Startseite/Maison Mirabeau-Gründerin Jeany Cronk: Die Geschichte einer Winzerin
  • Jeany Cronk
    Jeany Cronk, Gründerin der Weinmarke Maison Mirabeau, ©Maison Mirabeau

Maison Mirabeau-Gründerin Jeany Cronk: Die Geschichte einer Winzerin

2022-05-05T15:07:29+02:005. Mai 2022|

Vor rund 13 Jah­ren ist die gebür­ti­ge Baye­rin Jea­ny Cronk mit ihrem Mann Ste­phen aus dem Lon­do­ner Süd­wes­ten in die Pro­vence gezo­gen. Heu­te pro­du­zie­ren sie mit Mai­son Mira­beau preis­ge­krön­te Rosé­wei­ne und wol­len die rege­ne­ra­ti­ve Land­wirt­schaft im Wein­bau vor­an­trei­ben. Wir haben mit der Wahl­fran­zö­sin gesprochen.

Von Isa­bell Walter

2009 haben Sie und Ihr Mann Ihr Haus in London verkauft und sich ein Weingut in der Provence gekauft. Wie kam es dazu?

Den Traum, nach Frank­reich zu zie­hen, hat­ten wir schon län­ger. Mein Mann war frü­her eini­ge Jah­re im Wein­ge­schäft tätig und hat die­sen Bereich sehr ver­misst. Doch bis wir die Ent­schei­dung aus­zu­wan­dern getrof­fen hat­ten, hat es eini­ge Jah­re gedau­ert. Schließ­lich waren wir im Süd­wes­ten Lon­dons sehr stark ver­wur­zelt und hat­ten drei klei­ne Kin­der – unser jüngs­ter Sohn Geor­ge war zum Zeit­punkt des Umzugs erst 14 Mona­te alt. Als dann bei mei­nem Mann, der damals in der Tech­no­lo­gie­bran­che gear­bei­tet hat, beruf­lich eini­ges im Umbruch war, haben wir gemerkt: Der “rich­ti­ge” Zeit­punkt wird nicht kom­men, den müs­sen wir selbst bestim­men. Also haben wir unse­re Sachen gepackt und sind nach Cotignac im Her­zen der Pro­vence aufgebrochen.

Was hat Ihr Umfeld dazu gesagt? Kam Ihr Plan gut an oder wurde er skeptisch betrachtet?

Die meis­ten unse­rer Freun­de und die Fami­lie haben ver­sucht, uns zu unter­stüt­zen. Aber sie waren schon in Sor­ge. Das gilt ins­be­son­de­re für mei­ne Eltern. Mein Vater ist eben­falls selb­stän­dig und weiß um die Risi­ken. Zusätz­lich konn­ten mein Mann und ich nicht beson­ders gut Fran­zö­sisch und mit den drei Kin­dern war der Neu­start noch ein­mal anspruchs­vol­ler. Was die meis­ten unse­rer Bekann­ten außer­dem sehr über­rascht hat, war, dass wir als „Stadt­men­schen“ in eine klei­ne Ort­schaft zie­hen woll­ten. Sie waren aber der Mei­nung, dass wir ja immer noch die Mög­lich­keit hät­ten, in einer grö­ße­ren Fir­ma zu arbei­ten, soll­te es mit dem Wein­ge­schäft nicht klap­pen. Einen tota­len Fehl­schlag haben sie dann doch nicht erwartet.

Angekommen in Frankreich: Wie lief der Start ab?

Ins­ge­samt war unser Neu­an­fang nicht ein­fach, sowohl was das Unter­neh­men als auch die Fami­lie angeht. Unse­re bei­den älte­ren Kin­der waren damals sie­ben und acht Jah­re alt. Sie wur­den direkt auf der fran­zö­si­schen Dorf­schu­le ange­mel­det. Eine inter­na­tio­na­le Schu­le gab es dort natür­lich nicht. Das war sowohl sprach­lich wie auch vom Schul­sys­tem eine gro­ße Her­aus­for­de­rung. Ich habe des­halb in der Anfangs­zeit wenig in der Fir­ma mit­ge­ar­bei­tet und mich viel um die Kin­der geküm­mert. Aber auch für mei­nen Mann und mich war es nicht ein­fach. Auch wir muss­ten uns vor Ort ein kom­plett neu­es sozia­les Netz­werk auf­bau­en. Damals habe ich mich manch­mal sehr ego­is­tisch gefühlt und mich gefragt, ob wir wohl die rich­ti­ge Ent­schei­dung getrof­fen hat­ten. Schließ­lich haben nicht nur mein Mann und ich, son­dern auch unse­re Kin­der ihr gewohn­tes Umfeld auf­ge­ge­ben. Als wir alle nach und nach ers­te Freun­de gefun­den hat­ten, wur­de es aber leich­ter und wir haben begon­nen, uns in der Pro­vence sehr wohlzufühlen.

…Und parallel haben Sie den Grundstein für die Marke Mirabeau gelegt.

Genau. Wir haben sehr klein ange­fan­gen und hat­ten nicht sofort ein eige­nes Wein­gut – das wäre finan­zi­ell gar nicht mög­lich gewe­sen. Wir haben uns statt­des­sen mit einer klei­nen Anzahl loka­ler Win­zer zusam­men­ge­tan und Part­ner­schaf­ten ver­han­delt. Wir haben also die Roh­stof­fe bei den Win­zern zuge­kauft und uns auf die Assem­bla­ge – die Wein­zu­sam­men­stel­lung – fokus­siert. Unser Ziel war es, hoch­wer­ti­ge Rosé­wei­ne von gleich­blei­ben­der Qua­li­tät zu pro­du­zie­ren. So haben wir unse­re Mar­ke Mira­beau auf­ge­baut. Doch die Kon­kur­renz schläft nicht. Immer mehr Wein­pro­du­zen­ten kom­men auf den Markt. Gera­de in der Pro­vence ist die Nach­fra­ge grö­ßer als das Ange­bot. Ent­schei­dend ist des­halb der gute Kon­takt zu den ein­hei­mi­schen Win­zern. Es war uns von Anfang an sehr wich­tig, sie wie einen Teil unse­rer Fami­lie zu behandeln.

2019, also genau zehn Jahre nach Ihrem Umzug in die Provence, kauften Sie schließlich Ihr eigenes Weingut. Wie kam es dazu?

Ein eige­nes Wein­gut will gut über­legt sein. Das erfor­der­li­che Kapi­tal ist hoch und es dau­ert erst ein­mal eine Zeit­lang, bis man Erträ­ge erzielt. Wir haben uns des­halb zunächst mit unse­rer Mar­ke unter­neh­me­risch sicher auf­ge­stellt, bis wir das neue Aben­teu­er mit der Domai­ne Mira­beau gewagt haben. Letzt­lich haben wir über 40 Betrie­be ange­schaut, bis wir das Pas­sen­de gefun­den hat­ten. Preis­lich geht es für klei­ne Wein­gü­ter bei fünf bis zehn Mil­lio­nen Euro los. Grö­ße­re Anwe­sen kön­nen auch 60 Mil­lio­nen Euro kos­ten. Nach oben gibt es aber kaum Grenzen.

Konnten Sie bereits eigene Weine produzieren?

Bis­her nur sehr wenig. Wir stel­len den Wein­berg auf rege­ne­ra­ti­ve Land­wirt­schaft um und die­ser Pro­zess dau­ert etwa zwei bis drei Jah­re. Allein dadurch schmä­lert sich der Ertrag um rund zehn bis zwan­zig Pro­zent. 2021 konn­ten wir wegen eines star­ken Frosts nur etwa 40 Pro­zent der Trau­ben ver­wen­den. Wir haben wir dann etwa 3.000 Fla­schen eines sehr selek­ti­ven Rosés pro­du­ziert. Die rest­li­chen Trau­ben sind in die Mar­ken-Cuvée-Pro­duk­ti­on geflos­sen. In die­sem Jahr fällt die Ern­te sogar ganz aus, weil wir im Som­mer einen star­ken Wald­brand hat­ten. Bis auf zwei land­wirt­schaft­li­che Gebäu­de sind die Häu­ser zum Glück ver­schont geblie­ben, aber der Wein hat einen Rauch­scha­den. Sol­che unvor­her­seh­ba­ren Rück­schlä­ge sind ein wich­ti­ger Grund, wes­halb wir uns mit den loka­len Win­zern zunächst eine sta­bi­le Ver­sor­gungs­struk­tur auf­ge­baut haben. Die Natur kann einem immer einen Strich durch die Rech­nung machen und das muss ein Unter­neh­men auch ver­kraf­ten können.

Was sind die größten Herausforderungen in der Selbstständigkeit?

Allen vor­an die Work-Life-Balan­ce. Wir arbei­ten sehr viel und sind auch mit Geschäfts­part­nern aus den ver­schie­dens­ten Zeit­zo­nen im Aus­tausch. Das Pri­vat­le­ben kann da schon mal zu kurz kom­men. Da mein Mann und ich das Unter­neh­men gemein­sam füh­ren, nei­gen wir außer­dem dazu, auch im Pri­va­ten viel über Geschäft­li­ches zu spre­chen. Mai­son Mira­beau ist außer­dem recht schnell gewach­sen. Wir haben zu zweit ange­fan­gen und haben heu­te über 30 Mit­ar­bei­ter. Unse­re posi­ti­ve Fir­men­kul­tur wol­len wir natür­lich trotz­dem bei­be­hal­ten. Auch wenn Kol­le­gen Remo­te arbei­ten, ver­su­chen wir durch gute Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le die Nähe zuein­an­der zu fördern.

In Großbritannien haben Sie mit Ihren Weinen längst Fuß gefasst. Jetzt geht es nach Deutschland. Wie wollen Sie hier den Markt erobern?

In Eng­land sind wir heu­te unter den Top-3-Wein­häu­sern aus der Pro­vence. Des­halb ist am Markt schon ein gewis­ses Ver­trau­en in unse­re Mar­ke da. Den­noch ist Deutsch­land kein ein­fa­cher Markt. Vie­le Fir­men aus dem Aus­land haben sich hier schon schwer­ge­tan. Des­halb freu­en wir uns sehr, dass wir mit Eggers und Fran­ke einen erfah­re­nen Dis­tri­bu­ti­ons­part­ner gewin­nen konn­ten, mit dem wir in Deutsch­land durch­star­ten kön­nen. Unter­stützt wird Eggers und Fran­ke von unse­rem Ver­kaufs­di­rek­tor für die Schweiz, Öster­reich und Deutsch­land. Außer­dem inves­tie­ren wir stark ins Mar­ke­ting und die PR, um unse­re Sicht­bar­keit in Deutsch­land zu erhöhen.

Was würden Sie heute anders machen?

Auch wenn bestimmt nicht alle Ent­schei­dun­gen ide­al waren, sind wir dar­an schließ­lich als Men­schen und Geschäfts­leu­te gewach­sen. Grund­sätz­lich etwas anders machen, wür­de ich also nicht. Die ein­zi­gen Punk­te wären wohl, dass ich das Unter­neh­men heu­te von vorn­her­ein digi­ta­ler auf­stel­len wür­de. Und auch mit Auf­trit­ten in den sozia­len Medi­en wie Insta­gram wür­de ich frü­her anfan­gen. Aber bei­des hat letzt­lich ja noch gut geklappt, denn wir sind für ein Wein­un­ter­neh­men doch sehr gut vernetzt.

Wo sehen Sie Ihr Weingut in den kommenden Jahren?

Wir wol­len ein Vor­zei­ge­be­trieb im rege­ne­ra­ti­ven Wein­bau wer­den. Mai­son Mira­beau soll eine Stim­me in der Dis­kus­si­on rund um Natur­schutz im Wein­bau wer­den. Mein Mann hat des­halb die Rege­ne­ra­ti­ve Viti­cul­tu­re Foun­da­ti­on gegrün­det, für die wir mit meh­re­ren gro­ßen Wein­häu­sern zusam­men­ar­bei­ten. Die Stif­tung soll die rege­ne­ra­ti­ve Land­wirt­schaft vor­an­trei­ben und ande­re Win­zer auf dem Weg dort­hin unter­stüt­zen. Für Wein­bau­ern hat rege­ne­ra­ti­ve Land­wirt­schaft ver­schie­dens­te Vor­tei­le: Zum Bei­spiel spei­chern die Wein­ber­ge das Was­ser bes­ser und es wird nach der Umstel­lung kaum noch Dün­ger benö­tigt. Gera­de in Zei­ten wie die­sen, in denen wir nicht nur die Umwelt, son­dern auch alle ande­ren Ein­flüs­se berück­sich­ti­gen müs­sen, hat das die obers­te Priorität.

Die bes­ten Sto­ries für dich!

Noch mehr Infos für dich

Frauen in der Wissenschaft: Hier steckt Aufholpotenzial drin

Denkt man an gro­ße Wis­sen­schaft­le­rin­nen, dürf­te vie­len als Ers­tes Marie Curie in den Sinn kom­men. Doch es gab in der Geschich­te — und auch heu­te — bedeu­tend mehr Frau­en, deren Scharf­sinn wir eini­ges zu ver­dan­ken haben. Wir haben uns ange­schaut, wir hoch der Frau­en­an­teil in den ver­schie­de­nen EU-Län­dern ist.

TechAward-Preisträgerin Rena Kleine: Warum ecotrek sich von EcoVadis kaufen ließ

Rena Klei­ne ist Co-Foun­de­rin ​​des Star­tups ecot­rek. Wes­halb sie und ihr Team bereits nach zwei Jah­ren einen erfolg­rei­chen Exit hin­leg­ten, war­um sie sich ger­ne von der fran­zö­si­schen Eco­Va­dis SAS kau­fen lie­ßen und wie es sich anfühlt, im eige­nen Unter­neh­men ange­stellt zu sein, haben wir nachgefragt. 

Dir hat der Artikel gefallen? Jetzt teilen...

Nach oben