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    Claudia Lässig, @Wolfgang Stahr

„Frauen, traut euch zu gründen!“

2021-12-15T09:37:52+01:0016. Dezember 2021|

Wickel­ta­schen, Ruck­sä­cke, Spiel­zeug, Klei­dung: „Läs­sig“ stellt Pro­duk­te her, die Kin­dern und Eltern Freu­de machen sol­len. 2006 ging Clau­dia Läs­sig mit der Fir­ma an den Start. Heu­te hat sie welt­weit 120 Mit­ar­bei­ter. Ihr Rat an jun­ge Unter­neh­me­rin­nen: groß denken 

Von Mari­ka Schaertl

Courage: Frau Lässig, wie kommt man auf die Idee, aus einem so funktionalen Produkt wie Wickeltaschen etwas Stylishes zu machen?

Clau­dia Läs­sig: Der Wunsch ent­stand, als mei­ne zwei Kin­der sehr klein waren, vor etwa 25 Jah­ren. Es gab kei­ne hüb­schen Wickel­ta­schen. Ich habe dann Ruck­sä­cke und ande­re Taschen genom­men, um mich modisch aktu­ell zu füh­len. Ich dach­te: „Man muss doch eine Wickel­ta­sche machen kön­nen, die nach­hal­tig pro­du­ziert und sty­lish ist.“ Ich hat­te das Gefühl, da muss man ein­fach etwas tun.

War Mode für Sie ein so wichtiges Thema?

Mode ist ein ganz nor­ma­les The­ma für mich. Aber ich woll­te mit dem The­ma Wickel­ta­sche nicht in einem spie­ßi­gen Umfeld lan­den, son­dern ganz nor­mal wei­ter eine Frau sein, die sich für Mode inter­es­siert. Ich woll­te ich selbst blei­ben. Mich dar­über aus­drü­cken, was ich tra­ge, und das nicht nur in Rosa oder Hellblau.

Woher kam die Motivation, als Mutter in Elternzeit ein Unternehmen zu gründen?

Mei­ne Her­aus­for­de­rung war: Gehe ich zurück in den Job? Ich war Assis­ten­tin der Geschäfts­lei­tung eines gro­ßen Kon­zerns. Stand vor der Fra­ge: Wie krie­ge ich das mit den Kin­dern hin? Als sie klein waren, war das nicht so ein­fach mit Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie. Ich woll­te nicht irgend­ei­nen Job machen und mög­lichst von zu Hau­se aus arbei­ten. Mein dama­li­ger Mann war zu die­ser Zeit bei einer Fir­ma in der Spiel­zeug­bran­che tätig. Da habe ich die Spiel­wa­ren­mes­se besucht, inter­na­tio­na­le Her­stel­ler ken­nen­ge­lernt, mei­ne Geschäfts­idee peu à peu auf­ge­baut. Nach sechs, sie­ben Jah­ren habe ich dann gemerkt, ich möch­te selbst Ein­fluss auf die Pro­duk­ti­on haben. Dass nach­hal­tig pro­du­ziert wird, war mir damals schon wich­tig. Und ich woll­te mich gestal­te­risch ein­brin­gen. 2006 wur­de die Fir­ma Läs­sig gegrün­det. Wir sind dann mit der ers­ten eige­nen Kol­lek­ti­on gestar­tet, einer klei­nen Wickeltaschenkollektion.

Wollten Sie sich schon immer selbst­ständig machen?

Nein, aber ich woll­te immer etwas bewe­gen. Für mich kam die Wei­chen­stel­lung, als die Kin­der klein waren und ich die Wahl hat­te zwi­schen einer halb so span­nen­den Teil­zeit­stel­le und dem Risi­ko, selbst etwas zu wagen. Es war ein guter Zeit­punkt. Ich war im Erzie­hungs­ur­laub, der finan­zi­el­le Sprung war nicht so groß. Eine gewis­se Sicher­heit war da, weil mein dama­li­ger Mann noch ange­stellt ver­dient und mich unter­stützt hat. Es hät­te jedoch auch kom­plett schief­ge­hen kön­nen. Aber es war der span­nen­de­re Weg. Die Freu­de, etwas Eige­nes anzu­ge­hen, war ausschlaggebend.

Sie haben heute 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liefern in 50 Länder, sind auch in Hongkong vertreten. Muss man groß denken, um Erfolg zu haben?

Es gehört dazu, dass man sich Zie­le setzt. An ein welt­wei­tes Unter­neh­men mit ­einem Sitz in Hong­kong habe ich anfangs nicht gedacht. Der Wunsch war, eine Mar­ke zu grün­den, die Bestand hat. Kei­ne Wohn­zim­mer­fir­ma, aber doch eher ­etwas Klei­nes, Fei­nes. Ich dach­te an 20, 30 Mitarbeiter:innen. Eine Visi­on und Durchhalte­vermögen braucht man schon. Wenn man zu klein denkt, fehlt die Mission.

Haben Ihnen Leute aus Ihrem Umfeld ­anfangs abgeraten?

Vie­le. Mein Mann war eine tota­le Stüt­ze, er hat noch grö­ßer gedacht als ich, war ein gro­ßer Motor. Aber ande­re aus der Fami­lie und dem Freun­des­kreis sag­ten oft: „Bist du ver­rückt? War­um tust du dir den Stress an?“ Es war damals noch nicht üblich, dass man als Mut­ter Voll­zeit wie­der arbei­tet. Es gab oft Recht­fer­ti­gungs­be­darf, wenn mei­ne Kin­der in der Kita oder Schu­le nicht den tolls­ten von mir geba­cke­nen Kuchen dabeihatten.

Mit wie viel Startkapital ging’s los?

Wir sind mit ein paar Tau­send Euro Erspar­nis­sen ins Ren­nen gegan­gen und haben dann Hypo­the­ken auf unser Haus, das der Eltern und der Schwie­ger­el­tern auf­ge­nom­men, haben Finan­zie­rungs­li­ni­en mit der Bank ein­ge­rich­tet. Wir sind vol­les Risi­ko gegan­gen. Da hin­gen eini­ge Exis­ten­zen dran. Das waren ein paar har­te Jahre.

Ist Gründen für ­Frauen schwieriger?

Da ist was dran. Ohne das finan­zi­el­le Back-up mei­nes Man­nes und die Bürg­schaf­ten der Eltern wäre das unglaub­lich schwie­rig gewe­sen. Als Frau dop­pelt schwie­rig. Da gibt es immer noch einen Gen­der-Pay-Gap. Man kommt schlech­ter an Geld. Aber mein Ex-Mann und ich sind oft als Team auf­ge­tre­ten. Manch­mal hing es auch von den Bankberater:innen ab, wie viel Ver­trau­en man bekom­men hat.

Nachhaltigkeit, die schreibt sich heute fast jede Firma auf die Fahnen. Wie ­wurde sie bei Ihnen zum Kernthema?

Ich habe mich schon vor der eige­nen Mar­ke mit nach­hal­ti­gen Pro­duk­ten befasst. Und ent­schie­den: Das ist mei­ne Lebens­phi­lo­so­phie. Ich möch­te der Umwelt etwas Posi­ti­ves zurück­ge­ben, wenn ich ihr etwas ent­neh­me. Wir stel­len ja Pro­duk­te her, die man nicht unbe­dingt braucht.Man muss nicht unbe­dingt eine neue Tasche haben. Aber unse­re Pro­duk­te sind lang­le­bi­ge Pro­duk­te, die das Gedan­ken­gut von Men­schen- und Tier­schutz in sich tra­gen. Das ist für uns eine Herzensangelegenheit.

Lässig produziert in China. Wie passt das zu Ihrer Nachhaltigkeitsphilosophie?

Ich kann nach­voll­zie­hen, dass man Chi­na und Nach­hal­tig­keit nicht immer zusam­men­bringt. Aber da gibt es sol­che und sol­che. Es gibt in Chi­na Fabri­ken, die was Tol­les auf die Bei­ne stel­len. Nach­hal­tig­keit wird dort genau­so gelebt wie hier. Man muss nur genau schau­en, mit wem man pro­du­ziert. Wir haben vor Ort eine gan­ze Abtei­lung, die genau guckt, wie man Pro­duk­te her­stellt, wie man sie trans­por­tiert. Wir sind der Mei­nung: Wenn wir die Welt nach­hal­ti­ger machen wol­len, geht das nicht regio­nal, son­dern nur global.

Lässig will auch eine familienfreundliche Firma sein. Was heißt das konkret?

Wir gucken uns genau an, was der ein­zel­ne Mit­ar­bei­ter braucht. Wir haben vie­le Arbeits­zeit­mo­del­le, kön­nen von zu Hau­se arbei­ten, die Stun­den redu­zie­ren. Man­che Mit­ar­bei­ter fan­gen um acht Uhr mor­gens an, man­che um zehn, man­che gehen um zwei, man­che um sechs. Und wir haben Teilzeitführungskräfte.

Sie haben viele Auszeichnungen erhalten, etwa 2020 als „erfolgreiche Frau im ­Mittelstand“. Gibt es gegenüber Unter­nehmerinnen immer noch Vorurteile?

Klar. Aber in män­ner­do­mi­nier­ten Bran­chen sicher mehr als in mei­ner. Frau­en sind oft noch zu zag­haft. Da ver­su­che ich, mich als Role Model mit Fami­lie ein­zu­set­zen. Es liegt sicher oft noch viel an uns Frau­en selbst, dass man uns etwas nicht zutraut. Man braucht natür­lich die Unter­stüt­zung von Part­ner und ­Fami­lie, soll­te sich aber sei­ner eige­nen Stär­ken bewusst sein. In Unter­neh­mer­grup­pen bekom­me ich viel Wert­schät­zung und Respekt. Da bin ich oft allein. Das fin­de ich scha­de. Frau­en, traut euch zu gründen!

Sie arbeiten kurioserweise mit Ihrem Ex-Mann und Ihrem neuen Mann im Unternehmen zusammen. Wie klappt das?

Wenn man mit Humor arbei­tet, klappt es viel bes­ser. Natür­lich ist nicht immer alles super­klas­se. Aber wir sind auch in der Fir­ma wie eine Fami­lie. Wenn man bei Stär­ken und Schwä­chen sein eige­nes Ego ein biss­chen zurück­stel­len kann, hat jeder sei­nen Part. Man weiß, was man anein­an­der hat, wor­auf man sich ver­las­sen kann. Es gibt kei­ne Macht­spiel­chen mehr. Es war nicht ein­fach, wir gin­gen durch ein Tal der Trä­nen. Aber jetzt haben wir eine Stär­ke, die ein­zig­ar­tig ist.


Weib­li­che Führungsstärke

Für das Buch „Nach­hal­tig­keit – Frau­en schaf­fen Zukunft“, das im Som­mer im Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Buch Ver­lag erschie­nen ist, hat sich Clau­dia Läs­sig, 56, als Co-Autorin enga­giert. 40 Unter­neh­me­rin­nen und Mache­rin­nen beschrei­ben hier ihren Lebens­weg. Und zitie­ren dabei im Intro­text die seit der Amts­ein­füh­rung von Joe Biden berühm­te Poe­tin Aman­da Gor­man. In dem Buch geht es vor allem um weib­li­che Füh­rungs­stär­ke und Diver­si­tät in deut­schen Unter­neh­men. Clau­dia Läs­sig setzt sich dabei für eines ihrer Kern­the­men ein: die Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Job. Zudem gibt die Erfolgs­un­ter­neh­me­rin Rat­schlä­ge fürs Grün­den, wie zum Bei­spiel: „Wenn du schnell gehen willst, gehe allein. Wenn du vo­rangehen willst, gehe mit anderen.“

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