Startseite/Seelischer Lockdown: Wenn der Pandemie-Modus zum Dauerzustand wird

Seelischer Lockdown: Wenn der Pandemie-Modus zum Dauerzustand wird

2021-10-12T15:36:39+02:0012. Oktober 2021|

Restau­rants und Kinos sind offen, das Thea­ter spielt vor vol­lem Haus und sogar Fei­ern im Club ist für Geimpf­te und Gene­se­ne mög­lich — aber nicht alle Men­schen füh­len sich wohl damit. Wäh­rend eini­ge die wie­der­ge­won­ne­nen Frei­hei­ten genie­ßen und ande­re eher vor­sich­tig blei­ben, fin­den man­che aus der erzwun­ge­nen Iso­la­ti­on gar nicht mehr zurück ins Leben, wie der Frank­fur­ter Psy­cho­lo­ge Ulrich Stan­gier erklärt: “Sie blei­ben in ihrem Schne­cken­haus stecken.”

Wie vie­le Men­schen in Deutsch­land vom soge­nann­ten Cave-Syn­drom betrof­fen sind und war­um, will Prof. Stan­gier mit einer Online-Befra­gung an der Goe­the-Uni­ver­si­tät her­aus­fin­den. Bis­her gibt es sol­che Daten nur aus den USA. Die Ame­ri­can Psy­cho­lo­gi­cal Asso­cia­ti­on hat­te im Febru­ar 2021 mehr als 3000 erwach­se­ne Ame­ri­ka­ner befragt. Dabei sag­ten 46 Pro­zent, dass sie sich nicht damit wohl­füh­len, zu ihrem All­tag vor Coro­na zurück­zu­keh­ren. 49 Pro­zent gaben an, dass es ihnen schwer fällt, zwi­schen­mensch­li­che Begeg­nun­gen wie­der zuzulassen.

“Social distancing” war das Schlag­wort der Pan­de­mie, phy­si­sche Kon­tak­te zu redu­zie­ren das Gebot der Sun­de. Was bis dahin stets posi­tiv bewer­tet wur­de — raus­ge­hen, Men­schen tref­fen — wur­de zum Risi­ko und damit nega­tiv besetzt. Der Beloh­nungs­wert zwi­schen­mensch­li­cher Begeg­nun­gen sei hier­durch gerin­ger gewor­den, erklärt Stan­gier. Kochen, Spa­zie­ren­ge­hen oder Fil­me­schau­en tra­ten an ihre Stel­le. “Nach 18 Mona­ten haben wir uns dar­an gewöhnt, dass es wenig sozia­len Aus­tausch gibt”, sagt Stan­gier. “Wir haben gelernt, Lust und Freu­de bei ande­ren Akti­vi­tä­ten des All­tags zu empfinden.”

Das Cave-Syndrom

Das Cave-Syn­drom sei ein nor­ma­les Phä­no­men, kein patho­lo­gi­sches, betont Stan­gier. “Es ist kei­ne Krank­heit, son­dern eine vor­über­ge­hen­de Anpas­sungs­re­ak­ti­on.” Stan­gier nennt es eine vor­über­ge­hen­de “sozia­le Anhe­do­nie”: das Unver­mö­gen, Freu­de an sozia­len Begeg­nun­gen zu emp­fin­den. Dabei sei der Kon­takt mit ande­ren Men­schen eigent­lich ein Grund­be­dürf­nis: “Sozia­le Iso­la­ti­on ist für den Men­schen ein star­ker Stres­sor”, sagt der Psychologe.

Stan­gier geht davon aus, dass die Pha­se bei den Aller­meis­ten von allein vor­über­geht, viel­leicht nach zwei bis drei Mona­ten. “Es gibt aber auch Men­schen, die dau­er­haf­te Schwie­rig­kei­ten erle­ben, aus der Iso­la­ti­on wie­der raus­zu­kom­men.” Er schätzt die­se Grup­pe auf viel­leicht fünf Pro­zent. Meist sei­en es Men­schen, die schon vor­her sehr zurück­ge­zo­gen gelebt haben. Bei ihnen habe die Coro­na-Zeit den Rück­zug ver­stärkt und zu einer Depres­si­on oder sozia­len Angst­stö­rung geführt, die nicht von allein zurückgeht.

Ein Phä­no­men, das auch Genera­tio­nen­for­scher Rüdi­ger Maas beob­ach­tet hat. Seit Beginn der Pan­de­mie fragt sein Team am pri­va­ten Insti­tut für Genera­tio­nen­for­schung in Augs­burg alle zwei Wochen min­des­tens 1500 reprä­sen­ta­tiv aus­ge­wähl­te Men­schen, wie sie die Coro­na-Pan­de­mie erle­ben. Die Daten bele­gen sei­ner Ein­schät­zung nach ein­deu­tig, dass es ein Cave-Syn­drom gibt.

Im Som­mer gab etwa ein Zehn­tel der Men­schen ab 40 Jah­ren an, bestimm­te Din­ge aus den Lock­down-Zei­ten zu ver­mis­sen. Knapp sie­ben Pro­zent der soge­nann­ten Baby­boo­mer (ab 56 Jah­re) und etwa acht Pro­zent der Genera­ti­on Y (26 bis 39 Jah­re) woll­ten ihren Pan­de­mie-All­tag sogar am liebs­ten bei­be­hal­ten. Fast die Hälf­te der unter 27-Jäh­rin­gen fühl­te sich im Som­mer gestresst davon, die wie­der­ge­won­ne­ne Frei­heit aus­le­ben zu müssen.

Seit­her haben sich die Zah­len nur gering­fü­gig ver­än­dert, wie eine Lang­zeit­aus­wer­tung zeigt, die der Nach­rich­ten­agen­tur dpa exklu­siv vor­liegt. Ein­zi­ge Ten­denz: Im Lau­fe der Mona­te stimm­ten dem Satz “Ich füh­le mich unter Druck gesetzt, vie­le Din­ge zu unter­neh­men, wenn es wie­der mög­lich ist” immer weni­ger jun­ge Men­schen zu. Die Zustim­mungs­wer­te bei Älte­ren hin­ge­hen stie­gen an.

“In ein­ein­halb Jah­ren haben sich Ver­hal­tens­mus­ter ein­ge­schli­chen, die sich ver­fes­tigt haben”, sagt Maas. Die Ten­denz zum Rück­zug sei aller­dings nicht allein der Pan­de­mie geschul­det: “Coro­na war nicht die Ursa­che, son­dern wirk­te wie ein Ver­stär­ker oder Beschleu­ni­ger.” In den frü­hen Umfra­gen 2020 habe sich gezeigt, dass vie­le Men­schen die Kon­takt­be­schrän­kun­gen gut fan­den, sagt Maas — zum Schutz vor Anste­ckung, “aber auch, weil sie nicht mehr das Gefühl hat­ten, etwas zu ver­pas­sen: Phleg­ma­tis­mus war sozi­al erwünscht.”

Jun­ge Men­schen und Kin­der sind nach Maas’ Ein­schät­zung vom Cave-Syn­drom beson­ders betrof­fen: Sie erleb­ten Coro­na in einer prä­gen­den Pha­se, ein­ein­halb Jah­re Kon­takt­be­schrän­kun­gen mach­ten einen viel grö­ße­ren Anteil ihrer Lebens­zeit aus. Hin­zu kom­me, dass jun­ge Men­schen ohne­hin mehr Zeit im digi­ta­len Raum ver­brin­gen. “Unab­hän­gig von der Coro­na-Pan­de­mie ist eine Zunah­me extre­mer For­men des sozia­len Rück­zugs zu beob­ach­ten”, sagt Maas. Die Digi­ta­li­sie­rung unter­gra­be schon lan­ge das Bedürf­nis, Men­schen zu treffen.

Stan­gier sieht das ähn­lich: Zwar sei das Bedürf­nis nach sozia­len Kon­tak­ten bei Jugend­li­chen grö­ßer. “Die Angst vor einer Infek­ti­on war immer gerin­ger als der Wunsch nach Kon­tak­ten”, sagt Stan­gier, daher die vie­len Tref­fen im Park, daher die ille­ga­len Par­tys. Aber auch unter den Jugend­li­chen erleb­ten vie­le eine Ver­un­si­che­rung bei der Rück­kehr zur sozia­len Nor­ma­li­tät. “Ins­be­son­de­re in der Puber­tät sind Jugend­li­che beson­ders vul­nera­bel für die Ent­wick­lung von sozia­len Ängs­ten, da kann das Abge­schnit­ten­sein von der Peer­group die Ent­wick­lung sozia­ler und emo­tio­na­ler Kom­pe­ten­zen emp­find­lich stören.”

Wer sich wie­der zurück in nor­ma­le sozia­le Kon­tak­te begibt und wer wei­ter­hin kaum das Haus ver­lässt — das lie­ge vor allem an der psy­cho­lo­gi­schen Fle­xi­bi­li­tät, glaubt Stan­gier. “Die Anpas­sungs­fä­hig­keit der Men­schen ist sehr unter­schied­lich.” Wer fle­xi­bel ist, kann geis­tig und emo­tio­nal von Pan­de­mie in Nor­ma­li­tät umschal­ten. Wer sich nicht so gut aus dem Gefühl von Ver­ein­ze­lung und Abge­trennt­sein in der Pan­de­mie lösen kann, braucht län­ger Zeit, ins­be­son­de­re wenn er sich in sozia­len Situa­tio­nen ohne­hin schwer tut.

Dazu kommt, dass nie­mand weiß, was der Herbst und Win­ter bringt, so dass vie­le auf die Locke­run­gen nur “mit ange­zo­ge­nen Hand­brem­se” und “in Habacht­stel­lung” reagie­ren. Klar ist: “Die Pan­de­mie hat durch den Digi­ta­li­sie­rungs­schub die Ver­ein­ze­lung ver­stärkt”, sagt Stan­gier. Vie­le keh­ren zum Bei­spiel dau­er­haft nicht aus dem Home­of­fice ins Büro zurück — was aller­dings auch mit rea­len Vor­tei­len die­ser Arbeits­si­tua­ti­on zu tun hat. “Aber auch das ange­bo­re­ne Bedürf­nis nach Kon­takt ist hier­durch bedroht”, sagt Stangier.

Prin­zi­pi­ell habe die Pan­de­mie nicht zu einem Des­in­ter­es­se an ande­ren Men­schen geführt, glaubt der Psy­cho­lo­ge — im Gegen­teil: “Den meis­ten ist eher klar gewor­den, wie wich­tig der Kon­takt und die Bezie­hung zu ande­ren Men­schen ist.”

dpa-AFX

Zur News­let­ter-Anmel­dung

Noch mehr Infos für dich

Vom Ehrenamt in die Festanstellung

Ria Kor­t­um ist stu­dier­te Heil­päd­ago­gin und seit 2017 bei der Deut­schen Kin­der­krebs­stif­tung für „Pro­jekt­ma­nage­ment und psy­cho­so­zia­le The­men“ zustän­dig. Zuvor enga­gier­te sich die Mut­ter von Zwil­lin­gen, die selbst sehr jung an Krebs erkrank­te, ehren­amt­lich für die Stif­tung. “Ein Ehren­amt kann dabei hel­fen, aus­zu­lo­ten, wo die eige­ne beruf­li­che Rei­se hin­ge­hen soll”, ermu­tigt Rita Kor­t­um. Ein bewe­gen­des Plä­doy­er für Mut und Beharrlichkeit. 

Hinterlasse einen Kommentar

Nach oben