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  • Um die Bevölkerungszahlen kleiner Dörfer anzukurbeln gibt es dort Häuser für einen Euro, ©Davide D. phstock - stock.adobe.com

Häuser für je einen Euro in Italien: Wie geht das?

2022-09-12T08:30:18+02:0010. September 2022|

In Ita­li­en gibt es vie­le klei­ne Dör­fer, in denen die Ein­woh­ner immer weni­ger wer­den. Der Bür­ger­meis­ter eines die­ser Dör­fer hat­te die fixe Idee, alte Häu­ser für einen Euro zu ver­kau­fen und so die Bevöl­ke­rungs­zahl anzu­kur­beln. Wie gut kommt das an?

Von Mat­thi­as Lauerer

Ita­li­en ist ein belieb­tes Urlaubs­land – und das aus gutem Grund. Die Land­schaft ist pit­to­resk, die Kul­tur uralt und fas­zi­nie­rend und die Men­schen sehr herz­lich. Aber was, wenn Sie die Chan­ce hät­ten, in Ita­li­en zu leben? Dank der Initia­ti­ven von Bür­ger­meis­tern klei­ner Dör­fer in Süd­ita­li­en kön­nen Sie jetzt genau das tun – und zwar für exakt einen Euro. Sicher, Reno­vie­rungs­kos­ten, Steu­ern und Notar­kos­ten kom­men noch hin­zu, den­noch: Wie kann das sein?

Ein Haus für sehr wenig Geld?

Ein-Euro Häu­ser sind in Ita­li­en eine krea­ti­ve Idee, um die Reno­vie­rung von her­un­ter­ge­kom­me­nen oder gar ver­las­se­nen Häu­sern zu för­dern und die Bele­bung länd­li­cher Dör­fer zu star­ten. Bür­ger­meis­ter, die auf die­se Idee gekom­men sind, hof­fen, dass sie dadurch den Weg­zug von Ein­woh­nern in die Städ­te ver­hin­dern. Doch gibt es auch Fra­gen zum Kon­zept: Wie groß ist das Risi­ko, dass die neu­en Bewoh­ner nach der Reno­vie­rung nicht ein­zie­hen? Oder ist das letzt­lich egal? Und was, wenn inter­na­tio­na­le „AirBnB“-Mieter mit ihrem Roll­kof­fer­ge­tö­se dann jede Nacht über die im Schlaf gestör­ten Alt­ein­ge­ses­se­nen akus­tisch her­fal­len? Dies ist schnell erklärt. In eini­gen Gemein­den müs­sen die neu­en Besit­zer die Häu­ser inner­halb eines Jah­res reno­vie­ren und in ande­ren Dörf­chen darf man sie als Wohn­ei­gen­tum oder Feri­en­im­mo­bi­lie nut­zen. Also, ja, die „AirBnB-Trup­pen“ könn­te im schlimms­ten Fal­le der Fäl­le in dem ein oder ande­ren Haus anrol­len, wobei die auf­ge­führ­ten Geschich­ten im Netz von einer Reno­vie­rung zur Eigen­nut­zung sprechen.

Doch ist das alles so simpel?

Und wird das Gan­ze ein Erfolg? Danach sieht es aus, wenn man sich die Bewer­ber­zah­len und das glo­ba­le Medi­en­echo zum The­ma ansieht. Erst im Juli 2022 leg­te die Regi­on Sar­di­ni­en einen Haus­halts­plan vor, der 45 Mil­lio­nen für den Kauf oder die Reno­vie­rung von Erst­woh­nun­gen in Gemein­den mit weni­ger als 3.000 Ein­woh­nern zur Ver­fü­gung stellt. Und in Ört­chen, die so ein Ein-Euro-Haus anbie­ten, zie­hen Bür­ger wie Fer­nan­do Lanat­ta und Jime­na Becer­ra zu. Das Ehe­paar stammt eigent­lich aus Lima und plant nun im Dörf­chen Mon­ti Dau­ni zu leben. Der Back­ground der bei­den Perua­ner klingt per­fekt für den Neu­an­fang: „Er ist Immo­bi­li­en­mak­ler und Foto­graf und im Moment arbei­tet man per Tele­ar­beit. Sohn Vin­cen­zo besucht bereits die Mit­tel­schu­le“, wie es auf der Netz­sei­te „1 Euro Houses“ dazu heißt, die aller­lei Tipps und Ideen zum The­ma bereit­hält. Sicher, manch­mal kos­ten die avi­sier­ten alten Blei­ben auch 7.000 oder 15.000 Euro wie im Ort Bic­ca­ri. Teu­er ist dies den­noch nicht.

Folgekosten

Wo ist der Haken? Die ange­bo­te­nen Immo­bi­li­en ste­hen seit Jahr­zehn­ten leer und müs­sen umfas­send saniert wer­den. In den meis­ten Fäl­len sind die Kos­ten für die Reno­vie­rung jedoch ver­gleichs­wei­se gering und lie­gen je nach Grö­ße des Hau­ses zwi­schen 20.000 Euro und 50.000 Euro. Um ein sol­ches Haus zu bekom­men, müs­sen poten­zi­el­le Käu­fer ein For­mu­lar im Netz aus­fül­len „und ihre Plä­ne für die Immo­bi­lie erläu­tern. In den meis­ten Fäl­len wer­den die­je­ni­gen bevor­zugt, die eine Früh­stücks­pen­si­on oder ein Hotel eröff­nen wol­len, die hand­werk­lich tätig sind oder Ideen für ande­re Geschäf­te haben, die der Gemein­de zugu­te­kom­men und Besu­cher anzie­hen“, heißt es auf der Web­sei­te „overseaspropertyalert.com“. Und wei­ter: „Wenn alle recht­li­chen Doku­men­te unter­zeich­net sind, muss der neue Eigen­tü­mer das Reno­vie­rungs­pro­jekt inner­halb von zwei bis zwölf Mona­ten ein­rei­chen, inner­halb eines Jah­res mit den Arbei­ten star­ten und die inner­halb der nächs­ten drei Jah­re abschlie­ßen. Hin­zu kom­men Anwalts­kos­ten und eine Art von Garan­tie­ge­bühr, um zu zei­gen, dass man es mit den Plä­nen ernst meint. Jene bewegt sich zwi­schen 1.000 und 10.000 Euro.

Was kaufe ich da eigentlich?

Zu beach­ten gilt: Es muss klar sein, dass es mit dem einen sym­bo­li­schen Euro nicht getan ist. Mal gilt es den Denk­mal­schutz zu beach­ten, mal ist ein Reno­vie­rungs­kon­zept nötig. Doch die Erfolgs­ge­schich­ten von stol­zen Neu­be­sit­zern sind erstaun­lich, wenn sich auch nicht alle für die 1‑Eu­ro-Opti­on ent­schei­den. Neh­men wir Patrick Jans­sen aus Bel­gi­en. „Ich will ehr­lich sein, wir haben kein 1‑Eu­ro-Haus gekauft“, sag­te der zum TV-Sen­der „CNN“. „Uns wur­den etwa 25 alte Gebäu­de gezeigt, von denen eini­ge stark repa­ra­tur­be­dürf­tig waren, so dass wir uns am Ende für ein anstän­di­ges Drei-Zim­mer-Haus für 10.000 Euro ent­schie­den und ich mehr Geld in die Reno­vie­rung inves­tier­te.“ Wei­ter sag­te er: „Aber es war nicht nur der schlech­te Zustand der Gebäu­de, der ihn davon abhielt, einen Euro in das Pro­gramm zu inves­tie­ren. „Ich dach­te, wenn ich ein schö­nes Haus kau­fe, das nicht ver­fal­len ist, und es ordent­lich her­rich­te, so dass es wie­der wie neu ist, wür­de es noch vie­le Jah­re hal­ten.“ Wobei man ehr­li­cher­wei­se sagen muss: Für 10.000 Euro plus Reno­vie­rungs­kos­ten kommt man in der Bun­des­re­pu­blik nicht weit, wenn es um Immo­bi­li­en geht. Ver­gleichs­wei­se güns­tig ist es also dennoch.

Idee stammt aus dem Jahr 2009

Hin­ter­grund: Vor 13 Jah­ren ent­wirft Giu­sep­pe Fer­ra­rel­lo, der dama­li­ge Bür­ger­meis­ter von Gan­gi, das ers­te Pro­jekt und wei­te­re ita­lie­ni­sche Gemein­den grei­fen den Ansatz auf und star­ten ihre eige­nen Ein-Euro-Haus-Pro­jek­te. Heu­te fin­den sich die nicht nur in Ita­li­en, son­dern auch in Spa­ni­en oder Frank­reich. Doch es gibt auch einen ande­ren Bür­ger­meis­ter, der sich als Erfin­der der Idee preist. Im Ört­chen Sal­emi soll es Ex-Bür­ger­meis­ter Vit­to­rio Sgar­bi gewe­sen sein, der sich auf die­se neue Art und Wei­se um die alten Häu­ser küm­mern woll­te, heißt es auf dem Web­por­tal: „1Eurohouses.com“. Ganz klar lässt sich nicht mehr ermit­teln, wem die Ehre gebührt. „Im Lau­fe der Jah­re zog das Pro­jekt vie­le neue Bewoh­ner an, beweg­te Mil­lio­nen von Inves­ti­tio­nen und besie­del­te meh­re­re Dör­fer neu“, heißt es dazu im Buch: „1 Euro Houses: Whe­re to start and how to navi­ga­te 1€ houses pro­jects in Ita­ly“ von Mau­ri­zio Ber­ti, Alber­ta Pao­li, Eva Konič und Ema­nue­le Feliziani.

Enorme CO2-Belastung für die Umwelt

Es geht um mehr als wirt­schaft­li­che Erfol­ge, son­dern um gewon­ne­ne Lebens­qua­li­tät, und die Idee der Nach­hal­tig­keit, denn beim Neu­bau eines Hau­ses wer­den enor­me Men­gen von CO2 pro­du­ziert. Für den Hin­ter­kopf: Laut Schät­zun­gen fal­len in Deutsch­land jähr­lich 200 Mil­lio­nen Ton­nen Beton als Abfall an. Wie­der­ver­wer­tet wird davon fast nichts und die welt­wei­te Pro­duk­ti­on des Pro­dukts sorgt für etwa fünf Pro­zent aller Koh­len­di­oxid­emis­sio­nen. Da kom­men die abge­rock­ten und teil­wei­se von Erd­be­ben in den 1960er-Jah­ren nie­der­ge­streck­ten ita­lie­ni­schen Rui­nen und Alt­bau­ten doch gera­de recht.

Wie wollen wir leben?

Denn: Müs­sen wir nicht nach sol­chen Uto­pien suchen und Model­le für eine idea­le Gesell­schaft ent­wer­fen, gera­de jetzt, im drit­ten Jahr der welt­weit gras­sie­ren­den Coro­na­pan­de­mie, die unse­re gelieb­ten und gewohn­ten Lebens­ent­wür­fe nie­der­mäh­te? Frü­her gab es einen gemein­sa­men Traum: dass die Mensch­heit eine neue Art von Stadt erbaut, in der alle glück­lich wer­den. Was, wenn es die­se in Ita­li­en bereits mit ihren Ein-Euro-Häu­sern gäbe?

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Freundschaften im Erwachsenenalter: So lässt sich der Schwund aufhalten

„Glück­lich! Dich hab ich gefun­den, hab aus Mil­lio­nen Dich umwun­den“. Wei­ter heißt es im Gedicht von Fried­rich Schil­ler über die Freund­schaft: „Laß´ das Cha­os die­se Welt umrüt­teln, durch­ein­an­der die Ato­men schüt­teln. Ewig fliehn sich uns­re Her­zen zu.“ Nur wer­den die Freund­schaf­ten mit den Jah­ren weni­ger. Wie lässt sich das aufhalten? 

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