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    Luiza Helena Trajano, ©Wikipedia Commons

Mama Luiza und der Rassismus

2022-02-28T17:43:18+01:0026. Februar 2022|

Lui­za Hele­na Tra­ja­no ist sehr reich, man­che sagen sogar die reichste Frau des Staa­tes und die gehört zur Ober­schicht Bra­si­li­ens. Irgend­wann fällt ihr auf, dass sie kei­ne far­bi­gen Gäs­te auf Par­tys hat. Sie räso­niert und ent­wirft ein fri­sches Nach­wuchs­füh­rungs­kräf­te­trai­ning, das fort­an nur noch PoC in ihrer Fir­ma „Maga­zi­ne Lui­za“ zulässt. Plötz­lich hat Tra­ja­no einen Shit­s­torm am Hals. Die gan­ze Geschich­te.

Von Mat­thi­as Lauerer

Ras­sis­mus ist eine Pla­ge, die selbst im Jahr 2022 nicht tot­zu­krie­gen ist. Gleich wer­den wir davon hören. Doch zunächst rei­sen wir zurück zum 1. Dezem­ber 1955. An jenem Don­ners­tag setzt sich eine jun­ge PoC namens Rosa Parks ein­fach in den Bus und zwar dort, wo sie wegen der herr­schen­den strik­ten Ras­sen­ge­set­ze eigent­lich nicht sit­zen soll­te. Es ist ein Platz für wei­ße Men­schen. Der Bus­fah­rer ermahnt Parks, doch die bleibt sto­isch oder ermat­tet sit­zen. Ein Skan­dal. Die jun­ge Frau lan­det im Gefäng­nis und wird zu einer Geld­stra­fe ver­ur­teilt. Doch manch­mal gibt es jenen Fun­ken, der alles ändert.

Divers wäre anders

Solch ein klei­ner Fun­ken zün­det vor ein paar Jah­ren auch bei Lui­za Tra­ja­no. Ihr fällt auf ihrer Geburts­tags­par­ty auf, dass sie nur Wei­ße ein­ge­la­den hat. So erzähl­te sie es der „New York Times“: „Auf mei­nen Geburts­tags­fei­ern gibt es kei­ne schwar­zen Frau­en. Das ist struk­tu­rel­ler Ras­sis­mus, der in mei­nem Fall nicht durch Ableh­nung ent­steht, son­dern dadurch, dass ich es ver­säumt habe, nach ihnen zu suchen.“  

Nun könn­te man mei­nen, dass sie, die mehr­fa­che Mil­lio­nä­rin, nun ein­fach ein paar Peop­le of Colour zu den Fes­ten der Zukunft ein­lädt und die Sache auf sich beru­hen lässt. Doch es kommt anders, denn der Aha-Moment ver­än­dert die Fir­men­po­li­tik ihrer Laden­ket­te „Maga­zi­ne Lui­za“. Das Kon­glo­me­rat besteht seit 1957. Heu­te sor­gen mehr als 1.100 Geschäf­te in 819 Städ­ten für einen 2019er-Umsatz von mehr als 3,4 Mil­li­ar­den Euro, wie es bei der Wis­sens­platt­form „Wiki­pe­dia“ dazu heißt. Im Port­fo­lio gibt es „Haus­halts­ge­rä­te, Elek­tro­nik, Möbel, Kos­me­ti­ka, Baby­pfle­ge­zu­be­hör, Spiel­zeug und Sport­ar­ti­kel.“ Dazu kom­men „Kre­dit­kar­ten, Ver­brau­cher­kre­di­te und Gehaltsabrechnungskredite“.

Respekt vor den Menschen

Nach der Geburts­tags­er­kennt­nis kommt Lui­za Tra­ja­no der Ein­fall, der im Land auf­sei­ten der Anhän­ger des ultra­rech­ten Hard­li­ners Jair Bol­so­na­ro für einen Auf­schrei sorgt: Im Sep­tem­ber 2020 ver­kün­det der Ein­zel­han­dels­rie­se, nur noch PoC in das eige­ne Zukunfts­füh­rungs­kräf­te­pro­gramm auf­zu­neh­men. Der Pau­ken­schlag lässt den rech­ten Mob in den Sozia­len Medi­en toben, der Shit­s­torm ist da. Im Janu­ar 2022 twit­tert die Fir­men­che­fin dazu: „Der Respekt vor den Men­schen, der Umwelt und der Unter­neh­mens­füh­rung ist für uns abso­lut grund­le­gend!“  

Aber das Erstaun­lichs­te ist, dass Tra­ja­no stolz ihr poli­ti­sches Bewusst­sein auch jetzt noch offen zeigt, in einem sehr pola­ri­sier­ten Bra­si­li­en. Bei Kon­fe­ren­zen und in Inter­views setzt sie sich mit Ver­ve für ihre Anlie­gen ein — sei es gegen Ras­sis­mus, sexis­ti­sche Gewalt oder die För­de­rung der Gleich­stel­lung der Geschlech­ter. Und sie redet nicht nur dar­über, sie han­delt, was sicher nicht allen gefällt. 

Im TV sag­te sie: “Wir müs­sen bes­ser ver­ste­hen, was struk­tu­rel­ler Ras­sis­mus ist. Ich dach­te, ich sei kei­ne Ras­sis­tin”. Dass jemand mit so viel Ein­fluss im Fern­se­hen jene Wor­te wählt, ist außer­ge­wöhn­lich in einem Land, in dem PoC mehr als die Hälf­te der Bevöl­ke­rung dar­stel­len. 

Ger­ne hät­te courage-online.de mit Frau Tra­ja­no über die Sache gespro­chen. Zunächst ant­wor­tet ihr Sohn, der die Beant­wor­tung der per E‑Mail gestell­ten Fra­gen flugs zusagt und dann, aus Zeit­grün­den, doch wie­der absagt. 

Tiefsitzender Rassismus

Dass es im Staat Bra­si­li­en viel tun gibt, zeigt sich an zwei Zif­fern. So töte­te die bra­si­lia­ni­sche Poli­zei im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt mehr als 33.000 Zivi­lis­ten. Drei Vier­tel davon gehör­ten zu den PoC. Man stel­le sich jene Zahl — und den dazu pas­sen­den Umstand — ein­mal in Deutsch­land vor.  

Dar­über hin­aus zeigt sich die Dis­kri­mi­nie­rung auch in der Job­welt, da PoC mas­si­ve Schwie­rig­kei­ten dabei haben, in die Füh­rungs­zir­kel von Unter­neh­men auf­zu­stei­gen. Dass das Umden­ken auch bei „Maga­zi­ne Lui­za“ bit­ter nötig ist, zeig der Fakt, dass dort, vor dem Launch des neu­en För­der­pro­gramms, 53 Pro­zent aller Mit­ar­bei­ten­den PoC waren. Doch in die Füh­rungs­rän­ge schaff­ten es nur weni­ger als 20 Prozent.

Ein Anfang

Keh­ren wir zum Anfang der Geschich­te und Rosa Parks zurück. Deren Müdig­keit, ihr Trotz und der rich­ti­ge poli­ti­sche Moment sorg­ten für gewal­ti­ge Ver­än­de­rung in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Und wer weiß, viel­leicht gelingt das Lui­za Tra­ja­no auch im fer­nen Brasilien. 

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Vom Ehrenamt in die Festanstellung

Ria Kor­t­um ist stu­dier­te Heil­päd­ago­gin und seit 2017 bei der Deut­schen Kin­der­krebs­stif­tung für „Pro­jekt­ma­nage­ment und psy­cho­so­zia­le The­men“ zustän­dig. Zuvor enga­gier­te sich die Mut­ter von Zwil­lin­gen, die selbst sehr jung an Krebs erkrank­te, ehren­amt­lich für die Stif­tung. “Ein Ehren­amt kann dabei hel­fen, aus­zu­lo­ten, wo die eige­ne beruf­li­che Rei­se hin­ge­hen soll”, ermu­tigt Rita Kor­t­um. Ein bewe­gen­des Plä­doy­er für Mut und Beharrlichkeit. 

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