zu fin­den, eine neue Tech­no­lo­gie zu imple­men­tie­ren oder sogar eine ande­re Wer­be­platt­form zu tes­ten. Für Clear­co ist es im Gegen­zug natür­lich gut, wenn die Star­tups wach­sen und das Kapi­tal zurück­ge­zahlt wer­den kann.  

Ab Juni starten Sie mit einer umsatzbasierten Wachstumsfinanzierung in Deutschland. Es sind insgesamt Investitionen von 500 Millionen Euro geplant. Wie werden die Unternehmen ausgewählt?

Auch hier läuft die Aus­wahl über die KI. Erfolg­rei­che jun­ge Unter­neh­men kön­nen sich also ein­fach um ein Invest­ment bewer­ben. Und dann wird anhand der ver­knüpf­ten Daten geschaut, ob Clear­Co mit einem Invest­ment ein­steigt.   

Wie weit müssen Gründer:innen mit ihrem Unternehmen schon gekommen sein, dass sie sich bei Clearco um eine Finanzierung bewerben können?

Die Unter­neh­men müs­sen seit min­des­tens sechs Mona­ten am Markt aktiv sein und einen monat­li­chen Umsatz von min­des­tens 10.000 Euro erzie­len. Außer­dem muss das Unter­neh­men online Waren oder Ser­vices anbie­ten.  

Haben Sie bereits in deutsche Unternehmen investiert?

Ja, und das läuft sehr gut, des­halb pla­nen wir hier eine so gro­ße Finan­zie­rungs­run­de. Bei­spie­le sind etwa Stu­di­buch, ein Markt­platz für gebrauch­te Lehr­bü­cher, oder auch Nicki’s, die Luxus­mo­de für Kin­der ver­trei­ben, oder Bears with Bene­fits, die Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel in Form von Gum­mi­bär­chen ver­kau­fen.     

Wie viele deutsche Gründer:innen sollen ungefähr davon profitieren?

Das ist sehr schwer zu sagen. Aber ich den­ke, dass wir in etwa 2.500 Unter­neh­men inves­tie­ren kön­nen.  

Wie schätzen Sie die deutsche Gründerszene ein?

Ich bin sehr begeis­tert von der deut­schen Start­up-Kul­tur. Es gibt hier sehr vie­le span­nen­de Unter­neh­men.  

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