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    Maxime Carmignac, ©Andrea Artz

Maxime Carmignac: Die wundersame Geldvermehrung

2022-04-11T15:41:47+02:0011. April 2022|

Maxi­me Car­mignac stammt aus einer bedeu­ten­den Invest­ment-Fami­lie. Ihr Name ist mit einem der erfolg­reichs­ten Fonds Euro­pas ver­bun­den: dem Car­mignac Patri­moi­ne. Heu­te steht sie der bri­ti­schen Nie­der­las­sung von Car­mignac vor, einer Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit über 40 Milli­ar­den Euro Anla­ge­vo­lu­men. Den­noch hat sie die Not­wen­dig­keit, eige­nes Geld zu inves­tie­ren, jah­re­lang völ­lig unter­schätzt. 

Von Michae­la Stemper

Madame Carmignac, bekamen Sie als Kind gleich die erste Aktie in die Wiege gelegt?

Nein, über­ra­schen­der­wei­se nicht. Heut­zu­ta­ge spre­che ich mit mei­nen Kin­dern häu­fig über Geld und Finan­zen. Auch mit mei­nem Mann, der eben­falls in der Finanz­in­dus­trie arbei­tet. Aber damals the­ma­ti­sier­te mein Vater nie die Finan­zen­märk­te oder sein Busi­ness. Er war ein­fach immer sehr beschäf­tigt. Mei­ne Mut­ter hin­ge­gen war eher künst­le­risch ver­an­lagt. 

Gab es einen Unterschied bei der Erziehung der Brüder?

Nein, es gab nicht den berühm­ten Geschlech­ter­un­ter­schied. Mei­ne zwei Brü­der und mei­ne Schwes­ter und ich haben gleich­we­nig von daheim mit­be­kom­men. Finan­zen fan­den in mei­ner Kind­heit ein­fach nicht statt. Neben mir ist nur mein ältes­ter Bru­der Charles im Fami­li­en­un­ter­neh­men aktiv. Nach­dem er die Musik­band Moriar­ty und eine Event-Fir­ma gegrün­det hat­te, stieg er als Vier­zig­jäh­ri­ger bei Car­mignac ein und wur­de zum Direk­tor unse­rer Kunst­stif­tung, der Fon­da­ti­on Car­mignac. 

Welche berufliche Laufbahn haben Sie verfolgt, bevor Sie in das Asset Management Ihres Vaters Édouard Carmignac eingestiegen sind?

Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums an einer der gro­ßen fran­zö­si­schen Wirt­schafts­hoch­schu­len, der ESSEC, fand ich mei­nen per­sön­li­chen Zugang. Wenn Sie so wol­len, hat­te ich mei­ne Erleuch­tung. In einer Cor­po­ra­te-Finan­ce-Vor­le­sung war ich fas­zi­niert von der Fall­stu­die eines Invest­ment­ban­kers von JP Mor­gan über die Fusi­ons- und Über­nah­me­ope­ra­ti­on zwi­schen den Car­re­four und Pro­mo­des Super­märk­ten. Die Stra­te­gie, die Orga­ni­sa­ti­on, das alles ergab plötz­lich einen Sinn. Des­halb habe ich zunächst bei Mor­gan Stan­ley und Lazard ange­fan­gen, wo ich die Grund­la­gen des Finanz­we­sens erlern­te. Ich woll­te auch einen Blick auf die Wirt­schaft wer­fen und ging des­halb für wei­te­re zwei Jah­re zu McK­in­sey, um mich in der Welt außer­halb des Fami­li­en­kos­mos zu bewei­sen. Zu die­sem Zeit­punkt spür­te ich sehr stark den Druck durch die väter­li­chen Erwar­tun­gen. 

Wie hat ihr Vater reagiert, als sie ihm mitteilten, dass sie endlich bereit für das Familienprojekt Carmignac seien?

Als ich zu McK­in­sey ging, war mein Vater nicht begeis­tert und wir hat­ten hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen. Der Ent­schluss, end­lich bei Car­mignac ein­zu­stei­gen, kam nicht über Nacht – er reif­te. Dis­ku­tiert habe ich das mit mei­nem Vater bei einem Spa­zier­gang. Ich woll­te die wohl­erzo­ge­ne Toch­ter sein. Um ehr­lich zu sein, habe ich mei­nen Platz im Alter von 26 auch aus Pflicht­be­wusst­sein ange­tre­ten. Obwohl ich eigent­lich noch nicht bereit dazu war. Ich bedau­er­te, dass mir inter­na­tio­na­le Erfah­rung und das Wis­sen um Alter­na­ti­ve Invest­ments fehl­te. Also ver­ließ ich nach zwei Jah­ren das Unter­neh­men noch ein letz­tes Mal und ging zu einem Hedge­fonds in New York. 

War es ein schwerer Schritt?

Natür­lich gab es erneut Dis­kus­sio­nen. Aber mein Vater ver­stand, dass ich inter­na­tio­na­le Erfah­rung sam­meln woll­te. Und durch die Arbeit in New York konn­te ich schließ­lich ein tie­fe­res Ver­ständ­nis für das The­ma alter­na­ti­ve Anla­gen erwer­ben. Der Markt in den USA ist wesent­lich wei­ter ent­wi­ckelt: in der Denk­wei­se, dem Talent-Pool und Netz­werk. Alter­na­ti­ve Invest­ments kön­nen so viel mehr sein als die Leer­ver­käu­fe, vor dem sich vie­le pri­va­te Anleger:innen fürch­ten. Wir nut­zen die­se Stra­te­gien bei­spiels­wei­se sehr erfolg­reich im Risi­ko­ma­nage­ment. 

Wo setzen Sie persönlich Schwerpunkte bei der Anlage?

Per­sön­lich bin ich eine „Equi­ty-Lady“. Das heißt, ich ten­die­re zum Akti­en­markt, da ich mich bei Mor­gan Stan­ley und McK­in­sey mehr mit der Unter­neh­mens­sei­te beschäf­tigt hat­te. Car­mignac bie­tet die gesam­te Palet­te an Aktien‑, Anlei­hen- und Misch­fonds an. Zu letz­te­ren zählt auch das Schwer­ge­wicht Car­mignac Patri­moi­ne, der vor allem dadurch bekannt gewor­den ist, dass er in schwie­ri­gen Bör­sen­pha­sen wie 2002 beim Plat­zen der Tech-Bla­se oder 2008 in der Leh­man-Kri­se kaum Geld ver­lo­ren hat. Aber es war immer ein Fonds, ein Fonds­ma­na­ger, eine Stra­te­gie. Also habe ich ver­sucht, mit fri­schen Ideen Viel­falt in das Pro­dukt­an­ge­bot zu brin­gen und zu die­sem Zweck das Car­mignac Lab gegrün­det. So haben wir zum Bei­spiel einem der Ana­lys­ten des Flagg­schiffs einen eige­nen Fonds anver­traut, in dem er sei­ne Ideen und sein Ver­fah­ren umset­zen konn­te. Nach­dem er die Rele­vanz sei­nes Kon­zepts bewie­sen hat­te, bot er den Fonds der brei­ten Öffent­lich­keit zur Zeich­nung an: Nach zwei Jah­ren ver­wal­te­te der Fonds Car­mignac Port­fo­lio Credit bereits 1,2 Mil­li­ar­den Euro. Heu­te gibt es nicht mehr nur den einen gro­ßen Car­mignac-Fonds. Wir haben jetzt 23 Stra­te­gien, sie­ben davon mit jeweils mehr als einer Mil­li­ar­de Euro an ver­wal­te­tem Ver­mö­gen. 

Von ganz großen Zahlen zu ganz kleinen: Was unterscheidet uns Frauen von Männern, wenn wir private Anlageentscheidungen treffen?

Vie­le Stu­di­en zei­gen, dass sich die weib­li­che und die männ­li­che Sicht­wei­se beim Inves­tie­ren unter­schei­den. Frau­en ten­die­ren dazu, nach dem „War­um“ zu fra­gen. Män­ner fokus­sie­ren eher das „Wie“. Das heißt, Frau­en den­ken dar­über nach, wel­che lang­fris­ti­gen Lebens­zie­le sie mit der Anla­ge errei­chen wol­len, zum Bei­spiel von der Aus­bil­dung der Kin­der bis hin zur Unter­stüt­zung der Enkel­kin­der. Män­ner hin­ge­gen wol­len genau wis­sen, wie viel Pro­zent sie in eine bestimm­te Anla­ge­klas­se, einen bestimm­ten Sek­tor oder eine bestimm­te Regi­on inves­tie­ren sol­len, und inter­es­sie­ren sich sogar für ganz bestimm­te Akti­en. Sie gehen spie­le­ri­scher an Anla­ge­the­men her­an. 

Auch die nach­hal­ti­ge Geld­an­la­ge för­dert Unter­schie­de zuta­ge: Das weib­li­che Geschlecht denkt in der Regel lang­fris­ti­ger, wäh­rend das männ­li­che Geschlecht eher den kurz­fris­ti­gen Gewinn im Auge hat. Dar­über hin­aus zei­gen Frau­en etwas weni­ger Selbst­ver­trau­en beim Inves­tie­ren. Der Man­gel dar­an wird mei­ner Mei­nung nach übri­gens sehr gut in She­ryl Sand­bergs Buch „Lean in“ beschrie­ben. 

Neben dem Pay-Gap müssen wir auch einen Gender-Investment-Gap überwinden …

Ein Bei­spiel: Wenn eine Frau in den USA heu­te 85.000 US-Dol­lar Gehalt bekommt und muss sie ein Leben lang arbei­ten um einen Pay-Gap von 20 Pro­zent auf­zu­ho­len und rund 100.000 US-Dol­lar zu ver­die­nen. Sum­miert man das auf, hat sie rund eine Mil­li­on Dol­lar mehr durch das Schlie­ßen der Lücke erzielt. Beacht­lich! Inves­tiert die glei­che Per­son 20 Pro­zent ihres Ein­kom­mens zu fünf Pro­zent, kann sie ein Ver­mö­gen von drei Mil­lio­nen Dol­lar auf­bau­en, inner­halb der glei­chen Zeit etwa drei­mal mehr. Die wun­der­sa­me Geld­ver­meh­rung durch den Zin­ses­zins­ef­fekt. Hier muss die Finanz-Edu­ca­ti­on ansetz­ten. Ich möch­te allen Frau­en zuru­fen: Star­tet jetzt mit den Ver­mö­gens­auf­bau! Es ist nie zu früh, damit anzu­fan­gen. So wünsch­te ich, mei­ne Eltern hät­ten mir die ers­te Aktie tat­säch­lich in die Wie­ge gelegt.  

Können Sie nachvollziehen, warum sich Frauen selten von den Angeboten der Investmentindustrie angesprochen fühlen?

Ja, die die Kom­mu­ni­ka­ti­on ist vor­wie­gend auf die männ­li­chen Ziel­kun­den aus­ge­rich­tet. Frau­en wer­den noch nicht adäquat ange­spro­chen und berück­sich­tigt. Aber dies­be­züg­lich muss ein Umden­ken statt­fin­den. Denn Pro­gno­sen von Ernst&Young zufol­ge wird in weni­gen Jahr­zehn­ten 70 Pro­zent des Anla­ge­vo­lu­mens in den USA von Frau­en ver­wal­tet. Also brau­chen wir Invest­ment­fonds, die die weib­li­chen Bedürf­nis­se in den Vor­der­grund stel­len. Das bedeu­tet, wir brau­chen mehr trans­pa­ren­te Fonds, die nach ESG-Kri­te­ri­en in Unter­neh­men inves­tie­ren, die Frau­en ken­nen und denen sie ver­trau­en. Gute Bei­spie­le für sol­che Akti­en­ge­sell­schaf­ten sind mei­ner Mei­nung nach Dis­ney oder Pep­si-Cola. Nach dem Mot­to „Invest and for­get“ kann man die Aus­füh­rung ruhig in die Hän­de pro­fes­sio­nel­ler Fondsmanager:innen legen. Kon­kre­ti­siert haben wir die­se Idee vor drei Jah­ren in einem welt­weit inves­tie­ren­den Akti­en­fonds, dem Car­mignac Port­fo­lio Grand­child­ren. Ein ech­ter Impact Fonds mit einer guten Per­for­mance.  

Ich beob­ach­te den Trend der Invest­ment­fonds von Frau­en für Frau­en in Deutsch­land sehr auf­merk­sam. Aber ich muss fest­stel­len, dass bei Car­mignac ohne­hin fast zwei Drit­tel unse­res Fonds­ver­mö­gens von Frau­en ver­wal­tet oder mit­ver­wal­tet wer­den. 

Welche drei Investment-Tipps würden Sie Frauen mit auf den Weg geben?

Ers­tens, der rich­ti­ge Zeit­punkt zum Inves­tie­ren ist genau jetzt. Begin­ne heu­te mit dem kon­ti­nu­ier­li­chen Ver­mö­gens­auf­bau! Zwei­tens, fin­de einen Anbie­ter, des­sen Manage­ment und Akti­en­aus­wahl du ver­traust! So kannst du in unru­hi­gen Bör­sen­zei­ten beson­nen blei­ben. Drit­tens, ach­te auf Nach­hal­tig­keit, wenn du lang­fris­tig enga­giert sein willst! 

Was war der beste Ratschlag, den man Ihnen diesbezüglich gegeben hat?

Inter­es­san­ter­wei­se war es eher der Rat­schlag, den man mir nicht gab. Ich wur­de zu spät auf die Vor­tei­le des kon­ti­nu­ier­li­chen Ver­mö­gens­auf­baus mit Zin­ses­zins auf­merk­sam gemacht. 

Wenn ich in der Zeit zurück­rei­sen könn­te, wür­de ich in einen aktiv ver­wal­te­ten Fonds inves­tie­ren, der auf Akti­en aus dem S&P 500 abzielt, also mit Schwer­punkt USA, und ent­spannt den Zin­ses­zins­ef­fekt für mich arbei­ten las­sen. Mit Blick auf die rei­ne Per­for­mance hät­te ich ger­ne Apple gekauft. Wenn ich alle Kri­te­ri­en berück­sich­ti­ge, die weib­li­ches Inves­tie­ren aus­ma­chen, wäre mein Favo­rit die schwe­di­sche Assa-Abloy-Grup­pe. „Schließ­sys­tem­her­stel­ler“ mag nicht beson­ders fan­cy klin­gen, ich weiß. Aber die Hälf­te aller Tür­schlös­ser und Schließ­an­la­gen kommt von den Schwe­den. Ein sta­bi­les Busi­ness mit sehr hohen Ein­tritts­bar­rie­ren und mit inno­va­ti­ven Ideen für die nächs­ten Genera­tio­nen ist gut für ein Port­fo­lio der Zukunft. 

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