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  • Dalia Das, Gründerin des Bootcamp-Anbieters neue fische, ©neue fische

Quereinstieg in die IT-Branche per Bootcamp: „Keine Frau sollte sich einreden lassen, dass die IT nichts für sie wäre!”

2022-11-08T13:12:42+01:008. November 2022|

Der Fach­kräf­te­man­gel in der IT ist enorm und der Bedarf steigt ste­tig. Der Schlüs­sel sind Quer­ein­stei­ge­rin­nen, ist sich Dalia Das, Grün­de­rin des IT-Boot­camp-Anbie­ters neue fische, sicher. Hier ler­nen die Teil­neh­mer:innen in drei Mona­ten die Grund­la­gen, um in der IT durch­zu­star­ten. Wir haben sie gefragt, wie das funk­tio­niert und wel­che Chan­cen das für den Arbeits­markt bie­tet. 

Von Isa­bell Angele

Woher kam die Idee für IT-Bootcamps? 

Bevor ich neue fische gegrün­det habe, war ich für den Ber­tels­mann-Kon­zern tätig. Für den Auf­bau des Bil­dungs­be­reichs war ich von 2012–14 häu­fig in den USA und habe dort neue inno­va­ti­ve Bil­dungs­we­ge und jun­ge Start-ups ken­nen­ge­lernt. Beson­ders fas­zi­niert haben mich die Coding-Boot­camps, mit denen die Teil­neh­mer inner­halb kur­zer Zeit für den Berufs­ein­stieg als Pro­gram­mie­rer oder Daten­spe­zia­list vor­be­rei­tet wur­den. In Tei­len habe auch ich so ein Boot­camp absol­viert. Als jemand ohne IT-Hin­ter­grund woll­te ich das Kon­zept tes­ten – und es hat funk­tio­niert. Außer­dem habe ich mit Grün­dern und Absol­ven­ten sol­cher Coding Boot­camps gespro­chen und sie haben mir von den gro­ßen Erfol­gen und neu­en Job­chan­cen als Quer­ein­stei­ger in der IT berich­tet, die sie dadurch bekom­men haben.  

Und dann haben Sie gedacht: Das brauchen wir in Deutschland auch? 

In Deutsch­land war das Kon­zept von Coding Boot­camps bis dahin fast völ­lig unbe­kannt. Dabei ist der Fach­kräf­te­be­darf gera­de im IT-Bereich enorm – Quer­ein­stei­ger könn­ten die­se Situa­ti­on deut­lich ent­span­nen. Als ich 2016 in Eltern­zeit war, habe ich viel über mei­ne eige­ne beruf­li­che Zukunft nach­ge­dacht. Das vie­le Rei­sen war ein­fach nicht mehr drin. Ich habe also gekün­digt und mit ver­schie­dens­ten Per­so­na­lern und IT-Exper­ten gespro­chen, ob sie das Kon­zept der Boot­camps auch in Deutsch­land für anwend­bar erach­ten und ob sie mit sol­chen Quer­ein­stei­gern arbei­ten könn­ten. Das Feed­back war durch­weg posi­tiv. Als mir dann noch zwei befreun­de­te Start-up Grün­der einen Platz in ihrem Büro anbo­ten, war alles klar neue fische war gebo­ren.  

Wie kann man sich so ein Bootcamp vorstellen? 

Regu­lär dau­ert ein Voll­zeit-Boot­camp drei Mona­te. Gear­bei­tet wird in Grup­pen von maxi­mal 15 Teil­neh­mern, die vor­her genau aus­ge­wählt wer­den. Dabei ste­hen beson­ders sozia­le Kom­pe­ten­zen, die Moti­va­ti­on sowie die Fähig­keit, ana­ly­tisch zu den­ken und struk­tu­riert zu arbei­ten im Fokus. So soll ver­mie­den wer­den, dass Leu­te den Kurs absol­vie­ren, damit aber nicht glück­lich wer­den. Die Grup­pen arbei­ten dann mit unse­ren Coa­ches zusam­men. Die­se sind alle IT-Pro­fis aus der Wirt­schaft. Des­halb wis­sen sie auch genau, wor­auf es in der täg­li­chen Arbeit in den Jobs ankommt. Der Fokus liegt auf der Pra­xis – nur das, was wirk­lich benö­tigt wird, um ab Tag ein pro­duk­tiv in einem Team mit­zu­ar­bei­ten, wird gelehrt. Alles ande­re fällt weg. Zum Ende des Boot­camps erstel­len die Teil­neh­mer ein prak­ti­sches Abschluss­pro­dukt, das sie zusam­men mit ihrem Zer­ti­fi­kat den poten­zi­el­len Arbeit­ge­bern vor­le­gen kön­nen. Das funk­tio­niert übri­gens auch für den inter­nen Kar­rie­re­wech­sel.   

Der Fachkräftemangel in der IT ist enorm. Woran liegt das und was kann neue fische dagegen ausrichten? 

Das hat vie­le Ursa­chen. Eine davon ist sicher­lich das schlech­te Bild von der IT: Nerds, die eigen­bröt­le­risch im Kel­ler vor sich hin­ar­bei­ten haben längst aus­ge­dient. Jobs in der IT bedür­fen des Team­plays, sind krea­tiv und erlern­bar. Über­dies galt bis­her das Stu­di­um der Infor­ma­tik als nahe­zu ein­zi­ger Weg in die Bran­che. Lei­der hat auch die­ses nicht den bes­ten Ruf und rund 40 Pro­zent der­je­ni­gen, die ein sol­ches Stu­di­um begin­nen, bre­chen es wie­der ab. Um den wach­sen­den Bedarf an digi­ta­len Talen­ten zu decken, müs­sen also neue, alter­na­ti­ve Bil­dungs­we­ge her. Mit neue fische schaf­fen wir einen alter­na­ti­ven Aus­bil­dungs­weg für moti­vier­te Quer­ein­stei­ger. Unse­re Kurs­teil­neh­mer brin­gen meist schon eine Aus­bil­dung oder ein Stu­di­um in einem ande­ren Bereich mit. Hier lässt sich gut dar­auf auf­bau­en. So ist es auch mög­lich, in kur­zer Zeit die Fähig­kei­ten zu ver­mit­teln, um eine Kar­rie­re im IT-Bereich zu star­ten. Aus mei­ner Sicht lässt sich der Fach­kräf­te­man­gel in der IT nicht ohne Quer­ein­stei­ger lösen. Sie sind der Schlüs­sel, um die vie­len frei­en Pos­ten zu beset­zen. 

In einem zwölf Wochen Kurs zur IT-Fachkraft? Funktioniert das wirklich? 

Im Grun­de erler­nen Stu­die­ren­de an Uni­ver­si­tä­ten sehr viel Theo­rie, die in der beruf­li­chen Pra­xis kaum Anwen­dung fin­det. Im Boot­camp kon­zen­trie­ren wir uns sehr auf den prak­ti­schen Teil und dar­auf, den Teil­neh­mern die Arbeits­wei­sen zu ver­mit­teln, die für den Berufs­ein­stieg in der IT rele­vant sind. Des­halb arbei­ten wir bei der Ent­wick­lung unse­rer Pro­gram­me so eng mit Unter­neh­men zusam­men: Die Teil­neh­mer sol­len genau das ler­nen, was die Unter­neh­men in künf­ti­gen Mit­ar­bei­tern suchen.    

Können auch Alleinerziehende und Eltern in Teilzeit von Ihrem Angebot profitieren? Die haben ja oft nicht genügend Zeit für so ein Fulltime-Bootcamp. 

Grund­sätz­lich fin­den unse­re Pro­gram­me drei Mona­te in Voll­zeit statt, was für Eltern etwas Orga­ni­sa­ti­on braucht. Aber wir haben uns über­legt, wie wir auch die­se Ziel­grup­pe abho­len kön­nen. Im Okto­ber die­ses Jah­res ist des­halb erst­mals ein Teil­zeit­pro­gramm gestar­tet, das sechs Mona­te dau­ert, aber dafür jeweils nur von 9 bis 12 Uhr statt­fin­det. Vor­mit­tags haben die Teil­neh­mer häu­fig die bes­ten Mög­lich­kei­ten, um ihr Kind betreu­en zu las­sen. Die Kur­se fin­den außer­dem Remo­te-Live statt. Das bedeu­tet, dass die Grup­pen in Echt­zeit zusam­men­ar­bei­ten kön­nen, aber die Anfahrts­we­ge weg­fal­len.  

Und wie hoch sind die Chancen für Alleinerziehende, dann auch einen Teilzeit-Job zu finden? 

Der Fach­kräf­te­man­gel ist in der Bran­che so groß, dass sich vie­le Unter­neh­men auf die Anfor­de­run­gen der poten­zi­el­len Mit­ar­bei­ter ein­stel­len. Immer mehr die­ser Unter­neh­men bie­ten des­halb Remo­te-Arbeit, Teil­zeit­mög­lich­keit und fle­xi­ble Arbeits­mo­del­le an. Außer­dem sind wir mit knapp 100 Unter­neh­men ver­netzt, die vie­le unse­rer Absol­ven­ten ein­stel­len – auch in Teil­zeit. 

Trotz dieser Möglichkeiten sucht man Frauen in der IT nahezu vergeblich. Die Teilnahmequote von Frauen in Ihren Kursen liegt aber bei etwa 35–40 Prozent. Wie erreichen Sie einen so hohen Wert? 

Ich den­ke, das liegt an der Art und Wei­se der Anspra­che. Wir haben von Anfang an ver­sucht, Frau­en direkt anzu­spre­chen. Kei­ne Frau soll­te sich ein­re­den las­sen, dass die IT nichts für sie wäre! Dass ich als weib­li­che Grün­de­rin dahin­ter­ste­he, hilft sicher­lich auch. Schluss­end­lich sind es aber die Erfolgs­ge­schich­ten unse­rer erfolg­rei­chen Absol­ven­tin­nen, die neue Frau­en in die Kur­se holen. Je mehr Frau­en in der IT aktiv wer­den, des­to mehr Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren gibt es. Übri­gens sind unse­re Kur­se immer bunt gemischt. Wir wol­len kei­ne rei­nen Frau­en­kur­se, da wir den Aus­tausch enorm wich­tig fin­den. 

Wie viele Absolvent:innen hat neue fische bisher? 

Allein in die­sem Jahr wer­den es etwa 1.200 wer­den. Im ers­ten Jahr waren es noch 60. Wir konn­ten uns also enorm stei­gern – auch durch den Zusam­men­schluss mit der SPICED Aca­de­my aus Ber­lin in die­sem Jahr.  

Nach dem Kurs finden etwa 92 Prozent der ehemaligen Teilnehmer einen Job in der IT-Branche. Wie geht das? 

Zum Ende der Kur­se gibt es ein Event, bei dem die Absolvent:innen ihre Abschluss­pro­jek­te vor­stel­len. Außer­dem kom­men dazu auch eini­ge unse­rer knapp 100 Part­ner­un­ter­neh­men, die sich als poten­zi­el­le Arbeit­ge­ber prä­sen­tie­ren. Schon an die­sem Abend haben die Boot­camp-Teil­neh­mer also die Chan­ce, beim Net­wor­king mit den Fir­men in den Aus­tausch zu kom­men. Häu­fig erge­ben sich dar­aus erfolg­rei­che Bewer­bungs­ge­sprä­che. Außer­dem unter­stüt­zen wir die Teil­neh­mer wäh­rend des Kur­ses dabei, ihren Lebens­lauf und ihre Social-Media-Pro­fi­le wie auf Lin­kedIn an ihre neu­en Fähig­kei­ten anzu­pas­sen, und füh­ren Bewer­bungs­coa­chings durch.  

Was kostet der Kurs? 

Zwi­schen 8.000 und 10.000 Euro. Die­se zah­len die Teil­neh­mer ent­we­der direkt oder im Nach­gang auf Raten, wenn sie einen neu­en Job gefun­den haben. Das ist auch bei den Teil­zeit­kur­sen mög­lich. Die Höhe der Rate ist dabei nicht fest­ge­legt, son­dern rich­tet sich nach dem Ein­kom­men. Die Gesamt­hö­he der Rück­zah­lung ist aber gede­ckelt. Alter­na­tiv kann auch das Arbeits­amt oder das Job­cen­ter die Wei­ter­bil­dung mit einem Bil­dungs­gut­schein über­neh­men. 

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