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  • Klippenspringerin Anna Bader im Juni 2021, ©Dean Treml / Red Bull Content Pool

Grenzgängerinnen: Klippenspringerin Anna Bader – „Die Angst ist für uns ganz wichtig“

2023-01-17T10:18:48+01:002. Januar 2023|

Das eige­ne Limit infra­ge stel­len und ande­re Frau­en ermu­ti­gen, ihre Ideen und Träu­me zu ver­wirk­li­chen. Die Münch­ner Autorin Julia Häge­le traf für ihr Buch „Grenz­gän­ge­rin­nen“ 20 Frau­en, die das Aben­teu­er suchen. Drei von ihnen por­trä­tie­ren wir hier. Den Anfang machen wir mit Anna Bader.

Von Sebas­ti­an Martinez

„Es geht um Anmut, Dre­hun­gen und frei­es Schwe­ben“. Seit einem Vier­tel­jahr­hun­dert ist Anna Bader immer auf dem Sprung. Dabei kal­ku­liert die 38-jäh­ri­ge Klip­pen­sprin­ge­rin bewusst die Gefahren.

Wenn man Anna Bader allein am Klip­pen­rand ste­hen sieht, mehr als 20 Meter über dem dunk­len, fun­keln­den Meer, erge­ben ihre Wor­te einen Sinn. „Die Angst ist für uns ganz wich­tig, weil sie uns hilft, dass wir nicht ein­fach leicht­sin­nig wer­den. Und wir die­sen Punkt der per­fek­ten Kon­zen­tra­ti­on fin­den kön­nen.“ Sie ver­harrt an dem Fels­vor­sprung in höchs­ter Anspan­nung. „Ich bin allein da oben, ohne Schutz­klei­dung oder dop­pel­ten Boden. Es geht nur um mei­ne Super­kräf­te und die men­ta­le Stär­ke. Ich samm­le mich und weiß: Ich kann das.“ 

Und wie sie das kann! Anna Bader, mit 38 Jah­ren die ältes­te Klip­pen­sprin­ge­rin auf der Tour, hat in ihrem Sport­ler­le­ben so gut wie alles erreicht: Acht Europa­meisterschaften, Bron­ze bei Welt­meis­ter­schaf­ten, dazu etli­che Sie­ge bei der „Cliff Diving World­tour“. Und: Sie zähl­te 2001 zu jenem Team, das Mann­schafts­meis­ter im Kunst­tur­nen wurde.

Turnen als Grundlage

Das ist wohl alles in ihrem Gen­code hin­ter­legt. Mut­ter Ange­li­ka Kern-Bader gewinnt als Kunst­tur­ne­rin fünf deut­sche Meis­ter­schaf­ten, nimmt 1968 und 1972 an den Olym­pi­schen Spie­len in Mexi­ko und Mün­chen teil. Vom Vater lernt Anna Schwim­men, im Turn­ver­ein wird auf dem Schwe­be­bal­ken das Fun­da­ment für Kraft, Koor­di­na­ti­on und Balan­ce gelegt. „Tur­nen war die Grund­la­ge für alles, was danach kam.“ Mit 13 beginnt sie mit dem kunst­vol­len Was­ser­sprin­gen, drei Jah­re spä­ter gehört sie zur Natio­nal­mann­schaft. „Wir leb­ten im Huns­rück, und es gab weit und breit kein Sport­schwimm­bad mit Sprung­turm – mei­ne Mut­ter fuhr mich zwei­mal die Woche 100 Kilo­me­ter hin und zurück nach Mainz, damit ich dort trai­nie­ren ­konn­te.“ Zunächst ist der Zehn­me­ter­turm das Limit. Jeder weiß: schon das eine Mut­pro­be, an die man sich für immer erin­nert. 

In den Som­mer­fe­ri­en bei ihrer Oma Hil­de­gard in Süd­ba­den geht’s immer an den Bag­ger­see. Dort ist „das High­light“, mit ande­ren Kin­dern auf Bäu­me zu klet­tern und ins Was­ser zu sprin­gen. In einem Inter­view erin­nert sie sich: „Beim höchs­ten Ast haben wir immer gesagt: Das ist der Zwöl­fer. Kei­ne Ahnung, ob es wirk­lich zwölf ­Meter waren – aber es war wirk­lich hoch.“

Erste Klippensprünge mit 17 Jahren

Ein paar Urlau­be spä­ter reist Anna, inzwi­schen 17, nach Jamai­ka. Dort hat sie in „Rick’s Café“, das weit über den Feri­en­ort Negril hin­aus bekannt ist, ein Schlüs­sel­er­leb­nis. Denn vor den Café­gäs­ten sprin­gen „Locals“ artis­tisch von Klip­pen – wie auch manch muti­ger Tou­rist. Hier hebt sie erst­mals rich­tig ab: „Es war gar nicht so hoch, etwa zwölf Meter, aber ein unglaub­li­ches Gefühl.“ Als die ein­hei­mi­schen Sprin­ger sehen, wie die jun­ge Frau ins Was­ser springt, laden sie sie ein, mit ihnen zu den „rich­ti­gen Fel­sen“ zu gehen. Gesagt, getan. Die Abschieds­wor­te hat sie nicht ver­ges­sen: „Mila­dy, it was an honour to dive with you.“ Eine Ehre sei es gewe­sen, mit ihr zu springen.

Im Jahr 2005 beginnt sie mit dem „High Diving“ wett­kampf­mä­ßig, als ers­te Frau – und als ein­zi­ge. Bei ihrem internatio­nalen Debüt im schwei­ze­ri­schen Pon­te Brol­la wird Anna Bader „wie aus Ver­se­hen“ erst­mals Euro­pa­meis­te­rin. 

Klip­pen­sprin­gen ist Adre­na­lin pur. ­Yoga hilft ihr, bei Trai­ning und Wett­kämp­fen wie­der run­ter­zu­kom­men und sich zu fokus­sie­ren. Denn nicht die Höhe ist das Gefähr­li­che, son­dern der eige­ne Kopf. Den scheint Anna Bader frei und gut im Griff zu haben: bis heu­te kein wirk­lich schwe­rer Unfall, kei­ne blei­ben­de Ver­let­zung. 

Beim Sprin­gen steht die abso­lu­te Kon­trol­le über alle Vor­gän­ge im Mit­tel­punkt. „Im rich­ti­gen Leben hal­te ich Kon­trol­le aber eher für eine Illu­si­on.“ Denn natür­lich gibt es auch eine beweg­te Bio­gra­fie neben dem Sport: vom Auf­tritt im „Play­boy“, dem Enga­ge­ment als Artis­tin bei der welt­größ­ten Was­ser­show in Macau, ­Lehr­amts­stu­di­um, Ver­be­am­tung, die Gebur­ten ihrer zwei Kin­der, Bur­nout, Be­rufswechsel in den sozia­len Dienst und 2021 der Rück­tritt vom Leis­tungs­sport. 

Die zweite Karriere

Aber schon weni­ge Mona­te spä­ter ist ­Anna Bader wie­der am Start. Come­back. „Ich bin was­ser­scheu und den­ke mir manch­mal: Schon wie­der ins Kal­te, Nas­se? Was habe ich mir da für einen Sport aus­ge­sucht? Ich bin lie­ber in der Luft, ­wäh­rend eines Sprungs füh­le ich mich schwe­re­los“, hat Anna mal gesagt. Es ist ihre Bestim­mung, auch mit 38 Jah­ren. 

Der Auf­takt zur zwei­ten Kar­rie­re: ein Dop­pel­sal­to rück­wärts gestreckt bei den „Diving World Seri­es“ in Paris im Juni 2022. Sie dreht sich mit dem Rücken zum Was­ser, steht mit den Fer­sen am Rand. An der Kan­te plat­ziert sie ihre Hän­de und drückt sich lang­sam in den Schwei­zer Hand­stand, die Bei­ne über die Sei­te nach oben, wie eine sich schlie­ßen­de Sche­re. Anna Bader sieht den Eif­fel­turm ganz nah und das Was­ser 21,5 Meter weit unter sich. Sie lässt die Schwer­kraft wir­ken, drückt sich mit den Armen ab und bleibt ganz gestreckt. „Ich muss in der Luft dann eigent­lich nicht viel machen, ich flie­ge einfach.“

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