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  • Antonia Kilian, Regisseurin und Kamerafrau, ©jip-film.de

Regisseurin Antonia Kilian: „Ein Land ist nur frei, wenn die Frauen frei sind“

2023-01-17T10:15:38+01:0026. Dezember 2022|

Anto­nia Kili­an hat einen aufwühlenden Doku­men­tar­film gedreht – über Hala, eine jun­ge Freiheitskämpferin in Syri­en. 14 Prei­se hat er schon gewon­nen. Uns hat die Regis­seu­rin und Kame­ra­frau erzählt, was sie beim Dreh erleb­te und was sie noch vorhat.

Von Nadi­ne Regel

Ich habe immer eine Waf­fe bei mir – und eine Gra­na­te zum Selbst­schutz“, sagt die jun­ge Frau in der fla­schen­grü­nen Poli­zei­uni­form zu ihrer Kol­le­gin auf der Wache. Die bei­den sind Poli­zis­tin­nen im nord­sy­ri­schen Ort Man­bidsch, einer extrem kri­sen­ge­beu­tel­ten Regi­on. „62 Män­ner aus mei­ner Fami­lie, mei­ne Cou­sins, sind dem IS bei­getre­ten. 40 wur­den getö­tet, der Rest kämpft immer noch“, erzählt die Frau wei­ter. Täg­lich bekom­me sie Dro­hun­gen. „Lie­ber wür­de ich mei­ne Gra­na­te zün­den und ster­ben, als vom IS ent­führt zu wer­den.“ 

Die jun­ge Frau heißt Hala. Sie ist Ara­be­rin, 20 Jah­re alt, mit schwar­zen Augen und eben­holz­dunk­lem Haar, das sie zu einem fran­zö­si­schen Zopf gebun­den hat. Kopf­tuch trägt sie sel­ten, und wenn, dann nur als Schmuck. Als ihr Vater sie zwangs­ver­hei­ra­ten woll­te, floh sie auf die ande­re Sei­te des Flus­ses Euphrat und nahm an einer Aus­bil­dung in der Mili­tär­aka­de­mie einer kur­di­schen Frau­en­ver­tei­di­gungs­ein­heit teil. Nach der Aus­bil­dung kehrt sie als Poli­zis­tin in ihre vom Krieg gezeich­ne­te Hei­mat­stadt Man­bidsch zurück – und schwört, ihre Schwes­tern aus ihrem repres­si­ven Eltern­haus zu befreien.

Das sitzt. Das bewegt. Das ist die Geschich­te, die die Regis­seu­rin, Kame­ra­frau und Pro­du­zen­tin Anto­nia Kili­an bei ihrem ein­jäh­ri­gen Film­pro­jekt in Nord­sy­ri­en auf­ar­bei­tet. Das Ergeb­nis: ihr Film „The Other Side of the River“.

„Für Hala war es eine Hor­ror­vor­stel­lung, gezwun­gen zu wer­den, jeman­den zu hei­ra­ten“, sagt Kili­an, die Hala erst bei den Dreh­ar­bei­ten ken­nen­lern­te und sie zu ihrer Prot­ago­nis­tin mach­te. „Super­stark und mutig“, so beschreibt sie Hala. Deren Hei­mat­stadt Man­bidsch haben kur­di­sche Mili­zen wäh­rend des Syri­en-Kriegs vom IS befreit. Die Aus­bil­dung in der Mili­tär­aka­de­mie war für Hala und Sosan, eine ihrer neun Schwes­tern, der ein­zi­ge Aus­weg, um einer Zwangs­hei­rat zu ent­ge­hen. Ihre acht ande­ren gelieb­ten Schwes­tern muss­ten sie zurück­las­sen. 

Feministische Politik

Für ihren Film erhielt Anto­nia Kili­an Ende Juni den Deut­schen Film­preis in der Kate­go­rie Doku­men­tar­film – mitt­ler­wei­le die 14. Aus­zeich­nung. „Wir wid­men die­sen Preis allen Frau­en, die für Selbst­be­stim­mung und Frei­heit kämp­fen, ins­be­son­de­re aber Hala und ihrer Schwes­ter Sosan“, schreibt Anto­nia Kili­an nach der Ver­lei­hung auf ihrem Insta­gram-Account. Die 35-Jäh­ri­ge stu­dier­te Visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on sowie Kunst und Medi­en an der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin, Cine­ma­to­gra­phie an der Film­uni­ver­si­tät Babels­berg und am Insti­tu­to Supe­ri­or de Arte in Havan­na, Kuba. Aktu­ell pen­delt sie zwi­schen Kas­sel und Ber­lin. 

Mit dem Erfolg ihres Films, der auf mehr als 40 Fes­ti­vals gelau­fen ist, habe sie „echt nicht gerech­net“, sagt Kili­an. „Vie­le Zuschau­er sind ganz über­rascht, weil sie eine radi­kal femi­nis­ti­sche Poli­tik nicht mit einem Land wie Syri­en in Ver­bin­dung brin­gen.“ Der Film spielt in der de fac­to auto­no­men Pro­vinz Roja­va, die 2012 im Nord­os­ten Syri­ens von den Kur­den errich­tet wur­de. Die­se beruft sich auf die femi­nis­tisch aus­ge­rich­te­te Ideo­lo­gie von Abdul­lah Öca­lan, dem geis­ti­gen Füh­rer der Arbei­ter­par­tei Kur­di­stans (PKK), der seit 1999 in der Tür­kei inhaf­tiert ist. „Ein Land kann nur dann frei sein, wenn auch die Frau­en im Land frei sind“, so die Idee, die in den Trüm­mern von Roja­va erst­mals ihre Umset­zung fin­den soll­te. Für die­se fra­gi­le Frei­heit grei­fen auch Frau­en zur Waf­fe – Kur­din­nen wie Ara­be­rin­nen. 

Anto­nia Kili­an reis­te 2018 als Teil einer inter­na­tio­na­len Soli­da­ri­täts­be­we­gung nach Roja­va. „Ich woll­te einen Film über die Revo­lu­ti­on der Frau­en dre­hen“, sagt sie. Sie woll­te wis­sen, wie die Kur­den ihre Vor­stel­lun­gen von Auto­no­mie und Eman­zi­pa­ti­on in einer ara­bisch bewohn­ten Regi­on umsetz­ten. Sie reis­te unter dem Pro­tek­to­rat der Frau­en­ver­tei­di­gungs­ein­heit. Alle Geneh­mi­gun­gen für ihren Auf­ent­halt lie­fen nur über Frau­en. 

Konsequenter Schutz 

Die Kur­den haben in Roja­va eine Selbst­ver­wal­tung ein­ge­rich­tet, in der die Gleich­stel­lung von Mann und Frau einen hohen Stel­len­wert hat. Sie instal­lier­ten Quo­ten für Frau­en in poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen, im Mili­tär, in Kran­ken­häu­sern. „Die Ein­hal­tung von Frau­en­rech­ten und der Schutz von Frau­en wur­de wirk­lich sehr kon­se­quent ange­gan­gen“, sagt Kili­an. Es gebe nun Ein­hei­ten in der Poli­zei­sta­ti­on, an die sich Frau­en als Opfer häus­li­cher Gewalt wen­den kön­nen, von Frau­en gelei­te­te Frau­en­häu­ser, sehr vie­le Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen, öffent­li­che Äch­tung für das Schla­gen von Frau­en. 

Trotz­dem sieht Kili­an die Ent­wick­lung rea­lis­tisch. „Uto­pien wie die­se erfor­dern jahr­zehn­te­lan­ge Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se“, sagt sie. Und sie weiß auch, dass die kur­di­schen Mili­zen die aus­weg­lo­se Situa­ti­on der Frau­en aus­nutz­ten, um Kämp­fe­rin­nen für ihre Armee und gegen den IS zu rekrutieren.

Ande­rer­seits kön­ne man das auch als eine Form der Selbst­er­mäch­ti­gung betrach­ten, meint Kili­an. Ist es nicht gera­de das, was den Frau­en in vie­len Regio­nen der Welt fehlt – die Mög­lich­keit, sich selbst zu befrei­en, auf den Tisch zu hau­en und zu sagen: So nicht, das ist mein Leben, und ich will selbst bestim­men, wie ich damit umgehe!

Die Kame­ra­ein­stel­lung zielt auf den Unter­richts­raum der Poli­zei­aka­de­mie, einen offe­nen, weiß-him­mel­blau­en Bau, über­dacht und zum Innen­hof fens­ter­los, nur mit Bal­ken gestützt. Dahin­ter lie­gen Trüm­mer, Rui­nen der Stadt, es mag auch ein Fried­hof sein. Genau erken­nen kann man es nicht. Die Kame­ra schwenkt über das Gelän­de, das aus­sieht wie eine ver­las­se­ne Mili­tär­ba­sis. Nur die Wach­tür­me sind neu.

Losgesagt von Ehe und Liebe

Dann hört man, wie die jun­gen Frau­en in der Aka­de­mie auf Ehe­lo­sig­keit ein­ge­schwo­ren wer­den. „Sexu­el­le Begier­de führt die Mensch­heit in den Abgrund“, ver­mit­telt eine Aus­bil­de­rin im Lehr­raum. „Ich glau­be nicht mehr an die Idee von Ehe und Lie­be, ver­spre­che, dass ich mich für unse­re Auf­ga­be auf­op­fern wer­de“, sagt eine der Zuhö­re­rin­nen. 

Dazu muss man wis­sen: Hier fin­den jun­ge Frau­en zusam­men, die von ihren Män­nern gede­mü­tigt, ver­ge­wal­tigt oder geschla­gen wor­den sind. Die zwangs­ver­hei­ra­tet oder Zeu­gin­nen von Miss­hand­lun­gen wur­den, wie Hala es ein­drucks­voll beschreibt, als sie von der bru­ta­len Stei­ni­gung einer Frau berich­tet. Vor den Augen des gesam­ten Dorfs wur­den auch der Vater und die zwei Kin­der der nach Scha­ria Ver­ur­teil­ten gezwun­gen, die eige­ne Toch­ter und Mut­ter zu quä­len, die immer wie­der ihre Unschuld beteuerte.

„Ich füh­le mich erst eman­zi­piert, wenn alle Frau­en im Nahen Osten, alle Frau­en auf der Welt befreit sind“, skan­diert die Aus­bil­de­rin. Die Zuhö­re­rin­nen klat­schen Bei­fall. Die Befrei­ung der Frau­en – es ist jetzt ihre Mis­si­on. 

200 Stunden Filmmaterial

Zwölf Mona­te bleibt Kili­an in Roja­va, erst in der Poli­zei­aka­de­mie, dann beglei­tet sie Hala nach Man­bidsch, sam­melt 200 Stun­den Film­ma­te­ri­al, „das ich gefilmt habe, ohne zu wis­sen, was gespro­chen wur­de“, wie sie angibt. Erst bei der Sich­tung und Über­set­zung erfuhr sie, was die Prot­ago­nis­tin­nen über­haupt sag­ten. Gedreht habe sie fast immer allein, ein Team konn­te sie sich damals nicht leis­ten. Zu Beginn hat­te sie auch kei­ne Finan­zie­rung für ihren Film. Die ergab sich dann über befreun­de­te Pro­du­zen­ten im Ver­lauf der Dreh­ar­bei­ten. 

„Ich habe ver­sucht, alles so gut wie mög­lich vor­zu­be­rei­ten – was dann beim Dreh pas­sier­te, konn­te ich nicht mehr steu­ern“, sagt die Fil­me­ma­che­rin. „So zu dre­hen hat vie­le Nach­tei­le, aber auch Vor­tei­le: Die Men­schen sind ent­spannt und natür­lich, und es kön­nen sich Din­ge zufäl­lig erge­ben, die man sonst nicht hät­te fil­men kön­nen“, sagt Kili­an. Letzt­lich sei es schlicht die ein­zi­ge Mög­lich­keit gewe­sen, den Film über­haupt zu pro­du­zie­ren. Die Her­an­ge­hens­wei­se erlaub­te ihr auch, über das pro­pa­gan­dis­ti­sche Bild hin­aus­zu­bli­cken und der Rea­li­tät ein Stück näher zu kommen.

„Ich war rei­ne Beob­ach­te­rin“, sagt Kili­an. Obwohl sie eine star­ke Sym­pa­thie emp­fand, ver­such­te sie kri­tisch zu blei­ben, wenn auch mit einer soli­da­ri­schen Grund­ein­stel­lung. Sie habe in der Tür­kei als Wahl­be­ob­ach­te­rin gear­bei­tet, viel Zeit in Geor­gi­en ver­bracht. „Die Regi­on steht mir nahe und auch die femi­nis­ti­sche Ideo­lo­gie“, sagt sie. Bereits 2016 dreh­te sie einen Film in Amed in Nord­kur­di­stan, in dem sie die kur­di­sche Frau­en­be­we­gung por­trä­tier­te. Der Film heißt „Xwe­bûn“, was so viel bedeu­tet wie Selbst­wer­dung oder Selbst­er­kennt­nis. Erst wenn sich Frau­en ihrer Ungleich­be­hand­lung bewusst wür­den, könn­ten sie sich dage­gen weh­ren, so Kilian.

Eine Pro­ble­ma­tik, für die man nicht erst nach Nord­sy­ri­en rei­sen muss, weiß die Regis­seu­rin. „Der Kern­ge­dan­ke von Femi­nis­mus ist es, ein anti­pa­tri­ar­cha­les Sys­tem zu kul­ti­vie­ren“, sagt sie. „Auch in Deutsch­land gibt es noch viel zu tun, spe­zi­ell in mei­ner Bran­che.“ Für Fil­me­ma­che­rin­nen sei es not­wen­dig, sich zu ver­net­zen und für gemein­sa­me Zie­le zu kämp­fen. Für glei­che Bezah­lung etwa, für För­de­rung, fai­re Kon­kur­renz zwi­schen Kame­raf­rau­en und ‑män­nern sowie Mut­ter­schutz. „Ich enga­gie­re mich zum Bei­spiel bei Pro­Quo­te Film“, sagt Kili­an. Der Ver­ein setzt sich dafür ein, dass sich der Frau­en­an­teil in allen Berei­chen der Film­pro­duk­ti­on erhöht. Kon­kret heißt das, Zah­len zu sam­meln, die Ungleich­hei­ten bele­gen, und ein Quo­ten­sys­tem zu ent­wi­ckeln, durch das Män­ner und Frau­en in glei­chem Maße geför­dert werden.

Besorgt um Hala

An ihrer eige­nen fil­mi­schen Zukunft bas­telt Kili­an indes wei­ter. Einer­seits pla­ne sie wei­te­re Film­pro­jek­te mit Freun­den. „Der Expe­ri­men­tal­film inter­es­siert mich beson­ders“, sagt sie. Par­al­lel zu Regie und Pro­duk­ti­on arbei­te sie auch als Kame­ra­frau an Pro­jek­ten ande­rer Regis­seu­re und Regis­seu­rin­nen. Das sei über­schau­ba­rer, weni­ger auf­wen­dig. „Und es ist leich­ter, mit Bild­ge­stal­tung sein Leben zu finan­zie­ren, als mit der Pro­duk­ti­on von Doku­men­tar­fil­men“, gibt sie zu.

Und Hala, ihre Prot­ago­nis­tin? Die hat noch nicht gehei­ra­tet. „Aber ich bin ziem­lich besorgt um sie“, sagt Kili­an. Der tür­ki­sche Prä­si­dent Recep Tayy­ip Erdo­gan hat wie­der­holt Angrif­fe auf Halas Stadt ange­kün­digt. Er lehnt eine kur­di­sche Auto­no­mie in Syri­en ab, der Kampf gegen die PKK gehört zur tür­ki­schen Staats­rä­son. Eins ist sicher: Die The­men wer­den Anto­nia Kili­an so schnell nicht ausgehen.

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