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    In der Ukraine herrscht Krieg, ©Reuters

Krise – Was bedeutet die Eskalation in der Ukraine für die Wirtschaft?

2022-02-25T13:16:17+01:0024. Februar 2022|

Es ist Krieg in der Ukrai­ne. Die Bör­sen bre­chen ein. Öl, Gas, Wei­zen, Alu­mi­ni­um und vie­le ande­re Roh­stof­fe wer­den zuse­hends teu­rer. Was bedeu­tet das für unse­ren All­tag, für unse­re Wirtschaft?

Von Ant­je Erhard

Der Ukrai­ne-Kon­flikt ist eska­liert. Die Bör­sen reagie­ren welt­weit mit hef­ti­gen Ver­lus­ten. Roh­stof­fe wer­den rapi­de teu­rer:  Öl der Nord­see­sor­te Brent steigt auf über 105 US-Dol­lar pro Fass. Zum ers­ten Mal seit über sie­ben Jah­ren. Der Wei­zen­preis explo­diert auf ein Neun-Jah­res-Hoch. Eini­ge Indus­trie­me­tall-Prei­se zie­hen enorm an.

„Auch wenn durch die Ent­wick­lun­gen der ver­gan­ge­nen Tage ein Krieg in Euro­pa immer näher rück­te, dar­an geglaubt haben nur die wenigs­ten“, sagt Jochen Stanzl, Chef­markt­ana­lyst von CMC Mar­kets. „Und auch wenn der rus­si­sche Prä­si­dent Putin noch von einer Mili­tär­ak­ti­on statt eines Krie­ges spricht, die nun erreich­te Eska­la­ti­ons­stu­fe in die­sem Kon­flikt dürf­te nicht nur vie­le unschul­di­ge Men­schen­le­ben for­dern, son­dern auch Wirt­schaft und Bör­se stark in Mit­lei­den­schaft ziehen.“

Vie­le Marktteilnehmer:innen haben Sor­ge, dass Russ­land die Öl-Lie­fe­run­gen dros­selt oder ein­stellt. Doch wei­ter stei­gen­de Ener­gie-Prei­se wer­den für Bör­se und Wirt­schaft zum Pro­blem: Unter­neh­men müs­sen Ener­gie teu­rer bezah­len. Und die Infla­ti­on wird wei­ter stei­gen. Das erhöht den Druck auf die Noten­ban­ken, der Infla­ti­on ent­ge­gen zu tre­ten und die Zin­sen zu erhöhen.

Notenbanken in der Zwickmühle

„Die Noten­ban­ken sind in einer Zwick­müh­le“, sagt Micha­el Blu­men­roth, Wäh­rungs- und Roh­stoff-Exper­te der Deut­schen Bank. Wenn Öl, Wei­zen, Gas teu­rer wer­den, stei­ge die Infla­ti­on. Da müss­ten auch die Zin­sen stär­ker stei­gen. Stär­ker als womög­lich bis­lang ange­dacht. Doch die hohen Ener­gie-Prei­se belas­ten Wirt­schaft und Ver­brau­cher; inzwi­schen dro­he eine Stag­fla­ti­on: Die Geld­ent­wer­tung nimmt zu, aber die Wirt­schaft wächst nicht. „Wenn die Roh­stoff-Prei­se, ins­be­son­de­re die Ener­gie-Prei­se, wei­ter nach oben schie­ßen, trifft das Wirt­schaft und Ver­brau­cher hart. Wir kon­su­mie­ren weni­ger, die Wirt­schaft wird ausgebremst.“

Eigentlich müssten die Zinsen sinken…aber sie werden steigen

„In einer der­ar­ti­gen Kri­sen-Situa­ti­on wie aktu­ell wür­den Noten­ban­ken eigent­lich die Zin­sen sen­ken. Doch die Zin­sen sind bereits nied­rig“, sagt Micha­el Blu­men­roth. Aller­dings sei die Wahr­schein­lich­keit für einen nur klei­nen Zins­schritt der US-Noten­bank Fed im März nun gestie­gen. Die Euro­päi­sche Zen­tral­bank könn­te erst ein­mal das Ende ihres Anlei­he­kauf­pro­gramms ver­schie­ben. Das wür­de eine ers­te Zins­er­hö­hung in die­sem Jahr auch in der Euro­zo­ne aber nicht aus­schlie­ßen. „Mit­tel­fris­tig wer­den die Zin­sen steigen.“

Schwächung der Wirtschaft absehbar – Doch die Zinsen werden steigen

Auch Jochen Stanzl sieht EZB und Fed durch den erneu­ten Preis­schub bei Agrar- und Ener­gie­roh­stof­fen in Zug­zwang. „Die Infla­ti­on soll durch Zins­an­he­bun­gen und einen Abbau der Bilanz der Fed bekämpft wer­den, aber die Schwä­chung der Wirt­schaft durch den Anstieg im Ölpreis über 100 Dol­lar ist abseh­bar. Die EZB und Fed müss­ten sich jetzt ent­schei­den, ob sie lie­ber die Infla­ti­on bekämp­fen wol­len oder davon abse­hen wol­len, um die Wirt­schaft vor einer zu tie­fen Rezes­si­on zu schützen.“

Die Zin­sen sei­en deut­lich gestie­gen, da zeit­wei­se Anfang des Jah­res sie­ben Zins­an­he­bun­gen durch die Fed erwar­tet wor­den waren. Jetzt wer­den noch sechs Anhe­bun­gen gese­hen. „Auch wenn sie­ben weni­ger als sechs ist sind das immer noch vie­le Zins­an­he­bun­gen. Wegen der Ukrai­ne rücken die ame­ri­ka­ni­schen Ren­ten­märk­te im Moment nicht von die­ser Erwar­tungs­hal­tung ab – wahr­schein­lich auch des­halb, weil der Krieg in der Ukrai­ne infla­tio­när ist. Man darf nicht ver­ges­sen, dass Russ­land Teil der OPEC+ ist und die Ukrai­ne ein Vier­tel des welt­wei­ten Agrar­han­dels abwickelt.“

Nach Ein­schät­zung des Teams der Com­merz­bank um Chef­an­la­ge­stra­te­ge Chris-Oli­ver Schi­cken­tanz sind die direk­ten wirt­schaft­li­chen Fol­gen der Ukrai­ne-Kri­se über­schau­bar: „So gehen nur noch 0,5 Pro­zent der EU-Expor­te nach Russ­land. Selbst mas­siv ver­schärf­te Sank­tio­nen hät­ten daher kaum wirt­schaft­li­che Negativfolgen.“

Konjunkturhoffnung vor Belastungsprobe

Die größ­ten Risi­ken für die Welt­wirt­schaft sieht die Com­merz­bank hin­ge­gen in den indi­rek­ten Fol­gen auf die Wirt­schafts­stim­mung und den Nega­tiv­fol­gen wei­ter stei­gen­der Ener­gie­prei­se. Die zar­te Kon­junk­tur­hoff­nung, die sich zuletzt gezeigt habe, dürf­te durch die neu­en Unsi­cher­hei­ten belas­tet wer­den. „Dies betrifft ins­be­son­de­re den „Inves­ti­ti­ons­ap­pe­tit“ der Unter­neh­men und die Kon­sum­be­reit­schaft der pri­va­ten Haus­hal­te.“ Die Coro­na-Erspar­nis­se könn­ten nun län­ger als erhofft von den Verbraucher:innen als Sicher­heits­puf­fer vor­ge­hal­ten wer­den statt in den Kon­sum zu flie­ßen. „Auch die Schär­fe der Sank­tio­nen wird die mit­tel­fris­ti­gen Wachs­tums­per­spek­ti­ven mas­siv beeinflussen.“

Den­noch geht die Com­merz­bank davon aus, dass sich Anstieg des Gold­prei­ses und der Rück­gang der Ren­di­ten mit­tel­fris­tig wie­der umkehrt wird und die anste­hen­den Zins­er­hö­hun­gen der Zen­tral­ban­ken wie­der in den Fokus des Mark­tes rücken. Auch Öl dürf­te wie­der etwas güns­ti­ger wer­den – ins­be­son­de­re da Russ­land wei­ter­hin ein Inter­es­se an einem Ver­kauf sei­ner Roh­stof­fe und mit Chi­na einen wei­te­ren Absatz­ka­nal habe. Auch der OPEC lie­fe­re der Anstieg des Ölprei­ses eher einen Grund zu mehr Pro­duk­ti­on als zu einem Her­bei­füh­ren einer Ölkri­se wie in den 1970ern. Aber: „die zu erwar­ten­de regio­na­le Diver­si­fi­ka­ti­on des euro­päi­schen Ener­gie­mi­xes dürf­te mit erheb­li­chen Kos­ten ver­bun­den sein.“ Die Com­merz­bank belässt daher ihre Allo­ka­ti­on zunächst unver­än­dert auf Über­ge­wich­tung Akti­en, Unter­ge­wich­tung Anleihen.

Robert Hal­ver, Lei­ter Kapi­tal­markt-Ana­ly­se der Baa­der Bank, sagt: „Die neu­en Sank­tio­nen wer­den tun weh, da sie auch Gegen-Sank­tio­nen aus­lö­sen. Das heißt, Ener­gie wird hier zu Lan­de noch teu­rer, die Infla­ti­on wird stei­gen.“ Das belas­te Unter­neh­men und Ver­brau­cher. Nach sei­ner Ein­schät­zung wer­den die Noten­ban­ken aber „hemds­ärm­li­ger“ vor­ge­hen mit mode­ra­ten Zins­er­hö­hun­gen. „Denn Kon­junk­tur­sta­bi­li­tät hat Vor­rang.“ Er rät Anleger:innen, die Depots abzu­si­chern, aber inves­tiert zu blei­ben. Auf dem aktu­el­len Niveau loh­ne ein Ver­kauf nicht.

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