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Nachhaltig investieren: Wasserstoff — Der Stoff, auf dem die Hoffnung ruht

2023-01-17T10:20:35+01:006. Januar 2023|

Grü­ner Was­ser­stoff ist ein Hoff­nungs­trä­ger auf dem Weg zur Dekar­bo­ni­sie­rung der Welt­wirt­schaft. An der Bör­se sind die Kur­se von Was­ser­stoff­in­vest­ments des­halb steil ange­stie­gen. Dann folg­te die Ernüch­terung. Wel­che Chan­cen und Risi­ken die Papie­re jetzt bergen.

Von Jes­si­ca Schwarzer

„Die Ener­gie von mor­gen ist Was­ser, das durch elek­tri­schen Strom zer­legt wor­den ist.“ Das Zitat klingt brand­ak­tu­ell, ist es aber nicht. Im Gegen­teil: Es ist mehr als 100 Jah­re alt und stammt von Inge­nieur Cyrus Smith, einer Roman­figur aus Jules Ver­nes „Die geheimnisvol­le Insel“. Was­ser­stoff als Ener­gie­trä­ger zu nut­zen, ist also kei­ne neue Idee. Mit dem Kampf gegen den Kli­ma­wan­del scheint sie nun aber vor dem Durch­bruch zu ste­hen. Regie­run­gen welt­weit ver­pflich­ten sich zu einer koh­len­stoff­frei­en Zukunft. Wasser­stoff als sau­be­re Ener­gie­quel­le der Zukunft soll Teil der Lösung sein.

Gro­ßes Poten­zi­al hat Was­ser­stoff vor allem in Berei­chen, in denen die Elektri­fizierung nicht mach­bar ist, wie in der Schwer­indus­trie, bei Last­kraft­wa­gen, im Schiffs­ver­kehr und bei der sai­so­na­len Ener­gie­spei­che­rung. Grü­ner Was­ser­stoff könn­te den Markt für erneu­er­ba­re Ener­gien in den kom­men­den Jah­ren umwäl­zen und wesent­lich zur Dekar­bo­ni­sie­rung von Wirt­schafts­sek­to­ren bei­tra­gen, ist Ben­ja­min Kel­ly, Seni­or Ana­lyst bei Colum­bia Thre­ad­need­le Invest­ments, über­zeugt. Wann aber ist Was­ser­stoff „grün“? Nun, her­ge­stellt wird der Stoff mit dem chemi­schen Zei­chen H2 durch die Elek­tro­ly­se von Was­ser, das dabei in Was­ser­stoff und Sauer­stoff auf­ge­spal­ten wird. Dafür braucht es eine Men­ge Ener­gie. Wenn die aus erneu­er­ba­ren Quel­len wie Wind oder Son­ne stammt, dann spricht man von kli­maneutralem – grü­nem – Wasserstoff.

Goldgräberstimmung

Das alles klingt nach einer tol­len Invest­mentstory. Kein Wun­der, dass Anlegerin­nen und Anle­ger das The­ma für sich ent­deckt haben. Seit Jah­ren fließt viel Geld in nach­hal­ti­ge Invest­ments. Was­ser­stoff und die damit ver­bun­de­nen Tech­no­lo­gien er­scheinen dabei lang­fris­tig inter­es­sant. Aller­dings sind die Indus­trie und die zu­gehörigen Unter­neh­men in einem sehr frü­hen Sta­di­um. „Die Goldgräberstim­mung an der Bör­se trifft also noch auf weni­ge und zumeist unpro­fi­ta­ble bör­sen­no­tier­te Unter­neh­men oder eben auf Indus­trie­kon­glo­me­ra­te, die bis­her nur einen sehr gerin­gen Anteil ihres Geschäfts mit Was­ser­stoffak­ti­vi­tä­ten erzie­len“, gibt Simon Frank, Seni­or Invest­ment Advi­sor bei Pic­tet Asset Manage­ment Deutsch­land, zu bedenken.

Es ist also viel Fan­ta­sie im Markt. Lang­fristig dürf­ten die mit Was­ser­stoff verbun­denen Tech­no­lo­gien von hoher Bedeu­tung für das Gelin­gen der Ener­gie­wen­de sein. „Aller­dings wird es unse­res Erach­tens noch eini­ge Zeit dau­ern, bis sich die Gewin­ner her­aus­kris­tal­li­sie­ren“, meint Frank. Der Pic­tet Clean Ener­gy Fonds, der sich auf die grü­ne Ener­gie­wen­de kon­zen­triert, inves­tiert bis dato nicht in Wasserstoff­unternehmen. Sie erfül­len die Investment­kriterien mit Blick auf Qua­li­tät, Profitabi­lität und Bewer­tung nicht. Das Fondsma­nagement schätzt sie noch als zu speku­lativ und risi­ko­reich ein.

Die Beto­nung liegt auf dem Wört­chen „noch“. Laut Anga­ben des Hydro­gen Coun­cil könn­te Was­ser­stoff die glo­ba­len Emis­sionen bis 2050 um sechs Giga­ton­nen oder 17 Pro­zent der 2020 welt­weit verzeichne­ten Emis­sio­nen ver­rin­gern. „Wenn Was­serstoff Teil einer koh­len­stoff­ar­men Zu­kunft sein soll, muss er aller­dings sau­ber pro­du­ziert wer­den“, sagt Alas­ta­ir Bishop, Glo­bal Head of Sus­tainab­le Core Inves­ting von Blackrock.

Bei grü­nem Was­ser­stoff, der mit erneu­erbaren Ener­gien pro­du­ziert wird, ist das der Fall. Wird der Was­ser­stoff jedoch zum Bei­spiel aus Erd­gas her­ge­stellt, dann muss das dabei ent­ste­hen­de CO2 gespei­chert oder indus­tri­ell wei­ter­ver­ar­bei­tet wer­den. Man spricht dann vom „blau­en Wasser­stoff“. „Bei­de Metho­den trei­ben die Kos­ten wei­ter in die Höhe, sodass die Herstel­lung von sau­be­rem Was­ser­stoff heu­te um ein Viel­fa­ches teu­rer ist als die des bis­herigen koh­len­stoff­in­ten­si­ven ‚grau­en‘ Was­ser­stoffs“, sagt Bishop. Wei­te­rer Nach­teil: Die Umwand­lungs­ver­lus­te sind sehr hoch, ein gro­ßer Teil des ein­ge­setz­ten Stroms geht unge­nutzt verloren.

Rückenwind durch Regulierung

Den­noch: Exper­ten sind über­zeugt, dass grü­ner Was­ser­stoff in der Indus­trie alter­nativlos ist. Auch auf der energiepoliti­schen Agen­da rückt er weit nach oben. Der Rücken­wind durch die Regu­lie­rung hat stark zuge­nom­men, unter ande­rem durch den Green Deal der Euro­päi­schen Uni­on, der das Ziel ver­folgt, eine Stra­te­gie für sau­beren Was­ser­stoff zu ent­wi­ckeln. „Inzwi­schen haben über 30 Län­der wasserstoff­spezifische Stra­te­gien als Teil ihrer Net­­to­-Null­-Ambi­tio­nen ange­kün­digt, und die Regie­run­gen haben öffent­li­che Mit­tel zur Unter­stüt­zung der Ent­wick­lung von Pro­jekten für sau­be­ren Was­ser­stoff bereit­gestellt“, sagt Black­ro­ck­-Exper­te Bishop. 

Apro­pos Green Deal: Nach­dem die Eu­ropäische Kom­mis­si­on unter Ursu­la von der Ley­en das Kon­zept Ende 2019 vor­ge­stellt hat­te, kam wah­re Goldgräber­stimmung auf. Was­ser­stoff galt plötz­lich als die grü­ne Tech­no­lo­gie. Vie­le Anlege­rinnen und Anle­ger spe­ku­lier­ten auf stark stei­gen­de Nach­fra­ge und in der Fol­ge auf Gewin­ne. Es war ein wah­rer Hype, in­klusive Kurs­feu­er­werk, das aber mäch­tig über­trie­ben war.

Denn noch sind nicht vie­le Wasserstoff­unternehmen an der Bör­se notiert, wes­halb das Geld in eini­ge weni­ge Akti­en floss, was wie­der­um deren Kur­se stark nach oben push­te. Fun­da­men­tal war das nicht gerecht­fer­tigt. Eben weil die Unter­neh­men noch kein Geld ver­die­nen und das Exper­ten zufol­ge ver­mut­lich auch noch dau­ern wird. Zu die­ser Ein­sicht kamen dann wohl auch vie­le Anle­ger und ver­kauf­ten ihre Akti­en mit Gewinn. So kor­ri­gier­ten die Kur­se im Früh­jahr 2021 stark. Was im Bör­sendeutsch so viel heißt wie: Es gab einen hef­ti­gen Absturz, von dem sich vie­le Ak­tien bis heu­te nicht erholt haben. Dabei gilt Was­ser­stoff nach wie vor als Energie­quelle der Zukunft.

Totalverlust nicht ausgeschlossen

Ob das eine Ein­stiegs­chan­ce ist? Bis die rei­nen Was­ser­stoff­un­ter­neh­men profita­bel sind, wird es vor­aus­sicht­lich noch Jah­re dau­ern. „Somit wer­den die­se Akti­en an der Bör­se mit immer noch gro­ßen Hoff­nungen auf die zukünf­ti­gen Entwicklun­gen gehan­delt“, sagt Pic­te­t­-Exper­te Frank. „Dabei ist noch nicht klar, wel­che Unter­nehmen tat­säch­lich mit ihren Produk­ten, Dienst­leis­tun­gen und Tech­no­lo­gien Geld ver­die­nen wer­den.“ Sol­che Papie­re sind des­halb sehr spe­ku­la­tiv, die Kur­se schwan­ken ent­spre­chend stark. Bei eini­gen ist selbst ein Total­ver­lust nicht ausgeschlossen.

Am ande­ren Ende des Wasserstoff­ Anla­ge­spek­trums ste­hen Industriekon­glomerate wie Lin­de. „Die wach­sen zwar pro­fi­ta­bel mit ihrem Kern­ge­schäft, er­wirtschaften heu­te aller­dings nur einen sehr klei­nen Teil ihres Geschäfts mit Was­serstoffaktivitäten“, gibt Frank zu beden­ken. Damit ist das Gewinn­, aber auch das Ver­lust­po­ten­zi­al geringer.

Auch Will Kirkness, Ana­lyst der Invest­mentbank Jef­fe­ries, mahnt bei Wasser­stoffaktien zur Vor­sicht. Er geht zwar schon davon aus, dass sich hier ein gro­ßer Markt ent­wi­ckeln wer­de. Gleich­zei­tig aber sei­en die Bewer­tun­gen der Akti­en „her­aus­for­dernd“.

Anlage breit streuen

Gera­de weil nicht klar ist, wer sich in dem noch recht neu­en Markt durch­set­zen wird, soll­ten Anle­ge­rin­nen und Anle­ger das Risi­ko mög­lichst breit streu­en und nicht alles auf ein Unter­neh­men oder eine Tech­nologie set­zen. Index­fonds sind Einzel­aktien des­halb klar vor­zu­zie­hen. Die zwei ETFs von Van­eck und L & G sor­gen für eine gute Risi­ko­streu­ung. Noch brei­ter auf­ge­stellt ist das Port­fo­lio des iSha­res­-ETFs auf den gesam­ten Bereich der erneu­er­ba­ren Energien.

Unterm Strich kön­nen sich breit ge­streute Was­ser­stoff­in­vest­ments durch­aus loh­nen. Mit­tel­fris­tig sind hohe Gewin­ne drin, wenn sich der Ener­gie­trä­ger durch­setzt. Mehr als eine klei­ne Bei­mi­schung im Depot soll­ten die risi­ko­rei­chen Invest­ments aber nicht sein. Denn wer weiß, ob sich die Pro­phe­zei­ung von Cyrus Smith, dem Inge­nieur aus Jules Ver­nes Werk, wirk­lich erfüllt.

3 ETFs, die auf Wasserstoff setzen

Vaneck Vectors Hydrogen Economy ETF

Jung, aber rein

Das Van-Eck-Papier ist ein rei­ner Was­ser­stoff-ETF (ISIN: IE00BMDH1538) und setzt auf Unter­neh­men, die „einen ent­schei­den­den Bei­trag zum Auf­bau der Was­ser­stoff­wirt­schaft leis­ten“. Das Kapi­tal wird welt­weit in Fir­men ange­legt, die min­des­tens 50 Pro­zent ihrer Ein­nah­men mit Was­ser­stoff­pro­jek­ten erzie­len oder das Poten­zi­al dazu haben. Außer­dem inves­tiert er in wich­ti­ge Akteu­re des Was­ser­stoff-Öko­sys­tems, bei­spiels­wei­se Her­stel­ler von Gasen oder Brenn­stoff­zel­len, Was­ser­stoff­spei­chern und Elek­tro­ly­seu­ren. Der Index, der dem ETF zugrun­de liegt, wird vier­tel­jähr­lich über­prüft. Neue Was­ser­stoffak­ti­en wer­den dann gege­be­nen­falls auf­ge­nom­men. Im Index sind 25 Posi­tio­nen, die mit Abstand größ­te ist der Brenn­stoff­zel­len­her­stel­ler Plug Power, gefolgt vom Wett­be­wer­ber Ball­ard Power Sys­tems sowie den Indus­trie­ga­se­pro­du­zen­ten Air Pro­ducts & Che­mi­cals und Lin­de. Der ETF ist the­sau­rie­rend, das bedeu­tet, die Divi­den­den wer­den reinves­tiert. Die Gesamt­kos­ten­quo­te (TER) liegt bei 0,55 Pro­zent pro Jahr. Auf­ge­legt wur­de der Index­fonds erst Ende März 2021.

L & G Hydrogen Economy ETF

Das Was­ser­stoff-Kom­plett­pa­ket

Auch der L & G Hydro­gen Eco­no­my UCITS ETF (ISIN: IE00BMYDM794) ist ein rei­ner Was­ser­stoff-ETF und inves­tiert welt­weit in Unter­neh­men, „die einen akti­ven Bei­trag zur Was­ser­stoff­wirt­schaft leis­ten“. Der zugrun­de lie­gen­de Index ist der Solac­ti­ve Hydro­gen Eco­no­my. Er fasst die Akti­en von 32 Unter­neh­men der gesam­ten Wert­schöp­fungs­ket­te zusam­men – von der Ener­gie­ein­spei­sung über Trans­port und Spei­che­rung bis zum Ener­gie­end­ver­brauch. Aus­ge­schlos­sen sind Unter­neh­men, die einen erheb­li­chen Teil ihres Umsat­zes mit Koh­le­berg­bau erwirt­schaf­ten, an der Her­stel­lung umstrit­te­ner Waf­fen betei­ligt sind oder die welt­weit akzep­tier­ten Stan­dards für Men­schen­rech­te, Arbeit, Umwelt und Kor­rup­ti­on ver­let­zen. Zu den zehn größ­ten Posi­tio­nen gehö­ren Fir­men wie der Brenn­stoff­zel­len­fahr­zeug­bau­er Hyzon Motors sowie die Brenn­stoff­zel­len­her­stel­ler Plug Power und Power­cell. Mit Sie­mens Ener­gy, Uni­per und Lin­de sind auch drei deut­sche Kon­zer­ne dabei. Die Gesamt­kos­ten­quo­te des ETFs liegt bei 0,49 Pro­zent pro Jahr, Divi­den­den wer­den reinves­tiert. Auch die­ser ETF ist noch ziem­lich neu. Er wur­de im Janu­ar 2021 aufgelegt.

iShares Global Clean Energy ETF

Gewin­nen mit Erneuerbaren

Eine brei­te­re Risi­ko­streu­ung als rei­ne Was­ser­stoff-ETFs bie­tet der iSha­res Glo­bal Clean Ener­gy ETF (ISIN: IE00B1XNHC34), der den gleich­na­mi­gen Bran­chen­in­dex S & P Glo­bal Clean Ener­gy abbil­det. Der Index bie­tet Zugang zu den größ­ten und liqui­des­ten Unter­neh­men welt­weit, die im Geschäfts­feld erneu­er­ba­re Ener­gien tätig sind. Der ETF inves­tiert also nicht nur in die Was­ser­stoff­wirt­schaft, son­dern deckt alle Berei­che der rege­ne­ra­ti­ven Ener­gien ab. Ins­ge­samt sind 76 Unter­neh­men im Index gelis­tet. Größ­te Posi­tio­nen sind die Solar­tech­nik-Fir­ma Enpha­se Ener­gy, der Wind­kraft­an­la­gen­her­stel­ler Ves­tas Wind Sys­tems sowie die Ener­gie­kon­zer­ne Ørsted und Con­so­li­da­ted Edi­son. Über­prüft wird der Index halb­jähr­lich. Eben­falls halb­jähr­lich schüt­tet der ETF sei­ne Erträ­ge aus. Die Kos­ten lie­gen bei 0,65 Pro­zent pro Jahr. Auf­ge­legt wur­de das Papier übri­gens schon 2007. Sei­ne Ren­di­te- und Risi­ko­his­to­rie ist daher aus­sa­ge­kräf­ti­ger als die der ande­ren zwei ETFs. In den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren hat der iSha­res-ETF rund 150 Pro­zent zuge­legt, muss­te aber nach dem Ende der Was­ser­stoff­ral­ly etwas Federn lassen.

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