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Neun Buchhandlungen, die einen Besuch wert sind

2021-04-28T12:24:48+02:0027. April 2021|

Ange­sichts die­ser Buch­hand­lun­gen möch­te man nie wie­der im Inter­net bestel­len. Ein Plä­doy­er in neun Beispielen.

Von Micha­el Hannwacker

Ers­te The­se: Nut­zer von Druck­wer­ken sind ange­neh­me­re Men­schen als Inter­net­sur­fer oder Computerspieler.

Zwei­te The­se: Wirk­lich anstän­dig ist der, der sein Buch im Laden kauft und nicht etwa im Netz bestellt. Bei­des ist natür­lich Quatsch.

Ande­rer­seits: War­um soll­te man auf das Erleb­nis ver­zich­ten, ein Reich der Sin­ne zu betre­ten, in dem es nach Dru­cker­far­be, Papie­ren und Kle­bern duf­tet und man umge­ben ist von zahl­lo­sen schma­len Rücken, hin­ter denen Aben­teu­er, kurio­ses Wis­sen oder ein­fach Schön­heit war­ten? Und aus dem man alles, was Inter­es­se weckt, mit­neh­men darf?

Wahr ist aber auch: Man­che Buch­lä­den sind schö­ner als ande­re. So wenig sich etwa Bahn­hofs­buch­hand­lun­gen – trotz­dem ein Hoch dar­auf, dass es sie gibt – dem Zau­ber des gedruck­ten Worts hin­ge­ben, so hin­ge­bungs­voll bemü­hen sich ande­re um eine Aura, die die Ent­de­cker­lust begeis­ter­ter Bücher­wür­mer beför­dert. Dabei sind die spek­ta­ku­lärs­ten Schatz­häu­ser fast so ver­schie­den wie die Inhal­te der Bücher, die sie anbie­ten. 

Der gemein­sa­me Nen­ner sind Rega­le. Alles ande­re ist so frei wie die Gedan­ken, die sich zwi­schen den Deckeln der dar­in auf­ge­reih­ten Bücher entfalten.

Dazu passt, dass gleich das ers­te Geschäft in unse­rer Aus­wahl von einem Archi­tek­tur­bü­ro, näm­lich Wut­o­pia in Shang­hai, kon­zi­piert wur­de, das sei­ne Stil­rich­tung als „Magi­scher Rea­lis­mus“ bezeich­net. Bes­ser könn­ten wir nicht beschrei­ben, was wir im bes­ten Fall von einem Buch erwar­ten. 

Und nie­mand sage, dass das damit ein­her­ge­hen­de Gefühl nicht auch von einer beson­de­ren Buch­hand­lung unter­stützt wer­den kann. Ihre Ver­kaufs­zah­len dürf­ten dar­un­ter kaum lei­den. Im Übri­gen kom­men sie auch bei Social-Web-Usern gut an. War­um? Sie sind „high­ly instagramable“.

Das Hochgefühl

Viel­leicht nicht ganz die größ­te, zwei­fel­los aber die höchs­te und eiligs­te Buch­hand­lung welt­weit. Nach Fer­tig­stel­lung der Räum­lich­kei­ten benö­tig­ten 150 Arbeiter:innen 15 Tage, um 260 Ton­nen Rega­le auf die 52. Eta­ge des 632 Meter hohen Shang­hai Tower zu schlep­pen und zehn wei­te­re, um sie auf­zu­bau­en. 

Anschlie­ßend füll­ten sie 35 Mitarbeiter:innen bin­nen vier Tagen mit 60 000 ver­schie­de­nen Titeln in über 2200 Qua­drat­me­ter gro­ßen Räum­lich­kei­ten. Dann war das Pro­jekt mit dem auch wört­lich zu ver­ste­hen­den Namen „Books Abo­ve The Clouds“ rea­li­siert. Seit zwei Jah­ren stre­ben nicht nur Biblio­phi­le zu den Auf­zü­gen. Denn Ein­sich­ten und Aus­sich­ten sind hier oben eini­ger­ma­ßen einzigartig.

 Duoyun Books, Shang­hai, Floor 52, Shang­hai Tower, 501 Yin­cheng Mid Road

Liv­ra­ria da Vila, São Pau­lo, Ala­me­da Lore­na 1731 Quel­le: Leo­nar­do Finotti

Die Überraschung

Glas und Beton. Das sind zwei der Mate­ria­li­en, derer sich Isay Wein­feld, viel­leicht Bra­si­li­ens bedeu­tends­ter zeit­ge­nös­si­scher Archi­tekt, bevor­zugt bedient. Hier kommt noch eines hin­zu: Bücher.

Pünkt­lich jeden Mor­gen um 10 Uhr öff­net sich unter einer zwei­stö­cki­gen Beton­wand ein über­manns­ho­hes Regal zu fünf Dreh­toren und gibt Ein­lass in ein neon­hel­les, ver­ti­kal mehr­fach durch­bro­che­nes Reich der Lite­ra­tur. 

Nied­ri­ge Decken und gemüt­li­che Lese­sofas sor­gen fast für eine Wohn­zim­mer­at­mo­sphä­re. Dass sich die Buch­hand­lung auf bra­si­lia­ni­sche Titel kon­zen­triert, soll­te nicht des Por­tu­gie­si­schen mäch­ti­ge Besu­che­rin­nen und Besu­cher nicht abhal­ten. Sie erle­ben in jedem Fall einen ent­rück­ten Ort in der süd­ame­ri­ka­ni­schen Megacity.

 Liv­ra­ria da Vila, São Pau­lo, Ala­me­da Lore­na 1731, livrariadavila.com.br

Das Bücherschiff

The Book Bar­ge, Chi­try les-Mines Quel­le: Sarah Henshaw

Der „Guar­di­an“ nann­te den klei­nen Kahn ein­mal „qui­te pos­si­b­ly the coo­lest book­shop in the UK“. Damals war die süd­afri­ka­ni­sche Ex-Jour­na­lis­tin Sarah Hens­haw auf bri­ti­schen Gewäs­sern unter­wegs. 2016 über­quer­te sie den Ärmel­ka­nal und mach­te zuletzt auf dem Canal de Niver­nais im Bur­gund fest. Wie lan­ge sie dort bleibt? Who knows? 

Ihre schwim­men­de Buch­hand­lung aber hat ihre Aura behal­ten. Ihr Ange­bot ist über­sicht­lich, schließ­lich lebt die schwim­men­de Buch­händ­le­rin auch auf ihrer „book bar­ge“. Gut mög­lich, dass sie ihre Aben­teu­er selbst zwi­schen zwei Deckel bin­det. Mark Twain wäre begeistert.

 The Book Bar­ge, Chi­try les-Mines, thebookbarge.com

Morio­ka Sho­ten, Tokio, I‑28–15 Gin­za,
 Chuo-ku Quel­le: Miyu­ki Kaneko/Nacasa & Part­ners Inc.

Der Einzelfall

Das ist die radi­ka­le Anti­the­se zu Books Abo­ve The Clouds, dem Mega­s­to­re in Shang­hai. Die Buch­hand­lung (sho­ten) von Yoshi­yu­ki Morio­ka hat nicht 60 000 Titel zur Aus­wahl, son­dern nur einen ein­zi­gen, den aller­dings in aus­rei­chen­der Anzahl und jede Woche einen ande­ren. 

Unter­stützt wird das im wahrs­ten Sin­ne ein­fa­che Ange­bot jeweils von einer klei­nen Kunst­aus­stel­lung; so viel Platz ist dann doch in der klei­nen Ein­raum­ga­le­rie in einer Sei­ten­gas­se des Tokio­ter Ein­kaufs­vier­tels. Und es gibt jeden Abend eine Lesung. Nur eine Aus­wahl gibt es nicht. Ent­we­der Sie kau­fen das Buch oder Sie las­sen es blei­ben. Mehr Mini­ma­lis­mus geht nicht.

 Morio­ka Sho­ten, Tokio, I‑28–15 Gin­za, Chuo-ku, takram.com/projects/

Boek­han­del Domi­ni­ca­nen, Maas­tricht  Domi­ni­can­er­kerk­straat 1 Quel­le: Eti­en­ne van Sloun

Das Himmelreich

Aachens Nach­bar­stadt hat kein Pro­blem mit der Umwid­mung auf­ge­las­se­ner sakra­ler Räu­me. Im ehe­ma­li­gen Kreuz­her­ren­klos­ter etwa hat sich 2005 ein – übri­gens sehr emp­feh­lens­wer­tes – Luxus­ho­tel ein­ge­rich­tet. 

Ärger traf es die hoch­go­ti­sche Domi­ni­ka­ner­kir­che. Seit 225 Jah­ren säku­la­ri­siert, muss­te sie nach­ein­an­der als Unter­stell­platz und Repa­ra­tur­werk­stät­te für Fahr­rä­der, Quar­tier eines Kar­ne­val­ver­eins und Schau­platz von Box­kämp­fen herhalten.

Bis 2006 wie­der Besinn­lich­keit ein­kehr­te: Im Mit­tel­schiff ragt ein him­mel­ho­hes Bücher­re­gal aus schwar­zem Stahl auf; in die Apsis ist ein klei­nes Lite­ra­tur­ca­fé ein­ge­zo­gen. Anbetungswürdig.

 Boek­han­del Domi­ni­ca­nen, Maas­tricht, Domi­ni­can­er­kerk­straat 1, libris.nl/dominicanen

Car­tures­ti Caru­sel, Buka­rest Stra­da Lip­sca­ni 55 Quel­le: Cos­min Dragomir

Das Kurvenreich

In die­sem Raum wür­de man sich selbst dann umse­hen wol­len, wenn es hier nur Blu­men­er­de zu kau­fen gäbe: ein ehe­ma­li­ges Geld­haus im Zen­trum der Haupt­stadt, des­sen Eigen­tü­mer von Ceau­ses­cu ent­eig­net wur­den und das dann als Waren­haus sozia­lis­ti­scher Prä­gung zuse­hends ver­fiel. 

Doch nach der Resti­tu­ie­rung an die Nach­kom­men der Ban­kiers­fa­mi­lie ver­wan­del­te ein loka­les Archi­tek­tur­bü­ro die Rui­ne in ein licht­er­füll­tes Wun­der in Weiß, des­sen his­to­ris­ti­sche Grund­aus­stat­tung durch eine Sin­fo­nie schwin­gen­der Bal­ko­ne und Ufo­för­mi­ger Licht­kör­per auf­ge­lo­ckert wird. Und des­sen Ange­bot von Büchern über Ton­trä­ger und zeit­ge­nös­si­sche rumä­ni­sche Kunst bis zu einem Café unter dem Glas­dach reicht.

Car­tures­ti Caru­sel, Buka­rest, Stra­da Lip­sca­ni 55, carturesticarusel.ro

Die Inspirationsquelle 

Liv­ra­ria Lel­lo, Por­to R. das Car­me­li­tas 144 Quel­le: End­less Travel/Alamy Stock Photo

140 Jah­re. Die Insti­tu­ti­on macht kei­nen Hehl aus ihrem Alter. 2013 unter Denk­mal­schutz gestellt, scheint der wohl­ge­merkt von einem Inge­nieur kon­stru­ier­te Lite­ra­tur­be­trieb direkt dem Reich der Fan­ta­sie ent­sprun­gen. 

Doch es ver­hält sich eher umge­kehrt. Seit bekannt wur­de, dass J. K. Row­ling Anfang der 90er ein paar Jah­re in Por­to leb­te, suchen Har­ry-Pot­ter-Fans die über­bor­den­de, zwi­schen Neo­go­tik und Art Nou­veau iri­sie­ren­de Deko­ra­ti­on nach Hog­warts-Inspi­ra­tio­nen ab. Der Andrang ist so groß, dass die bedräng­ten Betrei­ber ein Ein­tritts­geld ver­lan­gen. Das bei Kauf eines Buches ange­rech­net wird.

Liv­ra­ria Lel­lo, Por­to, R. das Car­me­li­tas 144, www.livrarialello.pt

Libre­ria Acqua Alta, Vene­dig Quel­le: Che­ryl Howard

Das Untergangsszenario

Es ist nicht gera­de so, dass sich Lui­gi Friz­zo Hoch­was­ser her­bei­wünsch­te. Aber er benann­te sei­nen Laden nach der „acqua alta“, ver­dank­te vor allem ihr sei­ne Popu­la­ri­tät und wuss­te sich gegen sie zu weh­ren. 

Damit das Über­an­ge­bot aus Büchern, Land­kar­ten und Maga­zi­nen Boden­be­rüh­rung ver­mei­det, lagert es bis heu­te in was­ser­dich­ten Boxen oder auf der Gon­del, die es irgend­wie in die alte Lager­hal­le im Stadt­teil Cas­tel­lo geschafft hat. So sind sie geschützt, wenn der Rio del­la Tet­ta mal wie­der anschwillt und in die Libre­ria drängt. Nur wer im Laden steht, bekommt nas­se Füße. Außer den Ange­stell­ten. Die tra­gen Gummistiefel.

Libre­ria Acqua Alta, Vene­dig, Cal­le Lun­ga San­ta Maria For­mo­sa 5176b

Die Denkfabrik

John King Books, Detroit Quel­le: Ryan M. Place

Im Erd­ge­schoss gibt es eine Abtei­lung, die unter ande­rem Lite­ra­tur über die Geschich­te von Michi­gan, Jugend­ro­ma­ne und Kunst ver­sam­melt; im vier­ten Stock mischen sich irgend­wo „humor“, „jour­na­lism“ und „sexua­li­ty“. Unver­zicht­bar also, dass Erstbesucher:innen einen Plan in die Hand bekom­men, der ihnen den Weg zu die­sem oder jenem Spe­zi­al­ge­biet in den end­lo­sen Gän­gen weist. 

1983 hat der Buch­händ­ler John King die auf­ge­ge­be­ne Fabrik von Advan­ced Gloves („Fort­ge­schrit­te­ne Hand­schu­he“!) 300 Meter nörd­lich des Detroit River gekauft und hält dort seit­dem etwa eine Mil­li­on Bücher vor. Wer hier nichts fin­det, will nicht lesen.

John King Books, Detroit, 901 West Lafay­et­te Blvd., johnkingbooksdetroit.com

Buchcover: Do you read me

Bil­der und Anre­gun­gen für die­sen Bei­trag ver­dan­ken wir dem jüngst erschie­ne­nen Bild­band Do you read me? — Beson­de­re Buch­lä­den und ihre Geschich­ten, Hrsg.: Mari­an­ne Julia Strauss, 272 Sei­ten, gestal­ten, 39,90 Euro

Noch mehr Infos für dich

Vom Ehrenamt in die Festanstellung

Ria Kor­t­um ist stu­dier­te Heil­päd­ago­gin und seit 2017 bei der Deut­schen Kin­der­krebs­stif­tung für „Pro­jekt­ma­nage­ment und psy­cho­so­zia­le The­men“ zustän­dig. Zuvor enga­gier­te sich die Mut­ter von Zwil­lin­gen, die selbst sehr jung an Krebs erkrank­te, ehren­amt­lich für die Stif­tung. “Ein Ehren­amt kann dabei hel­fen, aus­zu­lo­ten, wo die eige­ne beruf­li­che Rei­se hin­ge­hen soll”, ermu­tigt Rita Kor­t­um. Ein bewe­gen­des Plä­doy­er für Mut und Beharrlichkeit. 

Baseball-Caps als Sammlerobjekte

Base­ball-Caps trägt heu­te jeder. Bei pro­mi­nen­ten Vor­be­sit­zern kön­nen sie rich­tig teu­er wer­den. Doch auch ohne pro­mi­nen­te Vor­be­sit­zer kön­nen Base­ball-Caps mit extra­va­gan­ten und limi­tier­ten Designs begehr­te Samm­ler­ob­jek­te wer­den. Das Muse­um Base­ball Hall of Fame in Coo­pers­town im Bun­des­staat New York zeigt auch Caps in ihren Ausstellungsräumen.

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