• Konzentriert und erfolgreich im Home Office zu arbeiten, i Foto: damircudic/iStock

“Selbstführung bedeutet, sich zu kennen”

2021-05-07T11:58:08+02:0016. April 2020|

Nicht alle kön­nen, nicht alle möch­ten, aber vie­le müs­sen aktu­ell von zu Hau­se aus arbei­ten. Um die Aus­brei­tung von Covid-19 in Deutsch­land ein­zu­däm­men, haben vie­le Fir­men ihre Ange­stell­ten ins Home­of­fice geschickt. Für vie­le ist das eine gro­ße Her­aus­for­de­rung: Es feh­len nicht nur Kol­le­gen und Vor­ge­setz­te, son­dern oft auch Struk­tur und Orga­ni­sa­ti­on. Wie eine erfolg­rei­che Selbst­füh­rung sowie die Füh­rung von Teams im Home­of­fice funk­tio­nie­ren kann, erklärt die Unter­neh­mens­be­ra­te­rin Bir­git Albrich.

von Astrid Zehbe

Foto: BANDAO Gui­d­ance GmbH

Wie vie­le ande­re Men­schen ver­brin­gen auch Sie aktu­ell viel Zeit im Home­of­fice. Wie geht es Ihnen damit?
Bir­git Albrich: Ein gro­ßer Vor­teil vom Home­of­fice oder auch der Arbeit ganz allein im Büro ist, voll­stän­dig in eine Auf­ga­be oder ein The­ma ein­tau­chen zu kön­nen. Das genie­ße ich.
Die Nach­tei­le der Arbeit im Home­of­fice – also Ablen­kun­gen oder nicht im Job-Umfeld ankom­men – gehe ich aktiv an. Ich schlie­ße men­tal alles weg, was stört und reser­vie­re dafür ande­re Zeitfenster.

Was sind aus Ihrer Sicht ganz all­ge­mein aktu­ell die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen im Homeoffice?
Die Kon­fron­ta­ti­on mit uns selbst: Es gibt kei­ne Kol­le­gen, kei­ne Vor­ge­setz­ten in direk­ter Nähe. Wir sind allei­ne und arbei­ten eigen­ver­ant­wort­lich. Egal, ob wir das posi­tiv oder nega­tiv emp­fin­den. Es ist unge­wohnt und zudem nicht frei gewählt. Ver­mut­lich ist es die größ­te Her­aus­for­de­rung, damit umzugehen.

Wel­che Rol­le spie­len die häus­li­chen Gegebenheiten?
Nicht jeder hat einen Home­of­fice-Arbeits­platz ein­ge­rich­tet – bis­lang. Die Abgren­zung zwi­schen Beruf­li­chem und Pri­va­tem, mög­li­che Rol­len­kon­flik­te sowie alle Ein­fluss­fak­to­ren so zu arran­gie­ren, damit man sich in die­ser ver­än­der­ten Situa­ti­on wohl­fühlt, ist eben­falls eine Herausforderung

Für vie­le fällt im Home­of­fice auch ein struk­tu­rier­ter Tages­ab­lauf weg. War­um ist der so wichtig?
Gewohn­hei­ten im Arbeits­all­tag hel­fen uns vor­an­zu­ge­hen, ohne groß dar­über nach­zu­den­ken oder die­se zu hin­ter­fra­gen. Das kann sehr ent­span­nend sein und ist meis­tens auch ener­gie­ef­fi­zi­ent. Sogar, wenn es uns stresst, blei­ben wir doch – weil wir es gewohnt sind – meis­tens in unse­rer Kom­fort­zo­ne. Die­se wird jetzt geöff­net. Auf ein­mal ist da ganz viel Raum, für mich und auch für mei­ne Tätig­keit. Und für die Eigen­ver­ant­wort­lich­keit. Kei­ner, der mei­ne Arbeit unter­bricht, kein The­ma, das mich – will­kom­men oder nicht – ablenkt.

Selbstführung  ist für viele eine Herausforderung

Was bedeu­tet das für die per­sön­li­che Arbeitsweise?
Wer es nicht gewohnt war, über län­ge­re Zeit im Home­of­fice zu arbei­ten, war dar­auf nicht vor­be­rei­tet. Ich kann mit dem Zustand hadern und die ande­re Zeit zurück­seh­nen. Das wird uns jedoch davon abhal­ten, uns auf die Chan­cen ein­zu­las­sen. Jetzt kön­nen wir über­den­ken, neu struk­tu­rie­ren und anpas­sen. Für die per­sön­li­che Arbeits­wei­se bedeu­tet das, die­se neue Selbst­be­stimmt­heit anzu­neh­men und neue Vor­ge­hens­wei­sen abzuleiten.

Das ver­langt viel Fähig­keit zur Selbst­füh­rung ab, was jedoch vie­len schwer fällt. Wie kann das gelingen?
Mich selbst zu füh­ren, einen wert­vol­len Bei­trag zu erbrin­gen, bedeu­tet, dass ich mich ken­ne: Mei­ne Moti­va­ti­ons­la­ge, auch Grün­de, die mich in Demo­ti­va­ti­on füh­ren, mein Kön­nen, mei­ne Stär­ken genau­so wie mei­ne Schwä­chen. Und, dass ich damit umge­he. Kon­kret heißt das, ich weiß, was ich brau­che – und was nicht. Und ich küm­me­re mich dar­um, dass ich das, was ich brau­che, zur Ver­fü­gung habe. Ich stel­le zur rich­ti­gen Zeit die rich­ti­gen Fra­gen. Ich schaf­fe mir eine gute Arbeits­at­mo­sphä­re und hole mir Rat und Unter­stüt­zung, damit ich nicht in ein Moti­va­ti­ons­loch falle.

Kurz­um: Ich brau­che einen kon­kre­ten Plan?
Bewährt hat es sich, eine Art Land­kar­te zu erstel­len. Wie sieht mein Weg aus, was soll bewerk­stel­ligt sein? Was möch­te ich am Ende bewerk­stel­ligt haben? Wel­che Stre­cken muss ich dafür zurück­le­gen? Was muss ich tun? Wie viel Zeit brau­che ich dafür? Wie viel Zeit neh­me ich mir dafür? All die­se Fra­gen muss ich mir beant­wor­ten, um ans Ziel zu kommen.

Selbstführung durch Motivation und Identifikation

Wie ver­än­dert sich die Arbeit von Teams, wenn jeder im Home­of­fice sitzt?
Die Umstel­lung aufs Home­of­fice hat mich per­sön­lich etwas gelehrt: Nicht der Arbeits­ort oder die Anwe­sen­heit der Vor­ge­setz­ten ist Garant für gute Ergeb­nis­se, son­dern es sind − wie in der Moti­va­ti­ons­theo­rie immer wie­der beschrie­ben − nach wie vor die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den Auf­ga­ben und Zie­len. Ich habe nicht schlecht gestaunt fest­zu­stel­len, dass die Per­for­mance in mei­nem Team deut­lich gestei­gert wur­de – bei jedem einzelnen.

Wie erklä­ren Sie sich das?
Das Erle­ben von Auto­no­mie und der eige­nen Kom­pe­tenz sowie die Ein­ge­bun­den­heit und Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me in einer sozia­len Grup­pe spie­len eine gro­ße Rol­le. Es ist dar­um für jedes Team­mit­glied sehr wich­tig zu wis­sen, dass man selbst und die Ergeb­nis­se auch gese­hen wer­den. Die Hal­tung oder Ein­stel­lung „vor Ort zu sein, recht­fer­ti­ge das Gehalt“ – über­spitzt aus­ge­drückt – wird jetzt regu­liert. Bei­trag und Ergeb­nis wer­den in eine neue Rela­ti­on gerückt. Es geht ja nicht um Anwe­sen­heit. Es geht um den per­sön­li­chen Bei­trag in einem Sys­tem, Unter­neh­men, Team oder zur Erfül­lung einer Aufgabe.

Was bedeu­tet das für Füh­rungs­kräf­te, die plötz­lich Teams anlei­ten müs­sen, ohne phy­sisch anwe­send zu sein?
Außer­halb mei­nes direk­ten Ein­fluss­be­reichs ein­zu­wir­ken und dafür zu sor­gen, dass die Iden­ti­fi­ka­ti­on und die Moti­va­ti­on nicht sin­ken oder gar ver­lo­ren gehen, war für mich per­sön­lich als Füh­rungs­kraft die größ­te Her­aus­for­de­rung. Damit ein Team ohne phy­si­sche Anwe­sen­heit zusam­men­hält, ist Aus­tausch wich­tig und dass nie­mand ver­lo­ren geht. Regel­mä­ßi­ge Calls oder Video-Kon­fe­ren­zen, aktu­el­le The­men, Sta­tus­be­rich­te, Aus­tausch im Sin­ne von „wer wo steht unf was macht“ und auch, wie die aktu­el­le Gefühls­la­ge in Bezug auf Auf­ga­ben oder aktu­el­le The­men ist. Damit mei­ne ich im ers­ten Schritt regel­mä­ßi­ge, mode­rier­te Calls.

Höflichkeit, Zugewandtheit, Effizienz und Fokussierung

Wie soll­te die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Team­mit­glie­dern aussehen?
Die Zusam­men­ar­beit der Teams und Grup­pen ohne Mode­ra­ti­on ist noch viel ent­schei­den­der. Die Zusam­men­ar­beit, der Aus­tausch und Abstim­mungs­pro­zes­se müs­sen auf ande­re Kanä­le ver­legt wer­den, zum Bei­spiel Col­la­bo­ra­ti­on Soft­ware, Chat-Por­ta­le und auch sozia­le Netz­wer­ke. Es muss und darf sich am Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl aber nichts ändern – kei­ne Iso­la­ti­ons­haft – nur ande­re Wege!

Und da lässt sich etwas sehr Schö­nes beob­ach­ten: Von vie­len Sei­ten wur­de mir von Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen vom glei­chen posi­ti­ven Phä­no­men in der Kom­mu­ni­ka­ti­on in die­ser beson­de­ren Zeit berich­tet − Höf­lich­keit, Zuge­wandt­heit, Effi­zi­enz und Fokus­sie­rung haben deut­lich an Stel­len­wert gewonnen!

Bir­git Albrich ist Mit­grün­de­rin der BANDAO Unter­neh­mens­be­ra­tung. Sie beglei­tet seit 20 Jah­ren Kon­zer­ne und mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men in den Berei­chen Struktur‑, Per­so­nal- und Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung. Kürz­lich erschien ihr BANDAO Jour­nal — Skills in Lea­ders­hip, Manage­ment, Kom­mu­ni­ka­ti­on. Es soll Men­schen unter­stüt­zen, die indi­vi­du­ell in ihrem Wir­kungs­kreis einen Kom­pe­tenz­auf­bau for­cie­ren wollen.

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