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    Was ETFs wirklich können, ©pixelfit/iStock

Sind ETFs gefährlich? Teil 2: Was ETFs wirklich können

2021-10-29T12:22:16+02:0029. Oktober 2021|

Es war star­ker Tobak, unser ers­ter Teil zu den Risi­ken von ETFs. Schau­en wir jetzt auf die „kon­struk­ti­ons­ei­ge­nen“ Unter­schie­de. Und was ETFs wirk­lich kön­nen, zum Bei­spiel in Sachen Per­for­mance im Ver­gleich zu akti­ven Fonds. 

Von Ant­je Erhard

Im ers­ten Teil unse­rer pro­vo­kan­ten ETF-Recher­che haben wir gese­hen, dass ETFs mit ihrem der­zei­ti­gen Markt­vo­lu­men einen Crash nicht schlim­mer machen, als er ohne­hin ist. Ein Denk­feh­ler lässt uns gern das Gegen­teil anneh­men: Vie­le Anleger:innen den­ken, ETFs inves­tie­ren dann, wenn die Kur­se stei­gen und ver­kau­fen, wenn sie fal­len. Rich­tig ist: ETFs inves­tie­ren dann, wenn von den Anleger:innen neu­es Geld kommt ..Und sie ver­kau­fen das, was die Anleger:innen an Antei­len zurück­ge­ben 

Die hei­le Welt bekam aller­dings mit einem Bericht der Bun­des­bank (hier nach­zu­le­sen) ein paar Ris­se: Die Bun­des­bank war­ten vor den Akti­va, also den Bestand­tei­len von ETFs, etwa dann, wenn der gewähl­te Index eine sehr risi­ko­rei­che Anla­ge­klas­se nach­bil­det.  

Stopp Loss im Falle eines Falles?  

Nützt denn ein Stopp Loss, wenn die Kur­se fal­len? Ein Stopp Loss ist eine auto­ma­ti­sche Ver­kaufs­or­der, die aus­ge­löst wird, wenn eine Aktie oder ein ande­res Wert­pa­pier auf genau die­ses Niveau fällt. Und sei es auch nur für eini­ge Momen­te. Doch ver­kauft wird das Wert­pa­pier nicht unbe­dingt zu dem Wert aus dem Stopp Loss, son­dern zu dem Wert, der als nächs­tes mög­lich ist. Das kann deut­lich weni­ger sein. Wer lang­fris­tig ori­en­tiert ist, kann das aus­sit­zen. Die Stif­tung Waren­test schreibt: „Für lang­fris­tig ori­en­tier­te Anle­ger sind kurz­fris­ti­ge Markt­ver­wer­fun­gen kein Pro­blem.“ 

Physisch oder synthetisch replizierende ETFs – Was ist für private Anleger:innen besser? 

Vie­le Anleger:innen bevor­zu­gen phy­sisch repli­zie­ren­de ETFs vor syn­the­ti­schen. Was ist der Unter­schied? Die phy­si­schen ETF bil­den einen Index ori­gi­nal­ge­treu in der glei­chen Zusam­men­set­zung und Gewich­tung nach wie zum Bei­spiel der DAX zusam­men­ge­setzt und gewich­tet ist. Bei einem sehr gro­ßen Index wer­den Tei­le davon gekauft, das ist eine Teil-Repli­ka­ti­on. Hier gibt es auto­ma­tisch Abwei­chun­gen zum Ori­gi­nal in der Per­for­mance. Das ist der so genann­te Tracking Error. Für eine bes­se­re Per­for­mance kön­nen die ETF-Anbie­ter Wert­pa­pie­re aus den ETFs ver­lei­hen, zum Bei­spiel an Ban­ken. Die­se ver­kau­fen die Titel und spe­ku­lie­ren dar­auf, die Titel spä­ter güns­ti­ger wie­der zurück­zu­kau­fen. Fonds­ge­sell­schaf­ten haben hier eine zusätz­li­che Ertrags­quel­le. Und das Port­fo­lio kann unter Umstän­den bes­ser daste­hen als der Ori­gi­nal-Index. 

Dann gibt es noch syn­the­ti­sche ETFs, so genann­te SWAP-ETFs (Engl. Swap: tau­schen) Hier wird der Index (zum Bei­spiel der DAX oder MSCI World) über ein Tausch-Geschäft mit Deri­va­ten abge­bil­det. Dadurch kön­nen ganz ande­re Titel in dem Index sein, als zum Bei­spiel der DAX im Ori­gi­nal ent­hält. Der Swap-Part­ner – eine Bank oder ein Hedge­fonds – muss aber sicher­stel­len, dass er die glei­che Per­for­mance wie der DAX erzielt, als wären die Ori­gi­nal-Bau­stei­ne im ETF. 

Im Gro­ben funk­tio­niert das so: Eine Fonds­ge­sell­schaft geht einen Tausch­ver­trag mit einer Bank ein. Sie muss sich nun nicht selbst um die Index-Nach­bil­dung küm­mern. Das macht der Tausch­part­ner, meis­tens ist das eine grö­ße­re Bank. Sol­che Kon­struk­te wer­den immer­hin mit Wert­pa­pie­ren des Tausch­part­ners besi­chert. Der Swap darf ohne­hin maxi­mal zehn Pro­zent des Gesamt­vo­lu­mens umfas­sen. Das begrenzt das Aus­fall-Risi­ko bei syn­the­ti­schen ETFs. Bei phy­si­schen liegt das Risi­ko eher in der Wert­pa­pier-Lei­he.  

Swap-ETFs haben unter­schied­li­che Bezeich­nun­gen, an denen sie erkenn­bar sind: Sie wer­den als „syn­the­tisch“ oder „indi­rekt repli­zie­rend“. 

Wich­tig: ETFs sind Son­der­ver­mö­gen. Sie sind dadurch im Insol­venz­fall des Anbie­ters genau­so geschützt wie aktiv gema­nag­te Fonds. 

Vorteile physischer ETFs 

Vie­le Privatanleger:innen ken­nen den Unter­schied zwi­schen phy­si­schen und syn­the­tisch repli­zie­ren­den ETFs nicht. Dabei haben phy­si­sche Vor­tei­le, sagt Sophia Wurm, Vice Pre­si­dent bei SPDR ETFs Deutsch­land, und Ken­ne­rin des ETF- Mark­tes: „Phy­si­sche ETFs haben den gro­ßen Vor­teil, dass sie genau die Wer­te ent­hal­ten, wel­che der ETF abbil­det. Das ist ins­be­son­de­re für Pri­vat­an­le­ger deut­lich bes­ser nach­zu­voll­zie­hen als syn­the­ti­sche Pro­duk­te. Aber auch im Bereich der insti­tu­tio­nel­len Anle­ger geht der Trend ganz klar in Rich­tung phy­si­scher Repli­zie­rung. Auch die phy­si­sche Repli­zie­rung hat aber ihre Gren­zen. Zum Bei­spiel kön­nen Anle­ger hier­bei nicht auf fal­len­de Kur­se set­zen bzw. ihr Port­fo­lio mit Hil­fe sol­cher ETFs gegen Kurs­ver­lus­te sichern.“ 

Gera­de aber in wenig liqui­den Märk­ten wird oft syn­the­tisch repli­ziert. Auch bei Indi­zes mit sehr vie­len Titeln, etwa dem MSCI World mit 1.600 Akti­en. Da wäre eine phy­si­sche Nach­bil­dung zu teu­er, weil exakt alle 1.600 Titel gekauft wer­den müss­ten. Bei syn­the­ti­schen ETFs könn­ten auch nur 200 oder 300 Titel im MSCI-ETF sein, am Ende muss nur die glei­che Per­for­mance her­aus­kom­men wie beim Ori­gi­nal. 

Performen ETFs schlechter als aktive Fonds? 

Apro­pos Per­for­mance: Pas­si­ve Struk­tu­ren sind so gut wie das Ori­gi­nal, das sie abbil­den. Genau dafür sind sie ja auch kon­zi­piert. Und damit sol­len Anleger:innen lang­fris­tig Ver­mö­gen auf­bau­en, statt kurz­fris­tig zu spe­ku­lie­ren.  

Nach einer Berech­nung des Inde­xan­bie­ters S&P Dow Jones haben in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren rund 80 Pro­zent der akti­ven Fonds den Ver­gleichs­in­dex nicht geschla­gen, von US- Stan­dard-Akti­en über Small Caps bis hin zu Wachs­tums­ti­teln. 

Die glei­che Berech­nung für Euro­pa, aller­dings „nur“ mit Daten über 10 Jah­re, lie­fert das glei­che Bild für den Alten Kon­ti­nent: Abge­se­hen von ita­lie­ni­schen und spa­ni­schen Akti­en erreich­ten auch hier rund 80 Pro­zent die Bench­mark (also den Ver­gleichs­in­dex) nicht. 

Das heißt: die meis­ten aktiv gema­nag­ten Fonds per­for­men lang­fris­tig schlech­ter als der Markt. Das liegt zum einen an den höhe­ren Gebüh­ren: Ein akti­ver Fonds muss über­durch­schnitt­lich gut lau­fen, um allein die Kos­ten von ca vier bis fünf Pro­zent wie­der „ein­zu­spie­len“. Ande­rer­seits ori­en­tie­ren sich vie­le Fonds­ma­na­ger auch oft an Indi­zes. Und sind damit so gut wie eben der Markt. 

Boom spricht für ETFs 

In Boom­pha­sen ent­wi­ckeln sich häu­fig ETFs bes­ser als akti­ve Fonds, weil das Manage­ment akti­ver Fonds nach einem Boom häu­fig vor­sich­ti­ger wird und gera­de risi­ko­rei­che­re Assets wie Akti­en dann redu­ziert. Kracht es an der Bör­se, sprich fal­len die Kur­se, sind häu­fig die akti­ven Fonds bes­ser. Sie inves­tie­ren dann eher in Ver­mö­gens­wer­te mit gerin­ge­ren Risi­ken zB defen­si­ve­re Titel oder Anla­gen, die dann ihre Stär­ken aus­spie­len. Anlei­hen zum Bei­spiel. 

Wich­tig ist, dass die ETFs, die wir für unser Port­fo­lio aus­wäh­len, zu unse­rer Gesamt­stra­te­gie pas­sen. Und das wir die auch durch­hal­ten. Lang­fris­tig. Kon­se­quent. 

Gerade ruckelt es an den Börsen wieder: Jetzt also lieber ETFs verkaufen? 

Sophia Wurm: „Das hängt grund­sätz­lich von der Markt­mei­nung jedes Ein­zel­nen und dem per­sön­li­chen Anla­ge­ho­ri­zont ab. Die Warn­zei­chen aus Pro­duk­ti­ons­aus­fäl­len, stei­gen­den Roh­stoff­prei­sen und hoher Infla­ti­on meh­ren sich aller­dings. Anleger:innen soll­ten ihr Posi­tio­nen also genau im Blick haben. Trotz­dem ist es aktu­ell zu früh, um zum Ver­kauf zu bla­sen. So hat der DAX z.B. gera­de (14.10.) sei­ne 200-Tage Linie erfolg­reich ver­tei­digt und es besteht auch die Mög­lich­keit, dass es unter hohen Schwan­kun­gen seit­wärts geht.“  

Gibt es eine ETF-Blase? 

Der ETF-Markt boomt. Nach wie vor. Auch wenn die Pro­duk­te gar nicht so ein­fach sind. Wenn jetzt immer mehr Anleger:innen in ETFs inves­tie­ren, fürch­ten so man­che Marktteilnehmer:innen eine Bla­sen­bil­dung. Laut Sta­tis­ta betrug das welt­wei­te ETF-Ver­mö­gen Ende 2020 rund 7.737 Mil­li­ar­den US-Dol­lar, also 7,7 Bil­lio­nen US-Dol­lar. Den Wert des welt­wei­ten Akti­en­be­stan­des gab Sta­tis­ta per Ende 2019 mit 95,2 Bil­lio­nen US-Dol­lar an. Es inves­tie­ren also rela­tiv weni­ge Anleger:innen in ETFs. Bewer­tungs­bla­sen kön­nen nur bei den Bestand­tei­len eines ETFs ent­ste­hen. Der­zeit sind die Bewer­tun­gen von ein­zel­nen Märk­ten oder Bran­chen sicher hoch. Die Hül­le ETF sagt dar­über nichts aus. 

Fazit: Bei aller Kri­tik, bei allen Risi­ken: ETFs sind sinn­vol­le Invest­ments in einem breit auf­ge­stell­ten Port­fo­lio. Und wie immer gilt: Lang­fris­tig den­ken und han­deln. 

Cou­ra­ge-Tipp: In den nächs­ten Wochen beschäf­ti­gen wir von Cou­ra­ge uns noch­mal gründ­lich mit ETFs: Wie fin­de ich die rich­ti­gen ETFs für mich? Wel­che Vor- und Nach­tei­le haben sie? Oder doch lie­ber akti­ve ETFs?  

 

 

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Die Kur­se stei­gen und du willst schnell auf den fah­ren­den Zug auf­sprin­gen? Oder sie fal­len und du willst den Moment zum Ein­stieg nut­zen? Super, wenn du inves­tie­ren willst. Aber ein paar Vor­aus­set­zun­gen braucht es, damit es auch funk­tio­niert. Hilft ja nichts, wenn du nach eupho­ri­schem Start auf­ge­ben musst, weil die Vor­aus­set­zun­gen ein­fach (noch) nicht passen. 

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