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Panik am Krypto-Markt: Warum Bitcoin & Co schon wieder einbrechen

2022-06-16T13:06:36+02:0016. Juni 2022|

Die immer noch stei­gen­de Infla­ti­on schickt Akti­en, Anlei­hen, Edel­me­tal­le und auch Kryp­tos auf Tal­fahrt. Aber gal­ten Kryp­tos wie der Bit­coin nicht sogar als Infla­ti­ons­schutz? War­um sie jetzt einbrechen.

Von Ant­je Erhard

Der Kurs­rutsch von Bit­coin & Co stellt die Ner­ven der Anleger:innen der­zeit auf eine neue Pro­be: Seit Jah­res­be­ginn hat die ältes­te Kryp­to-Wäh­rung mehr als die Hälf­te ihres Wer­tes ein­ge­büßt. Ethe­re­um, die zweit­größ­te Kryp­to-Devi­se, bricht sogar um mehr als zwei Drit­tel ein.

Dabei ist es doch erst gut ein Jahr her, da hat­te die Kryp­to-Eupho­rie ihren vor­läu­fi­gen Höhe­punkt erreicht. Die Kryp­to-Bör­se Coin­ba­se war im April 2021 an die Bör­se gegan­gen. Und war – zumin­dest an dem Tag – wert­vol­ler als die größ­te Bör­se der Welt, die New York Stock Exchan­ge, die es seit 1792 gibt. Die Begeis­te­rung für Kryp­tos war welt­weit enorm. Sie spül­te den Bit­coin zum Coin­ba­se-IPO auf ein Niveau von fast 60.000 US-Dol­lar. Im Herbst näher­te er sich einem Kurs von 70.000 US-Dollar.

Jetzt, gut ein Jahr spä­ter, ist der Bit­coin nur noch ein Drit­tel davon wert, sank zwi­schen­zeit­lich auf unter 20.000 US-Dol­lar. Ethe­re­um kos­tet noch etwas mehr als 1.000 US-Dollar.

Das Markt­um­feld war zwar schon im Früh­jahr rup­pig gewor­den, weil die US-Noten­bank FED die Zin­sen erhöht hat, um der galop­pie­ren­den Infla­ti­on über­haupt Herr zu wer­den. Die­ser Pro­zess dau­ert noch an. Inzwi­schen zieht auch die Euro­päi­sche Zen­tral­bank nach und plant eine ers­te Zins­er­hö­hung in der Euro­zo­ne für Juli. Die nicht die ein­zi­ge blei­ben wird, so viel lie­ßen die Währungshüter:innen schon durchblicken.

„Offen­bar stellt sich die Hoff­nung auf einen bal­di­gen Höhe­punkt der Infla­ti­on als die glei­che Art von Trug­schluss her­aus wie schon zuvor die Hoff­nung auf eine ledig­lich vor­über­ge­hen­de Infla­ti­on“, erklärt Jochen Stanzl von CMC Mar­kets. Die lang­fris­ti­gen Zin­sen sind längst gestie­gen, vor allem in Süd­eu­ro­pa. Dass die­se Län­der ihre Schul­den nicht mehr zah­len kön­nen, ist eine der gro­ßen Sor­gen, die mit all den Schwie­rig­kei­ten ein­her­ge­hen: Die Angst vor einer neu­en Euro-Schul­den­kri­se geht um.

Kryptos als Inflationsschutz?

Doch warb die Kryp­to-Bran­che nicht damit, dass Kryp­tos ein Infla­ti­ons­schutz sei­en? Fakt ist, vie­le Kryp­tos sind noch gar nicht lang genug auf dem Markt, um schon wäh­rend einer auch nur annä­hernd nen­nens­wer­ten Infla­ti­on gehan­delt wor­den zu sein. Der Bit­coin als ältes­te Kryp­to-Wäh­rung galt aber gera­de als Absi­che­rung gegen Inflation.

„Nach mei­ner Ein­schät­zung ist das nicht wider­legt“, sagt Adri­an Fritz, Kryp­to-Exper­te bei 21shares, im Gespräch mit cou­ra­ge-online. Es kom­me dar­auf an, aus wel­cher Per­spek­ti­ve man auf den Markt schaue. „Wer im März 2020 inves­tiert hat, als die Noten­ban­ken immer mehr Geld gedruckt haben, um die Fol­gen der Coro­na-Kri­se auf­zu­fan­gen, der ist jetzt noch im Plus. Und hät­te einen Schutz gegen Infla­ti­on gehabt.“ Momen­tan sehe das aber anders aus: „Jetzt, da fast alle Märk­te ein­bre­chen, ist der Bit­coin kein guter Infla­ti­ons­schutz“, gibt Adri­an Fritz zu bedenken.

Nach Ein­schät­zung ande­rer Marktexpert:innen kann es lang­fris­tig kei­ne Infla­ti­on etwa beim Bit­coin geben, weil er nicht belie­big her­stell­bar ist – anders als Fiat-Wäh­run­gen wie Euro und Dol­lar, die immer wei­ter gedruckt wer­den kön­nen. „Es gibt am Ende des Mining-Pro­zes­ses knapp 21 Mil­lio­nen Bit­coin und kei­nen ein­zi­gen mehr“, sagt ein Exper­te. Die Fra­ge sei, ob Men­schen den Kryp­tos gene­rell einen Wert bei­mes­sen oder ob die­ser irgend­wann dau­er­haft 70, 80 oder 90 Pro­zent sei­nes Wer­tes ver­lie­ren wird.

Celsius schürt die Panik

Doch damit nicht genug: Zu Wochen­be­ginn setz­te der Kryp­to-Anbie­ter Cel­si­us Net­work in den USA alle Rück­zah­lun­gen an sei­ne Kund:innen aus. „Cel­si­us konn­te nicht mehr genug Liqui­di­tät zur Ver­fü­gung stel­len“, ord­net Adri­an Fritz die Lage ein. Er sprach von einem regel­rech­ten Bank Run bei Cel­si­us. „Die Anleger:innen sind extrem ver­un­si­chert“. Schon der Zusam­men­bruch von Ter­ra im Mai hat­te vie­le auf dem fal­schen Fuß erwischt. Was zuerst eher Krypto-Insider:innen inter­es­sier­te, wur­de aber schnell auch in Deutsch­land ein The­ma: Kund:innen der Neo­bank Nuri, vor­mals Bit­wa­la, hat­ten kei­nen Zugriff mehr auf ihre Bit­coins. Nuri ist Part­ner von Cel­si­us und bie­tet ein soge­nann­tes Bitcoin–Ertragskonto an. Hier erhal­ten Anleger:innen drei Pro­zent Zin­sen, wenn sie ihre Bit­coins über Nuri an Cel­si­us ver­lei­hen. Cel­si­us ver­leiht die Kryp­tos wie­der­um wei­ter. Und bie­tet Kre­di­te an, die mit Kryp­tos besi­chert wer­den kön­nen. Doch nun wol­len die Kund:innen ihre Bit­coins zurück.

„Cel­si­us habe eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus­ge­löst“, sagen Expert:innen. Schon die Infla­ti­on, der Krieg und Sta­ble­coin-Hacks waren eine scho­ckie­ren­de Kon­stel­la­ti­on. Die neu­en Schwie­rig­kei­ten ver­stär­ken den Schock der Anleger:innen noch.“ Auch ver­schie­de­ne Kryp­to-Bör­sen haben Bit­coin-Aus­zah­lun­gen gestoppt. Bei Märk­ten wie Binan­ce sei das aller­dings nur vor­über­ge­hend gewesen.

„Vie­le Investor:innen, vor allem Privatanleger:innen wer­den sich nun über­le­gen, wo sie ihre Kryp­tos kau­fen, ver­wah­ren und wem sie sie lei­hen“, sind Exper­ten sicher. Das Inter­es­se an regu­lier­ten Part­nern wie Ban­ken dürf­te mas­siv steigen.

„Bei Len­dings (das sind Ver­lei­hun­gen von Kryp­to-Wäh­run­gen – Anm. der Red.), die Zin­sen von 10,15 oder gar 20 Pro­zent ver­spre­chen, soll­ten die Alarm­glo­cken läu­ten“, sagen Exper­ten. Erst jetzt wer­de wohl vie­len erst bewusst, wor­in sie inves­tiert haben.

Die Technologie steht außer Frage

„Der­zeit trennt sich die Spreu vom Wei­zen“, kom­men­tiert Adri­an Fritz die Lage. Denn mit dem Erfolg der gro­ßen Kryp­to-Wäh­run­gen kamen vie­le neue Pro­jek­te auf den Markt, vie­le davon mit mar­gi­na­lem Nutz­wert. „Vie­le wer­den nicht über­le­ben, wäh­rend die Tech­no­lo­gie bleibt“, urteilt der Exper­te. Die Block­chain-Tech­no­lo­gie wer­de immer mehr Anwen­dun­gen ermöglichen.

Bei­spiel: Smart Con­tracts. Das sind Ver­trä­ge, die sich selbst erfül­len. Zum Bei­spiel bei der Kfz-Ver­si­che­rung: Wenn der Kun­de zu schnell mit dem Auto fährt und damit die vor­her fest­ge­leg­ten Ver­trags­re­geln ver­letzt, taucht im Dis­play eine Mel­dung auf und kün­digt höhe­re Bei­trä­ge an. War­um? Weil der Ver­trag es so vor­sieht. Smart Con­tracts sind Wenn-Dann-Ver­trä­ge: Wenn der Fah­rer zu schnell ist und die Regeln nicht ein­hält, dann muss er mehr zahlen.

Auch ande­re Expert:innen sehen die Tech­no­lo­gie und ihre Wei­ter­ent­wick­lung nicht gefähr­det: „Coins ohne Mehr­wert wer­den ver­schwin­den, Kryp­to-Wäh­run­gen wie Ether etc jedoch nicht.“ Begrün­dung: Wer sich mit der Tech­no­lo­gie beschäf­ti­ge und sie ver­ste­he, erkennt auch ihren Nut­zen und ihre bahn­bre­chen­den Mög­lich­kei­ten. Das Fazit von Markt-Expert:innen: „Auf lan­ge Sicht haben wir das letz­te All­zeit­hoch noch nicht gesehen.“

Aktu­ell ist aller­dings die Tech­no­lo­gie wenig im Fokus. Panik prägt den Markt. So steht der Bit­coin Fear & Greed Index bei sie­ben – der Wert bedeu­tet extre­me Angst. Zum Ver­gleich: ver­gan­ge­ne Woche lag der Wert bei zwölf. In der Ver­gan­gen­heit waren sol­che Stim­mungs­in­di­ka­to­ren meist ein Zei­chen, dass der Markt einen Boden gefun­den hat, wenn der Index so extrem stand. Wie etwa zu Beginn der Coro­na-Kri­se im März 2020. Ob das auch dies­mal der Fall sein wird, kann nie­mand vor­her­sa­gen. „Ob jetzt ein guter Zeit­punkt zum Inves­tie­ren ist, ist schwie­rig“, sagt Adri­an Fritz. Doch auch nach sei­ner Ansicht wer­de sich die Tech­no­lo­gie wei­ter durchsetzen.

Dis­c­lai­mer: Die Autorin ist in Kryp­to-Wäh­run­gen investiert.

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