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Niedrigzinsen auch unter Christine Lagarde

2021-05-10T15:27:42+02:001. November 2019|

Seit Novem­ber steht mit Chris­ti­ne Lagar­de erst­mals eine Frau an der Spit­ze der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB). Am geld­po­li­ti­schen Kurs der Noten­bank dürf­te das nichts ändern. Das Zins­ni­veau wird extrem nied­rig blei­ben – zu groß sind die wirt­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen in der Eurozone. 

Von M. Fischer und J. Groß

Chris­ti­ne Lagar­des Weg ins Spit­zen­amt der Euro­päi­schen Zen­tral­bank begann holp­rig: In jun­gen Jah­ren bewarb sich die gebür­ti­ge Pari­se­rin an der fran­zö­si­schen Eli­te­hoch­schu­le ENA, der Kader­schmie­de Frank­reichs. In ihren Hör­sä­len haben sich zahl­rei­che Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten des Lan­des getum­melt. Auch Prä­si­dent Emma­nu­el Macron hat 2004 sein Stu­di­um an der ENA abge­schlos­sen. Lagar­de schei­ter­te bereits an der Auf­nah­me­prü­fung – und ging den­noch ihren Weg.

Nach der ver­mas­sel­ten Prü­fung stu­dier­te sie Eng­lisch, Wirt­schafts- und Arbeits­recht an der Uni­ver­si­tät Paris X Nan­terre und fand sich danach trotz feh­len­der ENA-Qua­li­fi­ka­ti­on rasch auf ihrem ers­ten Chef­ses­sel wie­der. Bei der US-Anwalts­kanz­lei Baker McKen­zie, eine der größ­ten Anwalts­kanz­lei­en der Welt, star­te­te Lagar­de ihre Kar­rie­re als Juris­tin. Spä­ter wech­sel­te sie in die Poli­tik und wur­de 2007 fran­zö­si­sche Finanz-und Wirt­schafts­mi­nis­te­rin. 2011 folg­te die Ernen­nung zur Che­fin des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) in Washing­ton. Im Juli 2019 wur­de sie dann recht über­ra­schend für das Amt der EZB-Prä­si­den­tin nominiert.

Der wichtigste Posten in der Karriere Lagardes

Der Zen­tral­bank­vor­sitz könn­te die gewich­tigs­te Auf­ga­be für sie wer­den. Das Insti­tut mit Sitz in Frank­furt am Main ist die bedeu­tends­te Finanz­in­sti­tu­ti­on Euro­pas. Sie ent­schei­det mit ihrer Zins­po­li­tik dar­über, wel­ches Zins­ni­veau in der Euro­zo­ne herrscht – und damit auch dar­über, wie sich die Erspar­nis­se von Hun­der­ten Mil­lio­nen Euro­pä­ern entwickeln.

Die Wahl Lagar­des wur­de zwar über­wie­gend posi­tiv auf­ge­nom­men, es gab aber auch Beden­ken. Haupt­ar­gu­ment der Kri­ti­ker: Ihr feh­le die Erfah­rung als Noten­ban­ke­rin. Lagar­de ist nicht nur die ers­te Frau, son­dern auch die ers­te EZB-Prä­si­den­tin, die weder Öko­no­min ist, noch zuvor eine Kar­rie­re­sta­ti­on in einer Noten­bank absol­viert hat. Tat­säch­lich wird die Gemenge­la­ge im EZB-Rat für Lagar­de nicht ein­fach. Ihr Vor­gän­ger Mario Draghi hat­te auf den letz­ten Metern sei­ner Amts­zeit die Geld­schleu­sen noch wei­ter geöffnet.

Inflationsziel verfehlt, dennoch Geldentwertung

Geld­po­li­tik als Wirt­schafts­hil­fe. Mit sol­chen Maß­nah­men will die EZB der Kon­junk­tur in der Euro­zo­ne hel­fen. Zumin­dest in der öko­no­mi­schen Theo­rie sor­gen nied­ri­ge Zin­sen dafür, dass die Kon­su­men­ten weni­ger spa­ren, weil sich das kaum noch lohnt. Das Geld sol­len sie lie­ber sofort aus­ge­ben. Zudem wer­den durch nied­ri­ge­re Zin­sen die Kre­di­te für Fir­men und Ver­brau­cher bil­li­ger, die dann wie­der­um mehr inves­tie­ren. Bei­des soll die Wirt­schaft ankur­beln. Hin­zu kommt das Anlei­he­kauf­pro­gram, mit dem die Noten­bank Geld in den Wirt­schafts­kreis­lauf pumpt, was eben­falls die Kon­junk­tur unterstützt.

Gleich­zei­tig soll die locke­re Geld­po­li­tik dafür sor­gen, dass die Infla­ti­ons­ra­te anzieht. Denn die EZB fühlt sich vor allem der Preis­sta­bi­li­tät ver­pflich­tet. Als Ziel­mar­ke für die Infla­ti­on sieht sie zwei Pro­zent. Eine Rate unter zwei Pro­zent schürt die Furcht vor einer Defla­ti­on, also vor sin­ken­den Prei­sen. Die­se gilt als beson­ders kon­junk­tur­schäd­lich, weil sich die Kon­su­men­ten dann mit Käu­fen zurück­hal­ten, da sie in Zukunft nied­ri­ge­re Prei­se erwarten.

Doch trotz der Geld­schwem­me liegt die Infla­ti­ons­ra­te in der Euro­zo­ne seit Jah­ren, genau­er gesagt seit 2013, unter zwei Pro­zent. Euro­päi­sche Spa­rer ver­lie­ren den­noch Mil­li­ar­den – denn noch nied­ri­ger als die Teue­rungs­ra­te ist das Zins­ni­veau. Geld, was auf dem Kon­to liegt, wird de fac­to über die Zeit ent­wer­tet. Bleibt das Zins­ni­veau so tief und steigt die Infla­ti­ons­ra­te wei­ter nach oben, wird der rea­le Wert­ver­lust noch größer.

Für deut­sche Anle­ger ist das beson­ders bit­ter. Denn die Deut­schen gel­ten nach wie vor als gro­ße Fans von Spar­ein­la­gen. Knapp 2,5 Bil­lio­nen Euro lie­gen hier­zu­lan­de auf nicht oder kaum ver­zins­ten Giro- oder Tages­geld­kon­ten. Bei einer Preis­stei­ge­rung von zwei Pro­zent wür­den bei Null­zin­sen 50 Mil­li­ar­den Euro im Jahr vernichtet.

Niedrigzinsniveau bleibt unter Lagarde bestehen

An den Mini­zin­sen wird sich nach Auf­fas­sung der meis­ten Exper­ten in nächs­ter Zeit nichts ändern. Vie­le Öko­no­men gehen sogar davon aus, dass die Zin­sen eher noch wei­ter fal­len wer­den. Nicht umsonst fei­er­ten die Finanz­märk­te die Nomi­nie­rung Chris­ti­ne Lagar­des im Som­mer mit kräf­ti­gen Kurs­an­stie­gen beim euro­päi­schen Akti­en­in­dex Euro Sto­xx 50 und dem deut­schen Leit­in­dex DAX. Auch die Anlei­he­kur­se leg­ten zu. Das zeigt, dass Inves­to­ren dar­auf spe­ku­lie­ren, dass Lagar­de die locke­re Geld­po­li­tik ihres schei­den­den Vor­gän­gers Mario Draghi fort­set­zen wird. Tat­säch­lich trau­en vie­le der Juris­tin sogar einen deut­lich offen­si­ve­ren Kurs zu, soll­te sich die Wirt­schafts­la­ge in Euro­pa deut­lich ver­schlech­tern. Als IWF-Direk­to­rin hat­te sich Lagar­de bereits sehr früh und nach­drück­lich für das Instru­ment der soge­nann­ten quan­ti­ta­ti­ven Locke­rung (Anlei­he­kauf­pro­gramm) ausgesprochen.

Neben kri­ti­schen Stim­men, was ihre geld­po­li­ti­sche Aus­rich­tung angeht, wur­de die Wahl Lagar­des aber auch gelobt. Ihre Fähig­keit, euro­päi­sche Poli­tik zu steu­ern, sei wahr­schein­lich mehr wert als eine Pro­mo­ti­on in Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, hieß es von Befür­wor­tern Lagar­des. Ange­sichts ent­täu­schen­der Kon­junk­tur­da­ten, den nach wie vor schwe­len­den Han­dels­strei­tig­kei­ten mit den USA und der anhal­ten­den Unsi­cher­heit beim Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens aus der EU wird sie die­se Fähig­keit für ihren neu­en Pos­ten sicher gut gebrau­chen können.

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