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  • Susan Moldenhauer, Finanz- und Karriereexpertin, ©Christina Czybik für Eden Books

Rückkehr nach der Elternzeit: „Raus aus der Opferrolle und rein ins aktive Mitgestalten“

2023-01-17T10:19:22+01:004. Januar 2023|

Die Eltern­zeit ist vor­bei und die frisch­ge­ba­cke­nen Eltern keh­ren in den Job zurück. Nicht weni­ge machen in die­ser Zeit nega­ti­ve Erfah­run­gen. Das muss nicht sein. Wir haben mit Finanz- und Kar­rie­re­ex­per­tin Sus­an Mol­den­hau­er dar­über gespro­chen, wie man nach der Eltern­zeit nicht ins Kar­rie­re­loch fällt und wor­auf es beim Gespräch mit dem Arbeit­ge­ber ankommt. 

Von Isa­bell Angele

courage-online.de: Viele berufstätige Eltern fallen nach der Elternzeit in ein Karriereloch. Kann man das mit der richtigen Vorbereitung verhindern? 

Sus­an J. Mol­den­hau­er: Abso­lut. Dafür ist es wich­tig, dass sich Eltern mit Kind früh­zei­tig Gedan­ken dar­über machen, was sie beruf­lich errei­chen möch­ten. Aber genau davor scheu­en sich sehr vie­le wer­den­de Eltern, gera­de bei (wer­den­den) Müt­tern kann ich das häu­fig beob­ach­ten. Sie sind zwar top orga­ni­siert, was ihre Fami­lie angeht, aber schie­ben Beruf und Kar­rie­re gedank­lich weit weg. Wenn sie dann in den Beruf zurück­keh­ren, ist die Ernüch­te­rung häu­fig groß. 

Wie können sie dem entgegenwirken? 

Sie müs­sen sich vor­ab über eini­ge Punk­te klar wer­den: Wie lan­ge möch­te ich bei mei­nem Kind zuhau­se blei­ben? Was will ich danach? Wel­che Optio­nen habe ich? Und wenn sie das wis­sen, soll­ten sie gezielt auf ihren Arbeit­ge­ber zuge­hen und offen mit ihm spre­chen – im Ide­al­fall noch bevor die Eltern­zeit bean­tragt wird. Bei die­sem Gespräch haben die wer­den­den Eltern die Mög­lich­keit, ihre Zie­le zu kom­mu­ni­zie­ren und ihre Mög­lich­kei­ten abzu­klop­fen. Gibt es bei­spiels­wei­se die Opti­on des Job-Sharings? Kann ich fle­xi­bel arbei­ten? Wel­che Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten habe ich und wie las­sen sich die­se Zie­le rea­li­sie­ren? Es ist sehr wich­tig, sei­ne Wün­sche offen­siv anzu­spre­chen und man­ches auch ein­zu­for­dern. Aber man soll­te den Arbeit­ge­ber auch immer mit ein­be­zie­hen. Bei­spiels­wei­se könn­te man bei einer Auf­stiegs­op­ti­on eine Art Pro­be­zeit ver­ein­ba­ren. 

Wie geht man so ein Gespräch am besten an? 

Vie­le den­ken, dass sie als Eltern kei­ne Auf­stiegs­chan­cen mehr haben. Am wich­tigs­ten ist es des­halb, die eige­nen Ängs­te und Zwei­fel bei­sei­te­zu­schie­ben. Dabei hilft es, sich die Fra­ge zu stel­len, was man schon alles geleis­tet hat und noch leis­ten möch­te. Hier­für kann bei­spiels­wei­se eine Erfolgs­map­pe hilf­reich sein, in der die abge­schlos­se­nen Pro­jek­te, eige­ne Erfol­ge, aber auch Erkennt­nis­se und Lern­er­fol­ge aus beson­de­ren Her­aus­for­de­run­gen gesam­melt wer­den. Im Gespräch kann man die­se Punk­te anfüh­ren und erklä­ren, dass man dar­an nach der Eltern­zeit wie­der anknüp­fen möch­te. Gute Vor­be­rei­tung ist für das Gespräch also wich­tig – und auch Offen­heit. Schließ­lich kann es durch­aus sein, dass der Arbeit­ge­ber auch Beden­ken äußert. 

Welche Bedenken können das sein und wie reagiert man darauf am besten? 

Das kommt sehr auf den indi­vi­du­el­len Fall an und ist eine Fra­ge der gene­rel­len Füh­rungs­kul­tur im Unter­neh­men. In man­chen Unter­neh­men ist schon das fle­xi­ble Arbei­ten ein Pro­blem. Eine Stu­die der Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­stel­le des Bun­des zeigt bei­spiels­wei­se, dass 41 Pro­zent der Eltern schon Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen am Arbeits­platz auf­grund ihrer Eltern­schaft erlebt haben. Ihnen wur­den teils Ver­ant­wort­lich­kei­ten ent­zo­gen, weni­ger anspruchs­vol­le Auf­ga­ben zuge­teilt oder gar Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten ver­baut. In sol­chen Fäl­len soll­te die Situa­ti­on genau eva­lu­iert wer­den. Manch­mal las­sen die Arbeit­ge­ber mit sich reden, aber manch­mal soll­te man sich auch über­le­gen, ob die Fir­ma über­haupt noch zu einem passt und sich im Zwei­fel nach ande­ren Job­mög­lich­kei­ten umse­hen. Prin­zi­pi­ell scha­det es daher nie, wäh­rend der Eltern­zeit fach­lich am Ball zu blei­ben. 

Wie meinen Sie das? 

Gute Kon­tak­te zu Kol­le­gen hel­fen, um regel­mä­ßig Updates zu erhal­ten, etwa was lau­fen­de Pro­jek­te angeht. Man kann auch auf Lin­kedIn oder ver­gleich­ba­ren Netz­wer­ken rele­van­ten Kol­le­gen fol­gen und deren Bran­chen­news im Blick behal­ten. Die­se Bei­spie­le zei­gen übri­gens, wie wich­tig es ist, sich ein beruf­li­ches Netz­werk auf­zu­bau­en. Das kann in der Eltern­zeit extrem hilf­reich sein. Zusätz­lich ist es eine Opti­on, sich über die Medi­en oder Stu­di­en auf dem Lau­fen­den zu hal­ten. Das macht es nach der Eltern­zeit leich­ter, wie­der in den Beruf zurück­zu­fin­den. Eltern soll­ten sich aber auch nicht zu viel Druck machen. Schließ­lich ist die­se Pha­se der Eltern­zeit ein ganz neu­er Lebens­ab­schnitt, für den sich vie­le Eltern ganz bewusst Zeit neh­men möch­ten.  

Worauf kommt es an, wenn schließlich das Ende der Elternzeit naht? 

In die­ser Pha­se ist es rat­sam, sich an die Pla­nung des All­tags mit Kind und Arbeit zu set­zen. Eine Opti­on sind bei­spiels­wei­se Eltern­netz­wer­ke: Viel­leicht gibt es in der Nähe ande­re Eltern, mit denen man sich für eine Fahr­ge­mein­schaft zusam­men­tun kann. Oder auch Groß­el­tern und Freun­de, die bei Gele­gen­heit ein­sprin­gen kön­nen. Vor allem Allein­er­zie­hen­den ist zu raten, sich in Netz­wer­ken Unter­stüt­zung zu holen. Es hilft und tut gut zu wis­sen, dass man nicht der oder die Ein­zi­ge in so einer Situa­ti­on ist. Ganz wich­tig ist, dass man auch Hil­fe annimmt. Es ist schließ­lich nicht so, dass man nur gemüt­lich mit dem Kind zuhau­se sitzt. Der All­tag mit Kind kann sehr for­dernd sein und wenn der Beruf wie­der dazu kommt, ist das eine völ­lig neue Situa­ti­on. Hier soll­te übri­gens auch immer die Part­ne­rin oder der Part­ner ins Boot geholt wer­den, sofern bei­de Eltern zusam­men­le­ben oder sich das Sor­ge­recht tei­len. Das Kind hat man schließ­lich gemein­sam, daher soll­ten auch wich­ti­ge Auf­ga­ben, wie die Erzie­hung, die Auf­tei­lung des Haus­halts und finan­zi­el­le Fra­gen gemein­sam geklärt wer­den. Über­dies haben auch die zuhau­se blei­ben­den Eltern noch eige­ne Zie­le, die sie wei­ter­ver­fol­gen möch­ten. Es hilft, sich des­halb raus aus der Opfer­rol­le und rein ins akti­ve Mit­ge­stal­ten zu bege­ben.  

Die Kinderbetreuung ist organisiert, die Aufgaben im Alltag sind fair aufgeteilt und die Rückkehr in den Beruf steht an. Was ist jetzt wichtig? 

Am wich­tigs­ten ist es, dem Arbeit­ge­ber zu zei­gen, dass man wie­der da und ein­satz­be­reit ist. Hier bie­tet es sich an, ein Gespräch mit dem Chef oder der Che­fin zu suchen. Dabei kön­nen die wich­tigs­ten The­men bespro­chen wer­den: Was ist neu? Sind mei­ne Auf­ga­ben noch die­sel­ben, oder haben sie sich geän­dert? Wo möch­te ich mich hin­ent­wi­ckeln? Auf die­se Wei­se kann signa­li­siert wer­den, dass man wei­ter­hin voll dabei ist und sich ein­brin­gen möch­te.  

Über die Gespräche hinaus: Gibt es auch Punkte, die man mit seiner Rückkehr in den Beruf vertraglich festhalten sollte? 

Ja. Es macht bei­spiels­wei­se immer Sinn, Ziel­ver­ein­ba­run­gen schrift­lich fest­zu­hal­ten. Auch Punk­te wie Job­sha­ring oder eine Pro­be­zeit für eine neue Posi­ti­on soll­ten schrift­lich als Zusatz zum Arbeits­ver­trag fixiert wer­den. Für ein neu­es Arbeits­mo­dell, wie eine Vier-Tage-Woche, fle­xi­ble Arbeits­zei­ten oder die Arbeit vom Home­of­fice gilt das eben­falls. 

Und wenn man den Zeitpunkt verpasst hat, die Rückkehr in den Job strategisch vorzubereiten: Welche Möglichkeiten gibt es noch, um Diskriminierungserfahrungen vorzubeugen? 

In die­sem Fall kön­nen Eltern dem Arbeit­ge­ber in einem Gespräch dar­le­gen, dass sie sich wäh­rend der Eltern­zeit ganz gezielt aus dem Beruf raus­ge­nom­men haben, jetzt aber wie­der zurück und wil­lens sind, neue Auf­ga­ben anzu­pa­cken. Im Ide­al­fall legt der Berufs­rück­keh­rer oder die Rück­keh­re­rin auch direkt Zie­le vor, die er oder sie errei­chen möch­te. Das zeigt – auch wenn das The­ma vor der Eltern­zeit noch nicht ange­spro­chen wur­de – Ver­läss­lich­keit. Außer­dem dür­fen die Fähig­kei­ten, die als Mut­ter oder Vater in der Eltern­zeit erwor­ben wur­den, pro­ak­tiv ange­spro­chen wer­den. Dazu zählt etwa Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent, Kon­flikt­fä­hig­keit, Durch­set­zungs­ver­mö­gen und die Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung. Das sind wich­ti­ge sozia­le Kom­pe­ten­zen, die im Job nütz­lich sind. Es hilft, offen­siv mit der eige­nen  Eltern­schaft umzu­ge­hen. Eltern errei­chen und erler­nen in die­ser Zeit so viel und die­se Hal­tung kön­nen und soll­ten sie auch ein­neh­men.  

Über Sus­an J. Moldenhauer 

Mehr als 20 Jah­re ist Kar­rie­re- und Finanz­coach Sus­an J. Mol­den­hau­er bereits in der Finanz­bran­che tätig. Erfah­run­gen sam­mel­te sie dabei im Ver­trieb sowie im Recrui­t­ing, Trai­ning und in der Füh­rung von Mit­ar­bei­tern. Im März 2022 ist ihr Buch „Ken­ne Dei­nen Wert!“ im Ver­lag Eden Books erschie­nen. Der Rat­ge­ber soll Frau­en dar­in bestär­ken, mit fun­dier­ter Vor­be­rei­tung und siche­rer Hal­tung in die nächs­te Gehalts­ver­hand­lung zu gehen. 

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