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    Nora Blum, ©Selfapy

Selfapy: Eine Therapie-App für Ängste und Depressionen

2022-03-21T14:23:48+01:0021. März 2022|

Men­schen mit psy­cho­lo­gi­schen Beschwer­den war­ten in Deutsch­land bis zu sechs Mona­te auf eine The­ra­pie. Ein Zeit­raum, in dem sich der Zustand meist ver­schlim­mert. Der sich aber mit der Self­apy-App überbrücken lässt. Nora Blum, Mitbegründerin der Platt­form, erzählt vom lan­gen Weg von der Idee bis zum digi­ta­len Medi­zin­pro­dukt. 

Von Michae­la Stemper

Frau Blum, bei welcher Art von psychologischen Beschwerden kann Selfapy helfen?

Bei leich­ten bis mitt­le­ren Beschwer­den ist Self­apy hilf­reich. Der Ein­stieg in die Online­kur­se ist nie­der­schwel­lig und für sol­che Men­schen da, die zur­zeit kei­nen The­ra­pie­platz haben. Wenn der oder die Hausärzt:in dia­gnos­ti­ziert, dass ein:e Patient:in unter einer Depres­si­on, Panik oder gene­ra­li­sier­ten Angststörung lei­det, kann diese:r Self­apy auf Rezept ver­schrei­ben. Die Kos­ten über­nimmt dann die Kran­ken­kas­se. 

Und wann können Sie nicht weiterhelfen?

Wer sehr stark belas­tet ist, schlimms­ten­falls sogar suizidgefährdet, dem kann kein Online-Pro­gramm hel­fen. Hier ver­wei­sen wir an Not­fall­num­mern. Auch während der Kur­se überwachen wir per­ma­nent, ob sich die Sym­pto­ma­tik des Pati­en­ten bzw. der Pati­en­tin ver­schlim­mert. Schlüsselsätze lösen Alarm aus. Unse­re Psychotherapeut:innen arbei­ten dann nach einem Stu­fen­e­s­ka­la­ti­ons­plan. 

Was erwartet Hilfesuchende?

Teil­neh­men­de star­ten einen drei­mo­na­ti­gen Online-Kurs, auf­ge­baut aus ver­schie­de­nen Trai­nings­mo­du­len, die die Inhal­te der kogni­ti­ven Ver­hal­tens­the­ra­pie digi­tal umset­zen. Der Kurs hilft bei­spiels­wei­se zu beob­ach­ten, wel­che Aktivitäten einem gut­tun – und wel­che nicht. Anfangs führt man dazu ein digi­ta­les Tage­buch, das durch das Pro­gramm auto­ma­tisch aus­ge­wer­tet wird. Dar­aus wird einen Plan erar­bei­tet, um mehr posi­ti­ve Aktivitäten in den All­tag zu inte­grie­ren. Außer­dem wer­den nega­ti­ve Denk­mus­ter durch­bro­chen, posi­ti­ve ver­an­kert. Bei nega­ti­ven Gedan­ken hilft es, Gedan­ken­spi­ra­len auf­zu­schrei­ben und zu hin­ter­fra­gen. Eine typi­sche nega­ti­ve Gedan­ken­spi­ra­le lau­tet zum Bei­spiel: Ich habe zu viel zu tun, ich schaf­fe mei­ne gan­zen Auf­ga­ben nicht, des­halb wer­de ich gefeu­ert, dann habe ich gar nichts mehr. 

Wie funktioniert das in der Praxis?

Wir set­zen die Inhal­te mul­ti­me­di­al um: Die The­ra­pie­bau­stei­ne arbei­ten mit Vide­os von Psycholog:innen, Gra­fi­ken und Online-Fragebögen. Jede:r Teil­neh­men­de hat eine fes­te Ansprech­per­son im Team, die auf die Ent­wick­lung blickt. Das ist aller­dings nicht gleich­zu­set­zen mit einer the­ra­peu­ti­schen Sit­zung. Viel­mehr han­deln wir nach dem Prin­zip der gelei­te­ten Selbst­hil­fe. Wer noch ein gewis­ses Grundaktivitätsniveau hat und digi­tal affin ist, dem kann von Self­apy gut gehol­fen wer­den. Das Gros unse­rer Nutzer:innen ist in den Drei­ßi­gern und schätzt den ein­fa­chen Zugang zu einem schwie­ri­gen The­ma. 

Von wie viel Betroffenen reden wir? Hat die Corona-Sondersituation den Zulauf verstärkt?

Man geht davon aus, dass in Deutsch­land 18 Mil­lio­nen Men­schen an einer psy­chi­schen Erkran­kung lei­den. Aber davon nicht alle akut. Im ers­ten Lock­down hat sich das Anruf­vo­lu­men bei uns fast ver­drei­facht. Die Men­schen waren häufig mit der Situa­ti­on überfordert, was die Belas­tungs­si­tua­ti­on ein­zel­ner verstärkt hat. Und gleich­zei­tig hat sich die The­ra­pie­si­tua­ti­on ver­schlim­mert, denn es wur­de noch schwie­ri­ger an Psy­cho­the­ra­pie­plät­ze zu gelan­gen, weil Pra­xen oft geschlos­sen wur­den. Oder Betrof­fe­ne nicht zu Psy­cho­the­ra­peu­ten vor Ort gehen woll­ten – aus Angst, sich anzu­ste­cken 

Woher rührt der vielzitierte Engpass?

Es man­gelt nicht an Psychotherapeut:innen. Es man­gelt an soge­nann­ten Kas­sen­sit­zen. Einer Art Lizenz, die not­wen­dig ist, um mit den Kran­ken­kas­sen abrech­nen zu können. Die Anzahl die­ser Sit­ze ist viel zu knapp bemes­sen. Ich ken­ne Therapeut:innen, die zehn Jah­re auf ihren Kas­sen­sitz war­ten muss­ten. Einen Aus­weg gibt es nur für Pri­vat­pa­ti­en­ten oder Selbst­zah­ler. 

Wann kamen Sie und Katrin Bermbach auf die Idee der digitalen Therapie?

Als Psy­cho­lo­gin­nen kann­ten wir das Pro­blem der lan­gen War­te­zei­ten. Sahen aber auch, dass sich vie­le kei­ne Hil­fe such­ten, weil das The­ma Psy­cho­the­ra­pie stig­ma­ti­siert war. Also muss­te ein nie­der­schwel­li­ger Ein­stieg her. Mei­ne Mitbegründerin Kati hat­te sogar an der Ber­li­ner Cha­ri­té die unschöne Auf­ga­be, Therapieplätze anzu­sa­gen. Also nah­men wir 2016 unse­re Geschäftidee in Angriff. Ich brach­te mein unter­neh­me­ri­sches Know-how aus mei­ner Zeit bei Rocket Inter­net ein. Kati betreu­te die Fach­sei­te. 

Wer von Ihnen konnte programmieren?

Kei­ne, also beauf­trag­ten wir einen Drit­ten mit der Pro­gram­mie­rung des Pro­gramms auf Basis einer E‑Lear­ning-Platt­form. Man muss dazu wis­sen, Stra­te­gien aus der Ver­hal­tens­the­ra­pie las­sen sich sehr gut digi­ta­li­sie­ren. Zum Bei­spiel das Aus­wer­ten der Tages­pro­to­kol­le funk­tio­niert per App deut­lich schnel­ler als mit jeder hand­schrift­li­chen Pati­en­ten­no­tiz. Die Inhal­te, Gra­fi­ken und Vide­os ent­wi­ckel­ten wir anfangs selbst mit­hil­fe von Psychotherapeut:innen aus der Kli­nik. Und was noch wich­ti­ger war, wir erprob­ten die Modu­le in dem Online Pro­gramm in einer kli­ni­schen Stu­die zunächst am UKE-Kli­ni­kum, spä­ter an der Cha­ri­té. 

Was waren Ihre größten Herausforderungen?

Unser Gesund­heits­sys­tem! Die Patent:innen soll­ten nicht selbst für die Anwen­dung zah­len müssen. Das heißt, wir muss­ten die Kran­ken­kas­sen dafür gewin­nen. Nach drei­ein­halb Jah­ren konn­ten wir end­lich den ers­ten Ver­trag mit der Bosch BKK abschlie­ßen. De fac­to wuss­ten wir also jah­re­lang nicht, ob sich Self­apy als Unter­neh­men über­haupt tra­gen würde. Es war ein lan­ger Weg. Mit mei­nem Kis­sen unter dem Arm bin ich häufig mor­gens um vier in den günstigsten Zug gestie­gen, um bei den Kas­sen vor­zu­spre­chen. 

Hatten Sie Kapitalgeber, die Ihr Vorhaben unterstützten?

Auch das war anfangs nicht leicht. Man muss sich vor­stel­len, dass zwei jun­ge Frau­en in den Zwan­zi­gern das deut­sche Gesund­heits­sys­tem ver­än­dern woll­ten. Erst als wir den ers­ten Busi­ness Angel, Mave­ricks Foun­ders, überzeugen konn­ten, fan­den wir wei­te­re Kapi­tal­ge­ber, die den Mehr­wert der Online Pro­gram­me ver­stan­den. Und die erkann­ten, mit wel­chem Biss wir an die Sache her­an­gin­gen. Mitt­ler­wei­le haben wir knapp 10 Mil­lio­nen Euro per Fund­s­rai­sing gesam­melt und sind heu­te auf dem Weg zur Profitabilität. 

War es schwieriger, weil Sie ein Frauenduo waren?

Ich fin­de, das Finan­zie­rungs­um­feld für Frau­en hat sich heu­te, im Ver­gleich zu unse­rer Gründungsphase, enorm ver­bes­sert. Vor sechs Jah­ren gab es deut­lich weni­ger weib­li­che Gründerinnen und Inves­to­rin­nen. Mitt­ler­wei­le ist es ein Vor­teil eine Frau zu sein. Denn es gibt immer wie­der Fonds, die sich expli­zit dafür stark machen, in frauengeführte Unter­neh­men zu inves­tie­ren. Das ist auch wich­tig. 

Wohin möchten Sie Ihr Angebot noch entwickeln?

Online Hil­fe zum The­ma Essstörungen liegt uns sehr am Her­zen. Hier sehen wir einen gro­ßen Bedarf. Gera­de ein The­ma wie Buli­mie ist sehr scham­be­setzt.  

Welche Seiten Ihres Berufs schätzen Sie?

Ich weiß jeden Mor­gen, wofür ich auf­ste­he und wie wich­tig das The­ma ist, an dem ich arbei­te. Der wich­tigs­te Per­for­mance Indi­ka­tor ist die Zahl der Men­schen, denen wir hel­fen. Das sind bis­lang 37.000 Betrof­fe­ne. Ich schätze mei­ne facet­ten­rei­che Arbeit und darf mit einem groß­ar­ti­gen Team von 85 Mit­ar­bei­ten­den zusam­men­ar­bei­ten. 

Welche Seiten nerven Sie?

Ich arbei­te oft zu viel, abends zu lang und an zu vie­len The­men gleich­zei­tig. Das ist die Schat­ten­sei­te, die oft auch damit ein­her­geht, dass man sei­nen Job liebt. Natür­lich muss man als Gründerin aber auch auf sei­ne men­ta­le Gesund­heit ach­ten. Inso­fern nut­ze ich unse­re App ger­ne selbst. 

Wenn Sie für einen Tag Gesundheitsministerin sein dürften: Für welches Anliegen möchten Sie die Weichen stellen?

Wir müssen in der Digi­ta­li­sie­rung des Gesund­heits­sys­tems vor­an­kom­men. The­men wie die elek­tro­ni­sche Pati­en­ten­ak­te, oder das E‑Rezept müs­sen wei­ter vor­an­ge­trie­ben wer­den. Es kann nicht sein, dass wir wei­ter­hin mit die­ser Zet­tel­wirt­schaft leben. Außer­dem wür­de ich mich um mehr Kas­sen­sit­ze bemü­hen, damit Men­schen mit einer psy­chi­schen Belas­tung nicht so lan­ge auf einen The­ra­pie­platz war­ten müs­sen. 

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