• Sell in May
    Sell in May, ©Kateryna - stock.adobe.com

„Sell in May“: Was ist dran an der Börsenweisheit?

2022-05-20T07:26:07+02:0019. Mai 2022|

Es ist die wohl bekann­tes­te Bör­sen­weis­heit der Welt. In die­sem Jahr könn­te sie sich bestä­ti­gen. Aber war das immer oder wenigs­tens meis­tens so? 

Von Ant­je Erhard

„Sell in May and go away, but remem­ber to come back in Sep­tem­ber.“ Das ist eine der ältes­ten Bör­sen­weis­hei­ten über­haupt. Sie bedeu­tet, dass du zwi­schen Mai und Okto­ber inves­tiert nicht sein musst, weil das die schwa­che Peri­ode an der Bör­se ist, dass du aber die Pha­se stei­gen­der Kur­se ab Herbst wie­der mit­neh­men sollst. 

Daten schei­nen das zu bele­gen: Im S&P 500 stand denn auch zwi­schen Mai und Okto­ber 2011 – im Zuge der Finanz­kri­se – ein Minus von 8,1 Pro­zent auf den Kurs­lis­ten; 2015 waren es ‑0,3 Pro­zent. In den Jah­ren 2012, 2016, 2018 und 2019 war die Per­for­mance posi­tiv, aber unter­durch­schnitt­lich, wäh­rend zwi­schen Okto­ber und April ein Plus von durch­schnitt­lich sie­ben Pro­zent steht.  

Anders hin­ge­gen 2020: Da war Sell in May kei­ne gute Idee. Wer da aus dem Markt aus­ge­stie­gen ist, hat eine Ral­ly von 12,3 Pro­zent ver­passt, im Jahr 2013 von zehn Pro­zent. Also Licht und Schat­ten an der Wall Street im Mai bzw. ab Mai. 

Und beim DAX? In 18 von 33 Jah­ren fiel der DAX zwi­schen Mai und Sep­tem­ber, ergab eine Aus­wer­tung von Fide­li­ty Inter­na­tio­nal. In den ver­blie­be­nen 15 Jah­ren stieg der Leit­in­dex. Was aber nicht heißt, dass danach die Kur­se nicht auch fal­len kön­nen … 

So steht es um diesen Mai

In die­sem Jahr könn­te sich die alte Weis­heit aber mal wie­der bewahr­hei­ten: Der Mai ver­läuft bis dato äußerst rup­pig. Fast 1000 Punk­te lie­gen zwi­schen dem höchs­ten und dem tiefs­ten DAX-Stand im bis­he­ri­gen Monat. 

Das Beson­de­re ist, dass Akti­en, Anlei­hen, Kryp­tos und Edel­me­tal­le – also die wich­tigs­ten Anla­ge­klas­sen – gleich­zei­tig fal­len. Das ist sel­ten. 2008 in der Finanz­kri­se war das so, dass nahe­zu alle Asset­klas­sen gesun­ken sind. Und 2020 zu Beginn der Coro­na-Pan­de­mie. Die Sor­ge, dass die Zins­er­hö­hun­gen die Wirt­schaft belas­ten, ist hier der Stim­mungs­kil­ler Num­mer 1. Und kommt on top zu den bestehen­den Pro­ble­men: anhal­ten­de Pan­de­mie, Lock­down in Chi­na, Lie­fer­eng­päs­se, Infla­ti­on, Krieg in der Ukrai­ne … Das alles sind bereits Belas­tun­gen für die Akti­en­märk­te. 

Früher war alles anders…

Frü­her hat­te die­se Bör­sen­weis­heit durch­aus ihre Berech­ti­gung. Damals war in der Land­wirt­schaft zwi­schen Mai und Okto­ber viel zu tun – für Bör­sen­in­vest­ments blieb da kei­ne Zeit. Und kein Kapi­tal. Mit Smart­pho­ne und Neo­bro­kern ist heu­te eine neue Welt ent­stan­den. Außer­dem sei­en „frü­her“ die Finanz­märk­te weit­ge­hend unter sich gewe­sen. Sie waren los­ge­löst von den noch wenig bedeu­ten­den Schwel­len­märk­ten, und die Geld­po­li­tik sei ledig­lich Schieds­rich­ter gewe­sen und habe die Rah­men­da­ten für Finanz­märk­te und Wirt­schaft gesetzt, sagt Robert Hal­ver, Lei­ter der Kapi­tal­markt­stra­te­gie der Baa­der Bank und pro­fun­der Ken­ner der Akti­en­märk­te. 

War­um dann also nicht „Sell in May“? – Nun, die Ver­gan­gen­heit ist kei­ne Blau­pau­se für die Zukunft. Einer­seits. Ande­rer­seits haben sich die Zei­ten geän­dert. „Heu­te wür­den pro­fes­sio­nel­le Anle­ger und Hedge-Fonds jede halb­wegs funk­tio­nie­ren­de Bör­sen­re­gel durch ent­spre­chen­de Spe­ku­la­ti­on zer­stö­ren“, gibt Robert Hal­ver zu Beden­ken. Außer­dem gäbe es „New kids on the Block“. Das heißt, dass Schwel­len­län­der wie Chi­na geo­po­li­tisch und wirt­schaft­lich sys­tem­re­le­vant sei­en und nicht auf den Kalen­der und den Mai schau­en. 

Die Notenbanken nehmen mehr Einfluss

Auch der Ein­fluss der Noten­ban­ken sei heu­te völ­lig anders: „Aus Schieds­rich­tern sind die eigent­li­chen Spiel­ma­cher an den Bör­sen gewor­den. Egal, ob Immobilien‑, Finanz‑, Schul­den- und Ban­ken­kri­se, ob Bre­x­it, Han­dels­krieg oder die Euro-Ret­tung, mitt­ler­wei­le muss die Poli­tik Eigen­to­re und Nie­der­la­gen nicht nur sai­so­nal, son­dern an 365 Tagen im Jahr ver­hin­dern. Auch in der hei­ßen Jah­res­zeit ist die Ret­tungs­po­li­tik nicht im Lock­down, was die Finanz­märk­te stützt.“ 

Doch aktu­ell sieht es an den Bör­sen düs­ter aus. Könn­te sich die alte Regel Sell in May also doch wie­der bewahr­hei­ten? Einer­seits wür­den die Noten­ban­ken kei­ne har­te Infla­ti­ons­be­kämp­fung zulas­sen, weil die Risi­ken zu groß sei­en von Über­schul­dung, Kon­junk­tur-Schwä­che bis Ukrai­ne-Krieg. Ande­rer­seits gäbe es nach wie vor Anzei­chen für einen ver­reg­ne­ten Bör­sen-Som­mer: brü­chi­ge Lie­fer­ket­ten, Roh­stoff­knapp­heit, Covid-Lock­downs. „Doch wenn zum Bei­spiel Chi­na sei­ne coro­na­le Wirt­schafts­schlie­ßung lockert, kann sich der Spieß vor allem für Kon­junk­tur­wer­te wie­der umdre­hen“, so Hal­ver.  

Keine Gewissheit über den Mai – aber doch auch Chancen

Aber auch Unan­ge­neh­mes kön­ne pas­sie­ren. „Die gro­ße Unbe­kann­te ist die Kriegs­ent­wick­lung in der Ukrai­ne mit all ihren Kon­se­quen­zen für Ener­gie­ver­sor­gung und ‑prei­se.“ Und so sagt Robert Hal­ver: „Es gibt also grund­sätz­lich kei­ne Gewiss­heit, wie sich die Bör­sen ab Mai ent­wi­ckeln. Ins­ge­samt macht es für Anle­ger kei­nen Sinn, auf die­sen sai­so­na­len Bör­sen­ka­lau­er zu set­zen. An der Bör­se wird nicht geklin­gelt wie auf dem Schul­hof, um zu wis­sen, wann die Pau­se beginnt und wann sie vor­bei ist. Ansons­ten gäbe es an der Bör­se nur noch Mil­lio­nä­re.“ 

Auch wenn die Kur­se fal­len, bie­ten sich viel­leicht hier und da Kauf­ge­le­gen­hei­ten, denn die Kapi­tal­märk­te funk­tio­nie­ren vor allem lang­fris­tig für die Geld­an­la­ge. Bei gefal­le­nen Kur­sen kön­nen sich lang­fris­ti­ge Spar­plä­ne durch­aus loh­nen. Oder wie Robert Hal­ver sagt: „Im Ein­kauf liegt der Gewinn.“ 

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Wann du (noch) nicht an der Börse investieren solltest

Die Kur­se stei­gen und du willst schnell auf den fah­ren­den Zug auf­sprin­gen? Oder sie fal­len und du willst den Moment zum Ein­stieg nut­zen? Super, wenn du inves­tie­ren willst. Aber ein paar Vor­aus­set­zun­gen braucht es, damit es auch funk­tio­niert. Hilft ja nichts, wenn du nach eupho­ri­schem Start auf­ge­ben musst, weil die Vor­aus­set­zun­gen ein­fach (noch) nicht passen. 

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