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Kiran Mazumdar-Shaw: Die Grande Dame der Börse in Indien

2021-10-04T12:05:07+02:004. Oktober 2021|

Kiran Mazum­dar-Shaw ist die Gran­de Dame der Bör­se in Mum­bai, eine in ganz Indi­en gefei­er­te Iko­ne. Ihr Start-up Bio­con leg­te einst mit einem Papa­ya-Enzym los und ist heu­te ein Biotech-Riese. 

Von Micha­el Braun Alexander

Sagen wir mal so: Die Aus­gangs­si­tua­ti­on ist nicht ide­al für den Auf­bau eines Ver­mö­gens. Da ist eine Aka­de­mi­ke­rin Mit­te 20 aus einer im west­in­di­schen Bun­des­staat Guja­rat ver­wur­zel­ten Fami­lie — cle­ver, patent, doch ohne schil­lern­de Aus­bil­dung. Sie sucht im kon­ser­va­ti­ven Indi­en der 1970er-Jah­re nach einem Beruf, einer Beru­fung. Zuletzt hat sie Bier­brau­en stu­diert. Heu­te, mit Ende 60, ist Kiran Mazum­dar-Shaw trotz die­ser Start­schwie­rig­keit mehr als drei Mil­li­ar­den Euro schwer.

Zur Schu­le geht die jun­ge Kiran in Ban­ga­lo­re, mitt­ler­wei­le eine Zehn-Mil­lio­nen- Metro­po­le, damals noch mit dem Flair der Pro­vinz, berühmt für mil­des Kli­ma, das üppi­ge Grün der Stadt­parks. Dort arbei­tet ihr Vater Rasen­dra, der ers­te Bier­brau­meis­ter Indi­ens, bei United Bre­we­ries, dem Abfül­ler des bekann­ten „Kingfisher“-Biers. Spä­ter grün­det er in Eigen­re­gie eine Mäl­ze­rei in Baro­da (heu­te Vado­dara), die aber floppt. Für sei­ne ein­zi­ge Toch­ter hat Vater Mazum­dar küh­ne, unkon­ven­tio­nel­le Plä­ne. Eine arran­gier­te Ehe, wie damals (und in wei­ten Tei­len Indi­ens noch heu­te) üblich, kommt nicht infra­ge. Sein Mäd­chen soll ein­fach mal ihr Ding machen, die Welt sehen, lernen.

Kiran will Medi­zin stu­die­ren, Ärz­tin wer­den, schei­tert aber an der Auf­nah­me­prü­fung. Statt­des­sen schreibt sie sich in Ban­ga­lo­re für Zoo­lo­gie ein — und im Anschluss für ein wei­ter­füh­ren­des Stu­di­um in Sachen Bier an der aus­tra­li­schen Uni­ver­si­ty of Ballarat. 1975 kehrt sie nach Baro­da zurück, wo sie von der Fami­lie am Flug­ha­fen abge­holt wird und sich als Ers­tes keck eine Kip­pe anzün­det. „Als sie nach Aus­tra­li­en ging, war sie die Toch­ter mei­ner Eltern“, sagt ihr zwei Jah­re jüngerer Bru­der Ravi später. „Als sie zurückkam, war sie ein kom­plett ande­rer Mensch, die Haupt­per­son der Fami­lie.“ In Aus­tra­li­en habe sie sich „im west­li­chen Sin­ne eman­zi­piert“ — gelernt, dass nichts unmöglich sei. Nur sind ihre frisch erwor­be­nen Fähigkeiten als Brau­ex­per­tin nicht eben gefragt. Die dama­li­gen Bier­brau­er Indi­ens, alle­samt Männer, „wis­sen“, dass mit einer Frau in der Pro­duk­ti­ons­an­la­ge zwangsläufig Cha­os aus­bre­chen müsse.

In die­ser Gemenge­la­ge wird der aus Irland stam­men­de Les­lie „Les“ Auch­in­closs auf sie auf­merk­sam, ein zwei Jahr­zehn­te älterer Seri­al Entre­pre­neur, ein Hans­dampf in allen Gas­sen. Er schreibt kei­ne der spektakulären IT-Erfolgs­ge­schich­ten, die im 21. Jahr­hun­dert für jeden ein Begriff sind, son­dern ist mit def­ti­ge­ren Geschäftsideen unter­wegs. Ton­nen­wei­se enthäutete Nerz­ka­da­ver? Fisch­bla­sen aus Vene­zue­la? Na klar, bei so was wit­tert er Rie­sen­chan­cen. Nur her damit, ist gekauft, wird verarbeitet!

Eine der vie­len Auch­in­closs-Fir­men ist Bio­con Bio­che­mi­cals im iri­schen Cork, die in Getrei­de-Enzy­me macht und in Indi­en Fuß fas­sen will. Nur bremst der sozia­lis­ti­sche Bürokratiewahn jener Zeit Indi­ens Wirt­schaft aus. Für alles und jedes sind Lizen­zen und Geneh­mi­gun­gen vom Staat erfor­der­lich; erst recht für jeden Wage­mu­ti­gen, der in der plan­wirt­schaft­lich auf der Stel­le tre­ten­den Repu­blik sein eige­nes Unter­neh­men gründen will.

Ausländische Inves­to­ren dürfen in den 1970er-Jah­ren höchstens 30 Pro­zent der Antei­le einer Fir­ma hal­ten. Auch­in­closs braucht einen Part­ner oder eine Part­ne­rin. Am 25. März 1978 ist Kiran auf dem Sprung nach Schott­land, wo sie bei einer Mälzerei anfan­gen will, als Auch­in­closs sie tele­fo­nisch in Baro­da um ein persönliches Ken­nen­ler­nen bit­tet. Sie sagt zu.

Sein Ein­druck von der damals 25-Jährigen: „eine fan­tas­ti­sche, enthu­si­as­ti­sche, in den Hin­tern tre­ten­de Frau, aggres­siv, for­dernd — und eine groß­ar­ti­ge Part­ne­rin für Bio­con“. Am 29. Novem­ber 1978 wird Bio­con India gegründet, als Joint Ven­ture eines ungewöhnlichen Duos — in einem Schup­pen mit Blech­dach in Koramangala.

Labor Biocon

Hoch­mo­der­ne Pro­duk­ti­ons­stät­te für Insu­lin­pro­duk­te im Bio­con Park, Ben­gal­u­ru, Indi­en, ©Bio­con

Start, Hochzeit, Börsengang

Anfangs dreht sich bei Bio­con India alles um Enzy­me für die Brau­bran­che, auch für United Bre­we­ries, wo Vater Mazum­dar sei­ne Kon­tak­te spie­len lässt. Ein wich­ti­ger Umsatz­brin­ger ist Papain, ein viel­sei­tig ver­wend­ba­res Enzym der tro­pi­schen Papa­yafrucht, gern genom­men zum Bei­spiel als Zart­ma­cher von Fleisch. Ein zwei­ter ist der Roh­stoff Isin­glass: getrock­ne­te, gerei­nig­te Schwimm­bla­sen von Fischen, die dank ihres Kol­la­gen­ge­halts bei der Klärung von Bier zum Ein­satz kom­men. Später sind Pek­ti­na­sen im Ange­bot, die bei der Pro­duk­ti­on von Frucht­saft die Saft­aus­beu­te erhöhen.

Die US-Agrar­ge­nos­sen­schaft Oce­an Spray, führend bei Cran­ber­ries, wird eben­so zum wich­ti­gen Kun­den wie Uni­le­ver. Der britisch-niederländische Konsumgüterriese ist es auch, der 1989 Bio­con Irland übernimmt — und indi­rekt damit ein Mit­spra­che­recht bei Bio­con India erhält, Ein­fluss, Macht. Es droht die Übernahme.

Gere­gelt wird die­se Pro­blem­kon­stel­la­ti­on 1998, für die Unter­neh­me­rin in dop­pel­ter Hin­sicht ein Schlüsseljahr. Zum einen hei­ra­tet sie den vier Jah­re älteren Schot­ten John Shaw, der als Ex-Mana­ger in der Tex­til­bran­che mit Geschäftsführung ver­traut ist. Zum ande­ren kauft sich das Ehe­paar bei Uni­le­ver raus und hat fort­an das allei­ni­ge Sagen. John Shaw sitzt noch heu­te im Auf­sichts­rat, aber nur als „Sup­port Sys­tem“, wie er sagt, als Unterstützer. Die Fir­ma expan­diert, wird unter ande­rem zu einem Groß­pro­du­zen­ten von Insu­lin. Als Bio­con im April 2004 in Mum­bai den Sprung an die Börse wagt, ist die Aktie 33-fach überzeichnet und ver­bucht am Ende des ers­ten Han­dels­tags ein Kurs­plus von 52 Pro­zent. Die Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung liegt auf einen Schlag bei mehr als einer Mil­li­ar­de US-Dol­lar — ein sen­sa­tio­nel­les Debüt.

Nach dem Börsengang rei­fen Fir­ma und Fir­men­len­ke­rin zu Iko­nen der indi­schen Börsenlandschaft. 2007 trennt Bio­con sich vom anfangs so erfolg­rei­chen Enzym-Busi­ness. Heu­te sind Nach­ah­mer­pro­duk­te am wich­tigs­ten, zum einen rela­tiv ein­fach zu pro­du­zie­ren­de Gene­ri­ka (Phar­ma­me­di­ka­men­te mit abge­lau­fe­nem Patent­schutz), zum ande­ren anspruchs­vol­le Bio­si­mi­lars (Bio­tech-Pro­duk­te), dane­ben Eigen­ent­wick­lun­gen. 2015 geht die Toch­ter Syn­ge­ne erfolg­reich an die Börse, ein Dienst­leis­ter rund um For­schung und Ent­wick­lung im Gesundheitsbereich.

Das Ehe­paar Mazum­dar-Shaw, kin­der­los geblie­ben, resi­diert in Ban­ga­lo­re in einer Vil­la im spa­ni­schen Stil. Die Unter­neh­me­rin liebt Kunst, das Rei­sen. Auch Bier mag sie immer noch — so sehr, dass sie neben ihrem Haupt­be­ruf als Bio­con-Che­fin ein lau­ni­ges Buch mit dem Titel „Ale & Arty: The Sto­ry of Beer“ her­aus­ge­bracht hat. Immer­hin fing mit ihrer Lust auf Gers­ten­saft einst alles an.

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