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    Social Freezing, ©mi-viri/iStock

Social Freezing: Was ist das und was haben Arbeitgeber damit zu tun?

2022-05-09T09:12:12+02:008. Mai 2022|

Die Idee des „Social Free­zing“ setzt sich immer mehr durch. Doch was hat es damit auf sich? Und wie kön­nen Fir­men hier agieren? 

Von Mat­thi­as Lauerer

Sicher, die Wor­te „Social Free­zing“ hat man schon gehört. Nur: Was bedeu­tet die­ser Begriff? Nun, jeden Monat pro­du­ziert eine Frau eine rei­fe Eizel­le. Beim „Social Free­zing“ von Eizel­len wird der Kör­per durch eine Hor­mon­be­hand­lung dazu gebracht, in einem Monat viel mehr, näm­lich 15 bis 20 Eizel­len im Kör­per zu pro­du­zie­ren. Und die wer­den dann bei einem chir­ur­gi­schen Ver­fah­ren aus dem Eier­stock ent­nom­men und unter dem Mikro­skop unter­sucht. So stellt man fest, wel­che Eizel­len reif genug sind, um sie ein­zu­frie­ren. Jene reifen Eizel­len wer­den inner­halb von Minu­ten ein­ge­fro­ren und bis zu ihrer Ver­wen­dung in flüs­si­gem Stick­stoff gela­gert. Ist die Pati­en­tin dann spä­ter bereit für eine Schwan­ger­schaft, tau­en sie die Oozy­ten, wie man Eizel­len auch nennt, wie­der auf und befruch­ten sie sofort. Dau­er der ambu­lan­ten Pro­ze­dur: weni­ger als zwei Stunden.

Mehrere Tausend Euro teuer

Dann wären da noch die Kos­ten. Das „Kin­der­wun­sch­zen­trum Augs­burg“ spricht das The­ma Finan­zen auf der Home­page so an: „Die durch­schnitt­li­che Sum­me für die Behandlung beträgt 2.220 Euro. Dar­in sind die Auf­wen­dun­gen für Bera­tung, Ultra­schall, Blut­ab­nah­me, Sti­mu­la­ti­ons­be­hand­lung und Eizell­ent­nah­me und die Kon­ser­vie­rung der Eizel­len und Anäs­the­sie ent­hal­ten.“ Hin­zu kom­men jähr­lich 320 Euro Lager­kos­ten und Geld für Medi­ka­men­te. Wer also über das nöti­ge Klein­geld ver­fügt, kann sich den Ein­griff leis­ten und der Natur im bes­ten Fal­le ein Schnipp­chen schlagen.

Pfiffige Geschäftsidee

Und manch­mal ent­steht aus die­ser sehr per­sön­li­chen Ent­schei­dung sogar eine Geschäfts­idee wie bei Jen­ny Saft. Die grün­de­tet gemein­sam mit Tobi­as Kauf­hold die Fir­ma „apryl“, die sich noch vor sehr kur­zer Zeit „OVIAVO“ nann­te. Hin­ter­grund: 2019 lässt Jung­un­ter­neh­me­rin Saft ihre Eizel­len ein­bun­kern. Kos­ten­punkt: 7.500 Euro, wie sie es „Grün­der­szene.de“ erzähl­te. In einem Inter­view mit dem „FORBES Maga­zin“ sag­te sie wei­ter zum The­ma: „Ich war Anfang 30, hat­te kei­nen Part­ner und hab mich auch noch nicht mit Kin­dern gese­hen — und gleich­zei­tig tick­te die bio­lo­gi­sche Uhr. Es war ein­fach der logi­sche nächs­te Schritt für mich.“ Die Geschäfts­idee: Wes­halb nicht euro­pa­weit Unter­neh­men und deren Mit­ar­bei­ten­de bera­ten und einen Con­cier­ge-Ser­vice in punc­to moder­ner Fami­li­en­pla­nung anbieten?

Ein befreiender Moment

„Wir glau­ben, dass lang­fris­tig ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung Unter­stüt­zung mit repro­duk­ti­ons­me­di­zi­ni­schen Behand­lun­gen benö­tigt. Die­se sind jedoch meist Selbst­zah­ler­leis­tung und ent­spre­chend teu­er. ´Fer­ti­li­ty Bene­fits´ ist ein Weg, mehr Men­schen Zugang zu Behand­lun­gen zu geben“, sagt die Grün­de­rin weiter. Was sie heu­te freut: „Selbst, wenn ich den Moment der Eizel­len­ent­nah­me nicht fei­er­te: Es ist sehr befrei­end, so ein Back-up zu haben.“

Nicht doch eher so wie bisher?

Aber ist es nicht so: Die Schwan­ger­schaft ist der letz­te bio­lo­gi­sche Wider­stand gegen die anschwel­len­den For­de­run­gen von vie­len Unter­neh­men nach kon­ti­nu­ier­li­cher Arbeit der Mit­ar­bei­te­rin­nen? Füh­len sich weib­li­che Ange­stell­te nicht unter Druck gesetzt, um ihre Eizel­len ein­zu­frie­ren, statt sich eine Aus­zeit zu neh­men, um ihre Kin­der zu bekom­men? Die „Ame­ri­can Socie­ty for Repro­duc­ti­ve Medi­ci­ne“ sag­te über das The­ma „Social Free­zing“: „Die Ver­mark­tung die­ser Tech­no­lo­gie mit dem Ziel, das Kin­der­krie­gen auf­zu­schie­ben, kann Frau­en fal­sche Hoff­nun­gen machen und sie dazu ermu­ti­gen, die­sen Weg zu gehen.“

Frühgeburten im Lockdown

Auch inter­es­sant: Ärz­te in Irland, Däne­mark und den USA beu­gen sich 2020 erstaunt über ihre Früh­ge­burts­zah­len. Denn die gehen wäh­rend der welt­wei­ten Lock­downs stark zurück. Einer der Medi­zi­ner, dem der Unter­schied auf­fällt, heißt Pro­fes­sor Dr. Micha­el Chris­ti­an­sen und er arbei­tet am Kopen­ha­ge­ner „Sta­tens Serum Insti­tut“. Hin­ter­grund: In der dor­ti­gen „Bio­bank“ regis­trie­ren sie alle Neu­ge­bo­re­nen inner­halb von vier Tagen nach ihrer Geburt. Sein Team fin­det her­aus, dass wäh­rend der Zwangs­pau­se die Rate der vor der 28. Woche gebo­re­nen Babys um 90 Pro­zent sinkt. Von 2001 bis 2019 lag die Früh­chen­ra­te pro 1.000 Lebend­ge­bur­ten im Durch­schnitt bei 2,19 Pro­zent. Im ers­ten Coro­na­jahr sinkt sie mas­siv auf nur noch 0,19 ab.  

Ganz in Ruhe

Selbst wenn man sich mit der The­se sicher unbe­liebt macht: Muss es wei­ter­hin als „Hel­den­tat“ einer Mut­ter gel­ten, wenn sie weni­ge Tage vor der Nie­der­kunft tap­fer zur Arbeit geht? Wäre es nicht bes­ser, wenn Frau­en sowie über Jahr­tau­sen­de vor der Indus­triel­len Revo­lu­ti­on und der heu­ti­gen Zeit der digi­ta­len Wirt­schaft erprobt, in aller Ruhe und in ihrem Tem­po Schwan­ger­schaft und Geburt ange­hen und sich von nichts und nie­man­dem in die­ser sehr per­sön­li­chen Fra­ge unter Druck set­zen las­sen? Erst recht nicht von Fir­men, die viel­leicht nur auf die Arbeits­kraft ihrer Mit­ar­bei­te­rin­nen schie­len.   

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Denkt man an gro­ße Wis­sen­schaft­le­rin­nen, dürf­te vie­len als Ers­tes Marie Curie in den Sinn kom­men. Doch es gab in der Geschich­te — und auch heu­te — bedeu­tend mehr Frau­en, deren Scharf­sinn wir eini­ges zu ver­dan­ken haben. Wir haben uns ange­schaut, wir hoch der Frau­en­an­teil in den ver­schie­de­nen EU-Län­dern ist.

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