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    Rana el Kaliouby, ©privat

Sag, was denke ich wirklich?

2021-11-15T12:13:58+01:0015. November 2021|

Die Wis­sen­schaft­le­rin Dr. Rana el Kaliou­by hat einen Plan: Tech­no­lo­gie und die Art und Wei­se, wie wir mit der in Ver­bin­dung tre­ten, mensch­li­cher zu machen.

Von Mat­thi­as Lauerer

CEO Rana el Kaliou­by ist in der Tech-Welt und ihrer ägyp­ti­schen Hei­mat eine Sel­ten­heit. Rana wächst in Kuwait und Ägyp­ten auf. Ihre Mut­ter arbei­tet als eine der ers­ten weib­li­chen Pro­gram­mie­re­rin­nen im Nahen Osten. El Kaliou­by bricht mit der vor­herr­schen­den kul­tu­rel­len Idee der gehor­sa­men Toch­ter und jagt ihrem Lebens­traum nach. Der bringt sie zur Pro­mo­ti­on nach Cam­bridge und macht sie zur Mit­be­grün­de­rin und Geschäfts­füh­re­rin der Fir­ma „Affec­ti­va.“ Die ver­fügt heu­te über einen digi­ta­len Daten­schatz einer „Emo­ti­ons­da­ten­bank“. Jene besteht aus „zehn Mil­lio­nen Ver­brau­cher­re­ak­tio­nen auf mehr als 53.000 Anzei­gen in 90 Län­dern, die in den letz­ten acht Jah­ren gesam­melt wur­den“, wie es auf der Web­sei­te heißt. Es sind die klei­nen und gro­ßen Regun­gen unse­rer Gesich­ter, die man einsammelt. 

Scan per digitalem Gitter

Nur wie funk­tio­niert die Ein­ord­nung bei der Fir­ma „Affec­ti­va“ durch deren „Emo­ti­on AI“ genau? Wer will, kann sich per ein­ge­schal­te­ter Web-Kame­ra und Com­pu­ter auf der Fir­men­netz­sei­te unter­schied­li­che TV-Wer­be­spots anse­hen. Auf die auf­ge­nom­me­nen Bil­der der Betrach­ter pro­ji­ziert das Sys­tem eine Art digi­ta­les Git­ter und misst die sich ver­än­dern­den Abstän­de zwi­schen Mund‑, Augen- und Nasen­par­tie. Dann wird die Gemüts­re­gung per Daten­bank­zu­griff klas­si­fi­ziert. So ist schnell erkenn­bar, ob ein neu­er Wer­be­clip funk­tio­niert oder eben nicht. Heu­te nut­zen 25 Pro­zent der „For­tu­ne Glo­bal 500 Unter­neh­men“ die Tech­no­lo­gie, um zu sehen, was Nut­zern gefällt oder bei der Ziel­grup­pe durch­fällt, wie es von „Affec­ti­va“ heißt. 

Kleinste Regungen erkennen

Selbst Mikro­re­ak­tio­nen erkennt die Soft­ware. Bei­spiel: Lächelt ein Mensch, so bil­det sich das in sei­nem Gesicht mit­tels hoch­ge­zo­ge­ner Mund­win­kel und einer akti­ven Augen­par­tie ab. Simu­lie­ren wir die­sen Gemüts­zu­stand nur, dann „lächelt“ allein der Mund. Ein Schatz für TV-Sen­der, die so erken­nen, ob die Sit­com funk­tio­niert oder sie die Leu­te lang­weilt, bes­ser noch, an wel­cher Stel­le die Auf­merk­sam­keit nach­lässt und sie sich abwenden.

Hilfe für Autisten

Rück­blick: Vor 16 Jah­ren erkennt die dama­li­ge Infor­ma­ti­ke­rin el Kaliou­by am „MIT Media Labs“, dass Autis­ten Schwie­rig­kei­ten haben, die Gefühls­la­ge ande­rer Men­schen zu ver­ste­hen, was eine Mini­ge­spräch zum Minen­feld aus ver­pass­ten emo­tio­na­len Hin­wei­sen und unge­woll­ten Ent­glei­sun­gen macht. 

2005 stellt sie mit dem Kol­le­gen Rosa­lind Picard ein neu­es Gerät vor, das Men­schen mit Autis­mus dabei hilft, eine Art von „Gedan­ken­le­sen“ zu betrei­ben. Die Pro­the­se für emo­tio­na­le und sozia­le Intel­li­genz besteht aus einer klei­nen, an einer Müt­ze oder Bril­le befes­tig­ten Kame­ra, die die Mimik eines Gesprächs­part­ners beob­ach­tet und die Daten an einen trag­ba­ren Com­pu­ter wei­ter­lei­tet. Die Soft­ware ver­folgt die Gesichts­zü­ge und klas­si­fi­ziert sie anhand eines Kodierungssystems. 

Jenes basiert auf dem „Facial Action Coding Sys­tem“, kurz „FACS“. Erfun­den und wur­de das Sys­tem von den bei­den US-Psy­cho­lo­gen Paul Ekman und Wal­lace Frie­sen. Gut 5.000 unter­schied­li­che Facet­ten – mit den jeweils pas­sen­den mimi­schen Regun­gen – wur­den bis­lang so ein­ge­ord­net. Ergo: Mit dem Deco­die­rungs­ver­fah­ren las­sen sich Gesichts­aus­drü­cke wie Wut, Trau­er, oder Freu­de exakt bestimmen.

Wie gelingt die Interaktion zwischen Menschen und Maschinen? 

Über ihre künst­li­che Intel­li­genz sagt die Wis­sen­schaft­le­rin el Kaliou­by heu­te: „Noch ist unse­re AI men­schen­blind. Sicher, sie kann uns ´sehen´, aber sie weiß nicht, wie wir uns füh­len. Und wäh­rend wir mit der Tech­no­lo­gie inter­agie­ren, ver­schwin­den alle Nuan­cen und der Reich­tum unse­rer Gefüh­le im Cyber­space. Wie kön­nen wir einer Tech­no­lo­gie ver­trau­en, die uns des­sen beraubt, was uns zu Men­schen macht?“  

Wei­ter führt sie über ihre Wün­sche und Zie­le an: „Die KI muss in der Lage sein, alles Mensch­li­che zu ver­ste­hen und eine ech­te Bezie­hung zu uns auf­zu­bau­en, wenn wir ihr ver­trau­en wol­len. Dies ist beson­ders wich­tig, da die KI neue Rol­len in der Gesell­schaft über­nimmt, aber Ver­trau­en ist zwei­sei­tig. Die KI muss dazu in der Lage sein, den Men­schen zu ver­trau­en, also dass sie die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen tref­fen und die Tech­no­lo­gie ethisch kor­rekt ein­set­zen. Dies gelingt, wenn die KI die Emo­tio­nen ver­steht, die den Kern unse­res Wesens ausmachen.“ 

Firma wurde verkauft

Was wäre mit der Tech­no­lo­gie noch alles denk­bar? Mit dem Sys­tem lässt sich der Innen­raum eines Fahr­zeugs total über­wa­chen. Es lässt sich fix erken­nen, ob der Auto­fah­rer müde oder abge­lenkt ist, ob Kin­der im Auto ver­ges­sen wur­den und wer im Pkw sitzt. Denn die Soft­ware kann noch mehr. Demos wer­den auto­ma­tisch gescannt und deren Teil­neh­mer ein­sor­tiert und auf mög­li­che Absich­ten ein­ge­teilt. Aber die sich rasch ent­wi­ckeln­de Tech­no­lo­gie ist alles ande­re als unfehl­bar und wirft vie­le Fra­gen zu Pri­vat­sphä­re und Über­wa­chung auf. Wol­len wir das? Fragt man uns? 

 Im Mai 2021 wur­de die Fir­ma vom schwe­di­schen Unter­neh­men „smart eye“ über­nom­men und el Kaliou­by arbei­tet wei­ter­hin als CEO. Wes­halb der Kauf? „Anstatt wei­ter­hin als Kon­kur­ren­ten auf­zu­tre­ten, bün­deln wir unse­re Kräf­te. Durch die Kom­bi­na­ti­on unse­rer bes­ten Tech­no­lo­gien wer­den wir eine KI auf den Markt brin­gen, die bes­ser und schnel­ler ist als die der Kon­kur­renz“, so sagt es el Kaliouby. 

Ein Unbehagen bleibt

Viel­leicht muss man für das, was auf uns zukommt, einen neu­en Begriff erfin­den. Denn der „glä­ser­ne Mensch“ oder Geor­ge Orwells „1984er-Sze­na­rio“ sind viel zu schwach für die Mög­lich­kei­ten einer ler­nen­de AI, die unse­re Gefüh­le liest.

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