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  • Fast 30 Prozent der Deutschen geben an, schon einmal am Arbeitsplatz gemobbt worden zu sein, ©DimaBerlin - stock.adobe.com

Mobbing im Beruf: Albtraum, Konsequenzen und Möglichkeiten

2023-01-25T08:56:29+01:0023. Januar 2023|

Fast 30 Pro­zent der Deut­schen geben an, schon ein­mal am Arbeits­platz gemobbt wor­den zu sein. Doch wo fängt Mob­bing eigent­lich an? Sind Frau­en öfter betrof­fen? Und wel­che Mög­lich­kei­ten haben sie, sich aus ihrer Lage zu befrei­en? Cou­ra­ge hat mit Betrof­fe­nen und Exper­tin­nen gesprochen.

Von Michae­la Stemper

Als Berufs­an­fän­ge­rin hät­te ich nie gedacht, dass es Men­schen gibt, die über Lei­chen gehen.“ Chris­ti­na Astor schüt­telt den Kopf, als sie sich an ihre Zeit als Com­mu­ni­ca­ti­ons-Assis­ten­tin bei einem DAX-Kon­zern erin­nert. Sie zählt zu den knapp 30 Pro­zent der Men­schen in Deutsch­land, die laut Ana­ly­sen von Sta­tis­ta und You­Gov Mob­bing am Arbeits­platz am eige­nen Leib erfah­ren haben.

Mob­bing – kei­ne® von uns will das durch­ma­chen. Aber wo fängt es über­haupt an? Mal fin­det es offen, häu­fi­ger aber hin­ter dem Rücken der Betrof­fe­nen statt. Sys­te­ma­tisch suchen Vor­ge­setz­te, Kol­le­gen oder Kol­le­gin­nen Feh­ler an ein­wand­frei­er Arbeit, ver­schwei­gen bewusst Infor­ma­tio­nen oder gren­zen Per­so­nen aus. Für die Opfer ist es schwer, zwi­schen einem ein­zel­nen Kon­flikt und geziel­tem, kon­ti­nu­ier­li­chem Mob­bing zu unter­schei­den. Der Grat ist schmal. Fest steht aber: Für Betrof­fe­ne wird der Job-All­tag oft zum Albtraum.

So wie bei Chris­ti­na: der ers­te Job, die ers­te Che­fin. Die war bis zu Chris­ti­nas Ein­stel­lung das letz­te Glied in der Hier­ar­chie-Ket­te. Mit der frisch­ge­ba­cke­nen BWLe­rin hat­te sie nun jeman­den unter sich. „Zunächst tat sie ver­trau­lich, ver­riet mir Inter­na und pikan­te, pri­va­te Details. Es war unan­ge­nehm“, erin­nert sich Chris­ti­na. Für die Team­lei­te­rin ein Loya­li­täts­test. Wür­de etwas durch­si­ckern? Stand die Neue bedin­gungs­los zu ihr? Die­se Spiel­chen ver­un­si­cher­ten Chris­ti­na, die kaum noch wuss­te, wann sie was äußern durf­te. Gleich­zei­tig rann­te sie wie ein Hams­ter, um alle Auf­ga­ben zu erle­di­gen – und ern­te­te selbst für Nich­tig­kei­ten bit­ter­bö­se Bli­cke. „Mei­ne Team­lei­te­rin küm­mer­te sich um Tratsch, Intri­gen und Unter­neh­mens­po­li­tik. Weni­ger um Fach­li­ches. Pas­sier­ten Feh­ler, wur­de das auf mich abge­wälzt. Der Chef der Abtei­lung leb­te die­sen Umgang vor. Die Team­lei­te­rin woll­te dazu­ge­hö­ren“, erzählt die heu­te 45-Jährige.

„Wer sich selbst klein fühlt, muss sich ganz groß machen, um sich selbst zu spü­ren. In der Ana­ly­se erle­ben wir, dass nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­keits­merk­ma­le eine Rol­le spie­len“, erklärt Coa­chin Iri­na Wascheck vom Wies­ba­de­ner Ver­ein „Berufs­We­ge für Frau­en“, der Frau­en in der Arbeits­welt unter­stützt. Mob­bing ist ein The­ma, das in den Bera­tun­gen oft einen gro­ßen Raum ein­nimmt. Und ihre Kol­le­gin Kirs­ten Walt­her ergänzt: „Auch wenn Sta­tis­ti­ken einen hohen weib­li­chen Anteil an Betrof­fe­nen ver­zeich­nen, ist Mob­bing kein rein weib­li­ches Pro­blem. Die männ­li­chen Fäl­le sind nur gerin­ger abgebildet.“

Wie im Film „Der Teu­fel trägt Pra­da“ waren die Anfor­de­run­gen der Vor­ge­setz­ten an Chris­ti­na unan­stän­dig hoch – und ihr Eifer, die­se zu erfül­len, noch höher. Die­ses Mob­bing von Vor­ge­setz­ten hat einen Namen: Bos­sing. Degra­die­run­gen sind an der Tages­ord­nung. Als Chris­ti­na vor einem Außen­ste­hen­den run­ter­ge­putzt wird, fragt die­ser: „Wer­den Sie immer so behan­delt?“ Sie beschwich­tigt. Eine Reak­ti­on, die Mob­bing-Opfer häu­fig zei­gen. „Nicht nur ich wur­de zur Ziel­schei­be, auch ande­re traf es. Men­schen, die nicht intri­gant waren, die Empa­thi­schen und Ehr­li­chen“, beschreibt sie die Stimmung.

Coaching oder Therapie?

Wer sich gemobbt fühlt, kann sich an inter­ne und exter­ne Bera­tungs­stel­len wen­den. Etwa Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te, den Betriebs­rat, Coa­ches oder eben Ver­ei­ne wie Berufs­We­ge. Hier kann frau im geschütz­ten Raum ihre Pro­ble­me frei schil­dern. Der Begriff Mob­bing wird dabei erst ver­wen­det, wenn die Betrof­fe­ne ihn selbst benutzt oder beschreibt. Es beginnt mit einer Bestands­auf­nah­me: Was hat die Frau erlebt? Zudem wird das eige­ne Ver­hal­ten gespie­gelt. Hat sie es den Tätern womög­lich unbe­wusst erleich­tert, sie zu mob­ben? Geklärt wird auch die Fra­ge: Über­legt die Betrof­fe­ne schon zukunfts­ge­rich­tet, wie sich das Pro­blem lösen lässt? Oder dre­hen sich ihre Gedan­ken vor allem um die eige­nen schmerz­haf­ten Erleb­nis­se der Ver­gan­gen­heit. Im ers­ten Fall ist ein Coa­ching­pro­zess und Resi­li­en­z­trai­ning sinn­voll. Im zwei­ten legen Fach­leu­te den Betrof­fe­nen eher eine The­ra­pie ans Herz.

„Stay at home and enjoy your kids“

Auch der selbst­be­wuss­ten Clau­dia Allo­nas pas­sier­te es: Die drei­fa­che Mut­ter woll­te 2019 frü­her aus der Eltern­zeit in ihren Ver­triebs­job bei einem hes­si­schen Mit­tel­ständ­ler zurück­keh­ren. Sie bat dar­um, in der Per­so­nal­pla­nung berück­sich­tigt zu wer­den. Zwar war ihre alte Stel­le durch eine Umstruk­tu­rie­rung weg­ge­fal­len. Doch die Logis­ti­ke­rin zeig­te sich fle­xi­bel, ging auf den neu­en Ver­triebs­chef zu und bot ein unver­bind­li­ches Tref­fen an. „Ich woll­te zei­gen, wer ich bin, und aus­lo­ten, wo ich ein­setz­bar wäre“, erklärt sie.

Uner­war­tet erschien der Ver­triebs­chef mit einem wei­te­ren Mana­ger. „Es arte­te in ein knall­har­tes, eng­lisch­spra­chi­ges Bewer­bungs­ge­spräch aus, auf das ich nicht vor­be­rei­tet war“, sagt sie. Der neue Chef wehr­te ab. Er kön­ne Clau­dia nicht ein­set­zen, weil ihr die nöti­ge Erfah­rung feh­le. Obwohl Kol­le­gen bestä­tig­ten, dass die BWLe­rin durch­aus hät­te ein­ge­ar­bei­tet wer­den kön­nen. Auch beim zwei­ten Gesprächs­part­ner, einem Sup­ply Chain Mana­ger, konn­te sie nicht punk­ten. Teil­zeit­stel­len sei­en durch die Rei­se­tä­tig­keit undenk­bar, beschied er. Des­halb schlug die heu­te 40-Jäh­ri­ge ein Tan­dem aus zwei Stel­len vor: Wäh­rend eine Kol­le­gin oder ein Kol­le­ge reis­te, hät­te sie den Innen­dienst gestemmt.

Hat­te Clau­dia bis­lang schon das Gefühl, gegen Wän­de zu lau­fen, begann nun schritt­wei­se die Demon­ta­ge: Angeb­lich fehl­te es der toughen Teil­zeit­kraft an Durch­set­zungs­stär­ke. Dabei hat­te sie schon frü­her bewie­sen, dass sie sich in schwie­rigs­ten Ver­hand­lun­gen im Inter­es­se der Fir­ma durch­set­zen konn­te. Schließ­lich bot sie sogar an, in Voll­zeit zurück­zu­keh­ren, wäh­rend sich der Ehe­mann um die Kin­der küm­mert. In die­sem Moment brach die argu­men­ta­ti­ve Fas­sa­de des Manage­ments voll­ends zusam­men. „Stay at home and enjoy your kids“, bekam sie als Antwort.

„Im Hin­ter­grund schien mehr gelau­fen zu sein, als ich von außen sehen konn­te“, schluss­fol­gert Clau­dia heu­te. Inter­ne Unter­stüt­zung gab es kaum: Die Per­so­nal­ab­tei­lung mau­er­te. Die Anfra­ge beim Betriebs­rat ver­lief im Sand. Und obwohl das Manage­ment so abwei­send reagiert hat­te, fass­te sie zwei Mona­te spä­ter noch mal nach. Erneut traf sie die Ant­wort wie ein Schlag ins Gesicht : „Die­ser Job geht nicht mit Kin­dern.“ Sie fühl­te sich kalt­ge­stellt und raus­ge­mobbt. „Als Mut­ter bekam man einen Aus­sor­tiert-Stem­pel auf­ge­drückt. Macho-Sprü­che waren an der Tages­ord­nung. Auch eine Kol­le­gin, die sich in Voll­zeit zurück­kämpf­te, hat­te es schwer“, erzählt sie. Coa­chin Iri­na Wascheck bestä­tigt: „Es scheint, als gäbe es hier unter­neh­mens­in­tern nega­ti­ve Glau­bens­sät­ze, die sich schwer lösen lassen.“

Sechs Mona­te spä­ter zieht Clau­dia den Schluss­strich unter das trau­ri­ge Kapi­tel. „Ich woll­te mit Vor­ge­setz­ten, die mich wie Dreck behan­deln, nicht mehr arbei­ten“, sagt sie. Mit einer Abfin­dung grün­det sie ein Recy­cling­un­ter­neh­men, das sie so führt, wie sie sich das damals gewünscht hät­te: mit Wert­schät­zung. Auch Exper­tin Wascheck sagt, dass es oft bes­ser sei, die Reiß­lei­ne zu zie­hen: „Manch­mal brau­chen wir die­se ‚Arsch­loch-Engel‘ für eine beruf­li­che Umori­en­tie­rung. Das hat sicher­lich den Impuls zur Grün­dung gegeben.“

Bauchschmerzen und Schlaflosigkeit

Die Lösung für Team­as­sis­ten­tin Chris­ti­na ließ indes auf sich war­ten: Ein Jahr lang biss sie sich durch. Als Unter­neh­mer­kind war sie es gewohnt, sich eini­ges abzu­ver­lan­gen. „Stell dich nicht so an“, sag­te sie täg­lich zu sich. Das eige­ne Mind­set kann einen manch­mal noch stär­ker in die Opfer­rol­le hin­ein­drän­gen. Ihre Vor­ge­setz­te kri­ti­sier­te wei­ter­hin sys­te­ma­tisch ihr Ver­hal­ten. Bei „Unge­hor­sam“ droh­te Stra­fe. So wur­de Chris­ti­na teils tage­lang igno­riert. „Ich woll­te mich so ver­hal­ten, wie sie es erwar­te­te. Häng­te mich rein, um Aner­ken­nung zu bekom­men“, sagt sie. Zu Hau­se konn­te sie kaum erklä­ren, was am Arbeits­platz geschah, quäl­te sich mit Bauch­schmer­zen, schlief kaum noch. Die Berufs­We­ge-Coa­chin­nen ken­nen sol­che Situa­tio­nen: „Das macht auf Dau­er krank. Gera­de die Erfah­run­gen in der ers­ten Arbeits­stel­le prä­gen ein Leben lang.“ Chris­ti­nas Freund erkann­te die Wesens­ver­än­de­rung, sprach sie dar­auf an, war aber macht­los. Er ahn­te, dass sie noch tie­fer sin­ken muss­te, um aufzuwachen.

Dazu kam es ein Jahr spä­ter. Bei einer Tagung in Öster­reich folg­te der Eklat. Zuerst empör­te sich die Vor­ge­setz­te, als die Assis­ten­tin ein Zim­mer mit Bade­wan­ne und Aus­sicht bekam. Als Chris­ti­na die Schreib­blö­cke nicht akku­rat aus­leg­te und den Tesa­film ver­ges­sen hat­te, waren das für die Che­fin „Kata­stro­phen“. Chris­ti­na war zer­mürbt: „Erfuhr ich von Tagungs­gäs­ten Wert­schät­zung, wur­de ich wie Aschen­put­tel weg­ge­schickt.“ Als Höhe­punkt ließ die ange­trun­ke­ne Vor­ge­setz­te die jun­ge Mit­ar­bei­te­rin schließ­lich die gro­ße Rech­nung für die Abend­ver­an­stal­tung abzeich­nen, obwohl die­se kei­ne Ahnung hat­te, wel­ches Bud­get dafür ver­ein­bart war. Gede­mü­tigt wein­te Chris­ti­na auf dem Zim­mer. Einer Kol­le­gin ver­trau­te sie sich an. Die infor­mier­te erschro­cken den Vor­stand. Am nächs­ten Mor­gen stand er im Büro: „Guten Mor­gen, Sie Son­nen­schein. Wie geht es Ihnen? Ich woll­te mich bei Ihnen für Ihre Leis­tung bedan­ken“, sag­te er zu Chris­ti­na. Die Lei­te­rin wür­dig­te er kei­nes Bli­ckes. Dar­auf­hin brach die Höl­le rich­tig los. Der Abtei­lungs­lei­ter wies die Mob­be­rin an, die „Nest­be­schmut­ze­rin“ abzu­ser­vie­ren. „Pack dei­ne Sachen. In zwei Stun­den geht dein Rück­flug“, hieß es. Über den Wol­ken fühl­te sich Chris­ti­na befreit. Zu Hau­se ange­kom­men, schrieb sie ihre Kündigung.

„Ich habe zu viel mit mir machen las­sen, war zu ange­passt. Ich rate Men­schen in die­ser Situa­ti­on, Kon­flik­te direkt anzu­spre­chen und sich an Ver­trau­ens­per­so­nen zu wen­den“, resü­miert sie heu­te. Und sie hat aus der Situa­ti­on ihre Schlüs­se gezo­gen. „Bei wei­te­ren beruf­lich erfolg­rei­chen Sta­tio­nen habe ich mich jeden Mor­gen für Cou­ra­ge statt Kom­fort ent­schie­den. Heu­te unter­stüt­ze ich Men­schen dabei, per­sön­lich zu wachsen.“

Mobbing in sozialen Berufen

Die bei­den Fäl­le erwe­cken womög­lich den Ein­druck, Mob­bing sei nur ein The­ma in der „knall­har­ten“ Wirt­schafts­welt. Bei­lei­be nicht: Auch in sozia­len Beru­fen wie Pfle­ge und Erzie­hung wird hin­ter dem Rücken intri­giert, aus­ge­grenzt und mani­pu­liert. Die Recher­chen zu die­sem Bei­trag för­der­ten Mob­bing-Vor­komm­nis­se vom Kin­der­gar­ten bis zur Uni­ver­si­tät zutage.

Eine Betrof­fe­ne war Mile­na Klein, die ihren Namen lie­ber nicht in der Pres­se lesen will, wes­halb wir ihn geän­dert haben. Mit Anfang 30 arbei­te­te die stu­dier­te Päd­ago­gin in einer Dop­pel­rol­le an einer Grund­schu­le – ange­stellt vom För­der­ver­ein als päd­ago­gi­sche Fach­kraft für den Unter­richt, aber auch als Qua­li­täts­ma­na­ge­rin. Sie brach­te neue Ideen ein, stell­te aber auch unbe­que­me Fra­gen zur straf­fen, fast mili­tä­ri­schen Orga­ni­sa­ti­on der Ein­rich­tung. „Die Schul­lei­tung ver­trat die Ansicht, dass selbst Leh­rer wie Kin­der sei­en und auch so behan­delt wer­den müss­ten. Nichts gegen einen auto­ri­tä­ren Füh­rungs­stil, aber mit natür­li­cher Auto­ri­tät hat­te das nicht viel gemein“, erklärt die lei­den­schaft­li­che Päd­ago­gin. Ähn­lich wie bei Chris­ti­na Astor schmei­chel­te die Vor­ge­setz­te, um Mit­ar­bei­ten­de zu mani­pu­lie­ren. „Gemobbt wur­de sub­til. Wer nicht parier­te, ern­te­te böse Bli­cke. Nie­mand wehr­te sich. Ein gemein­sa­mes Sich-stark-Machen gegen das Bos­sing gab es nicht. Die meis­ten heul­ten sich regel­mä­ßig in der Küche aus“, beschreibt die heu­te 46-Jäh­ri­ge die Situation.

Als Mile­na von der Schul­lei­tung auf­ge­for­dert wird, den Fall eines in ihren Augen hoch­ag­gres­si­ven Kin­des unter den Tep­pich zu keh­ren, und den­noch beim Schul­amt um Hil­fe bit­tet, eska­liert die Lage. Für die um den Ruf besorg­te Schul­lei­te­rin war das ein No-Go. Mile­na gibt zu, dass sie heu­te viel­leicht anders han­deln wür­de. Der Vor­fall zeigt, wie schwer es für die Betrof­fe­nen ist, sich wei­ter­hin kor­rekt zu ver­hal­ten, ohne sich selbst zu ver­ra­ten. „In Tei­len hat Mile­na Gren­zen über­schrit­ten“, sagt auch Coa­chin Wascheck, „geschul­det ihrer Dop­pel­rol­le in einem maro­den Sys­tem sind sol­che Kon­flik­te aller­dings unvermeidbar.“

Der ungewollte Exit entpuppte sich als Glücksfall

Mile­na wird danach im Sekre­ta­ri­at zu Schreib­ar­bei­ten ver­don­nert. „Das las­se ich mir nicht gefal­len, dach­te ich mir. Also betrat ich mei­ne ers­te Klas­se, wur­de aber von der wüten­den Direk­to­rin mit hoch­ro­tem Kopf des Rau­mes ver­wie­sen. Was dann pas­sier­te, ließ mir das Herz auf­ge­hen: Wie im ‚Club der toten Dich­ter‘ skan­dier­ten die Kin­der mei­nen Namen und trom­mel­ten mit den Hän­den auf die Tische“, erzählt sie. Gehol­fen hat es nicht. Mile­na wur­de per Frei­stel­lung aus der Schu­le ent­fernt. Ihr Freund brach­te sie zur Psy­cho­lo­gin, die Psy­cho­phar­ma­ka ver­ord­ne­te. Das Rezept lös­te sie nie ein. Der unge­woll­te Exit ent­pupp­te sich als Glücks­fall: Sie macht sich kurz danach selbst­stän­dig, baut eine Lern­werk­statt auf. „Heu­te wür­de ich selbst­be­wuss­ter mit der Situa­ti­on umge­hen, sie schnel­ler been­den und anders auf Kolleg:innen zuge­hen. Vor allem akzep­tie­ren, dass ich ein kran­kes Sys­tem allein nicht ändern kann“, sagt sie.

So haben Mile­na, Clau­dia und Chris­ti­na letzt­lich den Exit aus ihrem Job gewählt. Die Exper­tin­nen von Berufs­We­ge wol­len Frau­en Mut machen: „Sich gegen Mob­bing zur Wehr zu set­zen ist nicht leicht. Aber es lohnt sich, Kon­flik­te direkt anzu­spre­chen und sich Hil­fe zu suchen. Wer es schafft, aus sol­chen Situa­tio­nen Lear­nings zu zie­hen, kann dar­an wach­sen. Denn resi­li­en­tes Ver­hal­ten bedeu­tet, die Zukunft selbst in die Hand zu neh­men. Und in sich selbst zu investieren.“

Interview: „Man muss sich wehren!“

Gibt es Men­schen, die leich­ter zu Mob­bing-Opfern wer­den? Und was kön­nen Betrof­fe­ne tun? Wir fra­gen Fio­na Wal­traud Ber­le, die seit mehr als 20 Jah­ren als Coach arbeitet.

Umfra­gen zufol­ge hat schon jeder Drit­te Mob­bing im Job erlebt. Betrifft es eher Frau­en oder Männer?

Mob­bing ist der Ver­such von Men­schen, über ande­re Men­schen Macht aus­zu­üben. Das läuft über Tratsch, üble Nach­re­de, Schi­ka­ne aller Art, auch Aus­gren­zung aus einer Grup­pe. Das sind ten­den­zi­ell weib­li­che Stra­te­gien. Män­ner agie­ren in der Regel offen­si­ver. Es gibt aller­dings auch Män­ner, die die­se weib­li­chen Stra­te­gien anwen­den. Es scheint, dass Frau­en häu­fi­ger mob­ben und gemobbt wer­den als Män­ner. Aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht: Sou­ve­rä­ne Men­schen mob­ben nicht. Men­schen, die ande­re quä­len, sind selbst schwa­che Per­sön­lich­kei­ten, die sich aus Unsi­cher­heit an ver­meint­lich noch Schwä­che­ren abreagieren.

Gibt es typi­sche Ver­hal­tens­mus­ter? 

Unter­le­gen wir­ken­de Men­schen sind leich­te Opfer. Sie haben latent Angst, zum Opfer zu wer­den, und strah­len das aus. Sie pro­vo­zie­ren unbe­wusst. Es ist wie eine Self­ful­fil­ling Pro­phe­cy: Wer mit ein­ge­zo­ge­nem Kopf durchs Leben geht, den Blick abwen­det, wird leich­ter gemobbt. Frau­en spe­zi­ell zei­gen ihre Unsi­cher­heit zum Bei­spiel durch Grif­fe ins Gesicht, in die Haa­re. Die Kör­per­hal­tung, Ges­tik, Mimik sagen: „Sor­ry, dass ich auch da bin.“ 

Woher kommt die­ses Verhalten?

Ver­hal­tens­wei­sen wer­den in der Kind­heit geprägt. Erle­ben Kin­der Her­ab­set­zung, machen sie die Erfah­rung, sich nicht weh­ren zu kön­nen. Sät­ze wie „Allein bist du nicht lebens­fä­hig“ oder „Stell dich nicht so an“ wir­ken nach und trü­ben die gesun­de Wahr­neh­mung. Auch kann es sein, dass man Mut­ter oder Vater als macht­los erlebt und die „erlern­te Hilf­lo­sig­keit“ unbe­wusst nachahmt.

Was pas­siert mit den Betroffenen?

Es beginnt mit Ver­un­si­che­rung. Der Boden wankt, und man denkt: „Was ist hier los?“ Wenn man nichts unter­nimmt, führt das zu ech­ten Selbst­zwei­feln. Der Stress wie­der­um führt zu Ver­mei­dungs­ver­hal­ten, sodass Betrof­fe­ne nicht mehr zur Arbeit erschei­nen. Oder nur noch funk­tio­nie­ren. Man­che kön­nen sogar in eine Depres­si­on absa­cken, wenn sie kei­nen Hand­lungs­spiel­raum mehr sehen.

Wie durch­bricht man den Teu­fels­kreis? 

Zunächst muss man wahr­neh­men was pas­siert, anstatt den Kopf in den Sand zu ste­cken. Und dann muss man sei­ner Wahr­neh­mung trau­en. „Ich bin nicht blöd, xy ist wirk­lich hin­ter­häl­tig.“ Dann sucht man sich Ver­trau­te, denen man sich mit­teilt, pri­vat und im Arbeits­um­feld. Wohl­mei­nen­de, die einen unter­stüt­zen. Wenn alles nichts nützt, emp­feh­le ich den Weg zum Anwalt, denn Mob­bing und Stal­king sind Straf­ta­ten. Man darf und muss sich weh­ren! Grund­sätz­lich gilt die Devi­se: Chan­ge it, love it or lea­ve it. 

Stich­wort Resi­li­enz: Gibt es eine Art Schutz­schild gegen Mob­bing, der sich antrai­nie­ren lässt?

Mob­bing kann jedem pas­sie­ren. Kommt es mehr als ein­mal vor, ist es ein Mus­ter. Das Gute an Mus­tern ist: Man kann sie ändern. Und das ungu­te Erleb­nis zum Anlass neh­men, das eige­ne Han­deln zu reflek­tie­ren. War­um betrach­ten mich ande­re als Opfer? Wie kommt das?
Was kann ich ändern? Das schafft man nicht allein, dafür soll­te man sich hel­fen las­sen: von einem Coach oder Psy­cho­the­ra­peu­ten mit lösungs­ori­en­tier­ten Metho­den der „posi­ti­ven Psy­cho­lo­gie“. Dar­aus erwächst Stär­ke, sodass Mob­bing kei­ne Ansatz­punk­te mehr hat.

So gehen Sie vor

Rein­hild Fürs­ten­berg ist Geschäfts­füh­re­rin und Mit­grün­de­rin des Fürs­ten­berg Insti­tuts. Die Fami­li­en­the­ra­peu­tin und sys­te­mi­sche Bera­te­rin unter­stützt Unter­neh­men, die Gesund­heit ihrer Mit­ar­bei­ten­den zu ver­bes­sern. Für Cou­ra­ge hat sie einen 5‑Punk­te-Plan für Mob­bing-Fäl­le erstellt.

1. Fin­den Sie her­aus, ob Sie wirk­lich gemobbt wer­den 

Wer gemobbt wird, fühlt sich durch das Ver­hal­ten des Gegen­übers ver­letzt. Es sind also Emo­tio­nen im Spiel. Um her­aus­zu­fin­den, ob Sie gemobbt wer­den, braucht es jedoch eine gewis­se Sach­lich­keit. Des­halb lohnt es sich im ers­ten Schritt, genau auf­zu­schrei­ben, was pas­siert ist. In tabel­la­ri­scher Form: Datum, was wur­de gesagt/getan, von wem, was war mei­ne Reaktion/Gefühl. So lässt sich die Emo­ti­on vom Sach­ver­halt tren­nen. Drei Attri­bu­te kenn­zeich­nen Mob­bing: Es ist ziel­ge­rich­tet, sys­te­ma­tisch und fin­det über einen län­ge­ren Zeit­raum statt. Als Faust­re­gel gilt: ein­mal pro Woche über einen Zeit­raum von sechs Mona­ten. So lan­ge soll­ten Sie aber kei­nes­falls war­ten, um aktiv zu wer­den. 

2. Suchen Sie Wege, aus der Mob­bing-Situa­ti­on her­aus­zu­kom­men 

Über­prü­fen Sie Ihre Hal­tung. Haben Sie das Gefühl, dass Sie Opfer sind? Wenn ja, stei­gen Sie unbe­dingt aus der Opfer­rol­le aus. Spre­chen Sie mit einer Per­son Ihres Ver­trau­ens, um eine Außen­sicht zu ergän­zen. Erar­bei­ten Sie ein kla­res Ziel: Wie soll der Zustand sein, wenn das Mob­bing vor­bei ist? Arbei­ten Sie schritt­wei­se auf das Ziel hin. Das heißt, mit der Per­son zu spre­chen, die nicht gut mit Ihnen umgeht. Kün­di­gen Sie Kon­se­quen­zen an, wenn sie nicht auf­hört. Als Nächs­tes folgt ein Gespräch zu dritt. Holen Sie sich Rücken­de­ckung von Vor­ge­setz­ten, Betriebs­rat oder Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten. 

3. Infor­mie­ren Sie sich, wie man sich legal weh­ren kann 

Laut Arbeits­schutz­ge­setz hat man das Recht auf Beschwer­de. Die Per­son, die die Beschwer­de ent­ge­gen­nimmt, ist ver­pflich­tet, die Sache auf­zu­klä­ren. Das kön­nen zunächst Vor­ge­setz­te sein, die sich um eine Klä­rung im Rah­men der Füh­rungs­rol­le küm­mern müs­sen. Im zwei­ten Schritt eine Beschwer­de­stel­le, sofern vor­han­den. Es folgt ein Gespräch mit der Gegen­sei­te. Alter­na­tiv hel­fen auch öffent­li­che Bera­tungs­stel­len oder Coa­ches. In letz­ter Kon­se­quenz bleibt nur der Gang zum Anwalt. Die­sen letz­ten Schritt vor dem ers­ten zu gehen, wäre aller­dings kon­tra­pro­duk­tiv. 

4. Zie­hen Sie Kon­se­quen­zen 

Die eige­ne Kon­se­quenz ist das A und O. Jeden Schritt, den man im Pro­zess ankün­digt, muss man ein­hal­ten. Sei es, eine Kon­flikt­mo­de­ra­ti­on mit Exter­nen in Anspruch zu neh­men. Oder sich in eine ande­re Abtei­lung ver­set­zen zu las­sen. Als Ulti­ma Ratio bleibt nur die Kün­di­gung. Wenig sinn­voll: sich aus Prin­zip krank­schrei­ben zu las­sen. Das zögert die Ent­schei­dung nur hin­aus. Wem es psy­chisch oder auch phy­sisch rich­tig schlecht geht, braucht natür­lich eine Krank­mel­dung. 

5. Zukünf­tig glück­lich leben und arbei­ten: Stär­ken Sie Ihre Resi­li­enz 

Es ist wich­tig, in der eige­nen Selbst­ach­tung zu blei­ben. Fokus­sie­ren Sie sich des­halb dar­auf, was in Ihrem Leben noch statt­fin­det, anstatt Ihr gesam­tes Den­ken auf das Mob­bing aus­zu­rich­ten. Die Situa­ti­on soll­te nur den Platz ein­neh­men, den sie tat­säch­lich hat. Nicht mehr! Was macht Ihnen also Freu­de? Was stärkt Sie? Klei­ne Freu­den wie ein Cap­puc­ci­no mit extra Schaum, Tram­po­lin­sprin­gen oder lie­be Freun­de zu tref­fen, brin­gen Sie raus aus der nega­ti­ven Gedan­ken­spi­ra­le. Nut­zen Sie die Chan­ce, an der Situa­ti­on zu wach­sen und Ihre Durch­set­zungs­stär­ke weiterzuentwickeln.

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TechAward-Preisträgerin Amanda Maiwald: Coden lernen per App

Aman­da Mai­wald ist CEO und Co-Foun­de­rin von coda­ry, einem digi­ta­len Bil­dungs­an­bie­ter, der Kin­dern und Jugend­li­chen in Online-Kur­sen spie­le­risch das Coden bei­bringt. War­um wir schon im jun­gen Alter Coden ler­nen soll­ten und wie­so es wich­tig ist, Mäd­chen aus­zu­bil­den, haben wir nachgefragt.

Frauen im Handwerk: „Es braucht ein allgemeines Umdenken“

Bis heu­te ist das Hand­werk – vor allem in den gewerb­lich-tech­ni­schen Beru­fen – noch sehr männ­lich geprägt. Das soll sich ändern. Wie die Situa­ti­on aktu­ell aus­sieht, wel­che Poten­zia­le noch aus­ge­schöpft wer­den kön­nen und wie Frau­en im Hand­werk mehr Sicht­bar­keit bekom­men kön­nen, haben wir Cor­ne­lia Lutz, Bereichs­lei­te­rin B2C-Mes­sen und Lei­tung „Zukunft Hand­werk“ gefragt. 

Rückkehr nach der Elternzeit: „Raus aus der Opferrolle und rein ins aktive Mitgestalten“

Die Eltern­zeit ist vor­bei und die frisch­ge­ba­cke­nen Eltern keh­ren in den Job zurück. Nicht weni­ge machen in die­ser Zeit nega­ti­ve Erfah­run­gen. Das muss nicht sein. Wir haben mit Finanz- und Kar­rie­re­ex­per­tin Sus­an Mol­den­hau­er dar­über gespro­chen, wie man nach der Eltern­zeit nicht ins Kar­rie­re­loch fällt und wor­auf es beim Gespräch mit dem Arbeit­ge­ber ankommt. 

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