Startseite/IPO-Flut weltweit: Schnelles Geld mit Börsen-Neulingen?
  • IPO
    IPO, ©curraheeshutter/iStock

IPO-Flut weltweit: Schnelles Geld mit Börsen-Neulingen?

2021-11-24T12:11:20+01:0024. November 2021|

Es war einer die­ser Bör­sen­gän­ge, bei denen man sich ver­wun­dert die Augen reibt: Mit wenig Umsatz und tief­ro­ten Zah­len gelang Rivi­an ein ful­mi­nan­tes Debüt in New York. Doch was hat der E‑Au­to-Her­stel­ler, was ande­re nicht haben? Und lohnt es sich für Privatanleger:innen, von Anfang an dabei zu sein, wenn ein Unter­neh­men an die Bör­se geht? Zuge­ge­ben, bei Ama­zon und Co wären wir wohl alle gern von Tag eins an dabei gewe­sen. Ein­zi­ger Haken: Nicht immer geht es gleich nach oben. Manch­mal klappt es nie. Und man muss durchhalten. 

Von Ant­je Erhard

Es war der bis­lang größ­te Bör­sen­gang des Jah­res: Mit­te Novem­ber streb­te Rivi­an, ein Elek­tro-Auto-Her­stel­ler an die Nasdaq in New York. Schon im Vor­feld war die Nach­fra­ge groß:  Die Aktie soll­te zunächst zwi­schen 57 und 62 US-Dol­lar aus­ge­ge­ben wer­den, dann zwi­schen 72 und 74 US-Dol­lar. Letzt­lich muss­te, wer Rivi­an-Akti­en zeich­nen woll­te, 78 US-Dol­lar zah­len, um eine Aktie zu erhal­ten. Zu die­sem Aus­ga­be­preis wur­de das Unter­neh­men mit 76 Mil­li­ar­den US-Dol­lar bewer­tet. Das ist mehr als BMW wert ist. Obwohl Rivi­an noch kei­ne Umsät­ze macht und gera­de die ers­ten Fahr­zeu­ge pro­du­ziert. Die Aktie stieg am ers­ten Han­dels­tag zeit­wei­se bis auf 119 US-Dol­lar. Hin­sicht­lich der Markt­be­wer­tung ist das der fünft­größ­te Bör­sen­gang in den USA aller Zei­ten. Num­mer eins ist Alibaba.

Euphorie aus Hoffnung und günstigem Geld

Woher die­se Eupho­rie – für ein Unter­neh­men, das noch tief in den roten Zah­len steckt?

Investor:innen schei­nen einer­seits hier auf das nächs­te Tes­la zu hof­fen. Der E‑Au­to-Markt kommt in Fahrt, er gilt als die Zukunft. Der US-Akti­en­markt hat ande­rer­seits ohne­hin seit letz­tem Jahr einen Lauf: Das güns­ti­ge Geld, das die Noten­ban­ken nach wie vor ermög­li­chen, will inves­tiert wer­den. 276 Mil­li­ar­den US-Dol­lar haben US-Unter­neh­men in die­sem Jahr bei Bör­sen­gän­gen ein­ge­sam­melt. Dar­un­ter Namen wie die Tra­ding-Platt­form Robin­hood oder die Kryp­to-Bör­se Coin­ba­se. Das süd­ko­rea­ni­sche Ama­zon, Cou­pang, war im Früh­jahr der größ­te Börsengang.

Allein im drit­ten Quar­tal sind welt­weit 547 Unter­neh­men an die Bör­se gegan­gen, ermit­tel­te die Unter­neh­mens­be­ra­tung EY. Das sind 23 Pro­zent mehr als noch vor einem Jahr. In Euro­pa hat sich die Zahl der IPOs auf 85 mehr als verdoppelt.

Deutschland: So viele IPOs wie seit 20 Jahren nicht

Das lässt sich auch in Deutsch­land able­sen. Hier zu Lan­de wag­ten 21 Unter­neh­men bis­lang den Gang auf das Par­kett. Allein zwi­schen April und Juni läu­te­te die Bör­sen­glo­cke zehn­mal für Neu­lin­ge, so oft wie seit 20 Jah­ren nicht mehr. Das Emis­si­ons­vo­lu­men erreich­te eben­falls Rekord­hö­he, es lag im ers­ten Halb­jahr bei 8,8 Mil­li­ar­den Euro, errech­ne­te die Unter­neh­mens­be­ra­tung PwC.

„Wir sehen aktu­ell ein star­kes Momen­tum für Lis­tings in Frank­furt und die Aus­sicht mit Blick auf IPOs in 2022 ist viel­ver­spre­chend“, sag­te Rena­ta Ban­dov, Head of Capi­tal Mar­kets Deut­sche Bör­se. Erfreu­lich sei, dass immer mehr jun­ge Unter­neh­men an die Bör­se gehen. “Die Kapi­tal­auf­nah­me über die Bör­se bie­tet Unter­neh­men neben Wachs­tums­ka­pi­tal auch die Mög­lich­keit ihren Bekannt­heits­grad zu erhö­hen. Zudem haben Unter­neh­men die Mög­lich­keit Arbeit­neh­mer über Mit­ar­bei­ter­be­tei­li­gun­gen an das Unter­neh­men zu bin­den und dadurch auch jun­ge Talen­te zu akquirieren.“

Bör­sen­gän­ge sind ein wich­ti­ger Bestand­teil der Wirt­schaft. Ein Start-up braucht eben nicht nur eine Idee und Opti­mis­mus, son­dern Kapi­tal: Bei einem IPO besor­gen sich Unter­neh­men Kapi­tal für Inves­ti­tio­nen und wei­te­res Wachs­tum. Anleger:innen kön­nen sich wie­der­um an die­sem – hof­fent­lich ein­tre­ten­den – Erfolg beteiligen.

Doch es gibt Alter­na­ti­ven: Auch außer­halb der Bör­se las­sen sich Finan­zie­run­gen errei­chen. Crowd Inves­ting, Ven­ture Capi­tal und nicht zuletzt SPACs sind Alter­na­ti­ven. Gera­de SPACs, also der Bör­sen­gang eines Man­tels ohne ope­ra­ti­ves Geschäft, letzt­lich eine Brief­kas­ten-Fir­ma, haben Fahrt auf­ge­nom­men. Hier geht es vor allem schnell auf’s Par­kett – ein Vor­teil für das Unter­neh­men. Inves­tie­ren soll­ten hier aber vor allem die­je­ni­gen, die sich schon an den Kapi­tal­märk­ten aus­ken­nen, sagt Rena­ta Ban­dov: „ Aus Anle­ger­sicht bie­ten SPACs erfah­re­nen und pro­fes­sio­nel­len Investor:innen die Mög­lich­keit, sich zu einem frü­hen Zeit­punkt an einem Vehi­kel zu betei­li­gen, das in auf­stre­ben­de Fir­men inves­tiert. Zu den wich­tigs­ten Bran­chen gehö­ren Tech­no­lo­gie, Finan­cial Ser­vices, Health­ca­re und der ESG-Bereich.“

Doch immer wie­der zeigt sich auch bei Bör­sen­gän­gen: Schnel­le Gewin­nen sind nicht immer drin oder haben kei­nen Bestand. Wer als Unter­neh­men an der Bör­se Per­for­mance erzie­len will, muss lie­fern. Alle drei Mona­te müs­sen die Unter­neh­men berich­ten, wie ihr Geschäft im Quar­tal gelau­fen ist. Und am bes­ten einen Aus­blick geben, wie es wei­ter­geht. Denn an der Bör­se wird die Zukunft gehandelt.

25 Jahre T‑Aktie hinterlassen Spuren

Und so sind gera­de wir Deut­schen gebrann­te Kin­der in Sachen Bör­sen­gang: Es ist 25 Jah­re her, dass die Tele­kom an die Bör­se ging, am 18. Novem­ber 1996. Die soge­nann­te T‑Aktie soll­te zur Volks­ak­tie wer­den. Und vie­le haben sie auch gekauft. Die Nach­fra­ge über­stieg das Ange­bot um das Fünf­fa­che. 28,50 DM (umge­rech­net 14,57 Euro) kos­te­te eine Aktie damals. Der ers­te Kurs: 33,20 DM. Es geht auf­wärts. Und zwei Mil­lio­nen Deut­sche waren dabei. Zwei wei­te­re Male bringt die Tele­kom Akti­en auf den Markt: Dann zu 39,50 bzw. 66 Euro. Die Aktie steigt auf 103,50 Euro – Rekord­hoch. Doch dann platzt die Dot­com-Bla­se. Die Aktie fällt, erholt sich jah­re­lang wenig. 2012 kos­tet sie weni­ger als acht Euro. Heu­te steht sie bei gut 16 Euro.

Abwarten statt auf die Nase fallen

Also lohnt es sich über­haupt für Privatanleger:innen, schon beim Auf­tau­chen auf dem Par­kett dabei zu sein? „Ja“, sagt Marc Tüng­ler, Haupt­ge­schäfts­füh­rer der Deut­schen Schutz­ver­ei­ni­gung für Wert­pa­pier­be­sitz. „IPOs sind auch für Privatanleger:innen sinn­voll, WENN sie das Unter­neh­men ken­nen und wis­sen, wor­in sie inves­tie­ren. Denn das Wich­tigs­te, was wir aus den Neu­er-Markt-Zei­ten gelernt haben ist; nicht sofort über­all drauf­zu­sprin­gen.“  Auch für erfah­re­ne Anleger:innen kann es Sinn machen, die ers­ten Tage bzw. Wochen abzu­war­ten. Für Bör­sen-Neu­lin­ge sei­en IPOs ohne­hin nicht geeig­net, weil gera­de der Bör­sen­start noch sehr risi­ko­reich sei. „Es gilt wie bei jeder Akti­en-Anla­ge, das Risi­ko für sich selbst her­aus­zu­neh­men. Damit ver­mei­den gera­de Anfänger:innen, auf die Nase zu fal­len und dann womög­lich der Bör­se ent­täuscht den Rücken zu kehren.“

Wer an der Bör­se inves­tiert, muss den Unter­neh­men auf die Fin­ger schau­en, statt blind zu inves­tie­ren. Dafür gibt es Anhalts­punk­te: Wenn die Emis­si­ons­span­ne bekannt gege­ben wird ‑das ist die Span­ne in der die Akti­en zum Kauf ange­bo­ten werden‑, kann man bzw. frau ablei­ten, ob sie teu­er oder recht güns­tig ist: Hier­zu setzt man den Gewinn des Unter­neh­mens ins Ver­hält­nis zum Aus­ga­be­preis. Gibt es noch kei­nen Gewinn (da ist die Fra­ge, für wann denn die Gewin­ne­schwel­le ange­peilt ist), hilft der Umsatz.

Zunächst ein Blick in den Börsen-Prospekt…

Bevor ein Unter­neh­men es an die Bör­se schafft, muss es im Detail über sei­ne Geschäfts­la­ge, sein Geschäfts­mo­dell, die Aus­sich­ten für Wachs­tum, die Chan­cen und Risi­ken infor­mie­ren. Die­se Anga­ben ste­hen im so genann­ten Bör­sen- bzw. Emissionsprospekt.

Nach einer Unter­neh­mens­ana­ly­se wird der Wert des Unter­neh­mens ermit­telt und dann legen die Kon­sor­ti­al­ban­ken – das sind die Ban­ken, die den Bör­sen­gang beglei­ten – mit dem Unter­neh­men die Span­ne für den Aus­ga­be­preis fest. Das ist die so genann­te Book­buil­ding-Span­ne. In die­ser Span­ne wird sich der Aus­ga­be­preis bewe­gen: Ist die Nach­fra­ge der Investor:innen sehr hoch, wird der Preis am obe­ren Ende der Span­ne lie­gen, bei wenig Nach­fra­ge ist das unte­re Ende als Aus­ga­be­preis für die Aktie wahrscheinlich.

Wie vie­le Akti­en auf den Markt kom­men, hängt von vie­len Punk­ten ab: Wie viel Geld braucht das Unter­neh­men, um zu inves­tie­ren und zu wach­sen? Wie vie­le Antei­le möch­ten die bis­he­ri­gen Eigentümer:innen abge­ben? Wie vie­le Akti­en sol­len für alle – auch für Klein­an­le­ger – frei ver­füg­bar sein?

Korrektur nach den ersten Handelstagen häufig

Wenn alle Akti­en zuge­teilt sind, also Investor:Innen alle Titel gezeich­net haben, wird es span­nend: Die so genann­te Erst­no­tiz am ers­ten Han­dels­tag ist der ers­te amt­lich fest­ge­stell­te Kurs. Ist der ers­te Kurs über dem Aus­ga­be­preis, haben die Investor:innen Zeich­nungs­ge­win­ne, im ande­ren Fall Zeich­nungs­ver­lus­te. So lan­ge die­se aber nicht rea­li­siert wer­den, sprich die Akti­en nicht ver­kauft wer­den, ste­hen die Zah­len erst ein­mal „nur“ in den Büchern.

Für Marc Tüng­ler ist jedoch eine Fra­ge noch wich­ti­ger als all die­se Fak­ten: „Ver­kau­fen die Alt-Eigentümer:innen und ver­la­gern sie das Risi­ko auf die Neu-Investor:innen oder steht das ein­ge­nom­me­ne Kapi­tal dem Unter­neh­men zur Ver­fü­gung, für Inves­ti­tio­nen und Wachs­tum“. Er rät: Fin­ger weg, wenn nur die Alt-Aktio­nä­re Kas­se machen wollen.

Marc Tüng­ler rät auch, die ers­ten Han­dels­ta­ge erst ein­mal abzu­war­ten. „Zum Einen muss sich erst zei­gen, ob die Bewer­tun­gen gerecht­fer­tigt sind, gera­de am Anfang ist das Risi­ko daher sehr hoch.“ Ande­rer­seits kor­ri­gie­ren nach ein paar Tagen häu­fig die Kur­se, weil Anleger:innen der ers­ten Stun­de schon wie­der aus­stei­gen und Gewin­ne mit­neh­men. Sich nicht von der anfäng­li­chen Eupho­rie anste­cken zu las­sen, kön­ne vor her­ben Ent­täu­schun­gen bewahren.

Oft wer­den am ers­ten Han­dels­tag die Kur­se von den beglei­ten­den Ban­ken noch gestützt. Wenn also zu vie­le Investor:innen gleich „Kas­se machen“ wol­len, grei­fen die­se Ban­ken ein: Sie kau­fen selbst die Aktie, um sie nah an ihrem Aus­ga­be­preis zu hal­ten. Das ist gesetz­lich erlaubt. Aller­dings kön­nen Unter­neh­men, die an der Bör­se notiert sind, auch selbst Kurs­pfle­ge betrei­ben: Sie kau­fen eige­ne Akti­en zurück mit der Fol­ge, dass der Kurs steigt. Auch das ist legal.

Licht und Schatten nach dem IPO

Auch 2021 waren nicht alle Bör­sen­gän­ge ein Erfolg. Spek­ta­ku­lär war das Markt-Debüt von Coin­ba­se: Die Aktie war für 250 US-Dol­lar aus­ge­ge­ben wor­den und notier­te zeit­wei­se nah an 400 US-Dol­lar. Zuletzt kos­te­te sie 343. Anders Robin­hood: Aus 38 US-Dol­lar wur­den zwi­schen­zeit­lich zwar 85, aber zuletzt war die Aktie weni­ger Wert als beim Bör­sen-Debüt: 35 US-Dol­lar. Cou­pang, Ama­zon-Kon­kur­rent aus Süd­ko­rea, gelang das größ­te Debüt in New York nach Ali­b­a­ba. Aus 35 US-Dol­lar wur­de ein ers­ter Kurs von 63,50. Der­zeit steht die Aktie bei gut 26 US-Dollar.

In Deutsch­land wur­den in die­sem Jahr Akti­en von Sen­de­mas­ten-Betrei­ber Van­ta­ge Towers im März zu 24 Euro aus­ge­ge­ben. In der Fol­ge stie­gen sie bis auf über 31 Euro, zuletzt kos­te­ten sie 29,45 Euro und damit immer noch deut­lich mehr als zu Beginn. Doch auch hier zu Lan­de gin­gen nicht alle Bör­sen­gän­ge glatt: Die Titel des Online-Opti­kers Mis­ter Spex ‑zu 25 Euro aus­ge­ge­ben- san­ken inzwi­schen unter 15 Euro.

Facebook und vor allem Amazon sind Beispiele für Langstreckenerfolge

Doch ein lan­ger Atem kann sich aus­zah­len: Einer der schlech­tes­ten Bör­sen­gän­ge, der von Face­book mit Kurs­ver­lus­ten von 18 Pro­zent inner­halb der ers­ten drei Han­dels­ta­ge, ist längst ver­ges­sen: Aus 38 US-Dol­lar im Jahr 2012 wur­den aus Face­book-Akti­en, die jetzt Meta hei­ßen, bis jetzt 342 US-Dol­lar. Zeit­wei­se notier­ten die Anteils­schei­ne nahe an der 400er-Marke.

Ein lan­ger Atem und viel Durch­hal­te­ver­mö­gen kann sich also aus­zah­len: Wohl dem, der beim Bör­sen­gang von Ama­zon zu 18 US-Dol­lar zuge­grif­fen hat. Doch über 20 Jah­re durch­zu­hal­ten und nicht zu ver­kau­fen, wenn sich der Kurs ver­dop­pelt, ver­drei­facht oder ver­fünf­facht hat, das ist auch eine Kunst.

Fazit: Schnel­le Gewin­ne mit IPOs sind nicht der Regel­fall. Wer von Anfang an in ein Unter­neh­men inves­tie­ren möch­te, soll­te auch Zeit und Geduld mitbringen.

Unser gra­tis Newsletter

Noch mehr Infos für dich

Money Makers

Moder­ne Geldmacher:innen sind anders: die Span­ne reicht heu­te von einer kon­ser­va­ti­ven EZB-Prä­si­den­tin wie Chris­ti­ne Lagar­de bis hin zum schil­lern­den Kar­da­shi­an-Clan. Sie eint ihre gute Bezie­hung zu Geld.

Hinterlasse einen Kommentar

Nach oben